Über den Trend zur Autarkie in der Krise

Mit Milchpulver und Armbrust

In Zeiten der Krise liegen Autarkie und »Survivalism« im Trend. Esoteriker und Verschwörungstheoretiker wissen dies für ihre ideologischen Zwecke, vor allem aber für ihre Geschäfte zu nutzen.
Anzeige

Am 1. Juni wird die Firma SicherSatt aus der Schweiz ihre erste Filiale in Deutschland eröffnen. Das Geschäft von Reto Schätti floriert. Er verkauft mit SicherSatt Notvorrat – Nahrung, die bis zu mehreren Jahrzehnten haltbar ist, Wasser­filter, Notkocher. Kundschaft hat Schätti nicht nur in der Schweiz, er versendet seine Produkte europaweit. Auch viele deutsche Kunden in der Schweiz seien darunter. Notvorrat für schlechte Zeiten, das haben die Deutschen mit Blick auf ihre Geschichte »eher noch im Hinterkopf«, meint Schätti. Die Euro-Krise möchte er dennoch nicht nutzen, um Panik zu schüren. »Das wäre nicht seriös«, sagt Schätti gegenüber der Jungle World.

Die Ängste in Krisenzeiten sind derweil real. Der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow sprach in diesem Zusammenhang davon, dass die Angst ums Geld den Menschen ähnlich beeinflusse, wie die Angst vor dem Verhungern. Die Finanzkrise setze den Menschen auch psychisch zu, Verlust­ängste würden aktiviert und die Vernunft lasse nach. Im Bereich der Psychologie sprechen Fachleute in solchen Fällen von Herdentrieben, die plötzlich ausbrechen können, wie etwa das massenhafte Abheben von Geld, dieses Phänomen war zuletzt in Griechenland innerhalb weniger Tage zu beobachten. Beeinflusst wird es maßgeblich von geschürten Ängsten.
Obwohl die Langzeitstudie »Die Angst der Deutschen« im Jahr 2011 einen starken Rückgang der Ängste im Hinblick auf Arbeitslosigkeit und einen Abschwung der Konjunktur verzeichnet hat, stellt sie fest, dass die Angst vor der europäischen Schuldenkrise immens gestiegen sei, mit 70 Prozent liegt diese beim Ranking ganz vorne. Die Studie konstatiert ebenso, dass sich die seit dem 11. September 2001 gestiegene Angst vor Terror mittlerweile verdoppelt habe.
Der Bekanntheitsgrad derer, die Aspekte wie Terror, Schuldenkrise oder auch bürgerkriegsähnliche Szenarien aufgreifen, und zugleich damit Geld verdienen, ist gleichfalls merklich gestiegen. Mit Titeln wie »Der Staatbankrott kommt« oder »Europa vor dem Crash« geben Autoren wie Michael Grandt und Gerhard Spannbauer den Ton in der Krisenhysterie vor. Spannbauer gilt mittlerweile als eine Koryphäe der »Krisenvorsorge«. In mehreren TV-Beiträgen zum Thema, beispielsweise bei Sat 1, durfte er auftreten. In den Beiträgen prognostiziert Spannbauer, wie nach einem Zusammenbruch Banden und Plünderer die Sicherheit von Heim und Familie gefährden, dazu passend liefert er mit seinem Onlineshop das notwendige Krisen-Equipment vom Milchpulver bis zur Armbrust. Spannbauers Buch »Europa vor dem Crash«, ein Bestseller, den er gemeinsam mit dem rechtspopulistischen Islamgegner Udo Ulfkotte veröffentlichte, erschien im Kopp-Verlag, dessen publizistischer Schwerpunkt bei Verschwörungen und Geheimgesellschaften liegt.
Ein ebenfalls bekannter Protagonist ist Frank Eckhardt. Eckhardt unterhält die Webseite »Autarke Welt«. Über Autarkie referierte er bereits in mehreren deutschen Städten. Suggestiv konfrontiert er das Publikum bei diesen Veranstaltungen mit der Frage, ob wir die Welt wirklich so empfinden oder nicht doch »alle nur auf eine Matrix« blicken. Gespickt mit Zitaten historischer Persönlichkeiten, lässt Eckhardt seine Frage offen, und überlässt es den Zuhörern sich die Antwort zu denken. Seriosität weicht dabei nicht selten reinen Vermutungen, wie der, dass bereits eine neue Währung für die Bundesrepublik gedruckt sei. Doch Eckardt betätigt sich nicht nur als Autor und Redner, er verkauft auch Grundstücke in Kanada – beworben als alternativer Flucht­ort, mit sauberem Wasser, viel Natur und geringer Bevölkerungsdichte. F.E. Property Sales heißt sein Grundstücksentwicklungs- beziehungsweise »Landerschließungsunternehmen«, das die Grundstücke an der Ostküste Kanadas anbietet.
Autarkie und Vorsorge scheint mittlerweile für einen erheblichen Teil der Bevölkerung den »Zeitgeist« zu treffen. Diese Auffassung vertritt zumindest das Ehepaar Kalmbach, welches im baden-württembergischen Rötenbach eine Firma betreibt, von der unter anderem Solartechnik angeboten wird, und die explizit mit der Energie­autarkie wirbt. Das Vertrauen in die gesellschaftliche Stabilität schwinde: »Immer mehr Leute sagen, das ist der richtige Weg« sagt Annette Kalmbach im Gespräch mit der Jungle World, und bezieht sich dabei auf die vielen positiven Rückmeldungen, die sie aus ganz Deutschland erhalte. Auch außerhalb ihres Unternehmens treten die Kalmbachs für Autarkie ein. »Es ist eine furchtbare Ohnmacht da«, weiß sie zu berichten. Jochen Kalmbach erinnern die bestehenden Verhältnisse eher an Zustände, wie in der ehemaligen UdSSR. »Wir haben hier eine Art Sozialismus«, sagt er, und wünscht sich für eine neue Gesellschaft mehr Unabhängigkeit und Freiheit. Seiner Kritik am Auslaufen der Subventionierung der Solarbranche in Deutschland fügt er hinzu, Deutschland sei nur noch »eine GmbH, eine Finanzagentur mit der Vorsitzenden Angela Merkel«.

