Wie etwas belauert wird und wie man
ihm auflauert
Für viele schien es dunkel geworden zu sein.
Dämmerung vorbei – so gesehen also weniger Licht als vorher. Die Registrierung der Lichtquanten, die nicht erfolgte, hätte exakte Daten ergeben. So glaubten die Leute, dass die Erde sich irgendwie im Verhältnis zur Sonne bewegt hätte, was jedoch dem Augenschein widersprach.
Am Rande des Stadtwaldes führte eine schmale Einbahnstraße entlang. Dort fuhren in der Dämmerung Berufstätige nach Hause. Die veränderten Lichtverhältnisse hatten bewirkt, dass die Fahrer sich veranlasst sahen, die Beleuchtung in den Autos einzuschalten. Der Feierabend funktionierte reibungslos.
Heute wird es aber ungewöhnlich früh dunkel, dachte Wolfgang Zuschlag und trat ohne Überlegung, aus Gewohnheit und Reflex heraus, seinen Wagen ab, weil die Christbaumbeleuchtung des vor ihm fahrenden Fahrzeugs angegangen war.
Das wird wohl an der dichten Bewölkung liegen: Seine Hände umklammerten das Plastiklenkrad.
Vor ihm fuhr eine Frau mit hochtoupierten Haaren. Haare, die ihm die Sicht nahmen. Durch die drei Verbundglasscheiben hindurch, vorbei an den aufgetürmten Haaren, sah er eine große, unförmige Gestalt die Straße überqueren.
Wolfgang Zuschlag kurbelte seine linke Seitenscheibe runter und atmete tief ein.
»Kannst du denn nicht bei der Ampel über die Straße gehen«, hörte er sich brüllen. Seine Stimme klang belegt. Die Luft war sehr schlecht.
Ein kurzer Blick zur Seite sollte seinen Worten mehr Nachdruck verleihen.
Zwei purpurrote Augen, leuchtend wie die Bremslichter eines Autos, starrten ihn für einen Moment an. Dann musste er sich wieder auf den Verkehr konzentrieren. Ihn schauderte. Rote Augen, wahrscheinlich Haftschalen. Die Leute werden immer verrückter. Fast wäre er vor der Ampel in die Christbaumbeleuchtung hineingefahren.
Sonky Suizid hatte den Stadtwald verlassen. Das Dunkel verstärkte die Sehkraft seiner roten, lilaumränderten großen Augen. Der schwarze Himmel war tiefer gesunken als der graue des Nachmittags. Die Baumstämme neben der Straße, gegenüber den Fassaden der modisch restaurierten wilhelminischen Häuser, hatten sich in der feinen Verästelung der Zweige und des Wurzelwerks aufgelöst. Er drückte den Zettel mit den Notizen fest an seine Brust.
In der Gosse sah er eine Zigarettenschachtel liegen. Seine Stirn zog sich zusammen, bildete grobe Falten. Er schnüffelte mit seiner großporigen Nase und erinnerte sich an den Rauch von Zigaretten. Unvermittelt spürte er, wie an dem rostigen Geländer an der Brücke über den Mittellandkanal, im Norden der Stadt, der Nagel seines rechten Mittelfingers zerbrach. Er schien aber schon wieder nachgewachsen zu sein. Scheiß drauf.
Er schlurfte weiter. Kam aber nicht vom Kanal los, dessen öliges Wasser reglos zu ihm hochstarrte.
Der Wind schlug plötzlich um. Dem Kanalschiffer riss es den Kopf vom Leib. Den hatte das Brückengeländer ihm abrasiert. Blut spritzte gegen den grauen Stahl. Der Kopf plumpste ins Wasser und versank. Ein Schrei tauchte in Sonkys Erinnerungen auf.
Er lauschte dem wispernden Gezischel der Zigarettenschachtel, die sich unter seinen langen Fingern entknautschte. Das Silberpapier glänzte im Licht der Straßenlampe. Ein Auto hupte.
Juno stand auf der Zigarettenschachtel. Das Kleingedruckte interessierte ihn nicht. Wer raucht denn heute noch Juno? Oder Eckstein? Oder Golddollar? Oder Overstolz-Ofenholz? Die Packungen waren deutlich zu sehen. So sollte es jedenfalls in einer anderen Erinnerung sein. Auf dem Land gibt es die womöglich noch in den Automaten, in Ostfriesland, aber hier, in der Stadt? Er steckte die Schachtel in seine rechte Kiste. Sonderbar.
