01.12.2011
Abdruck aus: »Tonio. Ein Requiemroman«

Tonio

Ein Requiemroman von A. F. Th. van der Heijden

Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden wurde 1951 in den Niederlanden geboren, lebt in Amsterdam und gehört zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart. Für seinen siebenbändigen Romanzyklus »Die zahnlose Zeit« wurde er mehrfach ausgezeichnet. In seinem neuen ­Roman »Tonio« verarbeitet er ohne jedes Pathos den Unfalltod seines 21jährigen Sohnes und rekon­struiert aus zahlreichen Erinnerungssplittern, Aufzeichnungen und imaginierten Szenen dessen Leben.

Das Leben dreht sich um die Wirtschaft. Angebot und Nachfrage. Leistungsbezogener Lohn. Geben und Nehmen. Tauschhandel. Marktmechanismus.
Der Bereich der Wirtschaft ist scharf getrennt von dem Gebiet, in dem das Schicksal herrscht. Es hat keinen Sinn, auf der ökonomischen Seite der Grenze auszurufen: »Tonio tot! Womit habe ich das verdient? Ich habe so viel in ihn investiert … von Nestwärme bis Cornflakes.«
Auf beiden Seiten der Grenze gelten völlig verschiedene Gesetze. Der heutige Tag, Pfingstmontag, steht im Zeichen der Wirtschaft. Was auf der anderen Seite, in dem großenteils brachliegenden Gebiet des Schicksals, geschehen ist, spielt für den Moment keine Rolle, außer dass ein toter Körper von dort nach hier transportiert wurde. Der Leichnam muss gewaschen, hergerichtet, angekleidet, in den Sarg gelegt, getragen und begraben werden. Dafür gab es Preislisten, vervollständigt durch Farbfotos.
Das Bestattungsunternehmen schickte eine elegant gekleidete Dame, ganz sicherlich keinen weiblichen Leichenbitter. Sie schien unter dem Eindruck eines Kummers zu stehen, den wir nicht einmal öffentlich zur Schau trugen. Wir setzten uns mit ihr in die Bibliothek, bei offenen Türen zum Garten und heruntergelassener Markise. Nein, keine Einäscherung – eine Erdbestattung.
»Ich brauche einen Ort, zu dem ich ab und an gehen kann«, sagte Mirjam. »Einäschern ist so absolut.«
Die Frau fragte, an welche Art von Beerdigung wir dächten.
»Im kleinstmöglichen Kreis«, sagte ich. »Eine große Beerdigung, mit Musik und Rednern, dem wären wir nicht gewachsen. Und da ist noch etwas …«
Ich erzählte ihr von meinem letzten Gespräch mit Tonio, am vergangenen Donnerstag, als ich mich darüber beklagt hatte, dass es in der Woche so viele Beerdigungen gebe, auf denen ich nicht fehlen zu dürfen glaubte.
»Wer ist denn der dritte?«
Mein alter Fehler: mich selbst mitzuzählen. Als ältestes von drei Kindern passte ich früher auf einem vollen Kirmesgelände immer gut auf, dass mein Bruder und meine Schwester nicht verlorengingen. Ich zählte immerzu nach … eins, zwei … eins, zwei. Früher oder später stellte sich Panik ein. Wir waren doch drei, oder? Wo war der dritte? Ach ja, natürlich, das war ich selbst.
Tonio und ich hatten an diesem Donnerstagnachmittag herzlich über diesen dritten Trauernden lachen müssen. Jetzt, wenige Tage später, gab die Erinnerung an diese fröhliche Unterhaltung den Ausschlag bei der Entscheidung, nur die nächste Familie und Tonios zwei beste Freunde zur Beerdigung zu bitten.
Der Frau war alles recht. Sie unternahm keinerlei Versuch, uns auf andere, luxuriösere Gedanken zu bringen. Mirjam hatte sich einen rotbraunen Sarg in den Kopf gesetzt, weil sie meinte, diese Farbe passe zu Tonio. Darüber hinaus beschränkte sich unsere Bestellung auf das Minimalste. Keine Trauerkarten. Die Zeitungsanzeigen würden wir selbst aufsetzen und aufgeben. Nehmen Sie einfach die übliche Zahl von Sargträgern. Jeder sorgt selbst für die Fahrt zum Friedhof und anschließend zu unserem Haus, wo wir dann Brötchen und Kaffee bereitstellen würden.
Mirjam hatte im Internet nach einem kleinen, ruhigen Friedhof gesucht und war auf Buitenveldert gestoßen. Die Frau wollte sich erkundigen, ob dort Platz sei, und uns so bald wie möglich Bescheid sagen. Sie meinte, da gebe es kein Problem.
»Uns wäre es lieb«, sagte ich, »wenn der Ort vorerst geheim bleiben könnte. Die Traueranzeigen erscheinen erst nach der Beerdigung. Ich bin zwar nicht so bekannt wie die meisten sogenannten bekannten Niederländer, aber ein paar Paparazzi könnten doch auf die Idee kommen, ein trauriges Foto zu schießen.«
Die Frau sicherte Geheimhaltung zu. Nach unseren schlicht ausgefallenen Entscheidungen legte sie uns fast zaghaft das Fotobuch mit den Blumengestecken vor. Mirjam wählte eine Biedermeierkomposition, nur damit der Sarg nicht ganz unbedeckt blieb.
»Vielleicht noch etwas Tannengrün?« fragte die Frau. »Viele Menschen schrecken vor dem gähnenden Loch zurück, in dem der Sarg verschwindet. Die Tannenzweige werden so an­gebracht, dass sie beim Herablassen des Sargs zurückfedern. Das bricht die breite Öffnung ein wenig … «
Zufall oder kein Zufall, ich hatte kurz zuvor die Geschichte wieder gelesen, in der Harry Mulisch in »Anekdoten rondom de dood« (»Anekdoten rund um den Tod«) von der ersten Beerdigung berichtet, die er miterlebt hat – für mich schon seit gut 40 Jahren einer seiner besten Texte. Der Schriftsteller war elf und sollte der Beisetzung in seiner Pfadfinderuniform Glanz verleihen. Mulisch beschreibt, wie der Bruder des verunglückten Jungen, nachdem der Sarg herabgelassen worden ist, mit einer Handvoll Sand einen Schritt zu weit vortritt, durch das Tannengrün bricht und selbst in der Grube landet. Krack, macht der Sarg. Die Zweige federn zurück. Danach steigt der Vater des Jungen ins Grab. Er hilft seinem Sohn heraus.

