Die Hamas kündigt die Allianz mit dem Iran auf

Abschied von Assad

Die Hamas schließt ihre Vertretung in Damaskus. Letztlich löst sie damit das Bündnis mit dem Iran.

Nun ist es amtlich: Die Exilführung der Hamas hat sich aus Damaskus verabschiedet und wird fortan verteilt in Kairo, Katar und Amman vertreten sein. Für das iranische Regime ist das eine Katastrophe: Mit dem Verlust ihres wichtigsten sunnitischen Alliierten bröckelt die »Achse des Widerstands«, über die es bislang seinen Einfluss im Nahen Osten gesichert hat. Für die sunnitisch-arabischen Staaten hingegen ist der palästinensische Ableger der Muslimbruderschaft da, wo man ihn haben wollte: unter Kontrolle und im eigenen Lager. Die Zahlungen, die die Hamas am Leben erhalten, werden nicht mehr aus Teheran, sondern von den Golfstaaten kommen und mit entsprechenden Auflagen verbunden sein. Demonstrativ fragte etwa König Abdullah von Jordanien erstmal in den USA nach, ob es Einwände dagegen gebe, dass man Funktionären der Hamas Asyl gewähre.
Als Belohnung für die Aufkündigung der Allianz mit dem Iran durfte Ismael Haniya, der Präsident des Gaza-Streifens, durch die arabische Welt reisen und dort martialische Reden halten. Nur weiß er so gut wie seine Gastgeber, dass die Agenda der Hamas momentan geostrategisch nicht ins Konzept passt. Wie sehr zwischen Marrakesch und Doha den USA und vor allem Israel der Untergang gewünscht werden mag, dieses Ziel steht derzeit nicht auf der Tagesordnung. Man ist viel zu sehr mit innenpolitischen Problemen beschäftigt und fürchtet zudem das iranische Hegemo­nialstreben. Während das iranische Regime dieser Tage seine Rhetorik gegen Israel verschärft und erneut mit der Vernichtung des jüdischen Staates droht, hält sich die sunnitisch-arabische Welt weitgehend zurück. Der gemeinsame Kampf gegen den Iran und seine Alliierten in Syrien, dem Irak und dem Libanon hat zurzeit Vorrang. Es sind syrische Botschaften, die in Kuwait, Tripolis und Kairo gestürmt werden, nicht die Dependancen der USA oder Israels. Und dies bekommt auch die Hamas zu spüren. Etwas hat sich geändert im Nahen Osten, und wer, wie dieser Tage etwa Hassan Nasrallah und die Hizbollah, sein Schicksal an das des syrischen Regimes bindet, könnte einen sehr hohen Preis zahlen.
Auch die Hamas ist von der Dynamik des »arabischen Frühlings« betroffen. Und der treibt gerade die seltsamsten Blüten. So warf kürzlich die panarabisch orientierte Zeitung Al-Quds al-Arabi den Muslimbrüdern vor, sie hätten die Interessen der Araber einem Bündnis mit den USA geopfert, da sie nicht mehr, wie noch vor einem Jahr versprochen, das Friedensabkommen mit Israel aufkündigen wollten. Plötzlich stehen die Islamisten im Verdacht, es mit dem »großen Satan« zu halten, ein Vorwurf, den sie jahrzehntelang gegen die herrschenden Despoten gerichtet hatten.
Welche Auswirkungen der Umzug für die Hamas langfristigen haben wird, ist völlig offen, ob sie am Ende zu den Gewinnern oder Verlierern der Umwälzungen in der Region gehören wird, ebenso. Wenn einige ihrer Führer in letzter Zeit ein wenig moderatere Töne anschlagen, die Machthaber in Gaza sich zurzeit an einen informellen Waffenstillstand mit Israel halten und sogar die Repression gegen Frauen und Jugendliche gelockert haben, zeugt das nicht schon, wie von westlichen Nahost-Kommentatoren behauptet, von einem grundlegenden Wandel in ihren Überzeugungen. Es zeigt nur, dass die Hamas gerade nicht so kann, wie sie gerne wollte.

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