Ein Nachruf auf Donna Summer

Madonnas große Schwester

Donna Summer stöhnte 1975 mit ihrem Hit »Love to Love You Baby« die elektronische Musik in eine neue Epoche. Ein Nachruf.

Von Knud Kohr
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Wenn man Männer um die 50 fragt, wann sie zum ersten Mal deutlich spürten, dass sie anders waren als die Mädchen, sagen sie nicht selten: beim Anblick von Suzi Quatro. Gewandet in schwarzes Leder, bewaffnet mit einem Bass, der doppelt so groß schien wie sie selbst, und »Can the Can« singend, öffnete sie den Blick in eine neue Dimension.
Wer – wie der Autor dieser Zeilen – rund fünf Jahre jünger ist, hat in der Regel zwei Frauen im Kopf, die damals Ähnliches anrichten konnten wie Suzi Quatro bei ihren älteren Brüdern. Zum einen Debbie Harry von Blondie. Die sah in et­wa aus wie das hübscheste Mädchen der ganzen Schule, und wenn Debbie »Call Me« forderte, konnte man sich auch in der Pubertät vorstellen, was zu tun war. Telefon hatte schließlich jeder.
Und es gab Donna Summer. Die sang 1975 »Love to Love You Baby«. Auf der Albumversion simuliert sie 22 Orgasmen in 17 Minuten. Wir saßen vor dem Radio und ahnten erstens, dass diese schwarze Frau eine Welt heraufbeschwor, die weit jenseits der von Debbie Harry lag. Zweitens, dass wir diesen Kontinent vermutlich niemals durchmessen würden. Drittens, und das war damals mit Sicherheit nicht jedem klar, sang Donna Summer zu synthetischer Musik, wie sie zuvor nur von Künstlern wie Karlheinz Stockhausen und Tangerine Dream produziert worden war. Und jetzt war diese Musik plötzlich in der Disco zu hören.
Summer, 1948 als LaDonna Adrian Gaines in Boston geboren, sammelte ihre ersten Erfahrungen vor Publikum im Gospelchor der Grant-A.M.E-Kirche ihrer Heimatstadt. Schon als Zehnjährige sang sie dort ihr erstes Solo, einen Song von Mahalia Jackson. Als 17jährige wurde sie Frontfrau der weißen Bostoner Psychedelic-Band Crow, mit der sie einen Plattenvertrag angeboten bekam. Doch sie entschied sich anders, ging zunächst nach New York, und 1969 weiter nach München, um in der deutschen Fassung des Musicals »Hair« zu singen und als Ensemblemitglied schauderhafte Singles wie »Wassermann« (Aquarius) einzusingen. Einer ihrer Kollegen war der österreichische Schauspieler Helmuth Sommer, den sie wenig später heiratete, und mit dem sie ihre erste Tochter Mimi bekam. Die Ehe hielt nicht lange, aber den anglizierten Namen trug sie bis zu ihrem Tod. Sommer arbeitet übrigens bis heute als Zahnarzt in seinem Heimatland.
Mitte der Siebziger kam Donna Summer der Zeitgeist zu Hilfe. Mit Produzenten wie dem Südtiroler Giorgio (eigentlich Hansjörg) Moroder wurde München für wenige Jahre zum Mittelpunkt der Musikwelt. Gemeinsam mit Summer, die an ihren Songs immer mitschrieb und die außerdem hervorragend Deutsch sprach, produzierte er einen Hit nach dem anderen für die Frau aus Boston. Darunter war »I Feel Love«, der klingt, als würde ein Mädchen gleichzeitig gegen einen Vocoder und eine elektronische Basslinie kämpfen. Noch vor wenigen Jahren bezeichnete Moby sie deshalb als »revolutionärste Künstlerin der letzten 30 Jahre«.
»I Feel Love« wurde zum erfolgreichsten Titel, der in den gesamten Siebzigern in Deutschland produziert wurde. Moroder und Summer versuchten, ihre Karriere weg vom Image der Disco-Queen zu entwickeln. Mit Erfolg: Ende der Sieb­ziger drang sie in bis dahin unerreichte kommerzielle Dimensionen vor. Drei Doppelalben hintereinander an der Spitze der US-Charts hatte noch niemand zuvor geschafft. Bis heute hat sie 130 Millionen Tonträger verkauft. Außerdem wurde klar, dass Summers stimmliche Ausdruckskraft bis dahin sträflich unterschätzt worden war. 1978 sang sie für den Soundtrack des Films »Thank God It’s Friday« den Titel »Last Dance«. Und gewann dafür den Oscar. Zwischen 1979 und 1984 gewann sie fünf Grammys in so unterschiedlichen Kategorien wie Dance, Gospel und Rock, letzteren für »Hot Stuff«.
