Jutta Bakonyi im Gespräch über die Forschung zu Gewaltordnungen

»Jeder Staat ist auf Gewalt angewiesen«

Die Politologin Jutta Bakonyi hat sich mit der sozialen Dynamik von Kriegen befasst. Sie war Sprecherin des »Arbeitskreises Gewaltordnungen« der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, der die Genese und Ausformung von staatlichen und nichtsstaatlichen Gewaltordnungen erforscht. Derzeit arbeitet sie für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Nairobi (Kenia).

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Was zeichnet Ihren Ansatz gegenüber anderen Forschungen zum Krieg aus?
Die Forschung zu Gewaltordnungen entstand in den neunziger Jahren. Wir hatten damals festgestellt, dass in der Wissenschaft zwar sehr viel über Krieg im weiteren Kontext geschrieben wurde, aber sehr wenig über den Krieg und bewaffnete Gewalt selbst. Es dominierte ein Blick, der auf die Ideologien gerichtet war oder auf den Gegenstand von Kriegen, etwa den Kampf um Ressourcen. Oder man übernahm die Selbstbeschreibung der Akteure und erklärte diese zur Ursache des Krieges, zum Beispiel in ethnischen Konflikten. Kaum jemand hatte untersucht, was genau in Kriegen passiert, etwa mit den beteiligten Akteuren. Wenige hatten sich den Dynamiken der Gewalt gewidmet und der Frage, was es für Menschen bedeutet, in Gebieten zu leben, in denen Gewalt seit Jahren zum Alltag gehört.
Sie sprechen dabei von »alternativen sozialen Ordnungsformen«. Das klingt eher nach Frieden als nach Krieg.
Es geht um die strukturelle Seite der Gewalt. Diese hat die Eigenschaften, zu zerstören, etwa Menschen, Gebäude, Beziehungen oder Märkte. Wenn sie aber nicht nur ein kurzer Exzess bleibt, sondern sich verstetigt, bildet sie auch Strukturen heraus – etabliert neue Grenzen oder Herrschaftsformen. Das haben wir als soziale Ordnungsformen untersucht: Wie stellen sich soziale Beziehungen in Gebieten her, in denen man dauernd mit Gewalt rechnen muss? Alternativ sind diese Ordnungsformen insofern, als dass sie sich jenseits des Staates herausbilden. In manchen Gegenden existieren Staaten nur formell, während andere Herrschaftsformen diese Gebiete durchdringen.
Mit ihrer Kollegin Kirsti Stuvøy haben Sie versucht, solche Ordnungsformen zu typologisieren. Zwischen welchen qualitativen Merkmalen unterscheiden sie da?
Man kann Gewaltmonopolisierung als einen Prozess sehen, der sich zwischen zwei Polen bewegt. Der eine Pol, die instabilste zu formende Ordnung, ist die Warlord-Figuration, die man am Beispiel Somalia analysieren kann. An die Stelle des Staates sind dort kleinräumige, miteinander konkurrierende Machtformationen getreten. Das ist qualitativ ein anderes Phänomen als etwa die Gewalt von Banden, denn Warlords gewähren eine gewisse, wenn auch instabile Ordnung, in der etwa Handelsbeziehungen wieder aufleben können. Gewalt vollzieht sich hier bereits ansatzweise geordnet, so dass sich einigermaßen abschätzen lässt, wo und wann Gewalt stattfindet. Aber das soziale Gefüge der Warlordfiguration bleibt in sich instabil. Am anderen Ende des Kontinuums steht das, was wir Quasi-Staat oder De-facto-Staat genannt haben. Die Tamil Tigers in Sri Lanka oder die Unita in Angola sind Beispiele dafür. Dort haben sich ganze Regionen vom Staat abgekoppelt. Dabei hat sich ein neues Gewaltmonopol herausgebildet, etwa in Form von Polizei, aber es gibt auch gewisse soziale Dienstleistungen oder ein Bildungssystem. Diese Modelle sind sehr idealtypisch, denn die meisten Gewaltordnungen befinden sich im Wandel.
Lässt sich ein Zusammenhang zwischen militärischen Organisationsformen und sich herausbildenden Ordnungsstrukturen feststellen?
Den gibt es. Wenn eine Gewaltgruppe versucht, konkurrierende Gewaltakteure auszuschalten und ein größeres demarkiertes Territorium zu beherrschen, dann bedarf es zentralisierter Strukturen, einer regelrechten Armee, vor allem einer Verwaltung. Wenn sich Macht in Herrschaft transformiert, dann zeigt sich das im Alltag immer in Form von Verwaltung. Insofern setzt der Quasi-Staat einen gewissen Organisationsgrad und bestimmte Kompetenzen voraus. Die Warlord-Figuration kennt dagegen kaum Zentralisierung, das Personal fluktuiert und die Gewaltgruppen sind lokal nicht sehr stark verankert.
Die Armee als Keimzelle des Staates? Erhärtet das nicht Michel Foucaults These, Politik sei, in Umkehrung der Clausewitzschen Formel, die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln?
Jeder Staat, so sehr er Gewaltanwendung auch limitiert und formalisiert hat, ist dennoch auf Gewalt angewiesen. Es gibt da eine Paradoxie: Je mehr Gewalt der Staat innehat, desto weniger Gewalt ist häufig im Alltag dieser Gesellschaften spürbar. Darüberhinaus jedoch, und dagegen hat sich Foucault gerichtet, existiert häufig eine sehr instrumentelle Sichtweise auf Politik und Krieg, wobei Zweck-Mittel-Abwägungen dominieren. Akteure und Konstellationen wandeln sich aber in Kriegen ebenso wie Ideologien. Das lässt sich nicht immer mit formal rationalen Kriterien erklären. Man muss vielmehr die hintergründigen Kräfteverhältnisse und Dynamiken untersuchen.
Besteht bei Ihrem Ansatz nicht die Gefahr, dass Gewalt als notwendiges Ordnungsmoment affirmiert wird?
Gewalt ist dem Menschen inhärent. Er verfügt über die Fähigkeit zur Kommunikation und versucht es dabei auch mit physischer Gewalt. Es gibt keine Gesellschaft, die keine Regularien zur Gewaltkontrolle hat. Das ist eine soziale Tatsache. Und so nähern wir uns der Sache auch an: In welchen Momenten tritt Gewalt auf, wie verstetigt sie sich und wie wird sie eingehegt?
Hinter Kriegen stecken doch immer auch politische Absichten, Programme, die sich jeweils bewerten lassen.
Natürlich. Diese Politik gilt es auch zu erforschen: Mit welchen politischen Vorstellungen treten die Akteure an, wie begründen sie ihre Taten? Es geht nicht darum, das politische Programm des Krieges nicht zu benennen. Das soll natürlich offengelegt werden. Es geht darum, sich der Gewalt nicht gleich wertend zu nähern. Das ist eine Frage der Methode. Man kann dann jeweils politische Schlussfolgerungen daraus ziehen, aber bei der Forschung versuchen wir das rauszuhalten.