Eine Delegation des DFB soll vor der EM Auschwitz besuchen

In der Abwehrfalle

Eine Delegation des Deutschen Fußballbundes soll vor der Europameisterschaft Auschwitz besuchen – aber nur mit handverlesenen Spielern.

In drei Wochen beginnt in Polen und der Ukraine die Fußballeuropameisterschaft. Über die Frage, inwieweit »der Sport« angesichts der Haftbedingungen der früheren ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko eine politische Verantwortung habe und was daraus gegebenenfalls zu folgen hätte, wird rege diskutiert (siehe auch »Sport, Boykott und Politik« von Martin Krauß, Jungle World 19/12). Aber nicht nur in der Ukraine ist die Situation für den Deutschen Fußballbund (DFB) heikel.
Auch im zweiten Gastgeberland Polen haben die deutschen Nationalspieler und ihr Verband eine in diesem Fall vergangenheitspolitische Schwierigkeit zu meistern: Wie soll der DFB mit der Tatsache umgehen, dass sich auf dem Boden des deutschen Nachbarlandes die Gedenkstätte Auschwitz befindet? In dem größten deutschen Vernichtungslager ermordeten die Nazis von 1940 bis 1945 mehr als eine Million Menschen, überwiegend Juden. Komplizierter wird die Lage noch dadurch, dass das deutsche Team in zwei Wochen zum Abschluss der EM-Vorbereitung sein letztes Testspiel ausgerechnet gegen Israel bestreitet, den Staat, der wegen der Erfahrung der Shoah gegründet wurde.
Zudem tat sich der DFB während des Nationalsozialismus nicht gerade durch Widerstand oder Zivilcourage hervor. Unter seinem damaligen Präsidenten Felix Linnemann schaltete sich der Fußballverband bereitwillig mit den Organen des NS-Staates gleich. Auch in den Jahrzehnten nach dem Ende des Nationalsozialismus fiel der DFB eher als Hort Ewiggestriger auf, statt seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Erst in einer Festschrift zu seinem 100jährigen Bestehen im Jahr 2000 ließ der Verband erste, wenn auch zaghafte, kritische Betrachtungen zu.
Das hat sich seitdem glücklicherweise geändert. Anfang des vergangenen Jahrzehnts gab der DFB bei dem Historiker Nils Havemann eine Studie in Auftrag, für die der Verband erstmals auch seine Archive vollständig öffnete und die 2005 unter dem Titel »Fußball unterm Hakenkreuz« erschien. Unter dem von 2006 bis März 2012 amtierenden Präsidenten Theo Zwanziger begann der Verband, sich auch gesellschaftspolitisch zu modernisieren. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie auf und neben den Fußballplätzen wurden zumindest offiziell geächtet. Besonders das CDU-Mitglied Zwanziger erwarb sich dabei den Ruf, dass ihm diese Ausrichtung eine Herzensangelegenheit sei. Er betrieb diese Arbeit nicht nur auf dem Papier, sondern unterstützte viele Kampagnen organisatorisch und finanziell.
Seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach wurde in dieser Hinsicht eher mit Skepsis begegnet. Der langjährige DFB-Funktionär, der seine Karriere als Sportjournalist begonnen hatte, stand in dem Ruf, den gesellschaftspolitischen Aktivitäten Zwanzigers eher kritisch gegenüberzustehen. Zudem war er noch 1994, damals als DFB-Pressesprecher, negativ aufgefallen. Angesichts der vorwiegend aus dem Ausland kommenden Proteste gegen ein für den 20. April 1994, den »Führergeburtstag«, angesetztes Länderspiel gegen England hatte Niersbach eine »jüdische Kampagne« gegen Deutschland gewittert. »80 Prozent der amerikanischen Presse sind in jüdischer Hand«, sagte er damals einem Hamburger Privatsender. Die Ereignisse in Deutschland würden dort »seismographisch genau notiert«. Niersbach entschuldigte sich später für die Äußerung.
