Auszug aus dem Roman »Gehwegschäden«

Gehwegschäden

Helmut Kuhn beobachtet, wie prekäre Freiberufler beim Schachboxen den Kampf ums Dasein proben.

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Am Anfang und am Ende einer normalen Berliner Straße taucht ein Wort auf: Gehwegschäden. Es steht am Anfang und am Ende des Gehwegs. Es ist ein kleines weißes Schild. Darauf steht das Wort in schwarzer Schrift. Gehwegschäden. Das Wort ist umrahmt. Es weist darauf hin, dass der Bürgersteig brüchig ist. Das Wort hängt am Pfosten einer Laterne, einer Ampel, an einem Verkehrsschild, wo immer es sich anbringen lässt. Findet es kein Wirtsschild, bekommt es einen eigenen Pfahl, einen zweizölligen Rohrpfosten aus feuerverzinktem Stahl mit Erdanker und Rohrkappe.
Das Schild hängt am Wirtsschild oder steht auf seinem Rohrpfosten in der Höhe der Unterkante zwei Meter. Die Richtlinie der Unterkante zwei Meter ist festgelegt in den allgemein verbindlichen Gesetzestexten und Verwaltungsvorschriften der HAV (Hinweise für das Anbringen von Verkehrszeichen). Gehwegschäden. Das Wort bedeutet, es wird hier nichts mehr repariert: Wir haben resigniert, wir haben uns abgefunden.

Der Intellectual Fight Club. Von Jesus hat Thomas Frantz gelernt: Der härteste Schlag ist nicht die Gerade, es ist der Haken

»Achtung mal jetzt.«
»Kommt mal alle her«, sagt der dicke Daniel. »Stellt euch auf und hört zu. Es gibt neun K.-o.-Schläge. Fangen wir oben an.«
Der dicke Daniel grinst.
»Der Schlag zur Schläfe«, sagt er. »Erschüttert den gesamten Schädel. Mit dem rechten oder mit dem linken Haken. Ohne Handschuh ausgeführt, ich sage das zur Vorsicht, mit voller Wucht, das heißt Einsatz des Körpergewichts und des Drehmoments aus der Hüfte – kann das tödlich sein. Vorausgesetzt, die Damen und Herren, wir treffen auch genau. Dazu braucht man gar nicht viel Kraft. Masse mal Geschwindigkeit? Na? Noch im Kopf? Friederike?«
»Genau. Kraft.«
Der dicke Daniel grinst.
Jesus schüttelt den Kopf.

Nicht das Schach bestimmt das Boxen, das ­Boxen bestimmt das Schach. Es geht um Kontrolle. Und um nichts anderes geht es hier. Das Adrenalin kontrollieren. Adrenalin schießt in den Kopf. Es sackt beim Boxen in die Beine. Du musst flüchten oder angreifen, auf dem Brett wie im Ring. Der Trick ist: das Adrenalin beim Schach zu kontrollieren. Das ist Schachboxen.

»Zweitens. Die Kinnspitze. Die Gerade zum Kinn. Klar. Haben wir reichlich geübt. Der Klassiker unter den K.-o.-Punkten.«
Der dicke Daniel nimmt sich Friederike vor. Er demonstriert den Schlag zu ihrer Kinnspitze in Zeitlupe. Jesus verfolgt seine Bewegungen mit skeptisch großen Augen. Es ist dem kleinen Kubaner anzusehen, dass er anderer Meinung ist.

In einem Schachbox-Kampf treten zwei Sportler abwechselnd im Schach und im Boxen gegenei­nander an, bis durch eine Entscheidung in einer der beiden Disziplinen ein Sieger feststeht. Begonnen wird mit einer Schachrunde. Ein Kampf geht über elf Runden, sechs Runden Schach und fünf Runden Boxen. Eine Schachrunde dauert vier Minuten, die Boxrunde drei Minuten. Zwischen den Runden liegt eine Pause von einer Minute.

