Queer Swing

Berlin Beatet Bestes. Folge 155. Live aus Herräng, dritter Teil.

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Dass die Geschichte der Popmusik weitgehend afroamerikanisch geprägt ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. Schwarze haben immer wieder Neues erfunden, was Weiße dann recyclen. Die Bluesbegeisterung englischer Bands in den Sechzigern und der Northern-Soul in England in den Siebzigern belegen dies. Auch wird heute zwar überall in der Welt Swing getanzt und Swing gespielt, aber nur noch vereinzelt von Afroamerikanern.
Seit drei Wochen befinde ich mich jetzt zusammen mit meiner Freundin im schwedischen Herräng, auf dem größten Swingcamp der Welt. Musikfestivals dauern ja selten länger als ein paar Tage, Herräng dagegen dauert fünf Wochen. Vormittags gibt es Unterricht in verschiedenen Klassen, am Nachmittag wird geschlafen und danach wird endlos getanzt. Jeden Tag stundenlang zu tanzen, zehrt natürlich an den Kräften und einen leichten Lagerkoller verspüre ich auch schon. Dennoch genieße ich es sehr, mich in einer Szene zu bewegen, in der Frauen in der Mehrheit sind. Leider ist die Swing-Szene dennoch tendenziell traditionalistisch. Das zeigt sich besonders bei den Geschlechterrollen, die im Paartanz nur selten gewechselt werden. Dawn Hampton, die Grande Dame der Swinggemeinde, wiederholt zwar auf jeder ihrer wöchentlich stattfindenden Talks ihr Credo: »Leaders learn how to follow and Followers learn how to lead«, aber auf den Dance­floors sieht man nur gelegentlich Frauen mit Frauen tanzen, noch seltener Männer, die als sogenannte »Follower« tanzen, und so gut wie nie Männer, die mit Männern tanzen. Jeden Freitag findet in Herräng eine Kostümparty statt. In der vorigen Woche war das Motto »A Night at the Savoy«. Im Savoy Ballroom in Harlem wurde Ende der zwanziger Jahre der Lindy Hop erfunden. Zum Glück hatte ich schon zu Beginn des Camps einen Anzug aus den Vierzigern mit riesigen Schulterpolstern gekauft, der mir perfekt passt. Aber dann erschien es mir doch zu langweilig, ihn zu tragen, schließlich ist für viele Lindy Hopper sowieso jede Nacht eine Nacht im Savoy. Kurzerhand zog meine Freundin den Anzug an und ich ging geschminkt, mit rasierten Beinen, Nylons und selbstausgesuchtem Fummel. Als Transe aus den Vierzigern erntete ich viele entsetzte Blicke. Ach ja, ein paar Follower-Schritte kann ich auch schon.
Derweil ist die afroamerikanische Jugend heute Lichtjahre entfernt von Paartänzen wie den ursprünglich schnellsten und langsamsten Tänzen der Welt, dem Lindy Hop und dem Blues. In Chicago wird zu ultraschnellen Breakbeats »Footwork« getanzt, wobei die Füße in rasendem Tempo in immer neuen improvisierten Variationen geschleudert werden. Der Gegenpart dazu ist »Hip Roll«, ein unglaublich langsamer, stark erotisch aufgeladener Tanz, in dem Jungen und Mädchen im Jam Circle sich in Akrobatik und Anzüglichkeit zu übertrumpfen versuchen. Noch kann kein Weißer so tanzen.