***

So saßen wir hier auch manchmal mit unserem Steuerberater, um unsere finanzielle Situation zu besprechen – vielleicht mit dem Unterschied, dass der Berater meist kummervoller dreinschaute als diese Vertreterin eines Bestattungsunternehmens. Was taten wir hier eigentlich? Mit jeder Zusage unserer-, mit jeder Notiz ihrerseits ließen wir uns stärker auf die wie beiläufig aufgeworfene Vorstellung ein, wonach Tonio wirklich tot war. Mit der gespielt wohlüberlegten Wahl eines Friedhofs, eines Sarges, von sechs Trägern, eines Blumengestecks begingen wir Verrat an Tonio. Einen Verrat, der bereits damit eingesetzt hatte, dass wir die Repräsentantin ins Haus gelassen hatten. Ich hatte auf einmal den starken Eindruck, dass Tonio, hinter mir stehend, kopfschüttelnd zusah – immer dann lächelnd, wenn er nicht wusste, was er von diesem todernsten Zimmertheater halten solle. Damit musste jetzt Schluss sein: Wir durften ihn nicht länger in Verlegenheit bringen. Die Posse mit unbewegter Miene hatte jetzt lange genug gedauert.
Wir durften die Frau nicht gehen lassen. Sobald sie das Haus verlassen hatte, würde sie die gesamte Maschinerie ihres Unternehmens in Gang setzen. Mit jedem in Rotation versetzten Schwungrad würde Tonios Tod näher kommen und schließlich, wenn wir nicht aufpassten, doch noch zu einem Faktum werden.

