Luzidin oder Die Stille
Das Universum ist groß. Ein Ungetüm purer Energie, ein Zuviel an Materie, Kubikmeter Zeit und zig Jahre Raum. Es dehnt sich aus, unaufhaltsam, die gedachten Entfernungen vergrößern sich während des Denkprozesses, der Kopf dem Unvorstellbaren zungehechelnd hinterher, das verzwickte Konstrukt All dem menschlichen Geist um Längen voraus. In einem variierend großen Teil der Weltbevölkerung weckt dieses Dilemma religiöse Gefühle.
Das Universum dehnt sich aus, jetzt, in diesem Moment. Mit einer Geschwindigkeit von hier bis zur Trafik in weniger als einer Minute. Und wer den ungefähren Standort der Trafik kennt, der weiß, das ist zum Augenmachen schnell, der wird wissen, dieser Vergleich ist noch stark untertrieben. Vom Zeitungsmann zur Pizzeria in weniger als einer Sekunde, das schon eher, wobei keinesfalls vergessen werden sollte, dass dieses Ausdehnen in alle Richtungen geschieht, in alle bekannten, und bei den unbekannten sei dem Universum zugetraut, dass seine Bewegung auch vor diesen nicht Halt macht.
Alles, was es über das Universum zu glauben gibt, lässt darauf schließen, dass man noch lange an der Nase herumgeführt, noch ewig gezwungen sein wird, für immer neue Eigenschaften neue Wörter zu erfinden, die neue Zungen verlangen, um neue Laute zu bilden. Dass es einem auch weiterhin anrät, die Möglichkeiten des Beschreibens auszuloten, um in langwierigen Annäherungsverfahren über das Unbeschreibliche Buch führen zu können. Es ist ihm angedichtet, dass es, indem es sich ausdehnt, dem eigenen Zentrum näherkommt.
Das Universum ist ein Meister der kugelförmigen Dramaturgie, dem kann man nicht kommen mit Anfang und Ende, dem ist alles eins, es lacht einen höchstens geräuschlos aus, wenn man es festzunageln versucht, mit einem Fingerzeig auf seine Mitte, oder das Heck oder den Bug. Aussagen über das Unbeweisbare zu treffen, ist leicht verdientes Brot, ein ganzer Wissenschaftszweig hat sich wie ein Blutegelpfropfen daran festgesaugt, es gibt weder falsche Zahlen noch voreilige Schlüsse, und nur selten sind Wissenschaftler selbstironisch genug, das sie Fesselnde zwar mit gebotener Ernsthaftigkeit zu betreiben, sich dabei jedoch nicht allzu ernst zu nehmen. Den dreisten Experten macht das Universum, Objekt ihrer Begierde, doch der Beobachtung ein Aal, früher oder später einen Strich durch die Rechnung. Kaum bist du dir mit der Variablen einer Gleichung allzu sicher und veröffentlichst dein mühsam erkämpftes Ergebnis, hat sie dich auch schon, die liegende Acht, drückt dich zu Boden, lässt dich nicht mehr los, bis du deinen Irrtum und Rücktritt verkündest, und solltest du dich weigern, dann radiert sie an deinem Körper herum, bis du aufhörst, verstehen zu wollen, verunendlicht dich schließlich zu hustendem Staub.
Die Gesamtheit der vorhandenen Materie wird in Segmente unterteilt. Diese sogenannten Sternsysteme sind Konglomerate aus Sternen und Nebeln und diversem Himmelsschrott, unaufgeräumte Orte, einer Logik folgend, die sich nur den Chaoten erschließt, den schöngeistigen Träumern. Die Augen darf man nicht geöffnet haben, oder gar durch ein Weltraumteleskop stieren, während man die Mechanik der Sonnen versteht. Was für eine Farbenpracht, wenn durch Lichtreflektion die kartographierten Objekte bunt bepinselt sichtbar werden. Unwissenschaftlich, aber wahr: Galaxien sind wunderschön. Innerhalb der Galaxien gibt es Sonnensysteme, jedem davon dient eine Sonne als Schwerpunkt. In einem dichten Netz aus Anziehung und Abstoßung entwickeln sich Kräfteverhältnisse, die den vielen Materieklumpen eine gewisse Kompaktheit verleihen und sie aneinander binden. Sonnensysteme sind von Astronomen festgelegte Einheiten, deren Wechselwirkung dauerhaft besteht.
Das Befolgen der insgesamt stattfindenden Ausdehnung ist keineswegs die einzige Bewegungsart der Objekte, sie wirbeln und tanzen, miteinander, zueinander, voneinander weg, und jedes für sich um die eigene Achse. Milliarden bekehrter Gehirne und Herzen gehen von einer fingerzeigenden Gotteshand aus, die diesem Räderwerk den Initialstupser gab, angeblich eine vorsichtige Anhauchung, die dem Leblosen die Fäden spannen half. Die Gläubigen sind der Meinung, kein dahergelaufenes Universum wäre von sich aus dazu in der Lage gewesen. Auf der anderen Seite die nicht minder rechthaberischen Faktenschamanen und Wissensfetischisten. Es bedarf wohl noch einiger kriegerischer Auseinandersetzungen, bis endgültig festgestellt werden kann, wer oder was den Schöpfungsanspruch stellen darf.
