Kein Rabatt für schlechte Presse

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Es hat sich ausgewulfft. Der einstige Herr der Freundschaftsdienste, der anrüchigen Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung ist nach dem Zapfenstreich weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber die oftmals fragwürdige Verflechtung von Politik und Wirtschaft wird uns Medienvertreter weiterhin beschäftigen.
Doch sind Journalisten überhaupt geeignet, unlautere Vergünstigungen offenzulegen und Korruptionsfälle anzuprangern? Schließlich gehören wir auch zu den von der Wirtschaft Hofierten. Unsere Vorteilsnahme nennt sich Presserabatt. Zehn Prozent weniger fürs neue Auto, 25 Prozent gespart beim nächsten Flug – wo bleibt da die Unabhängigkeit? Auf der Strecke, werden Kritiker monieren und nun ausgerechnet die Deutsche Bahn als Vorreiterin für notwendige Redlichkeit preisen.
Das Unternehmen hat nämlich angekündigt, die Pressekonditionen für die Bahncard als »nicht mehr zeitgemäß« abzuschaffen. In vielerlei Hinsicht aufschlussreich ist die Begründung: »Nicht nur die Medienwelt hat sich grundlegend verändert, auch die gesellschaftliche Sicht der Dinge wandelt sich (…).« Wulff lässt grüßen. Das war’s dann aber auch schon mit dem hehren Zeitgeist: Weder ist die Bahn plötzlich zur Avantgarde in Sachen Transparenz geworden, noch müssen alle Preisnachlass-Journalisten das Büßergewand überstreifen.
Zugegeben, es ist ein merkwürdiges Privileg, dass Medienvertreter in den Genuss von Rabatten kommen, nur weil sie einen Presseausweis besitzen. Daher beschleicht mich zuweilen (wie andere Kollegen auch) ein Unbehagen bei der selbstgestellten Frage, ob ich einen finanziellen Vorteil in Anspruch nehmen soll. Tatsächlich versuchen Unternehmen ja immer wieder, auf Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Doch ich behaupte einfach mal, dass dies nur in den seltensten Fällen gelingt.
Die Geschäftszahlen von Air Berlin werden von Journalisten mit Sicherheit nicht geschönt, nur weil sie mal preiswert mit der Fluglinie nach Ibiza gekommen sind. Auch die Buchrezension fällt kaum weniger kritisch aus, nur weil der Verlag ein Belegexemplar spendiert hat. So einfach lassen sich Medienleute ihr Bemühen um Objektivität nicht abkaufen. Zumindest gilt das für diejenigen, die die Regeln unseres Berufsstands beherzigen. Und das sind wohl die meisten.
Dass die Bahn jetzt auf der Wulff-Welle surft, hat schon etwas Absurdes. Wie kaum ein anderer Konzern verärgert das Unternehmen seine Kundschaft fortwährend durch bescheidenen Service und deftige Preise. Um davon abzulenken, schimpft die Bahn gerne auf die Presse, die sie »runterschreibe«. Die bisher gewährten Rabatte haben also offenbar nichts genutzt. Genau deshalb werden sie abgeschafft. Eine bloße Sparmaßnahme, die uns Journalisten jedoch zur Ehre gereicht.