***

Bei Tannengrün an einem offenen Grab«, sagte ich, »werde ich immer an diesen Text von Mulisch denken müssen. Seine Vorstellung, dass er, in seiner Pfadfinderuniform, gleich ebenfalls an der Reihe sein würde, in die Grube zu steigen … Nein, lieber keine zurückfedernden Zweige.«
»Verstanden.« Die Dame lächelte. »Und wollen Sie vielleicht die Kapelle nutzen … für Musik, eine Abschiedsrede?«
»Ich spreche ein paar Worte am Grab«, sagte ich. »Das ist alles. Wir wollen es kurz und schlicht halten. Vielleicht ist das am ehesten im Sinne des Verstorbenen. Obwohl wir darüber nie gesprochen haben. Wenn seine Zukunft zur Sprache kam, sah die ganz anders aus.«
»Dann kommen wir zur Aufbahrung von Tonio«, sagte die Frau. »Er ist zurzeit in der Leichenhalle des AMC. Sie erteilen uns die Erlaubnis, ihn von dort abzuholen … Er wird dann in einer unserer Trauerhallen aufgebahrt. Wahrscheinlich der in Amsterdam-Oost … da muss ich nachschauen. Möchten Sie ihn dort noch einmal sehen?«
»Wir haben beschlossen«, sagte Mirjam, »dass wir uns an Tonio so erinnern wollen, wie er kurz nach seinem Tod dalag. Da sah er noch ganz so aus wie der Tonio, den wir gekannt haben … den wir so sehr geliebt haben. Darüber darf sich kein anderes Bild mehr legen.«
»Aber soll er dort trotzdem aufgebahrt werden?« fragte die Frau. »Ich meine, für eventuelle andere Besucher.«
»Ja, aber er soll schön aussehen«, sagte ich. »Ein paar Freunde werden ihn bestimmt noch einmal sehen wollen.«
Die Frau fragte, welche Kleidung wir Tonio im Sarg mitgeben wollten. Mirjam ging nach oben, um sein Ausgehjackett zu holen, das er unlängst auf dem Bücherball getragen hatte und bei der Premiere von »Het leven uit een dag«. Als sie in die Bibliothek zurückkam, hing Tonios Lieblingshemd über ihrem Arm: Das hatte er am Donnerstag angezogen, kurz bevor das Mädchen zum Fotoshooting eintraf. Es gehörte nicht zu seiner Arbeitskleidung: Er wollte sich schön machen für sie. Genauso wie er sich rasiert hatte. Nach der Fotosession und dem Abschied des Mädchens war Tonio in ein T-Shirt geschlüpft und hatte das Hemd dagelassen – bestimmt nicht mit dem Hintergedanken, es könne ihm im Sarg noch nützlich sein.
Mirjam hatte auch eine seiner Jeans mitgebracht. »Ich werde die Sachen heute noch waschen und bügeln.«
»Gut«, sagte die Frau. »Wann können sie abgeholt werden?«
»Wenn es sein muss, noch heute abend«, sagte Mirjam.
»Ich muss allerdings dazusagen«, ergänzte ich, »dass sein Oberkörper durch die inneren Blutungen stark angeschwollen ist. Es könnte sein, dass ihm das Hemd nicht mehr passt … «
»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte die Frau und erhob sich. »Damit haben wir Erfahrung.«
Ich fragte nicht weiter, vermutete aber, dass sie Tonios stolzes Hemd, mit dem er Eindruck auf das Fotomädchen machen wollte, am Rücken aufschneiden würden, damit es lockerer saß.
Nachdem wir die Regie bei Tonios Beerdigung der Dame vom Bestattungsunternehmen übertragen hatten und sie gegangen war, setzten wir uns – beide plötzlich todmüde – auf die Terrasse und warteten auf den Besuch. Frans und Mariska mussten bereits in Schiphol gelandet sein. Vielleicht gaben sie Mariskas Eltern, die auf Daniël aufpassen sollten, gerade Anweisungen, oder sie waren schon auf dem Weg zu uns, mit der Straßenbahn oder im Taxi.
In »Wunschloses Unglück« erzählt Peter Handke, wie man im Elternhaus seiner Mutter nach dem Tod ihrer Brüder (es ist 1942) »begriffsstutzig aneinander vorbeischaute«. So schauten auch Mirjam und ich an diesem Nachmittag »begriffsstutzig aneinander vorbei«. Es war, als schämten wir uns voreinander, weil wir, in einem Prozess des Bietens und Aushandelns, Tonio viel zu leichtfertig einem leichenverarbeitenden Betrieb überlassen hatten.

