Ist für moderne Technik

Weg mit den Komplott-Theater!

Der Fernsehbeweis würde einem das ewige Genörgel jener ersparen, die immer davon ausgehen, dass der Schiedsrichter ihrer Mannschaft Böses will.

Zugegeben, wenn jemand wie Felix Magath »Her mit der Tortechnologie!« fordert, dann bin ich eigentlich eher geneigt, ihm zu widersprechen – einfach weil ich ihn nicht mag, und weil er mit seiner nüchternen und bürokratischen Art aus dem sonst so emotionalen Fußball einen Verwaltungsakt macht. Doch auch wenn sein Hauptargument, »eine menschliche Fehlleistung raubte Sportlern den Lohn ihrer Anstrengung«, zehn Meter gegen den Wind nach protestantischer Ethik und Wahlprogramm der FDP klingt, muss ich ihm in der Sache Recht geben. Aus gänzlich anderen Beweggründen freilich.
Würde es nämlich dank Torlinientechnologie den einwandfreien Beweis geben, ob der Ball regelgerecht in vollem Umfang die Torlinie überquert hat oder nicht, dann würde uns so manches Rumgeopfer und so mancher verschwörungstheoretische Mumpitz erspart bleiben. Zwar wäre die Bundesrepublik Deutschland dann 1966 auch möglicherweise Fußballweltmeister geworden, weil der Ball beim legendären »Wembley-Tor« halt doch nicht ganz über der Linie war – sechs Zentimeter haben einer Untersuchung eines Teams von Ingenieuren der Oxford University zufolge damals gefehlt –, doch hätten die Engländer dann wahrscheinlich auch 2010 die Deutschen im Achtelfinale von Bloemfontein aus dem Turnier gekickt, als ein glasklares Tor von Frank Lampard nicht gegeben wurde. Außerdem ist die Begründung, die der aserbaidschanische Linienrichter Tofik Bachramow der Legende nach auf dem Sterbebett gegeben haben soll, als er gefragt wurde, woher er wusste, dass der Ball damals in Wembley wirklich im Tor war, im Zweifel ohnehin jeder Torlinientechnologie weit überlegen. Nur ein einziges Wort soll er damals gesagt haben: »Stalingrad« – wahrscheinlich das einzige Argument, das noch bestechender ist als der elektronische Beweis, der gegenwärtig gefordert wird.

In den meisten Fällen jedoch geht es nicht gleich um die kollektiv begangenen Verbrechen der Deutschen, sondern einfach darum, dass sich immer welche finden, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass manchmal halt nicht alles so läuft, wie sie es wollen, und die sich das nur damit erklären können, dass irgendjemand ihnen, und nur ihnen, Böses will. Die Zahl derer, die den Schiedsrichtern und ihren Assistenten zugestehen, auch mal Fehlentscheidungen zu treffen, ist leider eher gering. Viel größer ist die Zahl derer, die hinter allem gleich eine große Verschwörung oder zumindest ein wenig Boshaftigkeit seitens der Unparteiischen vermuten, und genau diese Klientel gilt es durch die Einführung der Torlinientechnologie zum Schweigen zu bringen.
Natürlich ist es traurig, wenn Menschen nicht menschlich genug sind, anderen menschliche Schwäche in Form von Fehlentscheidungen zuzugestehen, doch sind viele Fußballfans schlicht von Fanatismus und vom Freund-Feind-Schema geblendete Wesen, die bei für sie negativen Ereignissen nicht an Zufall oder meinetwegen sogar Schicksal glauben wollen, sondern immer sofort nach Schuldigen suchen. Für gewöhnlich werden diese Schuldigen dann bevorzugt außerhalb der eigenen Wir-Gruppe ausgemacht. Natürlich hat der Verteidiger des eigenen Teams den gegnerischen Stürmer nicht umgegrätscht. Das kann einfach nur eine Schwalbe gewesen sein. Und natürlich pfeift jeder Schiedsrichter immer und überhaupt konsequent gegen das eigene Team. Da sind sich die Zuschauer in beiden Kurven dann ausnahmsweise und immerhin mal einig.

Ich persönlich kann damit leben, wenn Schiedsrichter Fehlentscheidungen treffen, weil ich davon ausgehe, dass sich das auf lange Sicht eh wieder ausgleicht, aber ich bin auch nicht Fan des 1. FC Nürnberg, der 1994 wegen Thomas Helmers Tors, das keines war, abgestiegen ist. Vielleicht wäre ich dann weniger gelassen. Wahrscheinlich würde ich dann aber nur noch vehementer den Einsatz von Torlinientechnologie fordern. Vielleicht würde ich mich aber auch mit der bloßen Steinigung von Thomas Helmer begnügen.
Da ich aber eigentlich, bei aller Abneigung, nicht möchte, dass Thomas Helmer oder sonstwer gesteinigt wird, bin ich dafür, all jene, die nicht damit umgehen können, dass Menschen Fehler machen, und die lieber an böswillige Verschwörungen glauben als daran, dass Scheiße halt manchmal einfach so passiert, zum Schweigen zu bringen, indem wir ihnen eine unfehlbare Instanz in Form von Technologie vor die Nase setzen. Sonst kommt es beim nächsten Phantomtor noch zu einer »Occupy«-Bewegung im Fußballstadion. Und das muss ja nun wirklich nicht sein.

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