Und wieder, obwohl bereits verschwunden, aufgesogen von der Holzklappe der alten Munitionskiste, sang die Zigarettenschachtel in seinem Gedächtnisspeicher ihr Lied. Ein Werbespruch wurde aufgesagt:
»Aus gutem Grund ist Juno rund.«
Und er konnte sich gegen die Reaktivierung des Codes nicht wehren. Womöglich musste er jetzt den ganzen Abend diesen dummen Spruch wiederholen. Musste ihn bis ins Grab (Was war das gleich nochmal?) mit sich rumschleppen. Er stellte sich vor, wie er jemanden ansprechen musste:
»Wissen Sie schon? Aus gutem Grund ist Juno rund.«
Er drehte sich um und starrte auf die gegen ihn aufgetürmte Blechlawine der in die Vorstädte stürmenden Automobile. Die Invasion der Lichter blendete ihn. Ganze Bevölkerungsteile fielen an ihm vorbei. Das Ganze ergab keinen Sinn mehr.
Müde Augen flackerten kurz zu ihm herüber. Vorbei, vergessen, eine vage Erinnerung an rote Augen und ein aufgedunsenes Gesicht. Einen oder mehrere wallende Mäntel oder Jacken, so genau mochte sich niemand die verkommene Gestalt anschauen. Zwei sperrige alte Munitionskisten.
Vorbei, der Alltag war dabei, sich zu verbrauchen, aber die Erinnerung an jeden Moment, an jedes Auto ist eingespeichert. Er senkte seine Augenlider, um die Informationsflut zu löschen, aber der Lärm der brüllenden Motoren wurde dadurch noch unerträglicher.
Ich muss es schaffen, einen Neutralisierungscode einzuspeichern, dachte er. Er schloss die Augen und ließ seinen Kopf anschwellen. Sein mächtiger Körper bebte neben einer Straßengrenze, und dabei sprach er ununterbrochen vor sich hinmurmelnd den Gegenspruch:
»Das nächste Mal ist sie oval. Aus gutem Grund ist niemand rund.«
Jemand zupfte ihn an seinem äußeren Mantel.
»Hallo, Kumpel«, hörte er eine krächzende, verschwörerische Stimme. Eine Woge wermutgeschwängerter Luft umhüllte ihn. Ein Gesicht drückte sich dicht an seines. Jemand berührte ihn am Arm. »Kumpel, meine Mutter, gestern gestorben: verzeih, aber … muss noch nach Hildesheim … sieh mal … du musst mir helfen, Kumpel … « Die Stimme wurde leiser und leiser, bis nur noch ein Wimmern zu hören war. Sonkys Augen begannen zu glühen.
»Lass sie ruhen, Kumpel, aus gutem Grund ist niemand rund. Ich gebe grundsätzlich nichts. Lass sie ruhen. Und nichts für ungut. Es wäre besser, wenn du dich verpissen würdest. Haben wir uns verstanden, Kumpel?«
Und sich tief über das Gesicht des Säufers beugend: »Mach dir eine bessere Welt, Kumpel, von mir aus eine, in der ich nicht vorkomme!«
Er warf sich zur Seite, sein Mantel fiel mit ihm, und steuerte, die beiden schweren Holzkisten in den Händen, die nächste Straßenschlucht an, die sich ihm öffnete.
»Drecksau«, keifte der Penner hinter ihm her. Dann hatte der ihn bereits vergessen und versuchte die Straße unvorschriftsmäßig zu überqueren.
Auch das habe ich schon längst gelöscht, dachte Sonky Suizid.
Er musste sich ablenken, musste sich auf das Wesentliche konzentrieren (The Most Important Thing).
Sorgfältig entfaltete er den Zettel, den er im Stadtwald ausgefüllt hatte. Den Zettel mit den Seriennummern der Bäume. Heute hatte er kein Glück gehabt. Alles nur Bäume mit der Endnummer 251. Nicht einmal einen Seriennamen hatte er an den Bäumen gefunden. Eine einfache Formel für die Bewegungsstruktur der Elementarteilchen hätte ihm viel gegeben. Aber diese elenden 251, das war zu viel. Und der Wald hatte nur aus Bäumen bestanden. Vergiss ihn.