Der Raum, in dem das Gewirbel der Sonnensysteme stattfindet, ist keineswegs schwarz, sondern farblos. Man spricht vom absoluten Nichts. Jener Bereich jedenfalls, den man sich durch Beobachtung und Messung bereits untertan gemacht hat, ist Nichts, die übrigen achtundneunzig Prozent bleiben weiterhin Nährstoff für Spekulation. Der einzige Sinn, mit dem ein Mensch das Nichts wahrnehmen kann, ist die Blindheit.
Für das Universum, so vermuten wir bereits, wäre es nicht angemessen, sich lediglich in einem Farbton auszudrücken, man sollte vielmehr davon ausgehen, dass jenes heimelige Plasma, in dem sich das Kräftemessen der stellaren Objekte abspielt, einem Geräusch oder einer emotionalen Erschütterung entspricht. Es könnte aber auch, dies sei verraten, alles ganz anders sein und in nichts von dem bereits Gesagten auch nur ein Funken Relevanz, ein Körnchen Wahrheit stecken. Lassen wir jedoch die hier erzählte Geschichte ausnahmsweise davon ausgehen.
Uns interessiert ein ganz bestimmtes Sonnensystem. In diesem ganz bestimmten Sonnensystem interessiert uns wiederum nur ein ganz bestimmter Planet, der dritte von links, kommt aber darauf an, von welcher Seite man es betrachtet. Der Planet Erde liegt blau und vibrierend in seinem luftleeren Raum. Er ist magnetisch geladen, ist an jedem Punkt durch Möglichkeitswellen mit den sich ausdehnenden Rändern des Universums verbunden. Dass die Erde nicht implodiert, so heftig wie von allen Seiten an ihr gerüttelt und gezerrt wird, ist reiner Zufall. Dass es die Erde überhaupt gibt, war eine Laune der Teilchen. Und dass es Wesen gibt, die in der Lage sind, den mehrfachen, gleichzeitigen Zufall entstandenen Lebens schwer vorstellbar zu finden, grenzt an Wahnsinn. Die Frage lautet also: Wenn es einen Gott gibt, den Schöpfer und Lenker, wer sorgt dann dafür, dass er jeden Tag seine kleinen bunten Pillen bekommt?
Die Erde wird in Kontinente eingeteilt. Es gab einmal ein Urmeer, von Landmassen durchwandert, die an die Oberfläche strebten. Diese heute sichtbaren, zäh dahinschwimmenden Gebilde verfügen über einen Unterbau, die sie tragenden tektonischen Platten. Seit der Erdentstehung werkt ein flüssiger Kern, verursacht Strömungen geschmolzenen Metalls, bewegt die Landmassen. Anfangs noch vereint, wandern die Festlandstücke mittlerweile in verschieden großen Splittern über die Oberfläche des Planeten. Einer dieser Kontinente heißt Europa. In diesem Europa gibt es ein Land, Österreich. In wie viele Sprachen sich diese Bezeichnung auch übertragen lassen möge, nie spricht sie das Musische im Gemüt an. Die Einwohner dieses Landes sind geschlagen mit ihrem Schimpfwort dafür, wie mit einer Krankheit, die man sich zum Freund macht, da sie einem in verzwickten Situationen als Ausrede dient, weil man sich mit ihr, dem Krebsgeschwür im Hinterkopf, vieles durchgehen lässt, was unter anderen Umständen undenkbar erschienen wäre. Auch Österreich ist ein Zufall und als solcher zu behandeln. Die Hauptstadt des Landes heißt Wien. Wenn Österreich ein Schimpfwort ist, dann kann Wien doch nur der beigespuckte Speicheltropfen sein. Die Stadt hat dreiundzwanzig Bezirke. Durch einen dieser Bezirke verläuft eine protzige Kastanienallee. Am einen Ende dieser Allee befindet sich ein Grundstück mit Garten. In diesem Garten steht ein Haus. Dieses Haus hat viele Zimmer. Der Schornstein raucht Zeichen senkrecht nach oben. Ein erdrückend grauer Himmel verleibt sie sich ein.
