Streit um den Namen eines Stadtteils in Saarland

Der Nazi ist die Höhe

Im saarländischen Völklingen gibt es einen Stadtteil, der immer noch nach einem verurteilten Nazikriegsverbrecher benannt ist. Nicht wenige wollen, dass das so bleibt.

Völklingen ist trotz seiner Geschichte als Indus­triestandort nicht gerade eine bedeutende Stadt. Dennoch kann der saarländische Ort mit einer bundesweit hervorstechenden Besonderheit aufwarten: In den neunziger Jahren kürte ein Fernsehmagazin Völklingen zur hässlichsten Stadt Deutschlands – ein Ruf, der gepflegt wird. Erst Ende vergangenen Jahres machte die Stadt bundesweit mit einer bislang unaufgeklärten Serie von Brandstiftungen von sich reden, deren Ziele Migranten waren. Ermittelt wurde gegen die Betroffenen selbst, auf die Idee, dass Nazis hinter den Anschlägen stecken könnten, kamen die Behörden hingegen zunächst nicht. Kontinuierliche Imagepflege betreibt Völklingen auch mit einer seit Jahren geführten Debatte: Es geht um den nach einem Nazikriegsverbrecher benannten Stadtteil Hermann-Röchling-Höhe. Nächsten Donnerstag soll nun der Stadtrat auf Antrag der Linkspartei eine Entscheidung über eine Umbenennung treffen.

Debatten über die Umbenennung von Straßen und Plätzen kennt man aus vielen deutschen Städten. Während man andernorts in der Regel über einzelne Straßen diskutiert, geht es in Völklingen um einen ganzen Stadtteil, inklusive eines Fußballvereins, des »SV Hermann-Röchling-Höhe«. Hermann Röchling war ein hoher Nazifunktionär, Rüstungsindustrieller und persönlicher Freund Adolf Hitlers. Eine 2010 gegründete Initiative zur Rückbenennung der Hermann-Röchling-Höhe in Bouser Höhe, wie der Stadtteil ursprünglich hieß, möchte das nun ändern. Bislang ist allerdings jeder Umbenennungsversuch am Widerstand der Bevölkerung, die auch vor Drohungen nicht zurückschreckt, und der in dieser Frage bis vor kurzem geeinten großen Parteien SPD und CDU gescheitert.
Dabei könnte Röchlings Biographie kaum eindeutiger sein: Der 1872 in Völklingen geborene Mann wurde schon nach dem Ersten Weltkrieg für seine Beteiligung an der wirtschaftlichen Ausplünderung der zuvor besetzten französischen Gebiete zu zehn Jahren Haft verurteilt. Seiner Strafe konnte er sich allerdings entziehen, 1922 kehrte er unbehelligt ins Saargebiet zurück. Dort widmete er sich neben seinem Firmenimperium der Förderung der deutschnationalen Bewegung, die den »Wiederanschluss« des unter der Verwaltung des Völkerbunds stehenden Saargebiets an das Deutsche Reich forderte. Das Saargebiet bot von 1933 bis zur ersten Saarabstimmung 1935 vielen Verfolgten Schutz, was dem Antisemiten Röchling offensichtlich Sorgen bereitete. In der Befürchtung, der Völkerbund könnte auch nach einem »Anschluss« des Saargebiets an Deutschland dort Sonderrechte für verfolgte Juden durchsetzen, bat er Hitler schon 1933, er möge geeignete Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass das Saargebiet zu einem »jüdischen Naturschutzpark« werde. 1936 verfasste Röchling eine Hitler gewidmete Denkschrift, in der er die Politik gegen die Juden begrüßte, die an das »Leben schlechthin der jüdischen Rasse« rühre. Hitlers Angriffskrieg unterstützte er euphorisch. So schrieb er 1941: »So eine große Zeit wie die jetzige hat es noch kaum gegeben. Der Herrgott hat den Führer gesegnet und uns durch ihn.« Dieser nationalsozialistische Eifer wurde in den folgenden Jahren belohnt. 1942 wurde Röchling von Hermann Göring zum Leiter der Reichsvereinigung Eisen ernannt, womit ihm die Organisation der gesamten deutschen Eisen- und Stahlindustrie für die Rüstung oblag. Tausende Zwangsarbeiter arbeiteten unter Röchlings Leitung. Wer in seinem Völklinger Stahlbetrieb nicht spurte, wurde in das werkseigene »Arbeitserziehungslager« eingeliefert, was für viele einen grausamen Tod bedeutete. Nach dem Krieg wurde dem Industriellen der Prozess gemacht, 1948 wurde er als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er allerdings nur drei absaß. Er starb 1955 in Freiheit.