Als der 64jährige Anfang März neuer DFB-Präsident wurde, stand er aber nicht nur wegen seiner persönlichen Vorgeschichte unter dem Druck der Öffentlichkeit. Etwa eine Woche vor der Wahl Niersbachs war in Kaiserslautern der israelische Bundesligaspieler Itay Shechter beim Training von Zuschauern antisemitisch beschimpft worden. Das verdeutlichte pünktlich zur Amtseinführung des neuen DFB-Präsidenten noch einmal, dass der Umgang mit Antisemitismus und der deutschen NS-Geschichte nicht bloß eine vergangenheitspolitische Frage ist. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen sagte der oberste deutsche Fußballfunktionär daraufhin: »Die antisemitischen Beleidigungen gegenüber Itay Shechter verurteilen wir aufs Schärfste.« Solche Vorgänge seien in keiner Weise zu tolerieren.
Doch im weiteren Verlauf des Interviews machte Niersbach erneut fragwürdige Äußerungen. So führte er für den »unverkrampften, offenen Umgang« zwischen dem deutschen und israelischen Fußball ein besonderes Beispiel an: »Ich erinnere mich auch noch sehr genau an unsere ersten Reisen in den achtziger Jahren. Damals habe ich noch als Journalist tief beeindruckt darüber berichtet, wie die Gattin des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger in den Bergen Judäas Bäume pflanzte und sich ihr Mann für die Aufnahme Israels in die Uefa einsetzte.«
Niersbach rühmte damit einen Mann, der es als Leiter der DFB-Delegation während der Fußball-WM 1978 in Argentinien nicht nur nicht als Problem ansah, dass das Weltturnier in einem Land stattfand, in dem eine Militärjunta Tausende Oppositionelle folterte und ermordete. Der damalige DFB-Präsident hatte auch noch Hans-Ulrich Rudel, den früheren Wehrmachtsoffizier und Träger des »Ritterkreuzes«, ins deutsche WM-Quartier eingeladen. Neuberger sagte damals verharmlosend über Rudel, der sich nach Kriegsende als Waffenhändler und Fluchthelfer für Nazis betätigt hatte und die rechtsextreme Deutsche Reichspartei unterstützte: »Ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampffliegertätigkeit während des Zweiten Weltkriegs vorwerfen will.« Berti Vogts, 1978 Kapitän des deutschen Teams und späterer Bundestrainer, fügte hinzu: »Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.«
Immerhin kündigte Niersbach in dem Interview Ende März an, der DFB werde im Rahmen der EM »mit einer Delegation die Gedenkstätte Auschwitz besuchen«. Das hatte unter anderem Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrates der Juden, nach den antisemitischen Ausfällen gegen Itay Shechter dem DFB nahegelegt. Allerdings ließ Niersbach bis vergangene Woche offen, ob auch Spieler Teil der Delegation sein werden. Nun sagte der DFB-Präsident in einem Interview mit Sport-Bild: »Wir werden vor dem ersten Gruppenspiel mit einer Abordnung, zu der auch Spieler gehören, zum ehemaligen Konzentrationslager in Auschwitz fahren.«
Es werden also nur vermutlich nach Kriterien des politischen Bildungsstandes ausgewählte Spieler dabei sein. Das ist vermutlich das Klügste, was der DFB tun kann. 1997, als die deutsche Mannschaft in Tel Aviv ihr zweites von bislang drei Freundschaftsspielen gegen Israel bestritt, trat das gesamte Team in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zur Kranzniederlegung an. Der damalige Nationalspieler Mario Basler soll den Bundestrainer Berti Vogts angesichts der Dokumente über den fabrikmäßigen Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden gefragt haben: »Trainer, ist das wirklich passiert?«
Deshalb brachte der bekannte Sportjournalist Manni Breuckmann kürzlich in einer Kolumne seine Skepsis zum Ausdruck: »Die ganz große Vorfreude auf politische Statements« deutscher Nationalspieler bei der EM komme bei ihm nicht auf. »Vielleicht habe ich mich einfach schon zu oft fremdgeschämt.«

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