»Imperium« von Christian Kracht

Wollt ihr den totalen Kracht?

Christian Krachts Roman »Imperium« kokettiert mit Ironie und Zynismus. Gleichzeitig wirft der Briefwechsel des Autors mit dem Komponisten David Woodard aber auch einige Fragen auf.

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Man kann Christian Kracht nur beglückwünschen. Die Debatte um seinen Südsee-Kolonialroman »Imperium«, dem der Literaturkritiker Georg Diez im Spiegel vorwarf, von einer »rassistischen Weltsicht« zu zeugen, hat dem Autor wochenlange Medienpräsenz beschert. Die vielen Schlagzeilen katapultierten seinen Roman binnen kürzester Zeit auf die Bestsellerliste. Die Begeisterung für dieses Buch und die Zurückweisung der Behauptung von Diez, Kracht bereite den Weg für ein »antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken«, waren von seltener Einhelligkeit.
Besonders häufig wurde beteuert, Krachts Roman über die historische Figur des deutschen Kokosnussvegetariers und Nudisten August Engelhardt, der um 1900 in »Deutsch-Neuguinea« auf dem einsamen Eiland Kabakon seine »Kolonie der Kokovoren« gründete, sei großartige Literatur. Jan Klüveler wiederholte in der Welt das Mantra, Kracht erweise sich als ein »Grenzgänger sicheren Geschmacks«, der »zwischen Kritik und Affirmation« schillere. »Mit anderen Worten: als interessanter Autor.«
Viel mehr als solche bloßen Ergebenheitsadressen an den Sohn des gleichnamigen Generalbevollmächtigten der Axel Springer AG fiel den Befürwortern in der Welt allerdings auch nicht ein. Ulf Poschardt etwa glaubte, ein Indiz für die verkannte moralische Integrität des Autors vorweisen zu können, indem er einen dekontextualisierten Einzelaspekt aus dessen Werk betonte, der als Beweis ebenso wenig zu überzeugen vermochte wie die wenigen Stellen aus »Imperium«, die Diez als Beleg für die gegenteilige These aufzubieten hatte: »Der Held in seinem vorangegangenen Roman war Schwarzafrikaner.« Poschardts Kollege Cornelius Tittel wiederum klagte: Der »Kracht-Vernichtungsversuch« von Diez sei »so haarsträubend«, dass »man es lieber Literaturwissenschaftlern an einem gut ausgestatten Lehrstuhl überlassen möchte, die Infamie dieser Attacke in all ihren Details darzustellen«.
Hier kann gerne Abhilfe geschaffen werden. Allerdings fällt das Gutachten etwas anders aus, als man es sich bei der Welt erhoffen mag. »Imperium« ist ein Roman, der an Krachts altbekannte Strategie anschließt, koloniale Klischees mit einer seltsam nostalgischen Sprache wiederaufleben zu lassen, die die Nähe zum Kitsch nicht scheut: »Engelhardt war auf die fast schmerzhafte Schönheit dieser Südmeere gar nicht vorbereitet gewesen; Sonnenstrahlen stießen in leuchtenden Säulen durch die Wolken, des Abends senkte sich friedliche Milde über die Küsten und ihre hintereinander gestaffelten, sich im zuckrigvioletten Licht der Dämmerung ins Unendliche fortsetzenden Bergketten.«
Kracht erweist sich in »Imperium« abermals als belesener Autor, der seine Romane so sehr mit intertextuellen Anspielungen durchsetzt, dass deren Entschlüsselung die Literaturkritik überfordern muss. So lässt er die Visionen elitärer Lebensreformer um 1900 in der Figur Engelhardts in einer Weise wiederaufleben, die mit Blick auf den grassierenden Veganer- und Outdoor-Wahn unserer Zeit nicht ohne sarkastischen Witz ist. Wenn Engelhardt dem Gouverneur des deutschen »Schutzgebietes« Neupommern vor seiner Ankunft in der Hauptstadt Herbertshöhe eine Art Heiligenfoto von sich voraussendet, so ist das Motiv eine Erinnerung an das berühmte »Lichtgebet« des Malers Fidus (1868–1948). Es kann aber auch als Zitat des Fidus-Zitats in dem NS-Bestseller schlechthin gelesen werden, Walter Flex’ »Märtyrer«-Roman »Der Wanderer zwischen beiden Welten« (1917): »Engelhardt hatte eine Photographie mitgesandt, die ihn auf einem fränkischen Hügel nächst Nürnberg stehend zeigte, die Arme zum Himmel, zur Sonne emporgereckt.«
