Das ängstliche Kind

Als Andi alt genug ist, um zu sprechen, endet die glückliche Familiengeschichte. Das Kind spricht nämlich nicht, die Ärzte sind ratlos. »Äh, äh«, mehr gibt das früh verängstigte, mit allem und jedem fremdelnde Kind nicht von sich. Später, als die Worte ihren Weg gefunden haben, wird sein Leben nicht leichter.
Das große Haus, in das die Familie gezogen ist, erscheint in seiner dunklen Leere nachgerade unheimlich. Gleichwohl ist das Haus sein Schutzraum. Im Keller kann der so unbehauste kleine Mensch allein sein, kann stundenlang basteln. Das Haus verlässt er nur, wenn er muss. Geläufige Szenen des frühen Schulalltags vergleicht er, etwas später, mit den Schrecken der Walpurgisnacht.
Man darf in diesem Roman des aus Bad Nauheim stammenden Schriftstellers Andreas Maier, in der trostlosen, fröstelnden, verstörend ruhigen Stimme des Ich-Erzählers, den Autor selbst erkennen. »Das Haus« ist der zweite Teil einer auf elf Bände angelegten Familiensaga, die Maier 2010 mit »Das Zimmer« begonnen hat.
»Das Haus« besticht durch die minutiöse Rekonstruktion der Seelenlandschaft eines hochsensiblen Kindes. Es ist die ganz normale soziale Welt, die Andi, der frühe Misanthrop, nicht aushält. Man bleibt, mit ihm und gegen ihn, auf unfreundlicher Distanz zu ­allem. Und doch teilt man seine Angst: »Eine Stunde Zeit«, heißt es, »sechzig Minuten bzw. dreitausendsechshundert Sekunden, bevor die Schule beginnt«.

Andreas Maier: Das Haus. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2011, 164 Seiten, 17,95 Euro

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