Hans Rosenthal als Fußballfunktionär

Bomben als Hoffnung

Vor 25 Jahren starb der langjährige Vorsitzende des Fußballvereins Tennis Borussia Berlin, Hans Rosenthal.

Der 5. Juni 1965 dürfte einer der symbolträchtigsten Tage im Leben Hans Rosenthals gewesen sein. Denkbar knapp, mit nur einem Punkt Vorsprung vor dem Spandauer SV, hatte Tennis Borussia Berlin, der Verein, dessen Präsident er seit einigen Monaten war, die Meisterschaft in der Stadtliga Berlin errungen und stand nun in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Das erste Spiel beim späteren Aufsteiger Bayern München hatten die Borussen zwar mit 0:2 verloren und mit Alemannia Aachen trafen sie im ersten Heimspiel ausgerechnet auf den heißesten Aufstiegskandidaten, aber für Hans Rosenthal war all das an diesem Tag ein bisschen weniger wichtig als bei anderen Spielen: Anders als die regulären Saisonspiele fanden die Begegnungen der Aufstiegsrunde wegen des zu erwartenden größeren Zuschauerandrangs im Olympiastadion statt, jenem Bau, in dem die Nazis nur 29 Jahre zuvor anläßlich der Olympischen Spiele der Weltöffentlichkeit ihre Scharade vom harmlosen Deutschland vorgespielt hatten.
Damals hatte Rosenthal noch im Prenzlauer Berg gewohnt und war gerade einmal elf Jahre alt. Sein Vater arbeitete bei der Deutschen Bank und spielte Klavier. Mit zwei weiteren Musikern hatte er eine Kapelle namens »Rosé« gegründet und trat in Bars und Kneipen auf. Rosenthals Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um Hans und seinen kleinen Bruder Gert.
Vater Rosenthal verlor zunächst seinen Arbeitsplatz in der Bank, weil er Jude war, dann verlor Hans seinen Vater, weil der Stress und die Lebensumstände dessen Nierenleiden so verschlimmerten, dass er schließlich daran starb. Am 9. November 1938 fuhr der junge Hans Rosenthal mit seinem Fahrrad durch die Oranienburger Straße und sah die große Synagoge brennen, in Brand gesteckt von einem deutschen Volksmob. 1941 starb Hans Rosenthals Mutter an Krebs, er und Gert waren nun Vollwaisen. Während sein Bruder in ein Waisenhaus kam, musste Hans im Berliner Umland erst als Friedhofsgärtner, dann auf Bauernhöfen Zwangsarbeit verrichten. Später kam er in eine Blechemballagenfabrik in Torgelow im heutigen Vorpommern. Gert war zu jung für die Zwangsarbeit. Im Oktober 1942 wurde er deportiert und in einem KZ ermordet.
Dass Rosenthal noch lebte, verdankte er mehreren Zufällen: Kurz nachdem er, um näher bei seinem Bruder zu sein, ins Waisenhaus in der Schönhauser Allee gezogen war, wurde das Lager aufgelöst, in dem er zuvor hatte hausen müssen, alle Bewohner wurden deportiert. Als er von dort wiederum in ein Jugendwohnheim der jüdischen Gemeinde ziehen musste, wurde auch das Waisenhaus geschlossen. Auf seiner Flucht von Torgelow aus nach Berlin, wo er untertauchen wollte, wurde er von zwei Polizisten aufgegriffen, weil er keine Papiere hatte. Doch da die Beamten Hunger hatten und ihre Mittagspause nicht versäumen wollten, ließen sie ihn laufen.
In Berlin tauchte Rosenthal in einer Laubenkolonie in Lichtenberg unter. Eine Freundin der Familie und zwei Nachbarinnen versteckten und versorgten ihn, obwohl ihre Lebensmittelmarken kaum für eine Person reichten. Wenn die anderen, die »Volksdeutschen«, sich in ihre Bunker verkrochen, weil es wieder Bomben regnete, traute Rosenthal sich manchmal aus seinem Versteck. Er legte sich auf eine nahe Wiese und beobachtete die Lichter der Bomber am Himmel, die für ihn die Hoffnung auf die baldige Befreiung bedeuteten.
Die Befreiung kam. Rosenthal überlebte die Naziherrschaft und den Krieg. Als mittlerweile zwanzigjähriger Mann konnte er nun zum ersten Mal selbst bestimmen, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Er entschied sich für eine Karriere beim Rundfunk, für den er eine Faszination entwickelt hatte in all den Nächten, in denen er bei guter Witterung mit seinem kleinen Radio über Kopfhörer die BBC gehört hatte, in der Hoffnung auf Neuigkeiten über die Nähe der Front zu Berlin. Sein erster Arbeitgeber war der Berliner Rundfunk, der unter der Kontrolle der sowjetischen Besatzungstruppen stand. Da Rosenthal die rigide Rundfunkpolitik der Sowjets missfiel, landete er jedoch nur drei Jahre später beim RIAS, dem »Rundfunk Im Amerikanischen Sektor«. Was folgte, war eine Bilderbuchkarriere in Funk und Fernsehen, die ihn zum beliebtesten Quizmaster der Bundesrepublik machte.
Zudem engagierte sich Rosenthal in der Jüdischen Gemeinde in Berlin und im Zentralrat der Juden in Deutschland. Eine seiner Leidenschaften war überdies von jeher der Fußball. Schon als Kind war er glühender Anhänger der Hertha gewesen und hatte mit Leidenschaft mit anderen Kindern gekickt. Nach dem Krieg fing er wieder an, selbst Fußball zu spielen, und gründete zusammen mit anderen eine Prominentenelf, die Benefizspiele austrug. Als Hans-Rosenthal-Team besteht sie noch heute. Seine Freundschaft zu dem Boxer Bubi Scholz führte Rosenthal zu Tennis Borussia, jenem in Lila-Weiß spielenden Verein im Stadtteil Westend, der bis in die dreißiger Jahre eine lebhafte jüdische Tradition gehabt hatte. Als er in Zeiten, in denen es um den Verein finanziell äußerst schlecht stand, seine Meinung unverblümt äußerte und damit auf offene Ohren stieß, wurde er schließlich sogar der Präsident von Tennis Borrussia und trug zur Sanierung des Clubs bei.
An dem eingangs erwähnten, eher lauen Sommertag des Jahres 1965 ging es jedoch nur am Rande um die Finanzen des Vereins. Auch dass seine Borussia nach der Führung durch Erhard Foit in der 67. Minute nur eine Minute später den Ausgleich hinnehmen und sich am Ende mit einem Unentschieden begnügen musste, dürfte für Hans Rosenthal kein Weltuntergang gewesen sein. Denn er saß in der sogenannten »Führerloge« im Olympiastadion, genau dort, wo Adolf Hitler gesessen hatte. Doch Rosenthal hatte überlebt. »Der würde sich im Grabe umdrehen, dachte ich mir«, schrieb er Jahre später in seiner Autobiographie.
Noch bis 1973 blieb Rosenthal Vorsitzender des Vereins. Dann hatte er genug, obwohl er zeitlebens ein Anhänger von Tennis Borussia blieb. Vor 25 Jahren, am 10. Februar 1987, verstarb Hans Rosenthal nach kurzer Krankheit an Magenkrebs. Er wurde 61 Jahre alt.

Ist Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der Jungle World etwas wert? Dann abonnieren Sie jetzt oder unterstützen Sie uns spontan mit einer Spende!