Der SM-Bestseller »Fifty Shades of Grey«

Schlagartig zum Höhepunkt

Mommy Porn, Entwicklungsroman oder Hausfrauenschund? Sonja Eismann hat den SM-Bestseller »Fifty ­Shades of Grey« gelesen und wundert sich, wie viele Klischees in ein Buch passen.

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Wer dachte, dass der Hype um die Pornographie endlich wieder abflauen würde, hat sich zu früh gefreut. Auf den Medienrummel um den Post-Porno folgt das nächste große Ding: der »Mommy Porn«. Dieser eher abwertend gemeinte Begriff bezeichnet eine neue Spielart der Pornographie, die sich hauptsächlich an reifere Frauen und Mütter richtet, die den »Schund« im Schutz der Anonymität ihrer E-Reader ohne allzu schlechtes Gewissen lesen, um ihre eingeschlafenen Phantasien wieder aufzupeppen. Seit der Veröffentlichung des biederen SM-Bestsellers der britischen Autorin E. L. James alias Erika Leonard, deren Buch diese Bezeichnung erst populär gemacht hat, macht sich die halbe Welt über »Fifty Shades of Grey« lustig – und zugleich scheint die ganze Welt den 600 Seiten starken Roman lesen zu wollen, der in den USA wegen seines unglaublichen Erfolgs angeblich nur noch »The Book« genannt wird.
Die rasante Karriere des inzwischen auch auf deutsch erschienenen Buches (erschienen bei Goldmann, übersetzt von Andrea Brandl und Sonja Hauser) begann als Fan Fiction im Internet. Die Geschichte ist eine sexuell explizite Fortschreibung der populären Twilight-Saga. Aus den Figuren Bella Swan und Edward Cullen wurden Anastasia Steele und Christian Grey. Angeheizt durch virales Marketing entstand eine auf die vielen Sexszenen neugierige Fangemeinde, und im April dieses Jahres sicherte sich mit Vintage Books ein renommierter Verlag die Rechte an der Geschichte. Die Verkaufsergebnisse können sich sehen lassen. »FiftyShades of Grey« ist mit derzeit rund 31 Millionen Exemplaren das am schnellsten verkaufte Taschenbuch aller Zeiten, in 37 Ländern wurden die Buchrechte bereits verkauft, und derzeit geistern immer wieder bizarre Meldungen durch die Medien, welche Stars an der geplanten Verfilmung mitwirken wollen. Mark Wahlberg wollte den Kinofilm produzieren (ist aber schon wieder aus dem Rennen), Bret Easton Ellis posaunte herum, Angelina Jolie interessiert sich angeblich für die Regie.
Die Geschichte von Anastasia, Ana genannt, und Christian ist simpel: Ana ist eine brave, sexuell unerfahrene Collegestudentin, die anstelle ihrer erkrankten Mitbewohnerin Kate für die Campus-Zeitschrift ein Interview mit dem extrem erfolgreichen Geschäftsmann Christian Grey führen muss. Das Interview mit dem 26jährigen, selbstverständlich unfassbar gutaussehenden Grey in seinem Glas-und-Stahl-Palast entwickelt sich für die komplett unvorbereitete Ana zum Desaster. Grey wittert in der unsicheren Studentin Sklavinnen-Potential und stalkt ihr so lange hinterher, bis sie in einen »Vertrag« zur Regelung des Verhältnisses zwischen »Dom« und »Sub« einwilligt. Beim ersten Mal gibt’s für Jungfrau Ana ausnahmsweise Blümchensex, bei dem sie auch gleich umstandslos zum Orgasmus kommt. Daraufhin wird eine überschaubare Reihe von Bumsszenen abgehakt, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass Anastasia ein hervorragendes Talent dafür hat, durch ein bisschen Zerren an ihren Brustwarzen und harte Penetration quasi auf Knopfdruck zum Höhepunkt zu schnellen. Die deftigsten Sadoszenarien – Peitschenhieb auf die Klitoris mit, klar, Instant-Orgasmus – spielen sich nur in Anas Träumen ab, in der Realität der Beziehung hält sich das Gekloppe in sehr dezenten Grenzen. Niemals fließt Blut, und nicht einmal der vertraglich vereinbarte Analsex, der doch heute in jedem Porno Standard ist, wird ausprobiert. Eigentlich zeigt sich der von der Autorin als abgründig angelegte, letztlich aber lächerlich schablonenhafte »Meister« außerhalb seines spießigen »Spielzimmers« als zuvorkommender Traummann. Er cremt seiner Geliebten liebvoll den versohlten Popo ein, ermahnt die Studentin, deren Namenskürzel an die Pro-Ana-Bewegung der Magersüchtigen im Internet erinnert, vernünftig zu essen, und überschüttet sie mit Geschenken: neuer Computer, neues Auto, Helikopter-Flüge.