Der dicke Daniel stellt Friederike zurück in die Reihe.
»Drittens: der Kehlkopf. Wenn man da eine draufkriegt, sehr schmerzhaft. Die Luft bleibt weg, der Kehlkopf schwillt an. Zum Kotzen. Das tut tagelang weh, man ist am Husten, am Würgen, kann kaum schlucken. Scheußlich.«
Der dicke Daniel macht eine Leichenbittermiene.
Jesus will etwas sagen, aber der dicke Daniel würgt ihn mit einer Handbewegung ab. Jesus stellt sich an ein Wandpolster. Er ist beleidigt.

Die jeweilige Schachrunde hat keinen Einfluss auf die nächste Boxrunde. Die Boxrunde hat einen sehr direkten Einfluss auf die nächste Schachrunde. Nach drei Minuten im Ring ist der Körper auf 8 000 Umdrehungen. Die Muskeln sind derart übersäuert, dass man kaum noch die Arme heben kann. Man nennt diesen Zustand blau. Das Gehirn hat Erschütterungen mit einer Gewalt zwischen 150 und 320 Kilogramm oder einer Geschwindigkeit von 180 bis 340 Stundenkilometern ausgehalten. Das entspricht dem Gewicht eines Ochsen oder einem Tornado der Stufe drei. Gleichzeitig produziert das Nebennierenmark Adrenalin mit dem Ehrgeiz eines Dampfstrahlers, weil es denkt, es wird abgeschlachtet. Es fällt schwer, sich in diesem Zustand auf etwas von der Größe eines Krippen­jesus auf einem irritierenden Muster zu konzentrieren.

»Viertens: die Halsschlagader. Seht ihr? Hier?«
Der dicke Daniel haut sich selbst an den Hals.
Jesus beginnt seinen Tanz am Wandpolster mit leichten Schritten.

Ein Schachboxkampf endet durch Schachmatt, K.o., Ablauf der Bedenkzeit, Disqualifikation oder Aufgabe. Endet das Schachspiel remis, entscheidet die Punktwertung im Boxen. Endet auch der Boxkampf unentschieden, gewinnt der Kämpfer mit den schwarzen Figuren. Wenn das Schachbrett nach der Boxrunde in den Ring getragen und dort aufgebaut wird, hat man seinen letzten Zug vergessen. Man schnappt nur noch nach Luft. Man hat alles vergessen. Manchmal sogar seinen Namen.

Der dicke Daniel drückt sein Kinn auf die Brust und hält dabei seine Hornbrille mit dem Handschuh fest.
Jesus kontert abseits mit leichten Schlägen. Jab, Gerade, links, rechts, Aufwärtshaken.
»Ra-ra-ra-ra!«
»Also. Warum halten wir Boxer den Kopf immer tief? So? Und niemals hoch?«
Er klingt wie Donald Duck.
»Damit man uns nicht am Kehlkopf oder an der Halsschlagader trifft!«
Der dicke Daniel nimmt den Kopf hoch und klingt wieder normal.
»Immer darauf achten. Niemals den Kopf hochnehmen, ich weiß, das ist ein natürlicher Reflex, ich will dem Schlag ja ausweichen, von ihm weggehen, aber aufpassen. Immer schön den Kopf runter, bitte, fast bis auf die Brust. Übt das!«
»Ra-ra-ra-bamm! Y Bap!«
Jesus’ Adern treten auf seinem kahlen Kopf hervor, seine Haut glänzt. Der kleine muskulöse Körper ist zum Platzen gespannt. Seine Bewegungen sind die eines Salsatänzers.

Es geht nicht um Fitness. Es geht nicht um einen Body, mit dem man aussieht wie aus der Deodorantwerbung. Ziel des Schachboxens ist nicht das Sixpack auf dem Cover von Men’s Health. Das ist eine Zeitschrift für Idioten, die noch in Ronald Reagans Supi-Yuppie-Zeitalter leben und glauben, durch Schönheit und Fitness Reichtum und Glück zu erlangen. Es geht nicht um Traumfrauen. Es geht nicht um den Mann fürs Leben oder stubenreine Wochenabschnittspartner.

