Israel ist immer schuld – »Pinkwashing« als neue Kritikform

Pretty in Pink

Der Vorwurf des »Pinkwashing« ist der angesagteste Kniff der Israelkritik. Er wird nicht nur auf dem Transgenialen CSD in Berlin vorgebracht. Auch die ARD hat sich mittlerweile des Themas angenommen.
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Dorftratsch dient nicht der Wahrheitsfindung, sondern der gemeinschaftlichen Triebabfuhr. Es verwundert nicht, dass auch in Berlin-Kreuzberg, wo es von »Communities«, »Zusammenhängen« und anderen dörflichen Gemeinschaften nur so wimmelt, solcher Klatsch gedeiht. Da sich die meisten dieser Grüppchen als links verstehen, ist es nicht überraschend, dass zum Zweck der Selbstvergewisserung und Feindbestimmung die Sprache nicht nur auf Yuppies, Schwaben und Spekulanten kommt, sondern auch auf Israel.

Der Transgeniale CSD (TCSD), der eine Alternative zum als entpolitisiert und kommerzialisiert geltenden großen CSD in Berlin sein soll, ist keine Ausnahme. Im vergangenen Jahr wurde auf der Abschlusskundgebung eine Erklärung palästinensischer Queers verlesen, in der Israel als Apartheidsstaat bezeichnet wurde, der mit »Boykott, Desinvestition und Sanktionen« zu bekämpfen sei. »Boykott, Desinvestition und Sanktionen«, kurz BDS, ist auch der Name eines Bündnisses, das selbst der nicht sonderlich zimperliche Noam Chomsky in einem Interview 2010 als »globale antisemitische Kampagne« bezeichnete, deren Ziel es sei, »den jüdischen Staat zu zerstören«.
In diesem Jahr lud die »Orgagruppe« des TCSD zum ersten Mal zu einer »Workshop- und Veranstaltungswoche«. Israel wurde dabei als einzigem Staat der Welt die zweifelhafte Ehre zuteil, in einem eigenen Workshop als Übel für die queere Community gebrandmarkt zu werden. »Pinkwashing Israel« lautete der Titel des Vortrags, der in der vergangenen Woche stattfand. Neues zum Vorwurf des »Pinkwashing« war nicht zu erfahren. Vor etwa 40 Zuhörerinnen und Zuhörern verbreiteten eine Referentin und ein Referent die bekannte Anschuldigung: Israel versuche, sich mit einer »großen, gut finanzierten Kampagne« das Image eines »schwulen Paradieses« im Nahen Osten zu geben, um so von seiner Besatzungspolitik und seinen vermeintlichen Verbrechen an den Palästinensern abzulenken.
Was die selbsternannten »Pinkwatcher« als perfide Strategie des Staates Israel erkannt zu haben glauben, ist tatsächlich eine banale Tatsache: Seit einigen Jahren werben die israelische Tourismusbranche und das Tourismusministerium gezielt um homosexuelle Urlauber. Dabei verfügen sie über einen regionalen Wettbewerbsvorteil, schließlich ist Israel das einzige Land im Nahen Osten, in dem sich Menschen gleich welcher sexuellen Orientierung öffentlich so frei bewegen können, wie dies in einer bürgerlichen Gesellschaft eben möglich ist.