***

Immer wieder wird leicht vorwurfsvoll festgestellt, die Menschen seien »so schlecht vorbereitet auf den Tod«. Ich konnte bestätigen, dass das stimmte und auch auf uns zutraf. Worauf wir ebenfalls miserabel vorbereitet waren: den Empfang von Kondolenzbesuch. Falls es ein Buch mit Benimmregeln dafür gab, hatte ich es nie zu Gesicht bekommen.
Jahrelang hatten Josje und Arie uns zusammen mit ihrer kleinen, in Schüben größer werdenden Tochter Lola besucht. Das erste, wonach das Mädchen jedesmal fragte, war Tonio, der dann meist mit Freunden in seinem Zimmer saß, ein großes Plakat an der Tür: genius at work. Sie war stets willkommen. Tonio war so höflich, sie unten abzuholen und, wenn sie sich bei den großen Jungs langweilte, wieder zurückzubringen.
Es war ungewohnt, dass Lola, inzwischen elf, fast zwölf Jahre alt, an diesem Abend nicht mitgekommen war – mit dem einzigen Vorteil, dass ich mich nicht versprechen konnte, indem ich daran erinnerte, dass Tonio jetzt eine eigene Wohnung hatte. (»Ich werde dafür sorgen, Lola, dass er bei eurem nächsten Besuch hier vorbeikommt.«)
Ich setzte mich mit Arie auf die Veranda, wo mein Bruder und seine Frau sich bereits niedergelassen hatten. Josje kümmerte sich irgendwo drinnen um eine hemmungslos weinende Mirjam. Eigentlich gab es nichts im Haus außer dem nassen, prustenden Kummer von Tonios Mutter. Wir saßen etwas unbeholfen herum, »begriffsstutzig«.
»Schön, der Goldregen«, sagte Frans. »Aber den Efeu würde ich an deiner Stelle zurückschneiden lassen. Der ist ja an manchen Stellen einen Meter dick. Schön für die Vögel, aber stell dir bloß mal vor, welches Gewicht an der Fassade hängt …«
»Das ist jetzt nicht meine größte Sorge«, sagte ich. »Hier, unter dem Efeu und unter dem Goldregen, hat Tonio am Donnerstag noch eine Fotosession mit einem Mädchen gehabt … wir wissen nicht, wie sie heißt … Ich schneide vorerst nichts weg, was daran erinnert.«
»Adri«, sagte Frans, »wenn es dich zu sehr schmerzt, jetzt davon zu erzählen, dann tu’s nicht, aber … was ist gestern morgen eigentlich genau passiert?«
»Ich weiß nicht viel mehr als das, was die Po­lizisten, die uns gestern früh die Nachricht überbrachten, erzählt haben. Die haben sich die nötigen Hintertürchen offengehalten. Der Autofahrer, der Tonio angefahren hat, wurde zu dem Zeitpunkt noch vernommen. Dieses Mädchen von dem Fotoshooting, von dem ich gerade gesprochen habe … Tonio erzählte mir vor ein paar Tagen, dass sie ihn für Samstagabend ins Paradiso eingeladen hatte … zu einem italienischen Abend, mit italienischen Tophits aus den achtziger Jahren, irgend sowas. Ich vermute, dass Tonio so gegen halb fünf aus dem Paradiso kam. Er hat auf seinem Rad den Max Euweplein überquert und ist dann wahrscheinlich über die Fußgängerbrücke dort, beim Casino, hinuntergefahren … direkt auf die Stadhouderskade. Ich denke, er wollte durch den Vondelpark nach Hause. Nach Amsterdam-West. Nach De Baarsjes. Ich weiß nicht, ob er in vollem Tempo auf die Straße gesaust ist … jedenfalls wurde er da, ganz in der Nähe der Ampel, von einem Auto erfasst. Die Ampel war nicht eingeschaltet oder blinkte nur, das wussten die Polizisten auch nicht genau.«
Meinem jüngeren Bruder davon Bericht erstatten zu müssen, kam fast einer Selbsterniedrigung gleich. Sein Sohn, sein einziges Kind, geboren, als er 53 war, hatte zwei Monate zuvor seinen ersten Geburtstag gefeiert. All die Jahre, die Tonio auf der Welt war, hatte Frans gezögert, Kinder zu bekommen. Ich hatte ihn immer spüren lassen, was für ein Segen ein Sohn für mich war. Er zweifelte trotzdem. Jetzt musste ich ihm ungeschminkt beibringen, wie verletzlich ein Kind sein konnte, selbst wenn es über 20 war. Ich berichtete ihm von meiner Niederlage.
»Und dieser Autofahrer … weiß man schon, ob er zu schnell fuhr?«
»Nein, ich habe nur gehört, dass er nicht weitergefahren ist und dass er sofort mit seinem Handy die Polizei gerufen hat.« Mir fiel auf, dass die beiden anwesenden Frauen genau spürten, wann sie Mirjam in die Küche folgen mussten – nicht um ihr beim Füllen der Gläser zu helfen. »Es kann doch nicht sein, dass er nie mehr wiederkommt«, ertönte es aus dem offenen Fenster.
Ich hatte den Eindruck, dass ich, vor allem ich, den fast sommerlichen Frühlingsabend mit läppischem Geplauder beschmutzte. Natürlich, es ging die meiste Zeit um Tonio und die beiden zurückliegenden Tage, doch es gelang mir nicht, zum Kern dessen vorzudringen, was wirklich passiert war. Ich ertappte mich sogar bei einigen bitteren Bemerkungen zu Dingen, die nichts mit dem Unfall zu tun hatten. Sie entschlüpften mir, als wollten sie völlig unabhängig bezeugen, dass das Leben auch ohne Tonio in allen Tonarten, mochten sie noch so vulgär klingen, ungestört weiterging.