Das Backsteinhaus ist bequem mit der Schnellbahn zu erreichen. Es lässt sich von dort aus in den Prater spazieren. Hingetupfte Büsche erschweren die Sicht ins Innere des Gebäudes. Auf einem großzügig bemessenen Parkplatz stehen ein paar Autos, eines davon noch ganz warm, mit wundgewetztem Beifahrersitz und glühendem Auspuff. Maulwürfe haben Teile der Wiese in Beschlag genommen, ihre Gänge und Ausstiegshügel dem hingestreuten Gift ausweichend. Das Häuschen strahlt eine Geschäftigkeit aus, der man sich nicht entziehen kann. Man möchte näher, hinein. Die schwere Eingangstür poltert ins Schloss, klumpig-braune Möbel verstellen die Wände, es ist warm hier, und gemütlich, heimelig. Meterweise Kabel wurden verlegt. Es ist ein Rückzugsort für intensive Arbeitswochen. Der Eingangsbereich mit seinen lianenhaft verzweigten Mänteln, Schals und Hauben, die an den Garderobenhaken ziehen, die drei Bäder, zwei im Erdgeschoss, eines im ersten Stock, in denen es zwischendurch ans Duschen und Frischmachen geht. Im Hauptraum, der als Arbeitszimmer dient, stehen robuste Tapeziertische, auf den Holzspanplatten summen sieben Computer, die miteinander vernetzt sind. Eine Selbstversorgerhütte mitten in der Stadt, im zweiten Bezirk, in Gehweite zu Riesenrad und Ringelspiel, die trompetenden Kinder sind aus der Ferne zu hören, das Schnellbahnbeben setzt nie aus, man hat sich daran gewöhnt. Ein unscheinbares Hexenhäuschen, dem doch so viel Geheimnis und Macht innewohnen, es bedeutet die Möglichkeit, sich innerhalb der Stadt aufs Land zurückzuziehen. An den sieben großen Tischen sitzen sieben Personen, eine davon durchpflügt mit lockeren Händen die vom Hut niedergedrückte Frisur, nach dem Anfahrtsweg halb anwesend und durstig, Angekommener, der erst noch ankommen muss. Eine Kanne dampfenden Tees wird gereicht, jetzt kann es losgehen. Siebzig zappelnde Finger hämmern auf sieben Tastaturen ein, die fleißigen Arbeitsbienen gehen hochkonzentriert ans Werk, dort kühlt die Teetasse aus, die sieben Personen schreiben gegen das Vergessenwerden an, dort knistert der Kamin, sie sind bemüht, eine Chronik zu verfassen, die den Nachgeborenen die derzeitige Gegenwart begreiflich zu machen hilft, den Beginn des Jahrtausends, sie ringen um die Darstellbarkeit von Gefühlen, Gerüchen, Momenten. Die sieben Personen rackern sich ab, bis spät in die Nacht, sie schreiben und schreiben sich Krämpfe in die Hände, sich die Fingerkuppen rot, eine Arbeit, die getan werden muss, in einer Hochsprache geht es ans Festhalten der Dinge, die wichtig erscheinen, es wird nach oben geschrieben, hinauf, dem Weltall zu, der Leere entgegen, von der Hütte geht eine Schreibsäule aus, heftige Buchstabenschlieren, die den zweiten Bezirk mit den anderen Planeten verbindet, die sieben Personen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Gefahren hochzuhalten und als wandelnde Gefahrenherde zu existieren, dort dämmert der Wienhorizont, dort wirft das Frühstücksei Blasen, bei dieser Arbeitsgemeinschaft handelt es sich um die Gruppe der Sieben Gefahren.
Das Universum ist groß. Justus dagegen ist klein.
Sein Name ist Justus Geheimnis. Es muss etwas auf sich haben mit jemandem, dessen Nachname Geheimnis ist, denkt man, es muss etwas zu erzählen sein über ihn. Woher kommt nur der Name Geheimnis, hört man es murmeln. Skepsis macht sich breit. Sicher eine Erfindung! Da rufen die Zweifler und wissen besser, wovon sie unter gar keinen Umständen auch nur die geringste Ahnung haben können. Justus Geheimnis, werden sie witzeln, so heißt man doch nicht, so heißt kein real existierender Mensch. Da machen sie dicht und verschließen die Ohren, wenden sich lieber ihrem Treppenwitz zu, und ihren intakten Leben zwischen Schreibtisch und Kühlschrank, anstatt ihn vor sich zu sehen, in seinem bekleideten Körper durchschnittlicher Statur, in Hose und Hemd, mit unrasiertem Kinn, das dadurch wie ungewaschen wirkt. Justus Geheimnis ist ein Erfinder, er ist keine Erfindung.