»Fünftens: der Schlag zur Herzspitze. Blitzschnell unter der Führungshand des Gegners weggetaucht, und Bamm! So!«
Der dicke Daniel taucht blitzschnell unter einer imaginären gegnerischen Führungshand weg und feuert eine Rechte raus.
»Darauf lauern so einige. Der Holyfield hat mal so eine kassiert. Die linke Führungshand kommt, man taucht mit dem Kopf seitlich oder darunter weg, so, und platziert die rechte Gerade parallel unter der Führhand des Gegners zur Herzspitze. Idealerweise ist das ein so genannter Mitschlag«, sagt der dicke Daniel.
»Das heißt, die Rechte schnellt im selben Moment los wie die Linke des Gegners. Ich hab selbst mal einen K.o. zur Herzspitze bekommen. Da bleibt das Herz für kurze Zeit stehen, es kommt kein Blut mehr im Kopf an, man steht da und weiß gar nicht, wie einem geschieht … «
Der dicke Daniel streckt die linke Führungshand vor. Er wendet den Kopf zur Seite, stoppt die Bewegung, verdreht die Augen hinter den Brillenrändern und knickt in den Knien ein. Er verharrt in dieser dümmlichen Position, bis alle außer Jesus gelacht haben.
» … bevor man zusammensackt. Das Dumme dabei ist, wenn man Pech hat, kassiert man noch zwei, drei Dinger zum Kopf, bevor’s Richtung Ringboden geht. Gut. Sechs. Der Solarplexus. Klar, kennt ihr alle. Jeder schon mal eine ins Dreieck gekriegt, im Kindergarten, in der Schule, beim Fußballspielen. Das ist hier der rechte oder linke Aufwärtshaken, oder auch ’ne abgetauchte Gerade. Bupp – Luft weg. ’ne ziemliche Zeit. Reicht sogar für eine Ohnmacht.«

Es geht um Kontrolle. Das Adrenalin kontrollieren. Das kann sehr hilfreich sein. Wenn schon am Morgen Gewitterstürme von Adrenalin über der Matratze dräuen, ist die Kontrolle des Stresshormons durchaus von Nutzen. Wenn Panik wie ein Psychopath mit laufender Ketten­säge hinter der Badezimmertür lauert, ist es gut, die Reduktion von Adrenalin zu üben. Angst, Versagen, Kündigung im Urin? Runterschrauben. Schulden, Dispo, Rechnungen im Spiegel? Runterschrauben. Gänsehaut, Gefäßverengung, Schweißausbruch, Erweiterung der Bronchien am Frühstückstisch? Runterschrauben. Endpleite und Vollstreckung im Kaffeesatz? Herzfrequenz und Blutdruck senken. Langsam atmen. Schachboxen ist eine Philosophie. Nicht im Sinne von Leben. Im Sinne von Überleben.