Der körnige Steinboden leckte schwarz und durchsichtig an seinen Schuhsohlen. Darunter hörte er das Rumoren der Untergrundbahn. Das Blut schoss ihm durch die Adern.
Auf zwei der Kameramonitore (Straßenüberwachung) im Bildendkontrollraum für den Bezirk 2 (Nord) wurde seine Gestalt sichtbar. Der Überwachungsbeamte, der gerade seine Spätschicht angetreten hatte, lehnte sich zurück und steckte sich eine Zigarette an.
Beinah hätte er sich die Finger verbrannt. Er beugte sich vor. Das konnte doch nicht wahr sein. Hastig legte er die Zigarette auf die Konsole und stellte eine Sprechverbindung zur Zentrale her.
»Ich glaub, ich spinne«, murmelte er leise. Endlich hatte er eine Verbindung. Er räusperte sich.
»Ich gebe euch hier mal eben Kamera 5, Bezirk 2 Nord rüber. Hier läuft mir gerade ein Typ ins Bild, sowas habe ich noch nicht gesehen. Das kann doch nicht wahr sein. Schau dir das an!«
Eine Zeitlang war es still im Kontrollraum. Dann hörte er den Kollegen in der Zentrale schnaufen.
»Was für ein Typ, versuch ihn mal näher ran zu zoomen.«
Er ließ das automatische Zoomobjektiv sich in die Straßenschlucht hinunterwinden. Langsam wuchs die Gestalt Sonky Suizids auf dem Monitor.
Ein Spatz, der sich auf einem Vorsprung am Dach des Bürohochhauses, das das Viertel überragte, ausgeruht hatte, flog erschreckt auf, als die Kamera sich neben ihm senkte. Die Tauben werden auch immer steifer, mochte er denken.
»Hast du schon mal so ein hässliches Monster gesehen?« fragte der Kontrollbeamte Nord und beantwortete sich sofort selbst die Frage. »Ich bin ja nicht verwöhnt, aber den Typen sollten wir im Auge behalten.«
»Wenn mich nicht alles täuscht, schleppt der zwei Munitionskisten mit sich rum, verständige mal auf jeden Fall vorsichtshalber die Streife.« Der Kontrollbeamte Nord hob einen Telefonhörer ab und wartete, bis er mit dem nächsten Revier verbunden wurde. »Hier läuft ein Typ mit zwei Munitionskisten in Richtung Bahnhof. Ihr solltet euch den vielleicht mal näher ansehen. Ich gebe euch das Bild rüber.«
»Seht ihr, was ich sehe?«
Geräuschlos drehte sich die Überwachungskamera an der schmalen Kante des hochgetürmten Geschäftshauses nicht weit vom Hauptbahnhof.
»Das kann doch nicht wahr sein!«
»So ein hässliches Monster habe ich noch nie gesehen. Fahr schon mal die Untergrundkamera in eine günstige Position. Wir sollten dieses Vieh auf jeden Fall im Auge behalten.«
Die Überwachungsbeamten beugten sich gespannt über die Monitore und sprachen dabei in kleine Mikrophone.
»Was ist das für eine Type?« fragte die Stimme aus der Zentrale.
»Das kannst du erst wissen, wenn du ihm die Hand zwischen die Beine schiebst.« Der Beobachtungsbeamte Nord lachte über seine Bemerkung. Ein Witz musste ja wohl noch drin sein.
Die Augen der Überwachungsleute verfolgten die Gestalt auf den Bildschirmen, während sie sich langsam, beladen mit zwei Munitionskisten, den Rolltreppen näherte, die in den unterirdischen Bereich hinabführten, der zwar offiziell Passarelle hieß, von den Stadtbewohnern der schlichteren Denkungsart jedoch aufgrund der üblen Gerüche abfällig Pissrille genannt wurde.
Auf einem der Bildschirme wurde unscharf ein breites, grobknochiges Gesicht abgebildet. Die Augen sahen aus wie die eines Säufers. Eine grobklumpige Nase hing vorne aus dem Gesicht.
