Zum 70. Geburtstag von Muhammad Ali

Boxen gegen das Establishment

Am 17. Januar wird Muhammad Ali 70 Jahre alt. Eine Gratulation.

Einst war Muhammad Ali eine Hoffnung des weißen Amerika. »Was das Boxen braucht, sind mehr Clays«, schrieb das Fachblatt Sports Illustrated 1961. Es stehe um den Sport schlecht, »weil alle so ruhig sind«.
Der junge Mann aus Louisville in Kentucky hieß damals noch Cassius Clay und war gerade bei den Olympischen Spielen 1960 Sieger im Halbschwergewicht geworden. Als er jedoch eines Abends eine Cola trinken wollte, warf ihn der Barkeeper aus dem Lokal. »Ich hatte in Italien mein Land repräsentiert, sogar eine Goldmedaille gewonnen, und in Amerika wurde ich nicht mal in einem Schnellimbiss bedient«, erinnert er sich. »Ich ging zu einer Brücke, riss mir die Medaille vom Hals und schmiss sie in den Fluss.« Diese Geschichte entpuppte sich später als Legende. Trotzdem gehört sie zum Mythos, bis heute.
Ali boxte sich weiter hoch. 1964 bekam er den damaligen Weltmeister Sonny Liston vor die Fäuste: ein Mann mit unglaublicher Schlagkraft, noch dazu ein Analphabet, ehemaliger Häftling und eine Marionette der Mafia. Beinahe das ganze Profiboxgeschäft in den USA war damals unter der Kontrolle des organisierten Verbrechens, auch deshalb galten dem jungen, gutaussehenden Clay, dem Sohn einer schwarzen Mittelschichtsfamilie, so viele weiße Hoffnungen. Der Journalist Nick Tosches, der über Sonny Liston ein Buch veröffentlicht hat, beschreibt den jungen Clay als »einen guten, sauberen Jungen der Mittelklasse, der Amerika keine Schande und Feindseligkeit bescherte«.
Clay gelang dennoch nicht die Rettung des Profiboxens, zumindest nicht aus der Sicht des weißen Amerika und schon gar nicht aus der Sicht seiner weißen Manager, einer Vereinigung reicher Honoratioren aus Louisville. Zwar schlug Clay Sonny Liston, doch unmittelbar danach machte er seinen Übertritt zu den Black Muslims der Nation of Islam öffentlich. Er legte seinen »Sklavennamen« Cassius Clay ab, nannte sich zunächst Muhammad X, später Muhammad Ali.
Aus dem Hoffnungsträger wurde einer der meistgehassten Menschen Amerikas. Die Armee wollte Ali einziehen, anders als bei anderen Weltklassesportlern wäre es vermutlich ein wirklicher Fronteinsatz in Vietnam geworden. So wurde der Boxer ein politisches Symbol sowohl der gegen den Vietnam-Krieg rebellierenden weißen Jugend als auch der schwarzen Widerstandsbewegungen. Ali bediente die Erwartungen. »Man, I ain’t got no quarrel with them Vietcong«, antwortete er einem Journalisten auf die Frage, wie er über Vietnam denke, »no Vietcong ever called me nigger.«
Als Ali 1967 wegen seiner Weigerung, Wehrdienst zu leisten, seinen WM-Titel und seine Boxlizenz verlor und ein Gericht ihn sogar zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilte – von der er nur wenige Wochen absaß –, war seine Glaubwürdigkeit als Symbol der Rebellion endgültig hergestellt.
Seinen Lebensunterhalt während des »Exils«, wie er die Zeit seines Berufsverbots nennt, bestritt Ali mit Vorträgen, auch in einem Broadway-Stück trat er auf. Ali war eben Pop. In den USA hatte ihn ein Kolumnist schon Anfang der sechziger Jahre den »fünften Beatle« genannt.
Mit Alis Rückkehr in den Ring ging es dem Boxen wie zuvor Ali. Es wurde politisch, und mehr noch: Boxen wurde Pop. Kämpfe des Mannes wurden in der ganzen Welt ein Ereignis. Weil Ali mittlerweile mit Joe Frazier und George Foreman gleichwertige Gegner hatte, gewannen seine Fights gigantische Symbolkraft. Frazier und Foreman erhielten die Rolle der »bad guys«.
Norman Mailer, der amerikanische Schriftsteller und Boxexperte, erklärte die besondere Rolle, die ein Schwergewichtsweltmeister in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit der USA einnimmt, mit dem schönen Bild, dieser sei eben »der große Zeh Gottes«. Ali war für Mailer schlicht »das größte Ego Amerikas«.