Der dicke Daniel verdreht die Augen und grinst wieder. Wie ein General läuft er in der Boxhalle auf und ab und inspiziert seine Leute. Sie stehen kerzengerade.
Jesus hat sich in sein Wandpolster verbissen. Wie ein irrer Derwisch tanzt er davor herum und drischt auf die weiß darauf markierten Trefferflächen ein.
»RA-RA-RA-DA-BAB! Eh? RAMMBAMMBA! DABDAB! He!«
Daniel wirft einen missbilligenden Blick auf seinen Co-Trainer am Wandpolster. In atemberaubend schneller Folge klatschen die Hände des alten Kubaners auf. Er keucht und schreit. Seine dunklen Augen funkeln.
»RA-RA-RAB-DAB-DAB!«
»Gut. Sieben? Wer weiß es?«
Thomas Frantz meldet sich.
»Ja?«
Die Leber.
»Richtig.«
Der dicke Daniel verschränkt die Arme hinter dem Rücken.
»Der Leberhaken. Die Spezialität des Gentlemanboxers wie auch unseres Weltmeisters. Auch die kurze Rippe genannt.«
»RA-RA-RA-RA-RA-RA … «
Jesus schlägt die Nähmaschine: Füße und Hände bewegen sich im selben Staccato, als wolle er gleichzeitig eine Rinderhälfte weich klopfen und eine Treppe hinaufrennen. Der dicke Da­niel versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Er schreitet die Reihe der Schachboxer mit vorgebeugtem Oberkörper ab.
»Nein, nicht da, Friederike.«
»DAB! Y DAB-DAB! YAB!«
Der dicke Daniel bleibt stehen und wippt auf den Zehenspitzen.
»Die Leber liegt rechts. Also mit der Linken. Du haust einen kurzen Haken mit der Linken. So! Siehst du? Schön trocken. Im Eifer des Gefechts eine ganz fiese Nummer.«
Der dicke Daniel wiederholt die Demonstration des Leberhakens. Er tänzelt seiner enormen Masse zum Trotz ausgenommen leichtfüßig einen Halbkreis und jabbt. Selbst Jesus unterbricht für einen Moment seine Schläge und wirft einen anerkennenden Blick auf den ersten Trainer.
»Du beschäftigst den Gegner oben ganz fleißig, der zieht natürlich die Doppeldeckung hoch und zusammen, du siehst ihm genau in die Augen, du haust mal ’ne Rechte, so … «
Der dicke Daniel schlägt eine rechte Gerade.
» … dann lässt du die Linke einfach fallen, merkt der gar nich, sieht der gar nich, und ziehst sie kurz aus der Drehung rüber zum Rippenbogen. So! Noch mal: Das ist keine Frage der Kraft. Wenn man die Leber genau trifft, dauert es ein paar Sekunden, und es zieht ein bestialischer Schmerz durch den ganzen Körper. Ist auch was Feines für die Kneipe, meine Herrn.«
Gelächter.
»NO!«
Jesus ist mit zwei Sprüngen neben Daniel gelandet.
»NO NO NO!«
Er sieht die Schachboxer wild gestikulierend an.
»Was habe i gesagt? He? Hab i gesagt, linke Hake ist wie rechte Hake mitte Drehung! He? Immer mitte Drehung!«
Jesus schlägt wieselflinke Haken in die Luft. Oberkörper und Hüften stehen beim Abstoppen der Faust in einem Winkel von ziemlich exakt 90 Grad zu ihrer Ausgangsposition.
»So! So! Y so! Und wenn i hier bin, kann i glei rechte Hake schlagen: so! Y so! Ra-ra-ra-ra! Eh?« Jesus grinst.
»Äh ja, gut. Hört auf Jesus. Also acht. Welche Organe haben wir noch? Nieren? Nein, Otto. Der Nierenschlag ist verboten, aber es bleiben noch der Milzhaken, rechts, und neun, der Magen. So. Und jetzt an die Geräte. Jeder sucht sich ein Gerät. Nach jeder Runde wechseln wir das Gerät. Bandagen wickeln, Handschuhe an. Wer in zwei Minuten nicht am Gerät steht, macht 40 Liegestütze. Zeit läuft!«

Der dicke Daniel klatscht in die Handschuhe. Jesus trollt sich wieder an sein Gerät. Die Schachboxer keuchen, sie sind noch außer Atem vom Aufwärmtraining. Es sind ungefähr 40 an diesem Abend. Darunter ein Drittel Frauen. Freischaffende Anwälte, Webdesigner, Journalisten. Alle schwitzen. Praktikanten, Studenten, mies bezahlte Dozenten. Manche sehen aus, als hätten sie mitsamt Sportkleidung gebadet. Künstler, Kulturmanager, auftragslose Architekten. Alle mit Anfang dreißig schon fast am Ende. Schauspielerinnen, Teilzeitinformatiker. Die gesamte Palette. Alle, die sich irgendwie in einer prekären Situation befinden und nicht wissen, was nächste Woche ist. Schachboxen ist ihre Strategie. Nicht im Sinne von Clausewitz. Im Sinne von Tyson. Der dicke Daniel haut nochmal in die Handschuhe. Alle flitzen zu ihren Sporttaschen und wickeln ihre Bandagen. Schachboxen ist ihre Kommunikation. Nicht im Sinne von Du. Im Sinne von Ich.