Kommst du?, es gibt Essen!, ruft die Mutter, Mehlabdrücke in der beblumten Schürze verreibend, und Hände waschen!, ruft sie, du weißt schon. Justus hängt mit dem Blick in den Sternen, als ob dort oben etwas wäre, über das es sich nachzudenken lohnt. Die Weinbergschnecke hat keine Angst. Sie hat sich in ihr Haus geflüchtet. Justus kehrt mit seinem Blick zu ihr zurück. Unter den Fingernägeln angesammelte Striche aus Erde und Grün. Die Schnecke ist interessant. Die Unterseite ihres Körpers produziert eine Schleimspur, die es ihr ermöglicht, das Gras entlang zu schweben. Reibung ist ihr fremd. Er setzt sie ab und sieht ihr dabei zu, wie sie die Fühler tastend ausfährt und ihren Weg fortsetzt. Justus dreht sich um und läuft zurück ins Haus. Beim Waschen der Hände erinnert er sich, dass, als er da friedlich am Beet stand, platzsparend und zahm und keiner Fliege etwas zu Leide tuend, etwas anders war als sonst, er war nicht allein, von irgendwoher hat es gesummt. Die Umgebung jaulte auf, erinnert er sich, sofort hob er den Blick, das war ein unangenehmes Gefühl, durch die Ohreneingänge ist es direkt in die Schläfen gewandert, als hätte der Himmel gezahnt und es alle wissen lassen, dass ihm ein Stachel im Fleisch steckt. An diesem Tag erlebt Justus Geheimnis zum ersten Mal das Dröhnen.
Wir befinden uns an einem ortlosen Ort in einer zeitlosen Zeit. Die ursprungslose Weite Universum bildet den Rahmen dieser Geschichte. Nur kurz ins Konkrete eintauchen, um alsbald wieder zurückzukehren ins rastlose Suchen, ein paar Jahre verweilen. Es ist wichtig, sich und seine Epoche als Punkt auf der unendlichen Zeitgeraden verorten zu können. Wir sind aufblitzende Momente, nicht weniger, nicht mehr. Die Größe der mit vorübergehender Aufmerksamkeit bedachten Konstellation und die Ausmaße ihrer Entfaltungsmöglichkeit hängen von der Betrachtungsnähe ab. Wir wollen mit der Lupe herangehen, ganz nah: Ameisenmenschen werden echte Personen. Zwischen Rückblick und Vorschau uns ins Gegenwartsnetz gegangen.
Ortloser Ort: Die Stadt begründet das Geschehen nicht, sie ist ihm nicht Voraussetzung, lediglich die Art des Stattfindens wird von der Stadt beeinflusst. Tages- und Nachtzeit legen keine Handlungsverläufe nahe, sondern dienen als Mosaikstein des Ganzen, die Uhrzeit ist verzichtbares Detail, ein Frühstück um elf Uhr nachts nicht weniger vorstellbar als eines um acht Uhr früh. Geschlafen wird nach Belieben. Noch hält man hier den Sonntag als Ruhezeit hoch, setzt den Geschäftszeiten Grenzen, letzte Ausläufer althergebrachter Ordnung.
Wir befinden uns im Zeitalter des Homo communicans. Kommunikation ist Mittel und Zweck. Sie thront einsam an oberster Stelle. In der globalisierten Welt ist sie Schmiermittel für reibungslosen Austausch von Waren, Personen und Ideen. Sie ist Hauptbeschäftigung in der Freizeit. Kommuniziert werden muss alles, was stattgefunden haben will. Die Begebenheit wird mitgeteilt, erst dadurch ist sie wahr, wird sie nicht mitgeteilt, ist sie nicht. Der Informationsfluss bedeutet Überflutungen, die fruchtbar und furchtbar ausfallen. Homo sapiens, der denkende Mensch, ist ein Auslaufmodell. Homo communicans, der kommunizierende, der sich mitteilende Mensch, tritt die Nachfolge an. Das Denken wird vom Mitteilen ersetzt. Es gibt das Gedachte bloß noch als das Mitgeteilte. Jede Kopfsache findet ihren Weg in die Umwelt, über zahllose Kanäle. Ein Anfang des Jahrtausends, eines unter vielen, vors Lupenglas des kosmischen Mikroskops geklemmt, eine Zeiteinheit herausgepickt, in der gestellte Weichen passieren. Ideen und Visionen, die hier ihren Ausgangspunkt finden, Beschreibung einer Konstellation, die beschreibenswert erscheint.
Justus Geheimnis als Kind, das seine Portion Kartoffelpüree verweigert, da sind Stückchen drinnen!, raunzt es. Die Mutter redet ihm gut zu. Justus zappelt mit den Beinen. Das faschierte Laibchen verputzt er gabelweise, nicht ohne jeden Bissen vorher durch einen bunten Malkasten an Saucen gezogen zu haben. Es schmeckt ihm. Das Püree verweigert er standhaft, bis seine Mutter seufzend mit kräftigen Schüben alles zu geschmeidigerer Konsistenz zerdrückt. Dankbar lutscht Justus den Brei vom Messer, was ihm keine Rüge einbringt. Das erste Dröhnen hallt im Kopf leicht nach, es sitzt ihm noch in den Synapsen. Er denkt sich nichts dabei.
Justus Geheimnis, wie er das letzte Mal im Leben nackt durchs Gras läuft, denn bald kommt die Scham über ihn, und Nacktheit vor Fremden wird ihn tödlich verwunden. Er hetzt über fußgetretene Pfade, durchs Sommernieseln dieses schönen Urlaubstages, von Brennnesseln gestreift, er läuft vor dem Stechen am Hintern davon, zu dem er nicht und nicht Distanz aufbringen kann, oder ist es das Dröhnen, vor dem er davonläuft, das sich angeschlichen, ihn überrascht hat, aus dem Wald auf ihn zu polterte, während er am Bach beim Spielen war, Staudämme bauen und den Stromschnellen ein bockiger Schneidersitz sein.