Der Himmel, der die Hochhäuser umstellte, schien schwarz und schwer geworden zu sein. Die Luft stickig, kurz vor dem Zerreißen, vollgeklebt mit Bildern.
»Jetzt steigt es auf die Rolltreppe und stellt die Kisten neben sich ab.«
»Ich glaub, der stinkt sogar noch durch die Koaxialkabel.«
»Was für Kabel?«
Wieder war ein Lachen zu hören. Sonky Suizid, in dessen Gliedern noch die Schiffsmotoren des Kanalschleppers vibrierten, das Blut schien in ihm zu sieden, hob langsam die Augenlider.
Bei Dunkelheit erhöhte sich seine Sehkraft. Rotglühend, mit schwarzen Kernen in der Mitte, richteten sich die großen Augen nach oben, wo die Fassade des aluminiumverzierten Geschäftshauses sich zunehmend im Dunkel der Dämmerung verlor. Gleich würde die Rolltreppe ihn vom Himmel getrennt haben. Sein Blick rankte sich, befangen in den relativ zueinander verlaufenden Bewegungen, an der Reklame für einen Jugoslavia-Grill vorbei und blieb endlich auf der Kamera haften, die ihn anstarrte. Er zog die Brauen zusammen. Widerlich, diese dauernde Beobachtung. Ständig waren sie hinter ihm her und machten ihm das Leben zur Hölle. Sonky furchte die Stirn und ließ seiner Wut freien Lauf. Der Kamerafuß zerfloss, und mit einem kleinen Knacken fiel die Kamera auf den Betonsims. Ein weiterer Spatz wurde erschreckt.
Es dürfte ja wohl klar sein, dass die Armee der Toten, jene unüberschaubare Legion, die sich, Leib an Leib, Geist an Geist, ein Gesicht das andere Gesicht überlagernd, es sich einverleibend, verändernd und doch erhaltend, dass diese Vielzahl der Toten, sich an dem kleinen Geräusch labte. Sonky Suizid grinste breit in sich hinein. Die Unzahl der versteinerten Toten, die Sonky umgaben und ihn durchdrangen, hörten mehr als die paar Menschen und Vögel, die vorgaben, die Stadtlandschaft zu beleben.
Die Kamera hatte den Geist aufgegeben. Sonky stieg auf der knatternden Rolltreppe weiter nach unten. Das Hochhaus war verschwunden. Die Rolltreppe ging nicht für ihn, sie rollte, rollte treppab, unerbittlich treppab.
Und rollte das Zombiegefäß aus totem Leben in die künstliche Natur der Stadt.
»Der Hochhausmonitor hat kein Bild mehr, er ist tot«, sagte der Kontrollbeamte Nord. Er machte sich eine Notiz, damit der technische Notdienst verständigt würde.
Aber auf dem Monitor, der das Bild des Tunnelinnern wiedergab, composerten die Zeilen bereits Punkt für Punkt den dahinschlurfenden Suizid.
»Die Streife ist schon unterwegs«, meldete die Zentrale.
Die Stimme wurde plötzlich schneller: »Die sollen sich aber beeilen, ich glaube, das Subjekt hat eine Sauerei vor.«
Auf dem Bildschirm sah man Sonky Suizid seine rechte Munitionskiste auf den Boden stellen. Er öffnete mit langsamen Bewegungen den Schnappverschluss und klappte die Kiste auf. Dann lag auf einmal ein großer roter Ziegelstein in seiner rechten Hand. An der porösen Oberfläche des Steins schien noch Mörtel zu kleben.
Sonky wog den Stein andächtig in der Hand. Aus den Augenwinkeln beobachtete er die Tunnelecke, wo es zum Bahnhof ging. Er sah die drei Uniformierten um die Ecke biegen. Sie schauten zu ihm und beschleunigten ihre Schritte.
Sonky hob den Arm mit dem Ziegelstein und holte zu einem mächtigen Wurf aus.
Im Laufen, er konnte bereits ihr Schnaufen hören, zogen die Beamten nacktschwarze Gummiknüppel aus ihren khakifarbenen Uniformhosen. Die Knebelketten an den Gürtelschlaufen klirrten metallisch.