Die Romantik ist ein weiterer Grund für den Erfolg des Buches, das zwar literarisch nicht eben innovativ oder originell ist, aber auch nicht unerträglicher als der pathetische Nachwuchsquatsch, der mitunter beim Bachmann-Wettlesen vorgetragen wird. Der innere Monolog, in dem die Erzählerin ihre »innere Göttin« zu Wort kommen lässt, nervt allerdings gewaltig.
Das im Feuilleton missachtete Romantik- und Erotik-Genre ist der Branchenführer auf dem Buchmarkt. In den USA werden damit jährlich 1,3 Milliarden Dollar umgesetzt. Bei »Fifty Shades of Grey« handelt es sich genau genommen um eine hyperromantische Liebesgeschichte. Die Journalistin Nina Pauer schreibt in ihrer Rezension in der Zeit vom »Traum der verbindlichen Bindung in total deregulierten Zeiten«. Auch wenn die halbscharfen Sexszenen die öffentliche Wahrnehmung des Buches dominieren, so wird hier doch auf der uralten Klaviatur heterosexueller Beziehungsklischees gespielt. Grey ist der verschlossene, bindungsgestörte Typus Mann, den es mit viel weiblicher Hingabe und Geduld zu »knacken« gilt, um mit ihm in einer harmonischen Zweierbeziehung leben zu können.
Interessant ist, was in den meisten Rezensionen, ob kritisch oder positiv, ausgeblendet wird: Christians SM-Vorliebe wird als Hindernis und nicht als Anreiz für eine Beziehung dargestellt. Die fast rührend weltfremde Anastasia – eine amerikanische Studentin, die im Jahr 2011 einen Käfer fährt, weder einen Computer noch einen E-Mail-Account besitzt und sich vor dem ersten Date mit Grey zum ersten Mal Achseln und Beine enthaart – erregen die Unterwerfungsspielchen einerseits, lassen sie andererseits aber mit ihrer Rolle als »Sub« hadern, so dass sie nach einer harten Tracht Prügel ihren Traumprinzen verlässt. BDSM wird nicht als eine gültige sexuelle Spielart betrachtet, sondern als Konsequenz einer emotionalen Beschädigung: Der Held wurde als Jugendlicher von einer älteren Frau sexuell missbraucht.
In einer Szene kommt es zu einem Gespräch, das die ganze Küchenpsychologie des Romans offenbart: »Wieso hast du das Bedürfnis, mich zu kontrollieren?« fragt Anastasia, und Grey antwortet: »Weil genau dieses Bedürfnis während der Prägephase in meinem Leben nicht befriedigt wurde.« – »Also ist das Ganze eine Art Therapie für dich?« hakt Anastasia nach. Grey antwortet ihr nachdenklich: »So habe ich es bisher noch nie betrachtet, aber, ja, vermutlich ist es das.«
Die Mediendebatte um die Frage, ob der Erfolg des Roman ein Indiz dafür ist, dass Frauen als Reaktion auf Gleichstellungspolitik und berufliche Erfolge von der »Verlockung der sexuellen Unterwerfung« träumten, wie beispielsweise Katie Roiphe in der Newsweek-Titelstory sehr zum Ärger zahlloser feministischer Bloggerinnen behauptete, oder ob man die Protagonistin trotz ihrer SM-Phantasien als durchaus emanzipiertes »denkendes und handelndes Subjekt« ansehen muss, wie Alice Schwarzer in der Frankfurter Rundschau meinte, geht am Kern des Problems vorbei. Das »Problem« ist nicht der einvernehmliche sadomasochistische Sex, sondern die Konditionierung junger, selbständiger Frauen wie Anastasia Steele auf das Ideal der romantischen Zweierbeziehung um jeden Preis. Den emotional schwer beschädigten Mann durch Hege und Pflege für die lebenslange Bindung fit zu machen, das kann wirklich nicht mehr der Job der Mädels sein.