»Vergesst Auschwitz!« von Henryk M. Broder

Hurra, wir erinnern uns!

Henryk M. Broder rät den Deutschen, Auschwitz zu vergessen. Aber die denken gar nicht daran.

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Die verstorbene Herausgeberin der Zeit, Marion Gräfin Dönhoff, die für das bessere, für das »andere Deutschland« eintrat, hielt von Daniel Jonah Goldhagens Buch über den Vernichtungsantisemitismus der Deutschen, »Hitlers willige Vollstrecker«, nicht viel, weil sie befürchtete, es könne »den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben«. Sie hoffte, man könne den Antisemitismus totschweigen. Einer, der sich im Dönhoffschen Sinne immer wieder schuldig macht, indem er den Antisemitismus der Deutschen entfacht, ist der Publizist Henryk M. Broder, der die Antisemiten immer wieder und mit voller Absicht provoziert. Dönhoff gilt als große Demokratin, Broder als »umstritten«.
In seinem neuen Buch »Vergesst Auschwitz!« schreibt er die unendliche Geschichte des deutschen Antisemitismus fort, die er 1986 mit seiner gründlichen Studie »Der ewige Antisemit« begonnen hat. Der Befund hat sich nicht wesentlich geändert. Noch immer führen sich viele Deutschen wie »Bewährungshelfer« auf, die vor allem darauf achten, dass »ihre Opfer nicht rückfällig werden«. Der Autor zitiert hier Wolfgang Pohrt, denn, so Broder, niemandem sei bisher eine »bessere, genauere und trostlosere Beschreibung der deutschen Krankheit« gelungen als Pohrt. Die Deutschen hätten so gründlich aus ihrer Geschichte gelernt, dass sie insbesondere die ehemaligen Opfer davor schützen wollen, ihre eigenen geheimen Wünsche umzusetzen. Kein anderes Land steht unter so genauer Beobachtung der Deutschen wie Israel, dem vorgeworfen wird, es würde den Palästinensern antun, was die Deutschen den Juden angetan haben.
Nun könnte man einwenden, dass dieses Argument inzwischen nur noch von ein paar unverbesserlichen Antiimperialisten und Hamas-Anhängern benutzt wird. Als aufmerksamer Beobachter politischer Debatten spürt Broder jedoch die versteckten Implikationen etwa in Politikerreden auf, wenn Hinterbänkler der Linkspartei oder der CDU die israelische Regierung belehren, dass »eine dauerhafte Friedenslösung auch im Interesse Israels liegt« und »durch die Abriegelung des Gaza-Streifens genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was Israel eigentlich erreichen will«. Broder kritisiert diese aufgeblasenen Kommentare nicht, jede Kritik würde ohnehin an der Hybris solcher Reden scheitern, er macht sich lediglich über die Fürsorglichkeit der »Bewährungshelfer« lustig, indem er aus ihren Reden zitiert. Es gebe, so Broder, ein »überparteiliches Band, das die Deutschen zusammenhält«. War es früher die »Judenfrage«, so ist es inzwischen die »Palästina-Frage, die heute ein Gefühl der nationalen Einheit erzeugt«.
Broder dokumentiert den Fall des Rundfunkmoderators Ken Jebsen, der nach Antisemitismusvorwürfen vom Rundfunk Berlin-Brandenburg entlassen wurde. Er lässt ihn ausführlich zu Wort kommen und sich um Kopf und Kragen reden, etwa mit einer Mail an einen Hörer, der sich über seine antiamerikanischen Ausfälle beschwert hatte: »ich weis exact wovon ich rede denn ich habe jede menge länder in den demokratisiert bin bereist. ich war in israel und habe mit holocaust opfern gesprochen. sie selber finden es widerwärtig was in ihrem namen passiert«. Ohnehin fragt man sich, wie jemand, der politisch wie sprachlich derart wüstes Zeug schreibt, eigentlich Journalist werden konnte. Broder hat nicht darauf bestanden, dass Jebsen gefeuert wird, hat es sich aber nicht nehmen lassen, öffentlich zu machen, was aus Jebsen herausquoll. Die Reaktionen, die er daraufhin erhielt, sind erschütternd und werden in einem gesonderten Kapitel dokumentiert. Broder wird als Rufmörder beschimpft, der »einem von hinten das Messer in den Rücken sticht«. Auch die von Marion Gräfin Dönhoff bekannte Argumentation wird aufgegriffen: »Leute wie Broder sind der Grund dafür, dass es Antisemitismus in Deutschland überhaupt noch gibt.«
Auch der Journalist Mathias Bröckers lässt seinen Ressentiments freien Lauf: »Reicht es nicht, dass diese rassistischen Wirrköpfe und Ideologen die Stichworte für Massenmörder wie Breivik liefern? – oder stehen jetzt hier schon gebührenbezahlte Radiobeamte stramm, nur weil kleines dickes Broder mal wieder ›Antisemitismus‹ ins Phone furzt?« Der Kommentar eines Hörers und Fans von Jebsen lautet: »Fette Judenfotze. Nachdem ich deinen Rotz gelesen habe, weiß ich jetzt, woher der Antisemitismus in Deutschland herkommt.«
Zur »historischen Verantwortung«, ein Begriff, der in keiner Sonntagsrede fehlen darf, gehört einer Umfrage zufolge für 50 Prozent der Deutschen wie auch für Günter Grass, die Juden auf den rechten Weg zu bringen und ihnen ins Gewissen zu reden. Das ist schon sehr lustig. Auf der anderen Seite erschöpft sich die »historische Verantwortung« bei den Deutschen darin, »die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten« und »nicht etwa die kommende Endlösung der Nahostfrage zu verhindern«, wie Broder polemisch formuliert. Das ist zwar auch nicht unbedingt die Aufgabe der Deutschen, aber dass 200 deutsche Firmen mit Teheran Geschäfte machen, von denen einige geeignet sind, die »Endlösung« ins Werk zu setzen, wie eine Broschüre der Deutsch-iranischen Handelskammer dokumentiert, das macht immerhin deutlich, dass die »historische Verantwortung« moralisch ganz prima und vielseitig einsetzbar ist.
Broder schreibt nicht ausgewogen und nicht in gesetzten Worten, er polemisiert und ist zuweilen vielleicht auch ungerecht. Ihn stört die Fürsorglichkeit, die die Deutschen für Israel aufbringen, ihn stört die Vehemenz, mit der man sich in Deutschland darüber streitet, ob der Holocaustleugner Ahmadinejad gesagt hat, Israel müsse »ausgelöscht« werden oder nur »von den Seiten der Geschichte verschwinden«, ihn stören die Dummheit, die politische Bräsigkeit und die Ritualisierung der Erinnerung, weil sie eine »Übung in Heuchelei, Verlogenheit, Scheinheiligkeit und Opportunismus« sind. Er argumentiert dagegen, weil er es nicht lassen kann, die Deutschen aufzuklären und ihnen ihr kleines Geheimnis zu verraten. Andere würden das Pathos bemühen, Broder aber übt sich in Understatement: »Und falls jemand wissen möchte, was ich mit diesem Buch bewirken will: Eigentlich gar nichts.« Genau das macht die Lektüre so angenehm. Broder wirkt nie verbissen, sondern immer schön entspannt, wenn er den Deutschen mit Ironie und Sarkasmus erklärt, warum es so komisch ist, wenn ausgerechnet sie sich immerzu große Sorgen um Israel machen.

Henryk M. Broder: Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage. Albrecht-Knaus-Verlag, München 2012, 176 Seiten, 16,99 Euro