Rechte Comics und Comics gegen rechts

Andi, Mandi, Maus und Mucki

Ein Sammelband untersucht die Inhalte und Wirkungen der Comics von Rechts und der Comics gegen Rechts.

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Wir zeigen euch, wer hier die Fremden sind! Feuer!« Die aus den sechziger Jahren stammende Comic-Adaption des Science-Fiction-Films »Perry Rhodan« lässt keinen Zweifel daran, welcher Ideologie sie folgt. Faschistoide Züge, rassistische Stereotype und ein antisemitisches Weltbild finden sich in vielen populären Comics. Das ist im Fall der vom Kolonialherrenblick geprägten Reihe »Tim und Struppi« auch längst kein Geheinmis mehr. Berüchtigt ist auch der revanchistische Geist des »Fix und Foxi«-Schöpfers Rolf Kauka, der auch die Erstveröffentlichung von »Asterix« in Deutschland besorgte. Aus den gallischen Helden des Originals werden bei ihm grimmige Germanen namens Siggi und Babarras, die die Trutzburg Bonnhalla gegen anrennende Völkerstürme verteidigen und sich an einem »Schuldkomplex« abarbeiten müssen. Inwieweit Autoren und Zeichner ihre eigenen beklemmenden Weltbilder in den Comics reproduzieren, untersuchen die Autoren eines umfangreichen Sammelbandes. Das großformatige Werk ist unter dem etwas sperrigen Titel »Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics« im Archiv der Jugendkulturen erschienen. Über 20 Autoren analysieren im interdisziplinären Rahmen Inhalte, Funktionen, Mechanismen und Wirkungen der Comics von Rechts und der Comics gegen Rechts.
Selbstverständlich ist der Befund nicht ganz überraschend: Wenn es Antisemitismus, Rassismus und andere Ideologien der Ungleichheit in der »gesellschaftlichen Mitte« gibt, warum sollten dann gerade Comics davon frei sein? Dennoch herrscht Herausgeber Ralf Palandt zufolge die Meinung vor, es gebe gar keine Comics »von Rechts«. Anhand zahlreicher Beispiele widerlegen die Autoren des Sammelbands diese Annahme und dekonstruieren auch den Mythos, Comics habe es vor 1945 in Deutschland nicht gegeben. Keinesfalls war die Verbreitung von Comics im NS verboten. So wurden vor dem Zweiten Weltkrieg nicht nur US-Comics veröffentlicht, es entstanden mit Reihen wie »Mucki’s lustige Streiche« auch Sprechblasengeschichten aus deutscher Produktion.
Comics mit rechtsextremistischem Hintergrund werden in der Bundesrepublik seit den achtziger Jahren publiziert, nicht nur in Nazi-Skin-Fanzines. Verzichtet wird dabei oft auf die englische Genrebezeichnung, der Comic wird stattdessen als »Bildgeschichte« bezeichnet. So schildert ein vom Nationaldemokratischen Hochschulbund Ende 1979 herausgegebener Comic den Mauertod eines linken Journalisten. Versehen wurde die Publikation mit dem Hinweis, dass der erste Comiczeichner ein Deutscher gewesen sei – gemeint ist Wilhelm Busch. Spätestens mit dem illustrierten Beiheft einer von der NPD im Jahr 2005 auf Schulhöfen verteilten Propaganda-CD und dem NPD-Wahlkampf-Comic »Enten gegen Hühner« von 2009 wurde der Comic auch als Medium rechtsextremer Propaganda populär. Im Comic »Enten gegen Hühner« wird der rechtschaffene Staat der Schnabeltiere vom »artfremden«, gackernden Federvieh heimgesucht. Auch die österreichische Rechtspartei FPÖ nutzt das Medium seit einigen Jahren. Mal stehen in ihren Comics die Türken vor Wien, mal knechtet die Europäische Union die österreichische Nation.
Bildergeschichten eignen sich offenbar für die Vermittlung simpler Weltbilder. Sie eignen sich aber ebenso dazu, Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen darzustellen. Dieser Ansicht ist der Kulturwissenschaftler Ole Frahm. In seinem Buch »Die Sprache der Comics« geht er von der Annahme aus, dass Comics im vergangenen Jahrhundert »eine parodistische Ästhetik« etablieren konnten, die »die rassistischen, sexistischen und klassenbedingten Stereotype reproduziert und zugleich aufgrund ihrer immanent erkenntniskritischen Anlage reflektiert«.