Wenn man sich nun ansieht, was in Krachts vertracktem Text aus diesem esoterischen Lebenskult gegen eine angebliche »Durchseuchung des Geistes« in Deutschland wird, aus dieser Engelhardtschen Bekämpfung »einer inneren, unheilbaren Morschheit, deren zersetzende Kraft sich wie ein Krebsgeschwür durch die Seele zu fressen vermochte«, dann könnte man das in einer ersten, naiven Lesart sogar als gewitzte Zeitkritik am Gesundheitswahn unserer Tage verstehen: Am Ende verstümmelt sich Engelhardt selbst und beißt herzhaft in den eigenen Daumen, den er sich abgeschnitten hat. Der selbsternannte Diätguru dreht am Ende also schlicht durch und ergeht sich obendrein in antisemitischen Verschwörungstheorien.
Es ist ein komplexer Roman, in dem zwar beinahe alle auftretenden Figuren Rassisten sind, aber gleichwohl auch als gemischte Charaktere auftreten, die Wandlungen durchmachen: Das Buch handelt nicht nur von Tätern, sondern auch von Opfern. Allen voran Engelhardt, der z. B. als Nudist im ostpreußischen Memel von Polizisten misshandelt und eingesperrt wird. Zunächst gibt er sich sogar als Verteidiger der »dunklen Rassen« zu erkennen, die den Weißen »um Jahrhunderte voraus« seien. Auch von Richard Wagners Antisemitismus hält Engelhardt am Anfang wenig. Er hört lieber Giacomo Meyerbeer.
Allerdings muss Engelhardt dann auch erfahren, dass der Tamile Govindarajan, mit dem er in Ceylon gleich ein Hotelzimmer teilen will, weil sich dieser als angeblicher Vegetarier geschickt bei ihm eingeschmeichelt hat, nichts weiter als ein Lügner und ein schäbiger Dieb ist. Das kennen wir bereits aus Krachts vorherigem Roman »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«: Auch dort muss der von Poschardt so triumphierend erwähnte »Schwarzafrikaner«, der als antirassistischer Protagonist eingeführt wird, am Ende erfahren, dass der Jude Brazhinsky doch ein Verschwörer und Konterrevolutionär ist, der ihn umzubringen versucht.
Wie auch schon Krachts Roman »1979«, der in der Zeit der iranischen Revolution gegen den Schah angesiedelt ist, erzeugt »Imperium« beim Leser Ahnungen eines antidemokratischen Antiamerikanismus, ohne dass man dem Text diese Botschaft eindeutig nachweisen könnte: Schwarze GIs, deren Zähne mit »einer unwirklichen Leuchtkraft strahlen«, servieren Engelhardt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Hot Dog und Coca Cola: Man »schlägt ihm aufmunternd auf den Rücken; dies ist nun das Imperium«.
Das kann im Kontext des Romans »1979« gelesen werden, in dem eine für den Protagonisten nicht unwichtige iranische Prophetenfigur sagt: »Wenn wir es nicht selbst in uns ändern, werden wir alle kriechen müssen, wie Schnecken, blind, um ein leeres Zentrum herum, um den großen Satan herum, um Amerika. (…) Es gibt nur eine Sache, die dagegen stehen kann, nur eine ist stark genug: der Islam. Alles andere wird scheitern. Alle anderen werden in einem schaumigen Meer aus Corn Flakes und Pepsi Cola und aufgesetzter Höflichkeit ertrinken.«
Zudem steht neben»Imperium« ein weiteres Buch zur Debatte, das die Literaturwissenschaftler Johannes Birgfeld und Claude D. Conter herausgegeben haben: »Five Years«, der von Diez inkriminierte englischsprachige Briefwechsel Krachts mit David Woodard, rückt viele Einzelmotive aus dem Roman erneut ins Zwielicht: Karlheinz Stockhausens Bemerkung, der Anschlag auf das World Trade Center sei das größte Kunstwerk für den ganzen Kosmos gewesen, bezeichnet Kracht in »Five Years« z. B. als »only viable comment on 911«.