Ideologische Bedeutung hat die Autarkie hauptsächlich in nationalistischen, esoterischen oder verschwörungstheoretischen Strömungen. In der gemeinnützigen Treuhandstiftung Novertis »für ganzheitliches und autarkes Leben« finden sich beispielsweise esoterische Anhänger, die zu ihren längerfristigen Zielen die Schaffung »einer Schwingung« zählen, die »Liebe, Loslassen, universelle Weisheit, Ausgeglichenheit fördert und zulässt«. Im Verein »Autarkes Leben« gebe es, schreibt das Informationsportal »esowatch.com«, auch Schnittmengen zwischen Esoterik und Rechtsextremismus.
In nationalistischen Ideologien ist die Autarkie mitunter ein zentraler Bestandteil. In der nordkoreanischen nationalistischen Chuch’e-Ideologie, die noch von Kim Il-sung entwickelt wurde, wird die nationale Autarkie beispielsweise als höchste Gesellschaftsform angepriesen. Sie fand Anhänger unter linken wie rechten Antiimperialisten, wie dem neonazistischen »Kampfbund deutscher Sozialisten«.

Die Kritik an Zins und Zinseszins von vielen Autarkieanhängern ist eine zusätzliche offene Flanke. Nationale Autarkie ist auch für den heutigen völkischen Antikapitalismus von Neonazis eine wichtige Komponente. Schon zu Beginn des Nationalsozialismus formulierte das Nazi-Regime die sogenannten Vierjahrespläne, in denen die weitgehende wirtschaftliche Unabhängigkeit des »Dritten Reichs« angestrebt wurde. Zu ihrer prognostizierten Verknappung von Ressourcen passten auch die nationalsozialistischen Europapläne der Vergrößerung des »Lebensraums« nach völkischen Kriterien.
Dass die kapitalistische Krise reale Bedrohungen mit sich bringt, ist unstrittig. Die »Protagonisten der Autarkie« liefern aber keine gesellschaftspolitische Analyse, sondern treten mit einer Mischung aus obskuren Unabhängigkeitsvorstellungen, Schreckensszenarien und Überlebensweisheiten auf. Angst und Panik schaffen dabei aber nur mehr Vereinzelung, in dessen sozialem Vakuum der Ruf nach Ordnung und einer starken Hand zum weitaus größeren Problem werden kann.