***

Wie es nun mal so ist: Man bringt den Besuch zur Tür, und bevor jeder seiner Wege geht, steht man noch eine Weile auf der Schwelle und stimmt sich gegenseitig zu – in Sachen Vergeudung eines Lebens, über die Unfasslichkeit des Verlusts.
»Dass das einfach so möglich ist«, sagt Josje noch einmal, und ihre Augen schimmern im Laternenlicht. »Einfach so auf der Straße totgefahren zu werden …«
Als alle fort sind, gehe ich ein paar Schritte auf den Bürgersteig hinaus. Ich schaue hoch: ob der Himmel noch immer so ungerührt klar ist wie in der Nacht, als Tonio … Das Natriumlicht der Straßenlaternen nimmt mir die Sicht auf die Sterne.
Mir wird bewusst, dass ich es von klein auf eher als etwas Weihevolles, als Mysterium betrachtet habe denn als großes Unglück: als Eltern ein Kind zu verlieren und mit diesem Verlust weiterzuleben. Die Nachbarin verlor ihr bildhübsches Töchterchen durch Leukämie. Ich sollte als wohlerzogener Junge einen Blick ins Vorderzimmer werfen, in dem das Mädchen aufgebahrt lag. Sie war nicht mehr hübsch. Ihre Wangen waren durch die Medikamente oder durch die Krankheit selbst schwabbelig auf dem bestickten Kissen auseinandergeflossen. Die Nachbarin, die mich lächelnd zur Bahre geführt hatte, konnte plötzlich nicht mehr an sich halten. Sie warf die Arme hoch und rief in einem Heulkrampf: »Mach doch noch einmal die Augen auf.«
Es ist mir im Dialekt in Erinnerung geblieben, wodurch es noch schmerzlicher klang: » … Oochen … «
Die Gegenleistung, die von dem Kind für alle künftige Trauer erwartet wurde, war sehr gering, wurde jedoch nicht erbracht. Die Oochen blieben geschlossen.
Meine Schwester hatte eine Freundin mit hellblondem Haar und dicken, bleichen Beinen. Antoinette. Sie wurde »der weiße Elefant« genannt, zugleich aber respektvoll behandelt, denn ihr älterer Bruder war als 17jähriger mit dem Moped verunglückt. Man erzählte sich, dass der Vater des Jungen »noch jeden Abend« vor dem Schlafengehen aus der Haustür trat, die paar Schritte zum Rand des Bürgersteigs ging und von dort nach beiden Seiten die Straße entlangspähte, als erwarte er seinen Sohn jeden Moment.
Vierzig Jahre lang war dies für mich das Bild des Mysteriums, eines Vaters, der seinen Sohn verloren hatte: ein Mann, der die Haustür angelehnt ließ und im Laternenlicht die Ohren spitzte, ob er das melodische, leicht knatternde Geräusch des Mopedmotors hörte.
Jetzt bin ich dieser Mann.

***

Während Mirjam mit Josje auf dem Friedhof Buitenveldert an der Fred. Roeskestraat einen Platz für Tonio auswählte, versuchte ich in meinem Arbeitszimmer, einen Trauerbrief zu verfassen. Wir hatten dem Bestattungsunternehmen mitgeteilt, ich würde ihn selbst schreiben und wir wollten ihn nicht drucken lassen, sondern auf meinem Gerät fotokopieren, so wie ich, der computerlose Mann, es mit allem, was ich schrieb, zu tun pflegte. Nein, sie brauchten es auch nicht für uns zu versenden: Ich wollte, soweit es mir möglich war, auf jede Kopie des Standardbriefs mit der Hand eine persönliche Nachricht schreiben und ein Foto von Tonio beilegen.
In seinem ersten (und einzigen) Jahr an der Amsterdamer Fotoakademie hatte sich Tonio an einer Gruppenaufgabe beteiligt: dem wirklichkeitsgetreuen Remake eines Porträts von Oscar Wilde. Ein Original mussten sie selbst auftreiben: Das war Teil des Lehrplans. Eines Mittags kam er, außer Atem vom Treppenrennen, in mein Arbeitszimmer.
»Adri, was weißt du über Oscar Wilde?«
»Willst du jetzt endlich mal ein Buch lesen?«
»Es ist so … wir haben die Aufgabe, ein Porträt von Oscar Wilde möglichst getreu nachzugestalten. Aber wir konnten noch kein gutes Foto von ihm auftreiben. Nur so verschwommenes Zeug im Internet.«
»Du hättest dir das Treppensteigen sparen können. In der Bibliothek stehen ein paar Bücher über ihn, mit Fotos.«
Ich ging mit ihm nach unten und zeigte ihm die schönsten Bilder des Schriftstellers. Er musste lachen: dass ich bloß zwischen zwei Borde zu greifen brauchte … und die Sache war geritzt. Mit der ihm eigenen Treffsicherheit schlug er sofort das Foto des jungen Wilde auf, das letztendlich für die Aufgabe verwendet wurde.
»Da sind auch ein paar von dem schon etwas reiferen Wilde drin.«
Ich suchte das bekannte Foto des massigen Oscar mit Bowler in der Hand, flankiert vom zarten Bosie, und fand auch das Remake mit Gerrit Komrij als Oscar Wilde und Charles Hofman als Bosie. »Siehst du, so musst du das machen. »
»Besser doch das andere, mit dem Spazierstock. Da ist er viel jünger. Du musst bedenken … einer von uns muss posieren. Und keiner ist älter als 20.«
Auf dem Flohmarkt am Waterlooplein fanden sie für wenig Geld einen abgetragenen Pelzmantel, der in der richtigen Beleuchtung richtig schick wirken würde. Leider kontrollierten sie den Mantel nicht auf lebendes Inventar hin, und so waren nach der Fotosession nicht nur Tonio (der noch zu Hause wohnte), sondern auch Mirjam und ich infolge einer ungeschickten Verwechslung der Kopfkissen von Nissen befallen. Wie in Tonios Grundschulzeit kamen wieder Flitshampoo und Läusekamm zum Einsatz.
Weil Tonio seinen Babyspeck noch nicht ganz verloren hatte und zudem die richtige Haartracht besaß, war er der Geeignetste für die Rolle des Oscar Wilde. Die Gruppe erhielt die Bestnote, eine Zehn, für das Resultat. Mirjam und ich beschlossen, dieses Foto jedem Trauerbrief beizulegen, weil es ihn im Zentrum seiner großen Leidenschaft zeigte, der Fotografie – als Porträtierer und als Porträtierter. Mirjam hatte im Fotoladen vorerst 200 Abzüge bestellt, im Format DIN A5.