Wie geht man nun damit um, dass Kracht in dem Buch zusammen mit Woodard die einstige Rassistensiedlung Elisabeth Förster-Nietzsches in Paraguay, »Nueva Germania«, aufsucht und dorthin die Bibliothek seines Großvaters verschenkt, während sich sein Brieffreund in dem Ort die Errichtung einer Kopie des Wagner-Opernhauses wünscht? Warum organisiert Kracht in Berlin einen zweistündigen Vortrag Woodards, der zunächst den erstaunlichen Titel »An Evening Devoted to Elisabeth Förster-Nietzsche and Nueva Germania« tragen soll – wo doch Förster-Nietzsche Antisemitin war und in »Nueva Germania« u. a. der Auschwitz-Folterknecht und Massenmörder Josef Mengele Unterschlupf gefunden haben soll, über den Woodard merkwürdig begeistert klingende Exilanekdoten zu mailen weiß? Ist all dies auch wieder nur ein Hoax im Rahmen eines fingierten »Briefwechsels«, um uns abermals zu provozieren und an der Nase herumzuführen? Handelt es sich um einen Scherz? Doch wer könnte darüber lachen?
Solche Fragen lassen auch viele Motive und Figurenäußerungen in »Imperium« noch einmal anders klingen. Der Roman beeindruckt z. B. dann, wenn es darum geht, zu zeigen, wie gerade solche Leute, die ihr eigenes Coming-out unterdrücken, zu besonders fanatischen Schwulenhassern werden können. Was aber macht man nun mit dem Befund, dass Kracht sich in seinem Mailwechsel mit Woodard selbst als exakt solcher Autor zu erkennen gibt, der ständig darüber besorgt ist, dass er aus einer »G-Trap« in der insbesondere literaturwissenschaftlichen Rezeption seiner Werke nicht mehr herauskommen könnte? Warum betont Kracht gegenüber seinem Freund ständig, seine Liebes- und Unterwürfigkeitsschwüre seien keinesfalls »in a G-man way« gemeint? Warum teilt Kracht nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst begeistert mit: »He will lead the catholic church away from the devilish wiles of gaydom«?
Es ist schon seltsam: Birgfeld und Conter geben einen Mailwechsel Krachts mit einem von diesem bis zuletzt sehr verehrten Freund heraus, der vor homophoben, antisemitischen und autoritären Diktatur- und NS-Kokettiererien nur so strotzt, und schreiben dazu in ihrem Vorwort: »Der Briefwechsel enthält keine zu entbergenden Wahrheiten. Er ist als Dokument hohl. (…) Denn unabhängig von seinen unbekannten ursprünglichen Intentionen wird der Briefwechsel im Moment der Veröffentlichung zu einem Rätseltext, zu einem Werk potenzierter Vieldeutigkeit; er wird für den Leser zur Fiktion.«
Man fasst sich an den Kopf: Müsste dies doch bedeuten, dass z. B. auch Adolf Hitlers »Mein Kampf« durch seine Publikation automatisch zu einem »hohlen« Dokument wurde, dessen Inhalt für die Leser bloße Fiktion bleiben muss. Auf solch einen relativierenden Unsinn verfallen nur Germanisten, die einen Autor zum Heros der Gegenwartsliteratur stilisieren möchten, indem sie ihn als bloßes Phantom entwerfen.

Christian Kracht: Imperium. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 240 Seiten, 18,99 Euro
Christian Kracht, David Woodard: Five Years. Briefwechsel 2004–2009. Herausgegeben von Johannes Birgfeld und Claude D. Conter. Wehrhahn-Verlag, Hannover 2011, 247 Seiten, 19,80 Euro