Sonky peilte die große, saubere, am Vortage von einem armen Schwein von Fensterputzer sorgfältig abgelederte Scheibe an. Er zögerte noch immer mit dem Wurf. Dann hörte er die Beamten wütend aufstöhnen. Sein Arm schnellte nach vorne. »Bank für Gemeinwirtschaft« stand in großen Lettern auf der Scheibe. Dahinter lächelte ihn das große Foto einer Mutter mit ihrer erfolgreichen Tochter, ebenfalls Kundin, an.
»Lass das, du Schwein«, schrie einer der heranstürzenden Beamten und versuchte, ihm in den Arm zu fallen, doch er landete am Boden. Sonky stand neben ihm, und der Ziegelstein schoss auf die Scheibe zu. Die Arme der Beamten hoben sich. Die Gummiknüppel stachen gegen die Tunnelbeleuchtung. Die Atemzüge der Heranstürmenden, ihre Ausdünstungen, getränkt von Bier, Zigarettengiften und Magensäure, eventuell auch verrotteten Mandeln (Tonsillen) strömten in die dampfige Säure der Tunnelluft ein und vermischten sich mit ihr.
Hinten, in einem Eingang, auf einem Rost, wo eine Heizung Wärme hochblies, ließ ein Bettelnder sein Pappschild verschwinden. Eine junge Frau in einem Synthopelz mit nacktem Körper darunter schwebte vorbei. Ihr Gesicht sah ebenfalls nackt aus und passte zur Tunnelwand.
Vielmehr war sie wenig erfahren in der Liebe, die ihr Geld einbrachte, und kannte noch weniger vom Leben. Aber wen interessierte das in der Pissrille?
Die Gesellschaft, welche diese bepelzte Frau vorbeitrieb, liebte Geld und Vergessen. Sonkys Provokation schien in diesem Tunnel nichts Aufregendes zu sein. Die Menschen blieben starr.
Die Zeit war im Tunnel verwischt worden, dauerte ungenaue Intervalle und verging sehr langsam.
Der Ziegelstein erwies sich als zu leicht für das dicke Panzerglas. Die Versicherung würde für die Verletzung der glatten Fläche wohl aufkommen.
»Plopp«, machte der Stein auf dem Glas und fiel auf den Steinboden, wo er noch einmal »Plopp« machte und dann liegenblieb.
»Der Stein ist aus Plastik«, sagte der Beamte mit dem Magengeschwür. Er war wütend, fühlte sich genarrt. Schon wieder hatte er einen Beweis dafür, dass die Verschwörung sich ihm genähert hatte. Dieses Gesindel war nur noch darauf aus, die Polizei zu verarschen. Seine Stimme wurde leiser. Er legte Sonky die Knebelkette um das linke Handgelenk und drehte an dem kurzen Eisengriff.
»Der Hund will uns verarschen!«
Sie wollten es ihm zeigen und schleppten ihn durch den Tunnel. Vorbei an dem Bettler, der auf seinem Pappschild saß, vorbei an den Jugendlichen, deren Augen verschleiert waren.
Während sie durch den Gang hetzten, um den Abstand zum Revier hinter sich zu bringen, überkam sie Müdigkeit und Ekel vor ihrem Tun.
Auf dem Revier, wo es nach verbrauchter Luft roch, saß hinter einem Schreibtisch ein Mann mit einem Totenschädel, an den er hellgelbe Fransen geklebt hatte. Mit zwei Fingern tippte er Sonkys Personalien in eine Akte.
»Ein Ausländer!« sagte er, obwohl er mit Sonky allein im Raum war. »Sprechen Sie Deutsch?«
»Wenn es sein muss«, antwortete Sonky und rieb sich sein schmerzendes Handgelenk.
»Wenn es sein muss, spreche ich auch Deutsch.«
Auf die Frage nach seinem ständigen Wohnsitz zögerte er und bat um die Erlaubnis, einen Brief aus seinem obersten Mantel holen zu dürfen.
Der Brief, den er dann in den Händen hielt, mit zusammengekniffenen Augen auf ihn runterstierend, war aus schwerem, schwarzem Papier. Sonky nannte eine Adresse, die der Beamte in sein Formular tippte.
Dann ließen sie ihn laufen. Die Plastiksteine behielten sie vorsorglich auf dem Revier.