Amsterdam, 25. Mai 2010
Am Sonntag, dem 23. Mai, frühmorgens, wurde unser Sohn Tonio (geboren am 15. Juni 1988) auf dem Fahrrad von einem Auto erfasst. Es geschah an der Ecke Hobbemastraat/Stadhouder­skade. Chirurgen im AMC haben von halb fünf Uhr morgens bis halb fünf Uhr nachmittags gemeinsam mit ihm um sein Leben gekämpft. Er hat es nicht geschafft. Tonio ist kurz nach Verlassen des OP-Saals in unserem Beisein gestorben. Er war unser einziges Kind. Als Student des Studiengangs Medien & Kultur stand er ambitioniert mitten im Leben. Er hatte uns gerade mitgeteilt, dass er seinen Master in Medientechnologie machen wollte. Es hat nicht sollen sein. Er lässt uns gebrochen zurück. Wir bitten um Verständnis dafür, dass Tonio im denkbar kleinsten Kreis beigesetzt wird und dass wir vorläufig keinen Besuch zu Hause empfangen können.

Mirjam und Adri

Beilage: Selbstporträt von Tonio als Oscar Wilde (2006), aus der Zeit, als er an der Amsterdamer Fotoakademie studierte.

***

Ich fühle ihn neben mir sitzen. Ich fühle ihn vor mir stehen. Ich fühle seinen warmen Atem in meinem Nacken – in kurzen Stößen, verursacht durch sein Kichern, denn er steht hinter mir und liest halblaut mit, was ich schreibe, wie bei jenem Mal, als ich mich an einen Verleger wandte, der mich ungerecht behandelt hatte. »›Sehr geehrter Bücherfritze‹ … das ist gut.«
Am deutlichsten fühle ich ihn in mir, als wäre ich eine schwangere Frau. Ich bekomme einen heftigen Tritt in meine Eingeweide, dann ein paar schwächere. Es scheint, als versuchte er sich ungestüm umzudrehen.
Im Frühjahr ’94 kam er mit Mirjam nach Angoulème, wo ich einige Wochen zuvor die Arbeit an einer Reportage begonnen hatte. ­Tonio war fünf, fast sechs. Die Türen des TGV öffneten sich, und er sprang von der Trittstufe direkt in meine Arme. Ohne die Steinplatten des Bahnsteigs mit der Schuhspitze zu berühren, hing er plötzlich an mir, lachend, küssend. Die liebevolle Heftigkeit seines Griffs kann ich mir zu jedem gewünschten Zeitpunkt des Tages in Erinnerung rufen. Ich werde Tonio in meinem Fleisch spüren, solange ich lebende Nerven habe.
Fünf Jahre später, in Marsalès, hole ich ihn von einem Tischtennisturnier auf der Terrasse des Campingplatzes ab. Ich schaue eine Weile aus einigem Abstand zu, wie er sich in der einbrechenden Dämmerung mit seinem Schläger zur Wehr setzt. Auf die Handrücken hat er sich mit Tesafilm kleine Röhrchen geklebt, die mit einer gelben phosphoreszierenden Flüssigkeit gefüllt sind. Sie sollen den Gegner ablenken und verwirren. Bei einer raschen Bewegung des Handgelenks schreibt so ein Röhrchen eine Art leuchtendes chinesisches Schriftzeichen ins Dunkel. Es hilft nichts. Tonio verliert ein ums andere Mal. Nach dem letzten Satz schiebe ich ihn neckend vor mir her über den niedrigen Damm, der mitten durch den Badesee zu unserem Haus führt. Ich drücke mit den Fingerspitzen seitlich leicht an seinen Hals, dicht unter den Ohren. Die Haut glüht und ist feucht. »Warmen Nacken hast du.«
»Lass das.« Mit dem Ellbogen macht er automatisch die abwehrenden Bewegungen, die zu seinem Alter (elf) gehören, aber er versucht nicht wirklich, meine Hand abzuschütteln. »Ts, ts, keinen einzigen Satz gewonnen. Diese Phosphordinger taugen nichts.«
Ich streichle mit dem Daumen aufwärts gegen den schwitzigen Haaransatz seines Entenbürzels. Die feuchte Wärme seines Nackens wird nie aus meinem Handballen verschwinden.
So hat Tonio Abdrücke aus allen seinen Lebensphasen in mir hinterlassen – seit er mir, direkt aus der Gebärmutter, buchstäblich in den Schoß geworfen wurde, bis zu jener letzten Umarmung in der Staalstraat, als ich vor Rührung vergaß, ihm den Fünfziger zuzustecken.