Justus Geheimnis in der Schule, am zu kleinen Sessel lümmelnd, bei dem er sich die ihm zugedachten Haltungsschäden holt, die Mathematikschularbeit steht bevor, er hat ausreichend gelernt, er hat Angst, seine Handflächen schweißnass, er lässt sich nichts anmerken, in ihm dröhnt es, die Lehrerin kommt, er bemerkt es und nimmt es nicht wahr, mit der Schularbeit geht alles glatt, sie ist ihm nicht gewachsen, am begabten Schüler beißt sie sich die Zähne aus, er nimmt das Dröhnen hin, erträgt es, er hat gelernt, mit dem Dröhnen zu leben.
Justus Geheimnis als Jugendlicher, der zum ersten Mal ein Mädchen küsst, unsicher arbeiten sich die Zungenspitzen wie in Zeitlupe voran, treffen aufeinander, zucken erschrocken zurück, er mag ihre Haare, und dass sie damit Sonnen reflektieren kann, sie wechselt den spröde gewordenen Kaugummi von ihrem Mund in seinen, er muss lächeln, dieses Lächeln kann sie fühlen, erwidert es, der Moment dauert ewig, das Dröhnen schleicht sich ein, es ist stärker geworden, ein ungebetener Gast, der ohne Klopfzeichen eintritt, seine Schläfen explodieren, er weicht zurück und sie denkt, er meint sie.
Justus Geheimnis als mittelständischer Bettelstudent. Es steht sieben zu vier, das Spiel ist verloren, es geht um nichts mehr, dennoch ist von allen voller Einsatz gefragt, er steht mit Fußballschuhen im Tor, die feuchten Haarsträhnen weht es ihm immer wieder vor die Augen, der Angreifer rast, seine Beine kurz davor, sich zu verstolpern. Er passt. Der Verteidiger wirft sich in die Schusslinie. Daneben. Der den Ball annehmende stämmige Carl dribbelt gelassen aufs Tor zu, die wenigen Meter. Justus macht sich bereit, er ballt die Hände zu Fäusten, das in Anspruch genommene Leder der Handschuhe knarzt. Carl holt aus. Die Augen des Tormanns Justus zu vorsichtigen Schlitzen verengt. Der Schuss. Der rotierende Ball auf ihn zu. Kompakte Wucht Richtung acht zu vier donnernd. Augenblick. Das Dröhnen. Rauschen. Dann nichts mehr.
Justus Geheimnis, der Berufseinsteiger, während einer Besprechung. Anzugträger haben sich für Stunden zu einer Tafelrunde zusammengeschlossen. In den Pausen wird geflirtet und geschäkert. Hier fühlt er sich wohl, hier gehört er dazu. Man legt Wert auf seine Meinung. Mitten in den Ausführungen eines Kollegen legt Justus sein Mobiltelefon auf den mit Blöcken und Stiften gedeckten Tisch und lässt sich entschuldigen. Ist Ihnen nicht gut? Ja, ich weiß nicht, verzeihen Sie, ich bin gleich wieder da! Er rückt den Sessel gegen die Wand, bricht ihr einen Splitter weißer Farbe heraus, eilt zur Tür, stolpert benommen durch den Gang, erreicht den unbenutzten Waschraum. Er trinkt kaltes Wasser, starrt in den Spiegel. Das Dröhnen hebt und senkt seine Brust. Er wartet, dass es ihn lässt. Er macht sich frisch. Gleich geht es wieder. Er zupft sich einen Blutpunkt aus dem Ohr, rückt sich die Krawatte zurecht, kehrt zurück.
Justus Geheimnis, der stöhnt. Sie ist fleischig und fest, wie zum Angreifen gemacht. Seine behaarten Männerbeine fahren ihre glatten Frauenbeine entlang. Hinunter sanfte Haut, hinauf spießt es sich leicht wie feines Schleifpapier, ein Streicheln der Katze gegen den Strich. Sie seufzt genießerisch. Er führt den Finger ein, verstreicht die Feuchte in ihrer gut durchbluteten Mitte. Wortfetzen einander zugehaucht. Sie zieht ihn zu sich hoch, ein gieriges, auskostendes Küssen, wie zum allerletzten Mal. Er dringt in sie ein. Sie fallen in ein Zeitloch. Der Kasten gibt Wippgeräusche von sich. Sie umfasst seine angespannten Oberarme, fährt ihm mit flachen Händen über die Brust. Er bäumt sich auf, ejakuliert. Ein heißer Schwall in sie hinein, erfüllt sie mit Wärme, sie stöhnt auf, ihr Körper gibt ein Dröhnen von sich, das ihn durchdringt, die Schweißschicht über seiner Haut ist elektrisch geladen, impft rote Pusteln ein, die schwach leuchten. Die beiden sind in Umarmung verkäfert, panzern sich von aller Umwelt ab, er schluckt mehrmals, hält die Luft an, bis ihm die Augen tränen, stellt endgültig fest, dass ihn das Dröhnen in den unpassendsten Momenten heimsucht, er verflucht es und sich selbst, der er dem Dröhnen nichts entgegenzusetzen hat als einen achtundsiebzig Kilo schweren, einen Meter zweiundachtzig großen Willen, am Leben zu bleiben.