Das Aufwärmtraining dauert eine halbe Stunde. Seilspringen, Situps, Liegestütze, Scherensprünge und Hampelmänner. Immer im Wechsel. Joggen vom Schachschrank zum Ring und zurück. Kniehebelauf, Anfersen, um die Sand­säcke herum, wobei Hopser-, Seiten- und Rückwärtslauf einhergehend mit kontrapunktischem Armkreisen und verschiedenen Schlagkombinationen geübt werden. 30 Minuten ohne Pause. Am Ende zerstört der dicke Daniel mit der Ankündigung einer dreiminütigen Schubkarrenjagd jede Hoffnung auf Erholung. Diejenigen Teams, die von ihren Verfolgern eingeholt werden, haben 40 Liegestütze zu absolvieren.
Der dicke Daniel ist ihr Trainer. Jesus ist der zweite Trainer. Er hat das Boxen in Havanna auf dem Schulhof gelernt. Mehr als 400 Kämpfe hat er bestritten. Vom Boxerinternat bis nach Montreal und Ostberlin. Er hat Leute trainiert, die gegen Holyfield, Botha und Klitschko angetreten sind. Jetzt ist er fast sechzig, und er lebt von diesem Minijob in einer Einraumwohnung in Marzahn. Der dicke Daniel ist hoch bezahlter Medienconsultant. Jesus und der dicke Daniel können sich nicht leiden. Jeder weiß es besser. Der dicke Daniel ist ein kühler Kopf. Jesus boxt mit Liebe.
Manchmal macht Anti-Terror-Frank das Training. Anti-Terror-Frank ist der Weltmeister, und dann ist das Training härter. Anti-Terror-Frank bildet in Afghanistan Polizisten aus. Er duldet überhaupt keine Mätzchen. Wer jammert, hat noch vierzig Prozent, sagt er. Schlappmachen ist keine Option. Frank hat im Training wenig Humor und überhaupt kein Verständnis. Jede Anti-Gehorsam-Haltung wird umgehend geahndet. Frank hat Thomas Frantz im Ring zu vielen aufregenden Nahtoderfahrungen verholfen. Aber Frank ist Halbschwergewichtler. Der dicke Daniel ist Schwergewicht wie Thomas Frantz und damit häufiger Gegner.

