Das Versagen der Wirtschaftswissenschaften in der Krise

Micky Maus hat keine Ahnung

Das offensichtliche Versagen der Ökonomen in der Krise hat dazu geführt, dass die jahrelang vorherrschende neoliberale Theorie in den Wirtschaftswissenschaften in Frage gestellt wird. Die deutschen Universitäten scheinen sich noch gegen diese Umorientierung zu wehren.

Von Ralf Hess
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Peter Bofinger gilt nicht nur als streitbarer Ökonom. Er ist auch einer der eher seltenen Vertreter der keynesianistischen Theorie. »Wir müssen als Ökonomen zumindest einräumen, dass viele Modelle nur Zerrbilder der Realität sind«, kritisierte er seine Kollegen in einem Interview mit der Financial Times Deutschland (FTD) Anfang April. Er habe die gängigen ökonomischen Lehrbücher systematisch ausgewertet. Die Standardwerke stellten die Makroökonomie als ein selbststabilisierendes System dar, in dem der Staat überwiegend als Störenfried fungiere. »Über soziale Sicherungssysteme und Gewerkschaften findet man dort nichts«, bemängelt Bofinger.
Auch zu den Annahmen der Wirtschaftswissenschaften über die Aufgaben der Banken innerhalb einer Nationalökonomie findet der an der Universität von Würzburg lehrende Professor klare Worte: »Diese Micky-Maus-Modelle sind völlig realitätsfern.« Den Modellen zufolge agierten die Banken als reine Vermittler, die Ersparnisse einsammelten und als Kredite wieder zurück in die Wirtschaft gäben. Einlagen, um Kredite zu vergeben, bräuchte der Finanzsektor demzufolge nicht. »Daran wäre das Finanzsystem fast zusammengebrochen«, sagt Bofinger.
Doch nicht nur die Standardwerke, die die kommenden Generationen von Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bei ihren ersten Schritten im Studium kennenlernen, seien überholt, auch an den Lehrinhalten der Professorinnen und Professoren habe die Krise trotz des offensichtlichen Versagens der Wirtschaftswissenschaften kaum etwas verändert. »Eine Studie von Forschern der Universität St. Gallen kommt sogar zu dem Schluss, dass die überkommenen Modelle heute mehr denn je unterrichtet werden«, so Bofinger. Nicht nur gebe es bisher keine Lehrbücher, in denen gezeigt werde, wie das Finanzsystem die Realwirtschaft destabilisieren kann, sondern »Professoren haben oft auch kein allzu großes Interesse daran, ihre Lehre an die geänderte Realität anzupassen«. Viele Studierende würden daher bis auf Weiteres mit überkommenen Lehrbuchmodellen arbeiten müssen.
Die Kritik Bofingers ist nicht neu. Arne Heise, Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Hamburg im Fachbereich für Sozialökonomie (der ehemaligen gewerkschaftsnahen Hochschule für Wirtschaft und Politik), kritisierte bereits 2008 die Hegemonie der neoliberalen Wirtschaftstheorie an den deutschen Hochschulen. »Im Gefühl der sicheren Dominanz gegenüber den ›kritischen Achtundsechzigern‹ und der Unterlegenheit gegenüber den US-amerikanischen Platzhirschen haben die neoliberalen Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland eine weitgehende Monokultur geschaffen«, heißt es in seinem Artikel mit dem Titel »Jetzt sind die Anderen dran. Für einen Elitenwechsel in der Wirtschaftswissenschaft«. »Monokulturen sind eben einem Virus – dem Virus des Zweifels an ihrer Tauglichkeit – schutzlos ausgesetzt«, fasste er seine Kritik zusammen. Im Gegensatz zu US-amerikanischen Universitäten, an denen immerhin noch einige »Dissidenten« geduldet würden, seien die deutschen Wirtschaftswissenschaften sehr schlecht auf diese Krise vorbereitet gewesen. Die Forschung beschäftige sich vornehmlich mit »Allokationsproblemen von Arbeitsmärkten« oder suche nach der »optimalen Größe des Staates«.

In der Tat reagieren deutsche Wirtschaftswissenschaftler sehr langsam auf die durch die Krise »geänderte Realität«. Während sich in den USA kurz nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes die bis dahin als wissenschaftliche »Dissidenten« verschrienen Vertreter des Keynesianismus sofort zu Wort meldeten, dauerte dies in Deutschland einige Jahre. Zu Beginn der Krise versuchte der größte Teil der neoliberalen wirtschaftswissenschaftlichen Elite, die zu starke Einmischung des Staates als Auslöser des Zusammenbruchs darzustellen.
Erst jetzt setzen sich einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den deutschen Universitäten mit dem Versagen ihrer theoretischen Modelle auseinander. So sagte Thomas Straubhaar, der Leiter des renommierten Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und ein Vertreter der neoliberalen Schule, in einem Interview mit der FTD: »Es gibt ökonomische Ideen und Glaubenssätze, die ich zu lange akzeptiert habe, obwohl sie mit der Empirie nicht übereinstimmten. Das will ich nicht mehr, sondern kritisiere, was falsch läuft.« Er traue den »alten Weisheiten« nicht mehr, die ihn geprägt hätten, nachdem sich einige dieser Weisheiten »empirisch als falsch erwiesen« hätten. »Durch die Mathematisierung haben wir aus der Ökonomie immer stärker eine Naturwissenschaft machen wollen und dabei wohl unsere Möglichkeiten überschätzt«, räumt er ein. »Die Krise bedeutet auch das Ende des ökonomischen Imperialismus, dieses Glaubens, dass wir über den anderen Wissenschaften stehen.«