Seine Gegner repräsentierten das hässliche Amerika. Gegen Joe Frazier boxte Ali drei Mal: 1971 gewann Frazier, 1974 verlor er. 1975 war es Ali, der ganz knapp siegen konnte, doch beide Kämpfer waren stehend k.o. – »kurz vor dem Tod«, wie Ali sagte. 1967 hatte Frazier Ali noch Geld geliehen, damit der sich gegen die Einziehungsbehörde wehren konnte. Doch in den frühen Siebzigern wurde Frazier von Ali plötzlich als »Gorilla« beschimpft, als »dumm«, als »hässlich« und als »einziger Nigger, der keinen Rhythmus hat«. Zwar erschien Frazier auch Mailer wie eine »Kriegsmaschine«. Die rassistischen Schmähungen hat Frazier Ali aber bis zu seinem Tod im November 2011, übelgenommen. Ali hatte sich über 30 Jahre lang vergeblich bemüht, sich bei ihm zu entschuldigen.
Gegen Foreman absolvierte Ali nur einen Kampf, aber einen ganz großen: den »Rumble in the Jungle« 1974 in Zaire. Ali ließ sich von den Menschen in Afrika als Held des rebellierenden Trikont feiern. Foreman, der schon 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko mit einer Stars-and-Stripes-Flagge durch den Olympischen Ring gelaufen war, wurde von Ali und seinen Leuten als Repräsentant des US-Imperialismus dargestellt. In dem Dokumentarfilm »When We Were Kings« von Leon Gast berichten zairische Ali-Fans, dass sie sich über Foremans schwarze Hautfarbe wunderten. Ali hatte ihnen doch einen Vertreter des weißen Amerika angekündigt. Ali gewann den sensationellen Kampf.
Schon die Orte von Alis Kämpfen waren symbolisch: Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo, und die Philippinen, wo Ali im »Thrilla in Manila« gegen Frazier boxte, galten – trotz der Tatsache, dass es sich um Diktaturen handelte – als Länder, die den Aufbruch des Trikont verhießen. Die dortigen Herrscher bedienten sich Alis und seiner Bedeutung.
Sportlich war Ali herausragend: Als erstem Boxer gelang es ihm, dreimal Weltmeister zu werden, aber die großen und politisch bedeutenden Kämpfe waren bald vorbei. 1979 beendete er seine Karriere und verlor zunächst seine politische Bedeutung. Er ließ sich von US-Präsident Jimmy Carter sogar dazu bewegen, in Afrika für den Boykott der Olympiade in Moskau zu werben. Bereits 1975 hatte er sich von der »Nation of Islam« getrennt, in den Jahren danach kritisierte er ihren neuen Führer Louis Farrakhan scharf.
Anfang der achtziger Jahre diagnostizierten die Ärzte das Parkinson-Syndrom bei Ali. Die Krankheit sorgte noch einmal für öffentliche Aufmerksamkeit. »Ohne meine Probleme hätten die Leute wohl Angst vor mir. Nun haben sie Mitleid«, sagte Ali 1988. »Sie dachten, ich sei Superman, jetzt aber sagen sie: Er ist ein Mensch wie wir, er hat nämlich Probleme.«
Der Boxexperte Alex Wallau hat Alis Leben begleitet. Er urteilt über ihn: »Wenn die Leute sagen: Boxen ist schrecklich, schau, was es aus Ali gemacht hat – dann muss ich fragen: Welches Leben hätte er denn ohne Boxen gelebt? Es wäre gewiss nicht viel gewesen.« Als Kranker machte Ali zudem eine dritte Karriere. 1990 holte er im Auftrag der US-Regierung 14 amerikanische Geiseln aus dem Irak, indem er mit Saddam Hussein verhandelte. In einer bewegenden Szene vor 3,5 Milliarden Fernsehzuschauern entzündete Ali dann 1996 das Olympische Feuer in Atlanta. Anschließend übergab ihm das IOC eine Kopie seiner Goldmedaille von 1960.
»Ali erreichte mehr Menschen, als jeder Papst oder Präsident je erreichen wird«, befindet sein Biograph Thomas Hauser. »Mehr als jede andere öffentliche Figur seiner Zeit gehörte er den Massen. Er gehört der Welt.«
Den bislang letzten symbolischen Sieg Alis konnte man vor nicht allzu langer Zeit auf Fotos sehen: Barack Obama, der erste afroamerikanische Präsident der USA, führte seinen Wahlkampf von seinem privaten Schreibtisch aus, über dem ein großes Poster von Muhammad Ali hing. »Das Establishment kann man nicht wirklich bekämpfen, weil es zu stark ist. Es besitzt zu viele Waffen – Flugzeuge, Bomben und Geschütze«, resümierte Ali 1999. »Ich forderte es aber symbolisch heraus. Und im Nachhinein war ich der Sieger.«

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