Der dicke Daniel ist ein Schmutzboxer. Schnell, intelligent, unsauber. Er lässt einen immer schlecht aussehen. Man nennt diese Boxer auch Stinker. Für einen solchen Stil muss man was vom Boxen verstehen und das Beste aus seinen Defiziten machen – im Fall des dicken Daniel: Zwergwuchs. Den Takt des anderen zu zerstören und seine Aktionen zu unterbinden, um selber zu treffen, kann auch gutes Boxen sein. Sieht halt scheiße aus. Vor allem für den anderen.
Sein Stil ist völlig unorthodox. Er verwendet die fiesesten Kombinationen. Rechter Körperhaken, sofort gefolgt vom rechten Kopfhaken. Ohne Anwendung der Linken. Die Tyson-Kombination. Völlig arhythmisch, und man deckt natürlich nach der ersten Rechten automatisch die linke Seite ab. Oder die Kombination Jab, rechte Gerade, rechte Gerade, Jab. Auch arhythmisch, und er legt die Wucht erst in die zweite Gerade. Damit knackt man jede Doppeldeckung. Die zweite Rechte geht immer durch. Nach der Aktion kugelt er sich sofort ein. Seine muskulösen Arme versiegeln die gesamte Trefferfläche am Körper bis auf einen schmalen Streifen Bauchspeck über der Gürtellinie, während seine listigen kleinen Augen über den Handschuhen auf die geringste Blöße lauern. Für ihn ist die Verteidigung der bessere Angriff. Sie verbraucht weniger Kraft. Verteidigen heißt nicht: auf den Schlag warten. Verteidigung heißt: flexibel manövrieren. Der dicke Daniel ist praktisch ein Guerillakämpfer. Ein Vietcong, der sich in eine Erdhöhle gräbt und wartet, bis der Bombenteppich verraucht ist. Man kann ihn überhaupt nicht vorausberechnen. Nur ahnen, was er vorhat. Gern schlägt er auch den rechten Cross von oben runter, ganz und gar ohne Jab und Warnung, und gleich darauf unten links die kurze Rippe rein. Dann windet er seinen Körper wie einen Schraubstock und quirlt mit den Armen, bis man in den Seilen hängt und überhaupt nicht mehr weiß, wo rechts und links ist. Thomas Frantz hat das schon oft erlebt.
Ebenso schräg ist sein Schachspiel. Es ist voller Fallen. Er spielt auf Seekadettenmatt, Königsgambit und versucht sogar das Schäfermatt. Als Frantz begriffen hatte, wie er das Königsgambit vermeiden konnte, indem er nicht den e-Bauern zwei Felder vorzog, sondern Bauer c6 spielte, damit aber ungewollt Caro-Kann einleitete, war er wieder nach nur sechs Zügen matt gewesen. Der dicke Daniel hatte im fünften Zug einfach die Dame vor den König gesetzt, um die Sache im nächsten durch Springer d6 perfekt zu machen. Frantz hatte übersehen, dass sein e-Bauer gefesselt war. Der dicke Daniel grinste. Er vertraut darauf, dass sein Gegner die Fallen nicht kennt.
Das klappt. Thomas Frantz ist oft der Verzweiflung nah. Er ist kein allzu guter Schachspieler, viel zu sehr verlässt er sich auf spontane Eingebungen und kennt sich in der Schachliteratur überhaupt nicht aus. Der dicke Daniel schon. Frantz hat das begriffen und einige Partien studiert, hasst aber nach wie vor Daniels ewige Springergabeln. Frantz besucht einmal in der Woche den Unterricht. Den gibt ein blonder Junge, der Großmeister ist und dessen Name in der Schachwelt mit Ehrfurcht ausgesprochen wird. Frantz versteht nicht immer, was der Junge an der Magnettafel tut. Aber er lernt, so gut er das noch kann.

Schachboxen ist nicht irgendein Hybridsport wie Biathlon oder Iron Man. Es ist nicht einfach eine Kombination aus Sportarten, die nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Es ist keine Verrücktheit wie Crosseinradfahren oder alpines Extrembügeln, keine Dummheit wie Melonenkerne weitspucken, während man auf ­einem wütenden Bullen sitzt. Es geht um Kontrolle, um den nächsten Zug. Zwölf Minuten. Das ist das Zeitlimit im Schnellschach. Zwölf Minuten für die Summe aller Züge. Man muss schnell ziehen, aber nicht hektisch. Man muss entschlossen manövrieren, aber nicht aus dem Bauch heraus handeln. Man muss ohne zu zögern im nächsten Moment zuschlagen, aber die Aggression im Ring kontrollieren. Man muss lernen, nicht getroffen zu werden und die richtige Kombination im richtigen Moment zu schlagen.

