Andrej Holm im Gespräch über die Proteste gegen das »BMW Guggenheim Lab« in Berlin

»BMW steht für die Stadt von gestern«

Laut eigener Website ist das »BMW Guggenheim Lab« ein »mobiles Laboratorium«, in dem »Lösungen für das städtische Leben« gefunden werden sollen. Auf seiner Tour durch neun Städte weltweit in sechs Jahren hätte es ab Mai dieses Jahres für zwei Monate im Berliner Stadtteil Kreuzberg Station machen sollen. Doch dann kamen die »Autonomen« (Die Welt), »Linksextremisten« (Tagesspiegel) oder einfach nur »Mieterinitiativen und stadtpolitische Gruppen« (Taz) und haben es vertrieben. Der Berliner Senat hat das Projekt allerdings noch nicht ganz aufgegeben und sucht nun fieberhaft nach einem Ausweichort – im Gespräch sind die Stadtteile Prenzlauer Berg und Lichtenberg. Die Jungle World sprach mit Andrej Holm, Soziologe an der HU Berlin und Betreiber des »Gentrification Blogs«, darüber, was genau die Gegnerinnen und Gegner des »Lab« an dem Projekt auszusetzen haben.
Interview Von

Was ist eigentlich das Problem mit dem »BMW Guggenheim Lab«?
Ich denke, es geht vor allem um zwei Punkte: Zum einen haben wir in Kreuzberg schon seit ein, zwei Jahren eine relativ intensive Debatte über Stadtpolitik, bei der unterschiedliche Gruppen zu verschiedenen Themen arbeiten. Diese Initiativen fühlten sich zu Recht überfahren, wenn da plötzlich jemand von außen kommt und ankündigt, über die Zukunft der Stadt zu sprechen. Aus Kreuzberger Perspektive findet nämlich genau das seit eineinhalb Jahren sowieso jeden Tag statt. Zum anderen kommt hinzu, dass gerade ein Konzern wie BMW sagt, er wolle diese Diskussionen über die Stadt der Zukunft voranbringen – also ausgerechnet ein Autokonzern, der eher für die Stadt von gestern steht.

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Also geht es nicht nur um das »Lab« selbst, sondern auch um diese ganzen Diskussionen der letzten Jahre über Carlofts, Town Houses, Mediaspree, O2 World …
Ja, genau. Es gibt eine regelrechte Kette von Protesten, in die man den Streit um das »Guggenheim Lab« einordnen kann. Das Muster ist recht ähnlich. Ein symbolisch hoch aufgeladenes Projekt oder Gebäude wird zum Gegenstand des Aufbegehrens, weil die Konflikte um die Stadtentwicklung hier sichtbarer sind als bei den tagtäglichen Veränderungen, denen der Stadtteil seit einigen Jahren unterliegt. Typisch für Kreuzberg ist, dass sich dann schnell viele Leute und Gruppen angesprochen fühlen, sich an diesen Protesten zu beteiligen. Der Fall von Mediaspree vor ein paar Jahren und jetzt der Rückzug von Guggenheim aus Kreuzberg zeigen, dass diese sogar Erfolg haben können.