***

Mirjam kam, irgendwie künstlich aufgedreht, nach Hause und teilte mir fast fröhlich mit, sie und Josje hätten »einen schönen, ruhigen Platz für Tonio« gefunden. Die Papiere verzeichneten als Grabnummer: 1-376-B.
»Wenn du die Stelle siehst, wirst du auch zufrieden sein.« »Ich glaube dir. Ich seh’s am Freitag.«
Bevor ich mich über ihre Fröhlichkeit ärgern konnte, fiel mir ein, dass sie jeden Moment wieder von abgrundtiefster Traurigkeit beiseite gedrückt werden konnte.
Het Parool von diesem Nachmittag hatte eine briefmarkengroße Meldung:

Radfahrer tot nach Zusammenstoß Stadhouderskade

Zuid – Ein 21jähriger Radfahrer ist Sonntagnachmittag in einem Krankenhaus an den Folgen eines Verkehrsunfalls auf der Stadhouderskade gestorben. Er war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag mit einem Personenwagen kollidiert. Der 23jährige Autofahrer musste pusten, hatte aber nicht getrunken.

»Sieh dir das an«, sagte ich zu Mirjam, »die Geschichte unseres großartigen Jungen in wenigen Zeilen. Es gibt Literaturkritiker in den Niederlanden, die der Ansicht sind, ich sollte mir an solcher Kompaktheit ein Beispiel nehmen.«
In derselben Spalte »Verschiedenes« stand auch eine briefmarkengroße Meldung erfreulicheren Inhalts: In Amsterdam verbilligte sich ein neuer Führerschein um einen Zehner, von 46 auf 36 Euro.