Justus Geheimnis, der am kugelrunden, mit grünlich schimmernden Adern durchsetzten Bauch seiner Gefährtin den Bewegungen des Ungeborenen lauscht. Traute Zweisamkeit im zerwühlten Bettzeug des frisch ausgemalten Schlafzimmers, dem zweitgrößten Raum der abzuzahlenden Immobilie. Er horcht in das Wunder hinein, der doppelte Herzschlag, die Verdauungsgeräusche, er hat das Ohr lauschend gegen die Oberfläche gedrückt, hört an Schienen den Zug herannahen, und er freut sich. Sie freut sich mit ihm. Tobias, sagt sie. Wendelin, antwortet er. Sie lächelt wissend. Sie streichelt seinen Hinterkopf. Er ihren Bauch. Es dröhnt.
Justus Geheimnis, im Jetzt angekommen, der auf der Autobahn fährt. Im Radio verausgabt sich ein Jazzpianist. Es gibt keinen Rhythmus, den man mitklopfen könnte. Im Hintergrund ein Hupkonzert. Er ist Teil der festgeklumpten Autokarawane, wie Sirupfäden ziehen Wagengrüppchen in ihre Richtungen davon, es ist ein heißer Stautag, der den Fahrern den letzten Nerv raubt. Manche schalten den Motor ab, steigen aus, um sich die Beine zu vertreten. Im Rücken hat Justus einen Kindersitz, auf dem Tobias thront. Papa, ich habe Durst. Tut mir leid, da wirst du noch ein bisschen warten müssen, mein Schatz. Aber ich habe schon so Durst! Der Kleine wird unruhig. Mama, winselt er. Nein, bitte, Tobias. Die Fahrerin ein Auto weiter wirft ihm über den Rückspiegel einen finsteren Blick zu, der sagt: Die Fürsorge sollte man verständigen, hier wird ein Kind gequält! Justus gibt sich die größte Mühe, muss jedoch bald einsehen, dass es das Beste ist, das Kind seine Müdigkeit und die Wut über diese Müdigkeit in die Welt hinausbrüllen zu lassen und auf ein baldiges Einschlafen zu hoffen. Schon hört man ein kindliches Schnarchen. Erleichtert seufzt Justus auf. Der zähe Autobrei wird aufgelockert. Es geht meterweise voran, in immer kürzeren Abständen entstehen größer werdende Lücken zwischen eigenem Fahrzeug und dem des Vordermanns, die es zu füllen gilt. Die Autobahn von der Verstopfung befreit, die verschleimten Atemwege mit Nasengel behandelt, die Schnellstraße erlangt endlich jene Rasanz zurück, auf die sie ausgelegt, für die sie konstruiert ist. Das Fahren macht wieder Spaß. Hinten schläft friedlich das Kind, mit schiefem Kopf und erschlaffter linker Hand, der eine Actionfigur entweicht. Justus schließt die Augen. Ein alter Bekannter hat sich wieder gemeldet. Häufiges, die Fehlsicht vertreibendes Zwinkern. Der Elternbesuch war ein voller Erfolg, sie freuten sich wie Könige über die harmlosen Streiche und den üppigen Wortschatz des Enkels. Man trug ihn auf Schultern, servierte ihm Obst und Kakao. Justus konzentriert sich. Aufgescheuchter Wüstensand umsprudelt die Fahrbahn. Das Stechen im Kopf, ihm kommt vor, es sei stärker geworden, in den letzten Jahren, in letzter Zeit, eine unhörbare innere Lautstärke, die besorgniserregend zu nennen ist. Beobachtet man die Entwicklung seiner Intensität, so lässt sich eine Hochrechnung anstellen, deren Ergebnis erschreckt. Wo mag das enden? Wie bald? Ihm steht etwas bevor. Es bahnt sich etwas an.
