Ein Buch über die Arbeit als Bergführer

Der Berggeher

Ein neues Buch beschreibt den Wandel des Alpinimus

Es ist vielleicht etwas abwegig, die Rezension eines Bergbuches mit der 6. Feuerbach-These von Marx zu beginnen, nur: Wenn’s passt, dann passt’s: »Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.«
Wieland Elfferding, früher Redakteur der Zeitschrift Das Argument, hat ein kleines Büchlein über ein menschliches Wesen vorgelegt: »Der Berggeher« handelt von einem 75jährigen Bergführer, der zwar nie mit Namen oder Herkunftsort genannt wird, gleichwohl für Alpinisten, die sich in Osttirol auskennen, erkennbar ist. Elfferding lässt diesen Mann zu Wort kommen, zeigt, wie er denkt, unter welchen Bedingungen er lebt und gelebt hat und wie er zum teilhabenden Beobachter eines großen Wandels des Alpinismus wurde. Bergführer ist bis heute ein Beruf, mit dem sich der Lebensunterhalt, zumal für eine Familie, nur schwer sichern lässt. Die Ausbildung ist hart, im Falle von schlechtem Wetter, Krankheiten oder Verletzungen drohen lange Verdienstausfälle, und die Honorare, die die Gäste zahlen, sind eher knapp.
Elfferding schildet das Wissen und das Denken dieses alten Gehers, der sich mit Wetter und Gestein, mit Schnee und Tritttechniken, mit Erster Hilfe und mit dem besten Umgang mit schwierigen Gästen gleichermaßen auskennt. Dabei berührt er immer die soziologische Betrachtung: über die Schwierigkeit der Durchsetzung des Bergführers als anerkannter Beruf etwa, oder über den Konflikt zwischen Führer und Gast, wo doch der erfahrene Alpinist – völlig unüblich für die Dienstleistungsgesellschaft – das Kommando über den Kunden hat und haben muss. Elfferdings Geher ist aber auch Zeuge des Wandels in der Beziehung der Gesellschaft zu den Bergen. »Je mehr das Leben seinen Zusammenhalt verliert und der ganzheitliche Blick auf Natur und Mensch, auf das Leben und seine Reproduktion erlischt, muss die Natur als Garantie einer unverletzten Ganzheit herhalten, die es nur in den Köpfen der Naturschützer gibt«, heißt es an einer Stelle.
Das Büchlein ist ein mit großem Respekt und auf hohem literarischen Niveau verfasster Einblick in die Welt der Bergler und zeigt, wie auch sie – wo bei ihnen doch angeblich bloße Natur herrscht – so etwas wie das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellen.

Wieland Elfferding: Der Berggeher. Aus einem Bergführerleben. Österreichischer Jagd- und Fischerei-Verlag, Wien 2011, 103 Seiten, 19 Euro

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