Thilo Sarrazin und der Euro

Dunkle Winter, levantinische Schläue

Ausflüge in die Meteorologie und die Völkerkunde: Thilo Sarrazin erklärt in seinem neuen Buch die Krise in der Euro-Zone.

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Thilo Sarrazin kämpft wieder in der Pose des politisch unkorrekten Rebellen für die Meinungsfreiheit. Noch vor der Sommerpause meldet sich der erfolgreichste politisch Verfolgte der Bundesrepublik mit einem neuen »Aufreger-Buch« (Focus) zurück. Tatsächlich gibt es auch in »Europa braucht den Euro nicht« wieder Einsichten, die wohl nach Auffassung des Autors in Parteiprogrammen oder Wirtschaftslehrbüchern verschwiegen werden. Da ist zum Beispiel die Behauptung, die Befürworter der Eurobonds in SPD, Grünen und Linkspartei seien »getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für den Holocaust erst getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben«. Oder dieser überraschende Kausalzusammenhang: »Im Durchschnitt kann man sagen, dass finanzielle Solidität in Europa umso ausgeprägter war und ist, je sonnenärmer das Klima ist und je länger und dunkler der Winter.«
»Unser Geld«, der Holocaust und das Wetter – diese deutschen Themen sollten demnach die Debatte um die Euro-Krise bestimmen. Der Stern nannte den selbsternannten Volkstribun, auf den sich sowohl die bürgerliche Mitte als auch das rechtsradikale Milieu einigen können, bereits vor dem Bekanntwerden der ersten Zitate einen »Brandstifter«. Und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) spekulierte in Bild, ob Sarrazin seine Thesen aus »verachtenswertem Kalkül« aufgestellt habe. Die gewünschten Stichworte für eine erregte Debatte über die Grenzen des Sagbaren wurden für Autor und Verlag auch diesmal wieder ebenso rasch wie berechenbar geliefert. Erneut bewies Sarrazin sein sicheres Gespür für vermeintliche »Tabuthemen«. Allerdings blieb der ganz große Skandal bislang aus.
Für die relative Ruhe nach dem ersten Aufschrei gibt es mehrere Gründe. Seit dem Erfolg von »Deutschland schafft sich ab« lebt der rührige Sozialdemokrat als Pensionär im Unruhestand. Wenn er nun öffentlich Gebrauch von seiner Meinungsfreiheit macht, gibt es keine Institution wie die Bundesbank mehr, die voller Sorge um die internationale Reputation auf die politischen Auslassungen ihres Repräsentanten blickt. Darüber hinaus hat der Euro keine Interessenvertreter, die sich öffentlichkeitswirksam empören, wenn ventiliert wird, warum Europa ihn ebenso wenig brauche wie die Stadt Berlin eine unproduktive Unterschicht, »Kopftuchmädchen« oder muslimische Parallelgesellschaften. Zudem reagierten nicht wenige Ökonomen recht leidenschaftslos auf die Feinderklärung, die Sarrazin gegenüber der Euro-Fraktion in der deutschen Politik ausgesprochen hatte. Denn Sarrazins zentrale Forderungen sind in wichtigen Teilen identisch mit dem eigenen Programm der Stabilitätspolitik. Die Befürworter von Eurobonds bestimmen zudem nicht die gegenwärtige wirtschafts- und finanzpolitische Debatte.
Was aber sagt es über die politische Kultur eines Landes aus, wenn die Ausführungen eines ehemaligen Finanzbeamten mit zahllosen Vorabdrucken, Talkshowauftritten, Interviews und leidenschaftlichen Grundsatzdebatten bedacht werden? Weshalb räumen die Medien einem Autor so viel Platz ein, der die mit »levantinischer Schläue« durchgeführte Bilanzfälschung der Griechen als Krisenursache ausmacht? Der den Italienern attestiert, dass »vorausplanendes Nachdenken und rationale Argumentation« nicht ihre Sache seien? Für den der Untergang der »Costa Concordia« Sinnbild für die »nationalen Unterschiede der Völker« ist? Sarrazin scheint es nämlich »einigermaßen undenkbar«, dass »der deutsche Ka­pitän eines Kreuzfahrtschiffes Vorschriften zur Route missachtet, um seine irregulär an Bord befindliche blonde Freundin aus Moldawien zu beeindrucken«.