Wien kommt Grau in Grau zum Vorschein. Justus stellt den Lokalsender ein, ganz leise, um Tobias nicht zu wecken. Justus durchtaucht die Minuten des Dröhnens. Ein Außenstehender hätte höchstens eine leichte Irritation bemerken können, vielleicht eine schiefe Optik, ein Gehabe, das auf Störimpuls hindeutet, die Schwere des ihn niederdrückenden Gewichts wäre unerkannt geblieben. Justus Geheimnis ist im Umgang mit dem Dröhnen geübt, schon ein Meister. Nichts anmerken lassen, dieser Leitspruch leuchtet vor dem geistigen Auge auf, wenn es beginnt. Bloß nichts anmerken lassen! Er liebt diese Stadt und ihren qualmverhangenen Horizont, er liebt die Fabrikschlote Wiens. Es gibt auch Gegenteiliges, daran ist nicht zu rütteln, es gibt Grünanlagen und Miniaturen des Garten Eden, es gibt an Buntheit nicht zu übertreffende Architektur. Er fährt auf Wien zu, das sich ihm jetzt in seiner ganzen Pracht offenbart. Tobias wacht auf. Er gähnt ein Gähnen, das nach ausgerenktem Kiefer aussieht. Gut geschlafen? Als Antwort bloß schlaftrunkenes Recken und Strecken der verrosteten Glieder. Tobias sinkt in den Kindersitz zurück. Das Auto prescht gleichmäßig vor. Es wird von der Hauptstadt umfangen. Justus Geheimnis kommt nach Hause. Mit all seinem Makel, mit all seiner Falschheit im Wohlwollen, Wien als Hauptstadt Europas, denkt er, Wien als Hauptstadt der Welt!
Ein hallender Prunksaal. Langsam verebbt das ergiebige Stöckelschuhkonzert. Man hat sich feingemacht heute. Kristallluster herausgeputzt. Streichquartett in Position gegangen, spielbereit. Gesellschaftsreporter mit Kameramann im Rücken, dem ein wandelnder Mikrophonstangenhalter auf Schritt und Tritt folgt. Mit Handtascheninhalten knisternde Damen, nicht alt werden könnende Alte. Bearbeitetes Haar, das künstlich wie eine Perücke wirkt. Unter daumendicker Puderschicht bricht ein Lächeln hervor, das dritte Zähne zeigt. Auch jüngere Leute, Kollegen. Ehrung liegt bedrohlich in der Luft. Politikerfloskeln machen die Runde. Es geht los. Man begibt sich jetzt auf seinen Platz. Das Kartonpapier der Einladungsbroschüren bekommt in der Sakkoinnentasche Falten verpasst. Alles hebt hörend den Kopf. Als Appetitmacher auf die Hauptattraktion wird zunächst der Nachwuchs gefördert. Die pointierte Laudatio einer Stadträtin. Sie spricht über Gebäudelosigkeit und die bedingungslose Konsequenz einer Arbeit, die vielversprechend ist, Lust auf Nächstes macht. Freundlicher Applaus. Elisa Slavik geht ans Podium, um die Dankesrede zu halten. Ihre schweißnassen Hände zu Fäusten verigelt, die in den Hosentaschen pochen. Nur zum Umblättern der Stichwortsammlung schnellen sie hervor.
Ich bin gekommen, einen Preis abzulehnen, fängt Elisa an. Hüsteln. Bei diesem von mir abgelehnten Preis handelt es sich um den Wienwort Förderpreis. Den Rest wollen wir ersparen. Sie zählt ihre guten Gründe auf. Es dauert. Es endet abrupt.
Eine unerträgliche Pause entsteht. Elisa Slavik blickt kurz in die Runde, klopft sachte ihre Papiere in Form. Über die angedockten Rollstufen verlässt sie die Bühne. Die Herrschaften erheben sich, klimpern mit den Augenlidern, stapeln Kleidungsstücke und Lesestoff über die angewinkelten Arme. Niemand richtet das Wort an Elisa. Sie schultert ihre Tasche und entschlüpft den Verunsicherten. Sie hat einen wichtigen Termin.
Der erwachte Tobias winkt seiner Mutter, läuft auf sie zu, ihr in die empfangend offenen Arme. Hallo, sagt Justus und gibt seiner Frau einen Kuss. Ja, wie war es denn, war es schön bei Oma und Opa?, fragt sie. Ja, schau, den habe ich gekriegt! Er präsentiert den abnehmbaren Flammenwerfer der martialischen Figur, die Blinklichter und robusten Kugelgelenke. Sie lässt sich alles zeigen, geduldig hört sie zu. Lang habt ihr gebraucht, meint sie fragend. Ja, leider, ein Stau. Michaela, bist du so nett, kannst du die Sachen aus dem Kofferraum versorgen, mir ist nicht gut, mir ist ein bisschen schwindlig. Natürlich, was ist denn los? Nichts, ich muss nur, ein Bein knickt weg, doch er fasst sich, mich nur setzen. Brauchst du etwas, soll ich dir ein Glas Wasser bringen? Papa, du schaust grün im Gesicht aus! Nein, danke, ich lege mich nur gleich hin, alles in Ordnung. Er hievt sich das Geländer hoch in den ersten Stock. Anton nicht vergessen, hört er von unten, er wartet schon, dass du ihn fütterst. Toni!, ruft sein Sohn freudig aus, begibt sich hopsend zum Käfig. Justus muss lächeln, sein Blick fällt auf das halbleere Brett eines Bücherregals. Er schließt die Tür, schiebt die Vorhänge zwischen sich und Restlicht des Tages, er lässt sich aufs Bett fallen.
