Will Autonomie für den Schiedsrichter

Eine Frage des Standpunkts

Wer durch den Fernsehbeweis Ungerechtigkeiten im Fußball verhindern will, huldigt einem ahistorischen Objektivismus.

So geht’s zu im Fußball. Der ukrainische Spieler Marko Devic schießt aufs Tor der englischen Mannschaft; Torwart Joe Hart kann nicht mehr eingreifen, aber der englische Verteidiger John Terry macht etwas, das auf der Facebook-Seite der englischen Nationalmannschaft als »Great clearance John« gewürdigt wird: Er haut den Ball raus. Die ukrainischen Spieler protestieren, ihr Trainer Oleg Blochin klappt vor lauter Aufregung die Arme immer hoch und runter, als wolle er wegfliegen, doch nichts von dem, was man im Fernsehen sieht, dass nämlich der Ball »im vollen Umfang hinter der Linie« war, wie es im Regelbuch formuliert ist, ändert irgendwas am weiteren Verlauf des Spiels.
Doch. Es hat sich was geändert. »Das wird nun wieder Diskussionen geben«, hätte Rudi Michel, der Kommentator des Wembley-Tors, gesagt. Und prompt fanden sich wieder allerlei Experten ein, die nach einem Fernsehbeweis rufen. Die ersten, die mit der Technik solche Ungerechtigkeiten ein für alle Mal verhindern wollten, waren sehr einhellig die Teilnehmer von »Waldis EM-Club« in der ARD. Als ob die dann noch was hätten, worüber sie dumm daher schwätzen könnten!
Das Reden über den Fußball lebt doch davon, dass man die eine Situation so, die andere so und jede anders als ein anderer betrachtet. Nur weil jeder eine andere Perspektive hat, kann man sich streiten, ob’s ein Foul war, ob’s Abseits war oder eben ob der Ball drin war.
Nun könnte man zwar sagen, dass die Zuhilfenahme einer der über 30 Kameras, die in einem EM-Stadion aufgebaut sind, immerhin die ansonsten so fußballübliche Diskussion verhindert, ob der »Torrichter«, den es ja neuerdings gibt, »blind« sei, »Tomaten auf den Augen« habe oder wie die dümmlichen Sprüche sonst so lauten. Das könnte man sagen, gewiss, aber schon die Einführung des Torrichters war ja ein Fehler. Schon hier wurde so getan, als könnte es so etwas wie Objektivität in diesem Sport geben und als müsste man die regeltechnische Spielbeobachtung nur noch ein bisschen weitertreiben, dann wäre das fußballerische Paradies fast erreicht.

Allzu weit ist die Vorstellung, es müssten nur an den richtigen Stellen Videokameras stehen, deren Bilder möglichst schnell ausgewertet würden, um den fußballerischen Frieden herzustellen, nicht von entsprechenden Forderungen für Busse, U-Bahnen oder öffentliche Plätze entfernt. Dabei geht es ja im Fußball nicht darum, Strafe und Kontrolle zu fordern (was aber, Stichwort versteckte Fouls, bestimmt auch bald käme), sondern wie im Falle der ukrainischen Nationalmannschaft nur darum, Ungerechtigkeiten zu verhindern.
Doch auch diese Forderung huldigt einem ahistorischen Objektivismus. Der Fußball – der Sport wie auch das Spielgerät – ist nicht vom Himmel gefallen, sondern er war von Beginn an eine Art Kampffeld: Hier artikulieren sich mit fußballerischen Mitteln Interessen, hier geht es darum, dem Gegenüber, der das nicht zulassen will, etwas abzuringen. Sehr verkürzt gesagt: Fußball ist Politik in kurzen Hosen.

Die Figur des Schiedsrichters ist in diesem Ensemble schon immer die schwierigste und nicht selten auch die schmierigste gewesen. Ihm unterstellen Anhänger aller beteiligten Gruppen, nicht das zu sein, was er zu sein vorgibt: unparteiisch. Wie viel Ideologie darin steckt, offenbart sich in der populären Regelformulierung »Der Schiedsrichter ist Luft«, wenn er angeschossen wird.
Dem Schiedsrichter einen Teil seiner Autonomie zu nehmen und diese der Fernsehkamera zu überantworten, übersieht, dass auch die Kameras nicht Luft oder vom Himmel gefallen sind, sondern von Menschenhand installiert wurden und Ausdruck von interessegeleiteten Perspektiven sind. Am deutlichsten wird das, wenn die ach so objektiven Experten entlang ihren mit Videotechnik hingezauberten Linien Abseits oder Nichtabseits nachweisen wollen. »Im Moment der Ballabgabe« sagen sie dann und halten die Kamera an. Dass sich dieser entscheidende Moment von ihnen nicht genau zeigen lässt, offenbart das ideologische Moment darin.
So ist es auch mit dem Fernsehbeweis zur Frage, ob der Ball drin war oder nicht. Was wir brauchen, ist nicht der Glaube, dass dies objektiv bestimmbar wäre, sondern ein Bewusstsein dafür, dass sogar diese Frage eine des Standpunkts ist. Und mein Standpunkt ist nicht der Standpunkt der Kamera und nicht der des Torrichters.
Die Aktion von John Terry nannte die Frankfurter Rundschau einen »Rettungsversuch«. Dabei hat Terry den Ball doch wirklich weggehauen, es wurde wirklich nicht als Tor gezählt, und England ist wirklich eine Runde weiter. »Good clearance« also.

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