Eine aufgeklärte Öffentlichkeit würde einen Publizisten, der mit dem volkserzieherischen Gestus des Universalgelehrten eine meteorologische Erklärung für finanzpolitische Stabilität zu Papier bringt, nicht mit erregten Grundsatzdebatten begleiten. Sie würde ihn schon bei der ersten Pressekonferenz auslachen. Bemerkenswert bleibt deshalb, dass nach Sarrazins Ausflug in die Vererbungslehre auch diese mit Anekdoten angereicherte Mixtur aus Statistik und Völkerkunde beim Mediengiganten Random House erscheint. Normalerweise hätte ein selbstbewusster Lektor den Verfasser schlicht auf books on demand verwiesen müssen.
Dass auch die Euro-Krise als Tabuthema inszeniert werden kann, macht die anhaltende Faszination für das Phänomen Sarrazin aus. Dieser bietet dem Publikum neben ökonomischen Überlegungen zahllose Beobachtungen und Meinungen, die für das Alltagsbewusstsein leicht zugänglich sind. Er trifft den Nerv einer um Wohl und Wehe der Nation besorgten Öffentlichkeit, wenn er ethnozentrische Stereotype über die Griechen und Italiener als Erklärung für die Krise anführt. Nebenbei erbringt er eher unfreiwillig eine geradezu aufklärerische Leistung. Sarrazin überzeichnet die anthropologischen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften derart grell, dass sie wie eine Karikatur erscheinen. Sein Ansatz verdeutlicht, dass Wirtschaftstheorien grundsätzlich keine wissenschaftlich evidenten Zahlensammlungen, sondern bestenfalls plausible Modelle anbieten. Und schon der klassischen politischen Ökonomie liegt keine empirische Begründung, sondern ein normativ gesetztes Menschenbild zugrunde. Der homo oeconomicus ist hier die bekannteste Spezies. Folgt man Sarrazin, hat sich diese jedoch kaum im Süden Europas angesiedelt.

»Europa braucht den Euro nicht« führt die Besonderheiten der Nationalcharaktere »der Völker« als Krisenursache an. Bei den Griechen sei die Tendenz zur Desorganisation »tief in der Mentalität und den Traditionen der griechischen Gesellschaft verwurzelt«. Die Kampagne von Bild gegen die »Pleite-Griechen« erhält hier eine scheinwissenschaftliche Begründung. Zudem wird das dumpfe deutsche Ressentiment gegen die sonnenverwöhnten Südländer mit den nötigen Tabellen unterfüttert. Dass Griechenland unter dem Regime der Kredittranchen zusammenkracht, kann so als Konsequenz kultureller Faktoren erklärt werden. Die Analyse, dass die Exportmaschine Deutschland mit ihrer Niedriglohnpolitik die Länder der Peripherie mit Macht noch weiter an den Rand gedrückt hat, wäre für seine Klientel antideutsche Propaganda. Erscheint der Rekurs auf die Nationalcharaktere dem Alltagsverstand unmittelbar plausibel, unterstützt die Mahnung zur Einhaltung der »Maastricht-Kriterien« jene Fraktionen in Politik, Publizistik und Öffentlichkeit, die eine Verschärfung des Spardiktats fordern und sich vehement gegen weitere »Rettungspakete« aussprechen.
Die besondere Pointe seiner Position besteht im Bruch mit der staatsoffiziellen Rhetorik der Bundesrepublik. Diese ist schon qua Grundgesetz ein »halbsouveräner Staat«. Die Übertragung von Souveränitätsrechten an supranationale Institutionen bedeutete für die Bundesrepublik jedoch nicht die Selbstaufgabe, sondern immer auch die Möglichkeit der Einflussnahme, die bis zum Ende des Kalten Kriegs eingeschränkt war. Das Selbstbild der Republik verdichtete sich in dem von Helmut Schmidt bis Franz Josef Strauß gerne zitierten Topos, das Land sei »ökonomisch ein Riese, doch politisch ein Zwerg«. Der ritualisierte Rekurs auf die Vergangenheit war in diesem Zusammenhang eine Voraussetzung für die Wiedererlangung deutscher Machtoptionen in Europa.
Nun, wo Unionsfraktionschef Volker Kauder zufolge in Europa »auf einmal wieder Deutsch gesprochen« wird, werden die Stimmen nach einem Austritt aus der Geschichte wieder lauter. Die europapolitische Rhetorik der Nachkriegszeit gilt in diesen Kreisen als anachronistisch. Die »moralische Last der Nazizeit« sei, so Sarrazin, Grund für die vermeintliche Europa-Begeisterung. Zustimmend zitiert er den Chefredakteur der Wirtschaftswoche, Roland Tichy, der beklagt, dass die »Verbrechen der Vergangenheit kühl und berechnend zum Zweck der moralischen Erpressung instrumentalisiert« würden. Deutschland erscheint hier als Opfer der Opfer. Dass dieses Ressentiment mit allen medialen Mitteln geschürt wird, erklärt den anhaltenden Erfolg Sarrazins.