Als er mit dem Schachboxen begann, hatte sich Thomas Frantz noch bei seinen Gegnern entschuldigt, wenn er sie aus Versehen getroffen hatte. Frantz hatte versucht, sich zu decken, so gut es ging, und er schlug seine Jabs mit der Führhand und auch die schnellen Geraden mit der Schlaghand auf die Deckung des Gegners; er zielte auf die Handschuhe anstatt auf das Gesicht. Er wollte niemandem wehtun. Nicht aus einer Angst heraus, der Geschlagene könne wütend werden und im Gegenzug ihn, Frantz, verletzen oder ihm wehtun. Nein, es war ein überzogener Altruismus gewesen, schien es Frantz, wie eine scheinheilige Bergpredigt. Denn warum stellte er sich dann in einen Ring? Bis er zu begreifen glaubte, dass etwas nicht stimmte in diesem Verhältnis aus Geben und Nehmen. Dass ihm etwas aus der Balance geraten war, dass er diese Balance nie gehabt hatte. Im Leben, fand Thomas Frantz, sollte man doch mehr geben als nehmen. Ein Defizit in diesen Zeiten, wie er feststellte. Thomas Frantz, dieser Hüne, hatte geglaubt, er könne die butterweiche Kinderseele in seinem Körper wie in einem Kokon aus Gewebe und Muskeln schützen. Aber das funktionierte in einem Ring nicht. Auch wenn er es mit schwächeren Gegnern zu tun hatte, die er ohne Mühe hätte verdreschen können, steckte er immer nur ein. Zunächst zollten sie seiner Gestalt durch große Vorsicht einen gewissen Respekt. Aber sobald sie merkten, dass Frantz von seiner Kraft und Masse gar keinen Gebrauch machte, schlugen sie umso öfter und härter zu. Bis es Frantz zu bunt wurde. Dann unterbrach er den Kampf und nuschelte seinem Gegner durch den Mundschutz zu, dies sei ein Sparring und er möge seine Schläge bitte besser kontrollieren. Bis er einmal einem Mann gegenüberstand, der von den anderen Schachboxern The Snake genannt wurde.
Er kam vom Tae-Kwon-Do. Er hielt seine Fäuste nicht wie die anderen, Rechte am Kinn, Linke vor dem Körper, sondern streckte beide Arme fast waagerecht nach vorne und drehte die Handrücken zur Decke; so hielt er den Gegner auf Abstand. Seine Bewegungen hatten tatsächlich etwas Schlangenhaftes. Zudem war er Rechtsausleger. Er boxte sparsam und abgezockt, bewegte sich nur lauernd und wartete, bis Frantz in seine Fänge lief. Dann schlug er blitzschnell und sehr hart zu. Frantz sah Sterne. Die Erschütterung, wenn Snakes Faust an seinem Kopf eintraf, schmerzte ihn. Frantz wurde wütend. Aber er hatte gelernt, seine Emotionen im Ring zu kontrollieren. Er drehte das Spiel um. Er stand reglos in der Ringmitte, bis Snake die Aktion eröffnete und in Frantz hineinlief. Frantz verpasste ihm einen trockenen Haken mit der Linken zur Schläfe. Plötzlich lag Snake am Boden. Er war umgefallen wie ein Sack Kartoffeln. Frantz erschrak. Er hatte ihn nicht einmal hart getroffen. Sofort entschuldigte sich Frantz, half ihm auf, und im weiteren Verlauf der Runde, in der Snake sehr vorsichtig boxte, bot ihm Frantz mehrmals die halboffene Deckung an, als wolle er Snake die Gelegenheit geben, die Balance wiederherzustellen. Erst sehr viel später, er war längst zu Hause und saß lesend im Sessel, empfand er eine heimliche Freude. Kindlicher Stolz durchfuhr ihn. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben jemanden niedergestreckt.