Weltweiten Erfolg brachte ihr auch »She Works Hard For the Money« von 1983. Der Song erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die gezwungen ist, mehrere Jobs gleichzeitig zu machen, um ihre Familie zu ernähren, und die am Ende mit anderen Frauen gegen diese Zustände demonstriert. Das Video wurde mehrfach täglich auf MTV gezeigt. Es gibt nicht wenige Musikkritiker, die darauf hinweisen, dass im selben Jahr, als Donna Summer diesen kämpferischen, emanzipatorischen Titel aufnahm, eine Kollegin auf der Szene erschien, die Summers Werk verstanden hatte und weiterzuführen schien. Madonna veröffentlichte »The First Album«, das knapp zehn Millionen Einheiten verkaufte. Mit ihren musikalischen Experimenten und ständigen Imagewechseln schien da eine bereit zu sein, Summers Erfolgsgeschichte in eine neue Generation zu tragen.
Der Respekt, den Summer als Songschreiberin für »She Works Hard« erntete, wurde überschattet von einigen homophoben Äußerungen der gläubigen Christin. Sie bezeichnete Aids als Strafe Gottes für Homosexuelle. Trotz nachgescho­bener Beteuerungen, dass sie missverstanden worden sei, knickte ihre Erfolgskurve dramatisch ein. Auch der Umstand, dass sie an zahlreichen Benefizkonzerten zur Aids-Bekämpfung auftrat, änderte nichts daran. Mitte der Achtziger war sie einfach out. Summer selbst hat das allerdings später als Glücksfall bezeichnet. Die hohen Anforderungen des Daseins als Weltstar, als »First Lady of Love«, wie ihre Plattenfirma sie mittlerweile vermarktete, hatten Spuren hinterlassen: Anfang der 1980er war Summer tablettenabhängig und litt an Depressionen. Privat bekam sie ihr Leben wieder in den Griff, als sie den Musikerkollegen Bruce Sudano kennenlernte. Sie heirateten, und Summer gebar zwei weitere Töchter. Auch künstlerisch ging es wieder bergauf: 1991 bezog die dreifache Mutter mit dem Album »Mistaken Identity« und der Single »Let There Be Peace« Stellung gegen den ersten Golfkrieg. Außerdem fand sie zur Malerei zurück, mit der sie sich in Europa intensiv beschäftigt hatte, bis der Erfolg ihr keine Zeit mehr ließ. Ihre Arbeit wurde weltweit ausgestellt, z. B. von der Steven Spielberg-Stiftung Starbright Foundation oder im Whitney Museum of American Art.
Kollegen wussten immer um ihre Bedeutung. Brian Eno nannte ihren Sound schon in der Siebzigern »die Musik der Zukunft«. Jim Kerr bekannte, ohne »I Feel Love« niemals die Simple Minds gegründet zu haben. Und Beth Ditto widmete ihr auf dem letzten Gossip-Album einen Song. Als Donna Summer zur Verleihung des Friedensnobelpreises 2009 an Barack Obama nach Oslo eingeladen wurde, war sie beim Konzert zu seinen Ehren für viele der Höhepunkt des Abends.
Am 17. Mai starb Donna Summer, nachdem sie jahrelang an Lungenkrebs gelitten hatte. Das Album, an dem sie bis zum Schluss arbeitete, muss unveröffentlicht bleiben.
Die Männer Mitte 40 sind nicht mehr in dem Alter, das lautes Klagen zulässt. Der Autor dieser Zeilen aber hat vergangene Woche so hartnäckig in seinem alten Pappkarton mit Vinylplatten gewühlt, bis er die Maxi von »Hot Stuff« in den Händen hielt. Die liegt jetzt auf seinem Plattenspieler und wird jeden Tag mindestens einmal abgespielt.