Traum: Wir besichtigen die Wohnanlage eine Gruppe die mich beinhaltet wie viele werden wir wohl sein vielleicht zehn oder zwölf und an der Pritsche vorbei auf der sich ein männliches Kind ausruhen darf es ist schulpflichtig es gräbt sein Gesicht in die blaue Matratze die Anlage nicht überdacht als ich mich später erkundige wird mir gesagt dem Wetter könne man trauen das mache einem keinen Strich durch die Rechnung wir betreten ein Gebäude eine Halle ein sakrales Gebilde ebenso nicht überdacht pocht als Gedanke in den Schläfen wir beeilen uns denn wir müssen uns beeilen im hinteren Teil des Kirchenschiffes eine Reihe nummerierter Stockbetten die Zahlen eins bis acht deutlich zu sehen weiter geht es hinter der Wand bis mindestens siebzehn alle nächsten Betten stehen im Freien die aufgereihten Schlafstätten stehen im rechten Winkel zu den beiden längeren Seiten des rechteckigen Gebäudes in einem der Betten fällt mir ein Kind auf ein Mädchen dabei ist es kein Bett sondern nur zugeschnittenes Holz in etwa einem Meter sechzig Höhe angebracht beim Kopfteil wird es deutlich schmaler allerdings nicht Stück für Stück stetig nein eine richtige Kante die ein Tischler ins Holz gesägt hat das Mädchen schläft wir wissen nicht was mit ihm ist das Mädchen schläft wie tot die Gruppe geht weiter mir fällt als Einzigem ein dass es sinnvoll sein könnte den sich ausruhenden Jungen von vorhin zu befragen der im Einzelbett liegt abseits der anderen ihn fragen was hier passiert ist fällt mir ein das Mädchen schläft in Nummer acht gleich neben der Wand vorsichtig gehe ich zurück schleiche mich aus der Gruppe auf die Schlafstelle zu in der er lebt oder nur atmet er schläft nicht also muss ich ihn nicht wecken ich suche nach Worten und frage in vertrauensvollem Ton ob er sich zu sagen traut womit wir es hier zu tun haben hat sich jemand an den Kindern vergangen frage ich er macht Andeutungen die mir Anweisungen sind spricht von zwei entführten Gastarbeiterinnen oder lege ich es ihm in den Mund sicher Kinder sage ich sicher hat sich jemand an den Kindern vergangen mir kannst du alles erzählen doch die Vorgänge scheinen meinen Horizont bei Weitem zu übersteigen aus dem Gespräch mit dem Jungen werde ich nicht schlau und mich tröstet dass daraus wohl niemand schlau geworden wäre es steht lediglich fest etwas Schlimmes ist passiert hier entwickelt man Bomben hier geht etwas vor dessen Offenlegung dem Ausbruch einer Seuche der Entdeckung eines Massengrabes gleichkommt.
Justus schreckt hoch. Da bist du ja wieder, sagt Michaela, von ihrer Bettlektüre aufschauend. Es ist Abend geworden. Die Nachtcreme lässt ihr Gesicht feucht glänzen. Michaela sitzt aufrecht, die haltenden Hände in den gedämpften Lichtkegel der Leselampe getaucht. Ist mit dir alles in Ordnung? Wir haben gegessen, ich habe nach dir gesehen, du hast geschlafen, ich habe mir gedacht, ich wecke dich jetzt nicht auf, oder hättest du es gewollt? Nein, nein, danke, das passt schon, ich habe es einfach gebraucht, glaube ich. Oh, du Armer! Sie entschlüpft halb der Decke, legt das Buch zur Seite, die wuchtigen Romanhälften gehen dumpf ineinander, dazwischen nur der quadratische Lesezeichenzettel. Er legt seinen Arm um sie. Dein Herz rast ja, du schwitzt, Michaela befühlt seine Herdplattenstirn. Ich hatte einen unnötigen Traum, der regt mich auf. Was war? Fast alles vergessen, ich weiß nicht. Hast du Hunger? Ich kann dir noch etwas warmmachen, ich habe gekocht. Nein, danke, jetzt nicht, er befreit seine Füße, hält sie in die frische Luft, lässt sie kreisen, es knackt. Ist Tobias schon im Bett? Ja, ganz brav, ich habe die Tür offen gelassen, satt und Durst gelöscht und müde vom anstrengenden Tag. Wie spät ist es denn?, fragt Justus, gähnt, reibt sich die Augen. Moment, sagt Michaela. Sie kramt in ihrer Handtasche nach dem Mobiltelefon. Justus Geheimnis rückt ihr nach, zieht ihren Nacken entlang eine Spur aus leisen Küssen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Lukas Meschik: Luzidin oder Die Stille. Jung und Jung-Verlag, Wien und Salzburg 2012. 564 Seiten, 25 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.