Den Nachweis zu erbringen, dass Israel mit einem schwulenfreundlichen Image seine Besatzungpolitik legitimieren will, wie es im Ankündigungstext hieß, gelang den Referenten nicht. Das ist nicht verwunderlich. Bislang ist keine Rede überliefert, in der ein israelischer Politiker versucht hätte, die Stationierung israelischer Panzer im Westjordanland mit dem CSD in Tel Aviv und den Songs von Dana International zu rechtfertigen. Ebenso scheiterten sie daran, einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Geschlechter- und Besatzungspolitik aufzuzeigen. Auch das ist nicht verwunderlich. Denn selbst die queere palästinensische Organisation Al-Qaws, die im Westjordanland ansässig ist und ebenfalls gern von »Pinkwashing« spricht, plauderte in einer Stellungnahme im Jahr 2010 aus, dass »Israels mehrstufige Unterdrückung kaum zwischen hetero- und homosexuellen Palästinensern unterscheidet«, es also keinen solchen Zusammenhang gibt. Die Anschuldigung des »Pinkwashing« ist so stichhaltig, wie Klaus Wowereit vorzuwerfen, er wolle mit einem Auftritt auf dem CSD vom maroden Zustand der Berliner S-Bahn ablenken.
Das lokalpatriotische Bekenntnis »Wir sind Kreuzberger«, das einer Moderatorin während der Abschlusskundgebung des diesjährigen TCSD entfuhr, könnte zu der Hoffnung verleiten, das Gerede vom »Pinkwashing« verbleibe in den engen Grenzen des Stadtteils. Doch auch andere werden inzwischen darauf aufmerksam. Anfang Juni veröffentlichte Torsten Teichmann, Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv, einen Beitrag mit dem Titel »Schwulenfreundlichkeit als Feigenblatt?« Aus Anlass der »Pride Week« in Tel Aviv besuchte er Adi Steiner, einen der Organisatoren. »Die Formel der Politik lautet: Ein Land, das die Rechte von Lesben und Schwulen achtet, ist auch sonst besorgt um die Menschenrechte«, berichtete Teichmann, um sogleich zu fragen: »Starke Schwulenrechte gleich starke Menschenrechte?« Auch Steiner kam zu Wort: »Ich werde als Kopf des ›Pinkwashing‹ beschuldigt. Weil ich auch viel mit dem Außenministerium zusammenarbeite. Aber das stimmt nicht. Ich zeige ein reales Bild. Ich zeige, dass Tel Aviv offen und schwulenfreundlich ist. Ich versuche ja nicht, den Rest der komplexen Realität zu verstecken.« Teichmann scheinen dennoch Zweifel beschlichen zu haben, weshalb er seinen Bericht suggestiv enden ließ: »Nach der ›Pride-Week‹ macht sich Steiner auf nach Berlin. Er werde gemeinsam mit Künstlern in der Hauptstadt auftreten. Um den Spirit von Tel Aviv nach Deutschland zu bringen. Mit finanzieller Unterstützung der israelischen Regierung.«

Jasbir Puar dürfte sich über die Verbreitung ihrer kruden These freuen. Der britische Guardian gewährte der amerikanischen Professorin für Women’s and Queer Studies im Juli 2010 ausgiebig Platz, um in dem Artikel »Israels schwuler Propagandakrieg« den Begriff »Pinkwashing« öffentlich einzuführen und sich über das »totalitäre Regime« in Israel zu empören (siehe auch Jungle World 49/10). Sarah Schulman, Professorin am College of Staten Island in New York, verbreitete die »Pinkwashing«-These im November 2011 in der New York Times. Im April fand am »Center for Lesbian and Gay Studies« in New York die Konferenz »Homonationalism and Pinkwashing« statt, unter anderem mit Jasbir Puar und Judith Butler als Rednerinnen. Im Anschluss erging ein »Call for Papers« an interessierte Studierende, womit sichergestellt sein dürfte, dass sich der akademische Nachwuchs am Ausbau des »Pinkwashing«-Gerüchts beteiligt.
Nun hat die ARD über »Pinkwashing« berichtet. Und auch der Guardian bleibt dran: Vor zwei Wochen versah die israelische Armee aus Anlass der Gay Pride Parade in Tel Aviv ihr Facebook-Profil mit dem Foto zweier händchenhaltender Soldaten und schrieb: »Es ist Pride-Monat. Wussten Sie, dass die IDF alle ihre Soldaten gleich behandelt?« Prompt munkelte das britische Blatt von »Pinkwashing«. Und selbstverständlich soll es auf dem »World Social Forum: Free Palestine«, das voraussichtlich im November im brasilianischen Porto Alegre stattfindet, auch um »Pinkwashing« gehen. An der internationalen Verbreitung des Vorwurfs wird also unter der Schirmherrschaft führender Gender-Theoretikerinnen gearbeitet.
Mittlerweile zeigt der neueste Kniff aus der antiisraelischen Propagandakiste auch konkrete Resultate. Im März bereiste eine Delegation homosexueller Teenager aus Israel für einen Erfahrungsaustausch die USA. Die LGBT-Kommission in Seattle verweigerte ihnen jedoch auf Druck engagierter »Pinkwatcher« ein Treffen. Ebenso erging es ihnen in Tacoma und Olympia. Über die Ansichten der Jugendlichen zur Besatzungspolitik wurde nichts bekannt. Dass es sich um Israelis handelte, genügte in diesen Städten für ihren Ausschluss aus der Queer Community.