An den Säcken, Maisbirnen und Wandpolstern stehen die Schachboxer und üben den linken Körperhaken. Man hört sie stöhnen, schubweise Luft aus Nase und Hals stoßen, man hört das dumpfe, helle, klatschende Geräusch auf Leder treffender Hände. Man hört Jesus. Wie er flucht und anfeuert und lacht. Caramba, muchacho! Man hört tiefe, schrille, giftige Kehllaute und Daniels Kommandos.
»Und … Schlag!«
Nur Thomas Frantz übt einen anderen Schlag.
»Und … Schlag!«
Er hat sich in den rechten Kopfhaken ver­bissen.
»Und … Schlag!«
Wie ein Besessener schlägt er zu. Wie ein Berserker drischt er auf den schweren Sack ein, immer wieder auf die gleiche Stelle. Auf die imaginierte Schläfe seines Gegners.
»Und … Schlag!«
Er ist noch etwas größer als er, dieser Gegner, stellt Frantz sich vor. Er versucht, den Effet des Schlages aus der Drehung der Schulter und der Hüfte zu holen. Gleichzeitig legt er, allen Belehrungen Daniels zum Trotz, so viel Arm- und Schulterkraft in den Schlag hinein, wie er nur hat. Thomas Frantz stößt dabei einen Stimmlaut aus. Er entlädt sich im Moment der auftreffenden Faust. Er spürt, welche Energie er freisetzt.
»Und … Schlag!«
Nach den Schlägen der Schachboxer rasseln die Ketten über den Säcken. Thomas Frantz spürt die Wucht seines Schlags, er ist fasziniert von der Kraft dieses Aufpralls, des Geräuschs, es ist ein Schlag wie ein Gesamtkunstwerk. Nur wenn alle Komponenten aufs Genaueste zusammenwirken, ist diese Wucht zu erzeugen.
»Und … Schlag!«
Jahrzehnte hat Thomas Frantz geglaubt, geirrt in der Annahme, der härteste Schlag eines Menschen sei die rechte Gerade. Von allen Tritttechniken verschiedener Kampfsportarten einmal abgesehen, denn Tritttechniken haben ihn nie interessiert und außerdem ist er wenig gelenkig und bekäme die Beine gar nicht über die Hüfte hinaus.
»Und … Schlag!«
Rasseln. Keuchen. Kehllaute.
Nein. Es ist der rechte Kopfhaken. Kurz ausgeführt. Nicht der lange Haken auf der Außenbahn, der die Doppeldeckung umgeht. Es ist der Kurze. Der kurze Schlag ist ansatzlos. Kompromisslos. Bedingungslos. Drehung, Verlagerung der Körpermasse, Schnellkraft und Schlag! Man sieht ihn nicht kommen, diesen Schlag. Man kann ihn nicht einmal ahnen. Seit Thomas Frantz diesen Schlag übt, das sind nun schon vier Jahre, hat er beständig daran gefeilt. Er hat es bei diesem Schlag zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Und … Schlag! Dieser Schlag ist der Tod. So stellt er sich das vor.
»Und … Schlag!«
Er ist wie berauscht davon.
»Und Zeit … !«
– »Ra-ra-ra-ra! Y Dab!«

Thomas Frantz schnauft. Er schwitzt. Er hört das Keuchen der Boxer. Das Leder des Sacks ist in Höhe seines Gesichtes nass, das Gerät schwingt noch leicht nach, nass von seinem Schweiß, seine Speichel, Frantz stoppt diese Bewegung und hält ihn fest, seinen Gegner, nass von seiner Ekstase. Er umarmt ihn fast zärtlich.
Im nächsten Moment sitzen die Schachboxer im Schneidersitz am Boden. Hocken auf den Bänken, im Ring vor ihren Brettern. Die Schachuhren ticken. Thomas Frantz ist konzentriert. Das will gut überlegt sein, und dann schnell gezogen, die gleiche Hand schlägt auf die Uhr, Tack. Die Verabredung ist: ’ne halbe Stunde auf die Fresse hauen ist okay. Tack. Die Verabredung ist: Läuft die Uhr ab, ist’s aus. Tack. Die Verabredung ist: Teil einer Welt zu sein, in der nur der mittelbar nächste Zug zählt. Tack. Mitglied in einem Club zu sein, in dem man lernt, sich intelligent durchzuschlagen. Tack. Insigne dieser Mitgliedschaft ist ein Ring. Tack. Ein silberner Ring, auf dem ein Boxhandschuh einen Springer hält. Tack. Wie in einer Sekte. Tack. Schachboxen ist eine Utopie. Nicht im Sinne von morgen. Im Sinne von jetzt.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Helmut Kuhn: Gehwegschäden. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2012. 360 Seiten, 22,90 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.