Die neue Fachzeitschrift »Tierstudien«

Die Ästhetik des Wurms

Die erste Ausgabe der interdisziplinären Fachzeitschrift Tierstudien ist erschienen.

Die prägnanteste Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren fand der französische Hegel-Interpret Alexandre Kojève in einer negativen Bestimmung: »Kein Tier kann ein Snob sein«. Auf diese Weise konnte Kojève, als er diesen Satz 1968 seiner »Introduction à la Lecture de Hegel« in einer Fußnote hinzufügte, den Menschen doch noch vor dem Tier retten. Am Ende der Geschichte, wenn die Anerkennungskämpfe unter den Menschen aufhören, sollte der Snobismus demokratisiert sein: Jeder Mensch ist zu seinem eigenen König geworden, ganz unabhängig von seiner tatsächlichen Genealogie. Der Kommunismus ist als Aristokratie für alle wirklich geworden.
Die Unterscheidung von Snob und Tier lässt sich als einer der letzten Versuche verstehen, an der strengen Trennung von Humanismus und Animalität im geistes- und sozialwissenschaftlichen Denken festzuhalten. Was danach, ausgehend vor allem von der Biologie, einsetzte, war ein stetes Aushöhlen jener über die Jahrtausende gezogenen Grenzwälle zwischen Menschen und Tieren in den Wissenschaften. Wobei die Vehemenz und Akribie dieser Zersetzungsarbeit mit Begriffen wie »Dekonstruktion« oder »Posthumanismus« nur sehr unzulänglich bzw. eher verschleiernd als erhellend beschrieben wird.
Man muss gar nicht auf die Anfang der siebziger Jahre erschienenen bahnbrechenden Arbeiten der Schimpansenforscherin Jane Goodall zum Werkzeuggebrauch bei Schimpansen hinweisen, um die Bedeutung dieser Forschungen deutlich zu machen. Man kann auch beim Snob anfangen. Denn was ist es anderes als Snobismus, wenn Rassehunde in ihren Ausweisen Arko von Falkenstein oder Betty von Guggenheim heißen? Und wenn diese Hunde, seien es Pudel mit einer roten Haarschleife oder Dalmatiner mit einem Brillanten im Ohr, auch noch so verhielten, wie sie hießen, wenn sie mit ihren bestimmt nicht adligen Frauchen oder Herrchen spazieren gingen, dann wäre es angebracht, den Snobismus auch bei Tieren als mögliches Verhalten anzunehmen. Die Frage, die daran anknüpft, lautet aber nicht, ob es tierischen Snobismus gibt oder nicht, sondern inwieweit diese Hunde überhaupt noch Tiere seien. In Haustiere ganz allgemein, also nicht nur in Hunde, sei der Mensch schon so weit eingeschrieben, dass es nicht mehr möglich sei, sie ins Tierreich zu stellen, sie gehörten einer anderen Form an, die erst noch zu benennen sei, lautete das Argument.
Die Verfechter dieser These, deren bekannteste Vertreter in der Philosophie Gilles Deleuze und Félix Guattari waren und ihr Vorläufer in der Literatur D.H. Lawrence, konnten sich dabei auf die verhaltensbiologischen Studien unter anderem von Konrad Lorenz stützen. Es handelte sich dabei um Auseinandersetzungen, die zwischen Künstlern, Philosophen und Verhaltensforschern buchstäblich am Rande der wissenschaftlichen Disziplinen geführt wurden. Aufmerksam verfolgt wurden sie vor allem im angelsächsischen Sprachraum, in dem populärwissenschaftlich aufbereitete Tierstudien schon immer eine immense, mit Deutschland nicht zu vergleichende Verbreitung gefunden haben.
Es war deshalb auch kein Wunder, dass es mit John Berger ein britischer Schriftsteller und Kunstkritiker war, der diese Debatten zuerst systematisierte. Bergers 1980 erschienener Essay »Why Look at Animals?« markiert den Beginn der kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit den Tieren. Der Essay ist ein Durchgang durch die sich wandelnden Mensch-Tier-Verhältnisse in der Menschheitsgeschichte. Zu den zentralen Thesen seines Werkes gehörte die Behauptung, dass wahrscheinlich die erste Metapher ein Tier war, die erste Farbe Tierblut und dass die ersten von Menschen gemachten Bilder Tiere zeigten. Daraus folgt nicht viel weniger, als dass die allein dem Menschen zugeschriebenen Fähigkeiten der Sprache, des symbolischen Denkens und der Produk­tion von Kunst »aus der Beziehung zu Tieren geboren wurden«, wie John Berger schreibt.