Zu Lebzeiten verstand es Röchling, sich in seiner Heimatstadt Völklingen den Ruf eines auf das Wohl seiner Arbeiter bedachten Unternehmers zu verschaffen. Das heutige Wohngebiet »Hermann-Röchling-Höhe« gründete er 1937 unter dem Namen Bouser Höhe als von ihm geförderte Siedlung. So band er seine Arbeiter durch finanzielle Unterstützung beim Wohnungsbau an sein Unternehmen, was vielen Völklingern immer noch als soziales Engagement gilt. Das aus heutiger Sicht wohl absurdeste Symbol für den paternalistischen Größenwahn, den Röchling gegenüber seinen Arbeitern an den Tag legte, befindet sich in der örtlichen evangelischen Versöhnungskirche: Ihr spendete er ganz in der Tradition mittelalterlicher Herrscher ein Deckenfresko, das Mitglieder seiner Familie zeigt. Die Mühen um sein Ansehen haben sich offenbar gelohnt: Der Kriegsverbrecher ist immer noch Ehrenbürger der Stadt.
Da ist es kaum verwunderlich, dass sich Röchlings Gegner wenig Freunde unter den 40 000 Einwohnern der Stadt machen. Georg Jungfleisch, einer der drei Gründer der Initiative für die Umbenennung und für die Linkspartei Mitglied im Völklinger Ortsrat, berichtet auf Nachfrage der Jungle World von »massiven Drohungen«, die ­gegen ihn und seine Mitstreiter ausgesprochen worden seien. In mehreren anonymen Briefen und Anrufen sei ihnen teils mit »Vergasen« gedroht oder gefordert worden, man solle sie »ins Lager einsperren«. Auch die CDU zeigt sich, wie zu erwarten, nicht gerade begeistert von dem Versuch, 67 Jahre nach Kriegsende in Völklingen mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zu beginnen. Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Stadtrat, Stefan Rabel, warf der Linkspartei in der Saarbrücker Zeitung einen durch »Fanatismus« geprägten Diskussionsstil und die Missachtung der »bedeutenden Rolle« vor, die Hermann Röchling für den Stadtteil und die Stadt insgesamt gespielt habe. Eine Umbenennung in Bouser Höhe lehne er strikt ab. Ähnlich reagierte zunächst auch die SPD. Ihr Fraktionsvorsitzender Erik Kuhn sagte noch vor einem Jahr den Saarbrücker Heften, Völklingen habe wichtigere Probleme als die Namensdiskussion. Zudem sollen mehrere Parteimitglieder mit ihrem Austritt gedroht haben, sollte die SPD die Umbenennung unterstützen.

Mittlerweile scheint die Partei jedoch anderer Ansicht zu sein. Seit kurzem bezeichnet nun auch Kuhn Röchling öffentlich als Kriegsverbrecher und möchte den Namen des Stadtteils ändern. Jungfleisch macht das für die Abstimmung nächste Woche Hoffnung. Mit den Stimmen von Linkspartei, SPD und Grünen wäre eine knappe Mehrheit möglich. Bis vor kurzem sei es undenkbar gewesen, dass ein Sozialdemokrat Röchling öffentlich einen Verbrecher genannt hätte, sagt er. Und auch in einem Telefonat mit der Jungle World bestätigt der SPD-Fraktionsvorsitzende seine Meinung. Allerdings merkt Kuhn an: Man könne eine Person eigentlich nur dann wirklich beurteilen, wenn man sie auch persönlich gekannt habe.

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