Sonky dachte an das Elend im Land, das ihm fremd war, dachte an seine Reise auf dem Kanalschlepper, dachte an seine sterbende Tante, die er besuchen wollte, nahm schließlich resignierend seine beiden Munitionskisten auf und taumelte mit müden Gliedern aus dem Revier ins Bahnhofsgewühl hinein.
Scharfer Uringestank drang in seine Nase, als er einen schmalen Nebengang durchquerte. Den zerknautschten Brief hielt er in der Faust. Bloß raus hier.
Sonky ruft Erinnerungen ab und sitzt dabei auf einer Bank vor einem gewaltigen Opernhaus
Er fand sich auf einer Bank wieder, neben Bäumen, deren Seriennummern ihn nicht mehr interessierten (wahrscheinlich 251), und beobachtete eine Zeitlang das Wachstum des Opernhauses im Licht der großen Scheinwerfer, die die architektonischen Schönheiten des Gebäudes grell ausleuchteten.
In dem Gebäude wimmelte es von Leuten, die abenteuerlicher aufgetakelt waren als Sonky und die ihren verdienten Kunstgenuss mit der unnachahmlichen Biederkeit schwerpunktloser Verlustrechnungen abbuchen wollten. Sonky saß mit verschleierten Augen vor all der Pracht und sagte sich immer wieder den Inhalt des Briefes auf, der ihn dazu veranlasst hatte, den langen Weg bis in diese Stadt anzutreten.
… möchten wir Ihnen mitteilen, dass Ihre alleinstehende Anverwandte, Frau Dorrit Stein, geborene Suizid, am 10. dieses Monats einen Herzanfall erlitten hat, als sie in einem großen hiesigen Kaufhaus unterwegs war. Sie wurde umgehend in die Universitätsklinik eingeliefert. Nach einem zweiten Herzanfall am 15. dieses Monats kam sie nicht mehr zu sich. Sie liegt seitdem auf der Intensivstation der Universitätsklinik im Koma. Ihr Zustand ist äußerst ernst. Wir bitten Sie, sich um Frau Stein zu kümmern, bzw. uns weitergehende Vollmachten zukommen zu lassen, andernfalls sehen wir uns gezwungen, gemäß der üblichen Rechtssprechung mit Frau Stein zu verfahren. Wir warten auf Ihre Nachricht und werden Sie, sollte sich etwas am Zustand von Frau Stein ändern, unverzüglich auf telegraphischem Wege benachrichtigen.
Hochachtungsvoll,
Professor H. Schmidt-Loeser, Universitätskliniken, Block C.
Sonky kannte den Brief auswendig, hatte ihn sich auf seiner Reise mehrmals ins Gedächtnis gerufen. Krampfhaft fahndete er nun in seinem Gedächtnisspeicher nach Bruchstücken von Erinnerungen an Tante Dorrit. Einzelne Bilder stiegen auf und versuchten eine längst vergangene Realität aus der verflossenen Zeit zu bergen. Der Strom der Autos und Menschen, all jener hochspezialisierten glänzenden Automaten, die planvoll und blutend ineinandergriffen, die sich gegenseitig zermalmten, brandete um ihn und betäubte ihn. Nur eine Erinnerung blieb schließlich bei ihm und ließ den Anblick des Opernhauses verschwimmen. Seine Haut fühlte sich stumpf und rauchig an. Er schwitzte in seinen Mänteln in der kalten Winterluft.
Die Blicke der vorbeihastenden Menschen streiften ihn und irrten sofort ab, wenn seine roten Augen in ihre Gesichter einzudringen versuchten.
Später gab ihm eine Frau in einem langen Abendkleid, die in der Pause aus dem Opernhaus gekommen sein musste, eine silberne Münze. Sie schaute zur Seite und beeilte sich, sofort von ihm wegzukommen.
Ihm blieb eine einzige klare Erinnerung an seine Tante Dorrit. Das war eine Erinnerung an ihn selbst, als er acht Jahre alt war.
Er stützte seinen verwirrten Kopf in die Hände.
Die Haare, lang und grau verfilzt, der Schmutz des Schleppers hatte sie eingefettet, fielen ihm über die gefurchte Stirn. Die feierlich angezogenen Menschen strömten wieder in das Opernhaus. Die Vorstellung ging weiter.
