Die deutsche Friedensbewegung

Das unspezifische Oktobererlebnis

Vor 30 Jahren endete im Bonner Hofgarten die Nachkriegszeit.

Von Uli Krug
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»Jetzt diskutierte sogar meine Mutter, damals fast 60, in ihrem Kirchenkreis über die Nachrüstung (…). Als sie dann mit uns auf der Hofgartenwiese stand, war mir das gar nicht peinlich, im Gegenteil, ich war stolz auf meine friedensbewegte Mutter«, erinnerte sich der Zeit-Mitarbeiter Christoph Drösser an die beiden riesigen Friedensaufzüge, die sich 1981 und dann noch mal 1983, jeweils im Oktober, zum Bonner Hofgarten wälzten. Seine Kollegin Barbara Hajek ließ sich gar von noch euphorischeren Erinnerungen hinreißen: »Wenn es auf der Brücke über den Rhein ging, konnten wir andere Abschnitte des Demonstrationszuges sehen. Wir waren in einem Glücksrausch: Diese Mengen von Menschen, alle gemeinsam für den Frieden!«
Versöhnung aller Gegensätze in der Stunde der nationalen Not, ja, orgiastisches Verschmelzen zu einem organischen Ganzen, die reinen Toren gegen die kalte, unverständliche und im Grunde böse Welt – all das macht solche deutschen Erinnerungen so seltsam unspezifisch und überzeitlich: War es nun 1981 in Bonn oder 1944 das Kriegsweihnachten im Luftschutzkeller oder 1922 der Wandervogel-Liederabend am Lagerfeuer oder doch der Nachmittag des 1. August 1914? Ja, das dürfte es am ehesten treffen: Der Bonner Hofgarten war ein Abbild des Berliner Lustgartens, in dem damals Abertausende der kaiserlichen Kriegserklärung entgegenfieberten. Der Begriff »Augusterlebnis«, den die Zeitgenossen sofort prägten, traf die herrschende Stimmung. Das Hoffen auf mythische Einheit und apokalyptische Befreiung vom langweiligen Alltag steigerte sich zur religiösen Verzückung, als die Kunde von der Mobilmachung die Runde machte. Spontan stimmte die Menge »Nun lobet alle Gott« an.
Im Hofgarten hingegen stimmte nur die holländische Kapelle »Bots« ihre einschlägigen Polit-Schunkelweisen an (»Das weiche Wasser bricht den Stein« und so weiter). Ebenso dämpfte das unausgesprochene Wissen der Demonstranten, dass die immer greller beschworene Apokalypse bloßes Wunschdenken bleiben würde, die Euphorie. Und dennoch bescherte die Friedensbewegung der Republik ihr »Oktobererlebnis«. Antifaschistische Eminenzen wie der Nationalpfarrer Helmut Gollwitzer und der Betroffenheitsautor Heinrich Böll beendeten auf der Rednerbühne die Nachkriegszeit: Die vermeintliche Bedrohung des Weltfriedens durch das amerikanische ­Atom übertrumpfte den tatsächlichen Judenmord, »Fulda Gap« und »nukleares Schlachtfeld Deutschland« stachen Auschwitz und Warschauer Ghetto locker aus. Und auch das antitotalitäre Intermezzo der frühen Bundesrepublik war beendet. Der Widerwillen gegen den Westen hatte die Angst vor russischer Vergeltung deutscher Untaten überwunden, Antiamerikanismus war endgültig wieder so salonfähig wie das Stellen der »deutschen Frage«.
Auf das Oktobererlebnis folgten zwar weder massenhafte Mobilmachung noch Schützengräben, sondern bloß schnöder Alltag, allerdings ein immer stärker ideologisch aufgeladener, einer, in dem bald kein Weg mehr um Mülltrennung, Friedenswochen, Rauchverbot, Dosenpfand und Klimaschutz herumgehen sollte. Die traditionellen Feindbilder waren erneut justiert: Seit jenem Oktober werden wieder Natur und Frieden gegen Mammon und Vernunft verteidigt.