***

Im Knick der Eckcouch saß niedergeschlagen Jim, noch bleicher, als wir es in den letzten Jahren bei ihm gewöhnt waren. Die Blässe seines Gesichts wurde von genauso dunklem Haar umrahmt, wie Tonio es hatte. Jim machte immer wieder unkontrollierte Bewegungen, als wolle er etwas sagen, könne die Worte jedoch nicht finden. Seine Mutter hatte neben ihm Platz genommen und rieb in einem fort ermutigend über seinen Rücken – eine härtere Handbewegung als Streicheln oder Kosen. Er ließ es zu.
Da saß Tonios Busenfreund. Sie kannten sich seit der Krippe und waren wie Brüder zueinander gewesen. Es hatte eine kurze Entfremdung gegeben, als sie auf verschiedene Schulen gingen (Jim kämpfte mit Lernproblemen, litt möglicherweise an Dyslexie). In dieser Zeit begegnete ich Jims Mutter in der Van Baerlestraat, auf der Überführung über den Vondelpark. Im Vorbeigehen grüßten wir einander etwas unbehaglich: Unsere Söhne waren ja nicht mehr zusammen. Als der Abstand zwischen ihr und mir bereits mehrere Dutzend Meter betrug, drehte Jims Mutter sich plötzlich um und rief so etwas wie: »Das wird schon wieder mit den beiden. Sie sind füreinander bestimmt.«
»Ja, auf jeden Fall«, rief ich zurück. »Das ist nur was Vorübergehendes.«
Und tatsächlich, nicht viel später fanden sie wieder zueinander, die Busenbrüder. Seitdem hatte es keinen Bruch mehr in ihrer Freundschaft gegeben, eitel Sonnenschein allerdings auch nicht. Wenn Tonio sonntagabends zu uns kam und wir uns nach Jim und seiner chronischen Schlaflosigkeit erkundigten, schüttelte er bedrückt den Kopf und schaute zu Boden, egal, wie fröhlich er das Haus betreten hatte. Tonio sprach kaum darüber, aber man konnte ihm anmerken, dass er das Problem für ziemlich aussichtslos hielt. Weil wir Tonio nicht gern Trübsal blasen sahen in dem Stündchen, das wir ihn für uns hatten, erkundigten wir uns mit der Zeit nicht mehr danach. Allerdings ließ er ein paarmal durchblicken, dass er, wenn der Mietvertrag für die Wohnung in der Nepveu auslief, allein wohnen wollte oder in einer Gruppe in einem Studentenheim. (Er dachte an Weesperzijde.)
Ich saß mit Jims Vater auf der Couch. Es stellte sich heraus, dass er als Mitarbeiter eines me­dizinischen Dienstes entfernt mit dem Fall der ermordeten Polizistin zu tun gehabt hatte, über den ich jetzt ein Buch schreiben würde, wenn nicht … Ich hörte ihm mit mehr als normalem Interesse zu: Bei aller Diskretion, die er wahrte, erfuhr ich eine Menge Details fast aus erster Hand, wenn es auch für einen Roman war, der aufgrund der gegebenen Umstände zum Stillstand gekommen war und den wiederaufzugreifen ich wahrscheinlich nie mehr fertigbringen würde.
Trotzdem wurde meine Aufmerksamkeit durch Jim abgelenkt, der Mirjam von Tonio erzählte. Dass Tonio in letzter Zeit einen so selbstsicheren und tatkräftigen Eindruck gemacht habe und außerdem so glücklich wirkte.
» … ja, das hatte er alles selbst ausgetüftelt«, verstand ich. Jim sprach von den Wegen, über die Tonio seinen Master in Medientechnologie machen wollte, Dinge, die Tonio uns in der Woche zuvor ebenfalls anvertraut hatte. Jim unterstrich seine Sätze mit viel schweigendem Genicke, und ich sah seiner starren Miene an, dass er sich bemühte, die Tränen zu unterdrücken.
Auch als ich die Unterhaltung mit seinem Vater wiederaufzunehmen versuchte, lauschte ich Jim weiter mit mehr als einem halben Ohr. Vielleicht fiel meine nachlassende Aufmerksamkeit auf, denn mit einem Mal erhob mein Gesprächspartner die Stimme, um Jim zuzurufen: » … dann hat er vielleicht einen Umweg gemacht, um Zigaretten zu holen.«
Ich hatte nicht richtig verstanden, was Jim in dem Moment gesagt hatte, aber ich vermutete, dass es um das Rätsel ging, warum Tonio an dem Ort war, an dem er angefahren wurde. Jemand anderer im Wohnzimmer sagte: »Falscher Ort, falsche Zeit.«
Zigaretten. Ich mischte mich absichtlich nicht in die Unterhaltung ein, denn dann hätte ich möglicherweise zu hören bekommen, dass Tonio rauchte – nicht nur »ab und zu eine qualmte, um in der Kneipe mitzuhalten«, wie er mir einmal gesagt hatte, sondern so stark, dass er nachts plötzlich keine Zigaretten mehr hatte und bereit war, für ein neues Päckchen einen großen Umweg zu machen.
Es konnte natürlich sein, dass Jim ihn, zum Beispiel telefonisch, gebeten hatte, unterwegs Zigaretten für ihn zu kaufen. Ich fragte nicht nach, denn ich wollte die Wahrheit nicht hören.
Um in Gottes Namen über etwas anderes zu sprechen, fragte ich Jim nach dem Polaroidmädchen. Ja, er hatte von Tonio etwas über ein Fotoshooting gehört, aber Genaueres wusste er auch nicht. Einen Namen konnte er uns nicht nennen. Er hatte sie nie gesehen.
»Hattest du den Eindruck, dass Tonio öfter über ein bestimmtes Mädchen sprach … ich meine, auch ohne ihren Namen zu nennen?« fragte ich.
»Mädchen beschäftigten ihn in letzter Zeit sehr, ja«, sagte Jim ausweichend. »Er sprach oft davon. Ob er manche Dinge richtig mache und so.«

»… und er verfluchte sein Schicksal.« So hatte ich es als Junge unzählige Male in Büchern stehen sehen. Es hatte etwas Heimeliges, ganz nah am glühenden Kohleofen von dem Helden zu lesen, der, von finsteren Kräften bezwungen, die Faust ballte und sein Schicksal verfluchte.
Jetzt, da ich selbst weiß, wie es ist, sein Schicksal zu verfluchen, ist alle Heimeligkeit verschwunden. Ich beklage Tonios Schicksal. Ich verfluche meines.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: A. F. Th. van der Heijden: Tonio. Ein Requiemroman.
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2011. 672 Seiten, 26,90 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.