Eine These, die in ihrer Allgemeinheit schlicht nicht bestritten werden kann und die in ihrer dauerhaften Wirkung jeder selbst überprüfen kann. Man muss nur die Pferdedarstellungen, die anonyme Maler vor 30 000 Jahren in Höhlen an die Wände malten, mit zum Beispiel den Pferdedarstellungen Picassos vergleichen und man wird feststellen: Auf beiden Darstellungen erkennen wir zweifelsfrei Pferde. Die Pferde sind eindeutig, was aber überhaupt nicht eindeutig ist, ist die Funktion und Bedeutung der Pferde im Bild und in der Wirklichkeit der jeweiligen Maler. Und um die Fragen der Bedeutung und Funktion von Tieren in allen möglichen Erzählungen – künstlerischen, wissenschaftlichen, politischen und (populär)kulturellen – hat sich mittlerweile eine wissenschaftliche Praxis entwickelt, die man als »Animal Studies« bezeichnet.
Hierzulande ist gerade im Neofelis-Verlag die erste Nummer der ersten interdisziplinären Fachzeitschrift unter dem Titel Tierstudien erschienen. Die Nummer versammelt zehn Beiträge zum Verhältnis von Mensch und Tier unter dem Thema Animalität und Ästhetik. Man kann die Ausgabe, auch wenn die Beiträge von unterschiedlicher Qualität sind, nur als herausragend bezeichnen, weil sie in fast jedem Beitrag Gedanken liefert, die die Dichotomien, die um das Verhältnis von Menschen und Tieren zur schlechten Gewohnheit geworden sind, buchstäblich untergräbt. Wenn etwa in einem Text über den »ästhetischen Wurm« Darwin zu dem Autor wird, der wie in einer Groteske »High« und »Low« als austauschbar erscheinen läßt, indem er eine »nied­rige Organisationsform und Schönheit verknüpft, Scheiße und Kultur in ein Abhängigkeitsverhältnis stellt«, wie es heißt, dann ist das meilenweit jenseits aller Diskussionen um den Darwinismus als Ideologie des ewigen Rechts des Stärkeren. Man muss, um den Text nachvollziehen zu können, kein Vorwissen mitbringen. Dass Darwin sein letztes Buch über die Arbeit der Regenwürmer im Boden geschrieben hat, teilt der Autor mit, und auch auf die bodenbildende Funktion der Wurmscheiße verweist er eindeutig.
Man kann das Heft über die Detailstudien hinaus aber auch als eine Art Einführung in den ganzen Forschungsbereich der Animal Studies lesen. Es enthält mit einem Aufsatz zum »Pferde­ideal der frühen Neuzeit« und einem anderen über Esel auf der Theaterbühne zwei Texte über sozusagen ewige Themen der Animal Studies: nämlich über Pferdearten. Ebenso wird mit einer Interpretation von Franz Kafkas Erzählung »Der Bau« der kanonischste aller Animal-Studies-Autoren bedacht. Dass Kafkas Erzählungen oft Tiererzählungen sind, war auch schon den Pfaffen der deutschen Bürogermanistik nicht entgangen. Nur fanden die darin dann Fabelhaftes oder irgendwelche Allegorien. Kafkas Tiergeschichten als realistische Erzählungen zu lesen, haben aber zuerst die neben ihm bedeutendsten Gründungsautoren der Animal Studies, Deleuze und Guattari, in ihrer Kafkastudie gelehrt. Dass Kafka etwas fundamental Neues tut, wenn er in der Erzählung »Josefine, die Sängerin« es als selbstverständlich voraussetzt, dass Menschen sich eine von Mäusen erzählte Geschichte anhören, die auch von Mäusen handelt und nicht von irgendwelchen als Mäuse verkleideten Menschen, ist eine der neuen Wahrheiten, die die Animal Studies möglich gemacht haben.

Es ist eine der angenehmsten Eigenschaften aller im Tierstudienheft versammelten Arbeiten, dass sie zuerst nach dem fragen, was man über das Tier weiß. Wenn in einer künstlerischen Arbeit, wie in Bill Violas Film »I do not know what it is I am like« eine Eule vorkommt, wird danach gefragt, was eine Eule ist, was sie kann und was die Biologen darüber zu erzählen haben. Daraus ergibt sich dann schon die entscheidene Frage an Violas Film: Musste es unbedingt eine Eule sein, oder hätte auch jedes andere Tier dort auftauchen können? Die Antwort heißt in diesem Fall, es musste eine Eule sein, andere Tiere hätten ihre Rolle nicht ausfüllen können. Das ist für die Interpretation und Bewertung des Einsatzes von Tieren in der Kunst so etwas wie ein Quantensprung gegenüber einer Ästetik, die zuerst nach der Symbolgeschichte fragt und im besten Fall irgendwann auch mal auf die Idee kommt, sich das ästhetisch behandelte Tier auch tatsächlich lebend anzuschauen.
Man kann, in dem immer wieder eingeschalteten Blick auf das Tier in seinem Leben, den Auftrag der Animal Studies sehen: Wer ein Tier in der Kunst, Politik oder in der Wissenschaft als Objekt einsetzt, kann sich nicht damit herausreden, dass die Kunst nur für die Kunst, die Politik nur für die Politik oder die Wissenschaft nur für die Wissenschaft da ist. Wer Tiere in diesen Bereichen einsetzt, arbeitet mit Lebewesen, die aus andern Wahrnehmungswelten kommen und die – bitte schön – nicht unbedingt einzusetzen sind. Früher nannte man so einen Forschungsansatz Aufklärung.

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