Tante Dorrit hatte sie damals in Ballynahuac noch einmal besucht, ja, kurz bevor sie nach Deutschland auswanderte, wo sie hoffte, Arbeit zu finden. Er, der Verreckling, so war er oft genannt worden als Kind von den Geschwistern, aber auch den Eltern, der jüngste, der den Lagern heil entkommen war, der Junge mit den dünnen Armen und dem flachen Bauch, dessen lichtempfindliche Augen hinter dem hässlichen Gestell mit den schwarzen Gläsern glühten, war als letzter auf die Tante zugeschoben worden.
»Das ist nun deine Tante Dorrit, die Schwester deiner Mutter«, hatte die dunkle Stimme des Vaters ihn von hinten angeknurrt; und der Vater hatte ihm dann einen Stoß in den Rücken gegeben. Sonkys Fußsohlen spürten wieder die festgetretene Erde der Hütte, in der die kinderreiche Familie Suizid hauste; diejenigen, die übrig geblieben waren. Der Raum sog ihn in seine dampfige Mitte, und die Tante hatte ihm eine weiche, fleischige Handfläche hingestreckt.
Die Kindheit war wieder allgegenwärtig und inszenierte ihre verbissenen Programme.
»Die Frauen verlassen uns, das ist ein schlechtes Zeichen«, hatte der Vater hinter ihm gesagt.
In seinem Bauch war ein unerträglicher Druck. Er rutschte auf der Bank hin und her, streckte die Beine aus. Der zusammengekrümmte Kinderkörper entglitt seiner Kontrolle. Die Nervenbahnen verwirrten sich. Kontraktionen von Muskeln zogen seine Glieder zusammen.
Er fiel mit aufgerissenem Mund in die feuchte weiche Handfläche der Tante. Ein ungeheuerlich lauter Furz entfuhr seinem Körper. Stille. Er sank in sich zusammen und verbarg vor Scham den Kopf in den Armen.
Die Armen, die Anverwandten, brüllten vor Lachen, befreiten sich von ihren Zukunftsängsten auf seine Kosten. Die Katze war aufgeschreckt und am Regal mit den Büchern hochgesprungen. Irgendwann drang die weiche Hand der Tante Dorrit zwischen seine fest zusammengepressten Arme und bedeckte sein blutdurchströmtes Gesicht. Er hatte das Gesicht dieser Frau nie gesehen. Seine Tränen vermischten sich mit dem Handschweiß der Tante.
»Dagegen müsste etwas unternommen werden«, sagte eine Stimme in einer anderen Welt. Bunte Garderobe wurde an ihm vorbeigetragen.
Er roch den Körper der Tante, sog ihren süßen Geruch tief in sich ein. Später glaubte er, sich einbilden zu dürfen, dass er an diesem Tag von den unerbittlichen Programmierversuchen der Familie erlöst worden sein könnte.
Die Tante, ihr Geruch jedenfalls, verkörperte für ihn eine weiche fleischliche Hoffnung. Ihr Geruch war immer in seinem Kopf gewesen. Gerüche haften leicht in der Erinnerung, leichter als Bilder.
Die Familie hatte ihn dann vergessen, als er in die Hauptstadt zog und dort in einem Laden Arbeit fand, in dem sich die Arbeiter der großen Brauerei, des größten Industriebetriebs des Landes, mit Groschenheften versorgten, bevor das Fernsehen ihren Alltag auszufüllen begann (An- und Verkauf von Romanheften). Die Jahre vergingen, und er las immer wieder die gleichen Geschichten von Liebe, von Abenteuer und Heldentum. Die Stapel der Hefte mit den aufgebogenen Ecken färbten seine Hände dunkel.
Die Menschen mieden seine Nähe, wenn er in der Kneipe ein dunkles Bier trank. Er war ihnen zu künstlich und ungenau in seinen Verhaltensformen. Er begann, sich als Maschine zu begreifen.
Dann kam eines Tages der Brief, den die Familie ihm zukommen ließ.
Das ist schließlich deine Tante, schienen sie ihm sagen zu wollen. Sie hat sich um dich gekümmert, nun ist es an dir, sich um sie zu kümmern, wo sie im Sterben liegt.
Er war zum Hafen gewandert und hatte mit der Fähre die See überquert. Ein Zug nahm ihn mit durch eine andere Insel.