Dabei wirken explizit pädagogische Comics, wie sie zum Beispiel von staatlichen Institutionen herausgegeben werden, nicht selten peinlich-naiv, wie etwa der von der Bundeszentrale für Politische Bildung herausgegebene Comic »Hanisau­land«. In der Geschichte untergraben »Hass-Hasen« die Demokratie, indem sie Möhren klauen.
Auf Vereinfachung setzt auch die vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz in Auftrag gegebene Comic-Serie »Andi« (Jungle World 3/2010). Die Auseinandersetzung mit der darin illustrierten Extremismustheorie nimmt innerhalb des Kapitels zu »Antirechts-Comic« viel Raum ein. Der Politikwissenschaftler Thomas Grumke, der die »Andi«-Reihe betreut, erklärt sein Konzept eines »Bildungscomics für Demokratie und gegen Extremismus«. Mit dem Comic möchte er eine »subversive Verunsicherung« beim Leser erzeugen, die mittels einer »Inspektor-Columbo-Pädagogik« Ideologien fragwürdig machen soll. Ralf Palandt kritisiert den Comic im Vorwort ausführlich. Der dargestellte Gewaltverzicht der »Faschos«, die friedlich demonstrieren, während die Teilnehmer einer Antifa-Demo »das Ladenhäuschen eines dunkelhäutigen Kioskbetreibers demolieren«, entspreche nun mal nicht der Realität. Palandt verweist darauf, dass der Comic verschiedenen linksautonomen Gruppen als Vorlage diente, um eigene Geschichten zu produzieren. So lässt eine Marburger Antifa-Gruppe in ihrem Comic »Mandi« die Figur Andi bei der Polizei Korpsgeist und Patriotismus erleben.
Interessanter und weniger verklemmt als staatlich bestellte Bildgeschichten sind jene zum Teil gegen den Mainstream gebürsteten Comics, die in anderen Beiträgen diskutiert werden.
Dem Genre des Shoah-Comic ist ein eigenes Kapitel gewidmet. »Die deutsche Diskussion des Genres ›Holocaust im Comic‹ – vor allem in den Feuilletons – hat den Blick verengt auf Art Spiegelmans ›Maus‹«, schreibt Martin Frenzel in seinem einleitenden Aufsatz. Man erfährt, dass die erste die Deportationen thematisierende Tierfabel (»Die Bestie ist tot«) bereits 1944 zu Zeiten der Résistance in Frankreich erschien, in ihr wird Hitler als braune Bestie bildlich zum Leitwolf des deutschen mörderischen Rudels. Hellsichtig attackierte die britische Hitler-Satire »Trüffelesser« schon 1933 den militanten Antisemitismus. Im Comic »Micky in Gurs« wird der Mäuseprotagonist mit dem Grauen im KZ konfrontiert. Der Zeichner Horst Rosenthal hielt 1942 im Internierungslager Gurs/Frankreich die Verhör- und Demütigungspraxis fest – wenig später wurde er in Auschwitz ermordet.
Allein schon wegen solcher historischer Fundstücke lohnt die Lektüre des Sammelbands. Comics können zu einer differenzierteren Erinnerungskultur oft mehr beitragen als ein ritualisiertes Gedenken. Im Albumformat gedruckt, bringt der Band auch das Graphische gut zur Geltung. Denn er enthält Unmengen von Bildmaterial und obendrein den Komplettabdruck von Bernie Kriegsteins weitgehend unbekannt gebliebenem »Master Race« (1955)  – eine dichte, virtuos erzählte Short Story über die NS-Vernichtungspolitik. Beim Lesen dieses Comics stößt man auf komische Momente, die eben auch zum Charakter des Genres gehören. So wie in einem Superman-Strip: Der Hüne packt Hitler am Schlafittchen und droht: »Ich würd’ dir liebend gern einen absolut nicht-arischen Kinnhaken verpassen.«

Ralf Palandt (Hrsg.): Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics. Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2011, 450 S., 36 Euro