Der Großteil der an deutschen Universitäten lehrenden Professorinnen und Professoren setzt sich mit den eigenen Theorien bislang aber nicht kritisch auseinander. Im Gegensatz zu ihren Kollegen in Großbritannien und den USA erwartet sie an deutschen Universitäten eine garantierte Anstellung auf Lebenszeit, daher gibt es für sie schlicht keinen Grund, ihre bisherige Arbeit zu rechtfertigen. Darüber hinaus kann das Eingeständnis, jahrelang möglicherweise den falschen theoretischen Modellen angehangen zu haben, auch gefährlich sein. Die Abtrünnigen würden sich der Kritik eines Großteils ihrer Kolleginnen und Kollegen aussetzen und damit ihre wissenschaftliche Reputation gefährden.
Auch große Teile der Studierenden und des akademischen Mittelbaus scheinen den ökonomischen Mainstream als unveränderlich hinzunehmen. Nur sehr vereinzelt gibt es Versuche, gegen die vorherrschende Theorie an den Fakultäten Einspruch zu erheben. Vor einigen Jahren wurde dazu beispielsweise der »Arbeitskreis Postautistische Ökonomie« gegründet (Jungle World 06/2012). Auch die weltweit agierende Studierendenbewegung Net Impact versucht, an der Berliner Humboldt-Universität Einfluss auf die Lehrinhalte zu nehmen. Insgesamt ist der von den Studierenden kommende Widerstand gegen die hegemonialen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften jedoch gering.
Für die deutschen Wirtschaftswissenschaften sieht die Zukunft daher düster aus. Die lebenslange Festanstellung eines Teils der Lehrenden blockiert nicht nur wissenschaftliche Veränderungen, sondern sorgt auch dafür, dass nur langsam neues Lehrpersonal an die Universitäten gelangt. Es mag zwar für einige glückliche Festangestellte ein Fortschritt sein, dass das prekäre Dasein im ständigen Konkurrenzkampf um Stellen aufgehört hat, eingestellt werden jedoch meist nur Vertreter der neoliberalen Ideologie. »Die Frage, ob ihre Forschung gesellschaftlich relevant ist, ist oft nebensächlich. Es gibt Leute, die sagen: Wichtig ist, dass ich publiziere und nicht, ob es dabei einen Erkenntnisgewinn gibt«, kritisiert Straubhaar. Um voranzukommen, müssten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler hoch spezialisierte Modelle entwickeln, was eher eine Domäne der neoliberalen Schule ist. Wie die Krise gezeigt hat, waren es jedoch gerade diese mathematischen Modelle, die dazu geführt haben, dass niemand die Krise voraussah.

Welche Auswirkungen diese »monokulturelle« theoretische Ausrichtung der deutschen Wirtschaftswissenschaften hat, zeigt die Studie »Consensus, Dissensus and Economic Ideas: The Rise and Fall of Keynesianism During the Economic Crisis«, die im März 2012 von Henry Farrell und John Quiggin vorgestellt wurde. Farrell lehrt an der Georg Washington University in Washington, D.C., politische Wissenschaften. Quiggin ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Queensland im australischen Brisbane. In der Studie stellen sie fest, dass die deutsche Regierung seit Beginn der Krise Hauptunterstützerin einer neoliberalen Wirtschaftspolitik ist. Das gehe in erster Linie auf den Einfluss einiger führender Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf die unterschiedlichen deutschen Regierungen zurück, die, mit wenigen Ausnahmen, der neoliberalen Schule nahestehen.
Für den Selbstkritik übenden Straubhaar ist die Lösung des wirtschaftswissenschaftlichen Dilemmas an den deutschen Universitäten einfach: »Das wird der ökonomische Prozess entscheiden. Wenn wir das nicht angehen, werden unsere Gesprächspartner uns nicht mehr ernst nehmen. Dann wandern auch die Forschungsgelder irgendwann in andere Disziplinen.« Wenn so etwas einer seiner einst glühendsten Anhänger sagt, ist für den Neoliberalismus offenbar noch nicht alles verloren. Und auch für die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland gibt es Hoffnung: Aufgrund der historisch erwiesenen Krisenanfälligkeit des Kapitalismus werden die deutschen Ökonomen noch öfter die Gelegenheit bekommen, die prognostische Kraft ihrer Theorien zu beweisen und notfalls weiter daran zu feilen.