Wieder stand er im Bugraum der Fähre und schaute den Gischtflocken zu, die im Wind vor ihm aufsprühten.
Dann die Arbeit auf dem Kanalschlepper, der so quälend langsam dahinkroch, festgehalten von den schweren, dickbauchigen Kohlenkähnen, die sich an die straffen Stahltrossen hinter ihm klammerten.
Eine Vielzahl von Eindrücken war über sein Groschenheftgemüt geblendet worden und hatte ihn verwirrt.
Als die untere Kante der Kanalbrücke dem Schlepperführer den Kopf vom Rumpf geschlagen hatte, lag er schreiend auf der Ankerwinde und leckte an der großporigen Ölfarbe. Der Schlepper fuhr gegen die Uferbefestigung. Er hatte noch immer das Kreischen der Stahlwände in den Ohren, in die der Stein sich langsam und unerbittlich hineinfraß.
Sein Leben war zum Massaker geworden. Benommen, außer sich, war er in die Kajüte gestürzt und hatte mit zitternden Händen die beiden Munitionskisten mit den Ziegelsteinen ergriffen und war mit ihnen an Land gesprungen.
Auf den Frachtkähnen brüllten die Schiffer, als ihre Kähne langsam und unaufhaltsam auf den Schlepper aufliefen. Das Ufer war mit ausgefransten Pappeln bestanden, zwischen denen sich Kinder mit Fahrrädern ansammelten, die mit aufgerissenen Augen das Schauspiel verfolgten. Über ihm, im Winterhimmel, schraubte sich ein Düsenflugzeug, gefüllt mit Menschen und Fracht, in die Höhe.
Er war die Böschung hinaufgetaumelt und den ganzen Tag wie ein Blinder durch die Vorstädte marschiert, die roten Augen verschleiert von schweren, feuchten Lidern. Auf seinem Gesicht schien der samtene Schweiß aus der weichen Hand seiner Tante Dorrit zu kleben. Er hatte sich das Gesicht nicht abgewischt.
Er wusste, dass die Tante im Zwischenreich von Tod und Leben wartete, auf ihn wartete, ausharrte, damit er sie erlöste. Sie schien festzustecken.
Und mit den lauten Geräuschen der umgeformten und dreckigen Industriestadtnatur um ihn waren die Totenheere in ihm erwacht. Sie hatten von seinem wild verwirrten Gehirn Besitz ergriffen. Eugene, der Bruder, der in Kanada zwischen zwei Eisenbahnwaggons beim Rangieren zerquetscht worden war, der Bruder, dessen Lied er vergessen hatte. Er schien in ihm zum Leben erwacht zu sein, ebenso wie der Großvater Nathanael, wie der Urgroßvater Kroalin, wie all die anderen Teile eines eng vernetzten Geschlechts von Unbehausten. Vagabunden und Narren, denen der unwirkliche Name Suizid anhaftete wie ein nicht mehr zu tilgender ewiger Makel. Er, der Furzer, der Bleichhäutige mit den roten Augen, der Halbtote, gab ihnen eine Chance, in eine Wirklichkeit hineinzulangen, die ihnen sonst verschlossen blieb.
Ich gehöre der Legion der Toten an, die von den Maschinen, ihren eigenen Erfindungen zermalmt worden sind. Die Toten sind dabei, mich aufzufressen.
Er spürte die schmerzenden Bisse in seinem Unterleib und zuckte zusammen. Jemand hatte sich neben ihn gesetzt.
Die Scheinwerfer waren verlöscht, und dunkel gloste vor ihm der monströse Bau der Oper im gelblichschwarzen Dunst der Nacht. In einer Nebenstraße hinter ihm grölten Betrunkene ein Marschlied und brüllten Kommandos.
Das Manuskript für den Roman »Sonky Suizid« schrieb der 1944 geborene Science-Fiction-Autor Gero Reimann 1983 nieder. 2008, ein Jahr vor seinem Tod, überarbeitete er den Text, der nun posthum erstmals veröffentlicht worden ist.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Gero Reimann: Sonky Suizid. Die Vielfalt geht um/Ein Totentanz. Mit einem Vorwort von Winfried Czech. Shayol-Verlag, Berlin 2011. 252 Seiten, 17,90 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.