Auf Ihrem Blog schreiben Sie, das »BMW Guggenheim Lab« habe, »wenn auch anders als geplant, seine Funktion erfüllt und städtische Trends der Gegenwart in anschaulicher Weise sichtbar gemacht«. Können Sie das erläutern?
Ziel des »Guggenheim Lab« war es ja, aktuelle Trends des Städtischen zu erheben und Lösungen für die Zukunft zu erarbeiten. Der Streit in Kreuzberg zeigt, dass es dafür gar keine Expertenrunden braucht. Er hat deutlich gemacht, dass die Stadt der Gegenwart eine fragmentierte Stadt ist, in der es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Nachbarschaften gibt. Die diskutierten Standorte in Prenzlauer Berg und Kreuzberg wurden jeweils mit unterschiedlichen Images verbunden – hier die etablierte Kunst- und Kreativszene, dort die lebendige Alternativkultur. Daneben wurde deutlich, dass städtische Räume immer stärker umkämpft sind und alle möglichen Gruppen Ansprüche reklamieren. Als das Lab zunächst in die Kastanienallee wollte, gab es einen Konflikt mit den Gewerbetreibenden vor Ort und dem Bezirksamt, das die Straße gerade umbauen wollte. In Kreuzberg sind es eher die Anwohner, die aufbegehren. Die Stadt von heute zu verstehen, heißt Abschied nehmen von der Vorstellung einer großen städtischen Gemeinsamkeit, und es heißt auch, die verschiedenen, oftmals widerstreitenden Interessen und Ansprüche in den Blick zu nehmen. All das zeigt sich an diesem Beispiel sehr gut. Kreuzberg ist ganz offensichtlich ein umkämpfter Raum. Und wenn man so will, haben die vom »Guggenheim Lab« gewünschten Diskussionen also stattgefunden – nur halt in die Praxis verlegt.

Lässt sich diese Geschichte als Zeichen dafür sehen, dass es in Berlin oder in städtischen Räumen generell Interessen gibt, die nicht unter einen Hut passen?
Es gibt diese Subräume, in denen Stadt sich sehr unterschiedlich anfühlt und in denen verschiedene Milieus leben, die jeweils eigene Interessen haben. Es gibt diesen beliebten Slogan »Stadt für alle«. Ich glaube aber, dass es keine »Stadt für alle« mehr gibt, weil es dieses »Alle« überhaupt nicht mehr gibt und »die Stadt« ebenso wenig.

Die Grundidee des »Lab« liest sich zumindest auf dem Papier gut: »Aspekte urbanen Lebens in den öffentlichen Diskurs tragen«, »neue Ideen erkunden«, »vorwärts denkende Lösungen für das Stadtleben schaffen«. Wieso kann es dieses Versprechen offenbar nicht einlösen?
Ich glaube, die Veranstalter haben es sich ein bisschen zu einfach gemacht. Die haben sich einen berühmten Architekten genommen und Experten aus aller Welt eingeladen und dann versucht, das als eine Art öffentliche Veranstaltung zu verkaufen. Die verschiedenen Stadtteil- und Basis­initiativen, die es nicht nur in Berlin, sondern auch in New York oder Mumbai gibt, fragen sich dann zu Recht, wieso es ein solches Laboratorium braucht, um über die Stadt zu diskutieren. Genau diese Diskussion führen sie nämlich schon seit Jahren und auf sehr praktischer Ebene, aber offenbar wurden sie nicht gefragt oder zumindest nicht ausreichend einbezogen. Die Diskussion über die Zukunft der Stadt wird völlig von den Konflikten, Realitäten und Akteurskonstellationen der Gegenwart abgekoppelt. Das war auch in New York so. Dort kamen die Nachbarschaftsinitiativen von der East Side und haben das »Lab« in eine Bühne ihres Protestes verwandelt, weil ihre Themen da nicht vorkamen.

Was müsste sich dafür ändern?
Ich kann keinen Vorschlag machen, wie ein besseres »Guggenheim Lab« aussehen könnte. Aber was Berlin angeht, so braucht es in meinen Augen ein Forum, in dem die verschiedenen Interessen an der Stadt überhaupt formuliert und wahrgenommen werden können. Die Artikulation von Unterschieden und der Streit um Positionen sind im besten Sinne das, was wir als das Politische verstehen – aber leider findet das in der politischen Praxis eher selten statt. Ein guter Ansatz für solch eine Repolitisierung der Stadtpolitik war vielleicht der »Mietenpolitische Dialog« im Abgeordnetenhaus vor ein paar Wochen. Mieter und Mieterinnen verschiedener Häuser hatten Vertreter und Vertreterinnen der Parteien und auch der Regierung geladen und sie dann dort gezwungen, ihnen zumindest zuzuhören. Genau an solchen Gelegenheiten der Repolitisierung mangelt es momentan nicht nur in Berlin. Und so ein »Lab« ist sicher nicht das richtige Instrument, um diesen Mangel zu beheben.

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