Der Blockbuster »Prometheus«

Die Tentakel Gottes

In seinem neuen Science-Fiction-Film »Prometheus« will Ridley Scott den großen Fragen der Menschheit nachgehen. Leider hat er darüber die kleinen, aber bedeutsamen Fragen des Filmemachens vergessen.

Anzeige

Die Schöpfung ist ja eher eine Sache von vorgestern. Trotzdem werden im Science-Fiction-Film, in dem es meist um morgen, übermorgen und überübermorgen geht, allerlei Schöpfungsgeschichten erzählt. Die berühmteste entstammt Stanley Kubricks Bombastwerk »2001: A Space Odyssey«, in dem ein außerirdischer Gesteinsbrocken einem Affen einflüstert, wie sich Knochen dazu verwenden lassen, der Konkurrenz den Schädel einzuschlagen. Dieser handfeste Vorteil im survival of the fittest führt in »2001« zur Entstehung der Menschheit.
Ridley Scott erzählt in der ebenfalls bombastischen Eröffnungssequenz seines neuen Films »Prometheus« eine Schöpfungsgeschichte: In der prähistorischen Vergangenheit unseres Planeten tötet sich ein hochgewachsener, muskulöser, weißhäutiger Außerirdischer an einem tosenden Wasserfall durch die Einnahme einer schwarzen, körperzersetzenden Glibberflüssigkeit. Sein Erbgut gelangt in diesem Akt, einer Mischung aus Selbstopfer und extraterrestrischem Badeunfall, ins Wasser. Aus den DNA-Fetzen, das legt der Film nahe, entsteht die Menschheit.
Die Außerirdischen hinterlassen jedoch nicht nur ihr Erbgut, sondern auch an Höhlen- und Tempelwände gekritzelte Sternkarten, auf denen ihr Heimatplanet eingezeichnet ist. Ende unseres Jahrhunderts entdecken zwei Archäologen, die tiefgläubige Christin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und der Atheist Charlie Holloway (Logan Marshall-Green), die Höhlenmalereien. Bald darauf macht sich eine von dem Großindustriellen Peter Weyland (Guy Pearce) finanzierte Expedition zum fernen Gestirn LV-223 auf, wo Shaw, Holloway, der Android David (Michael Fassbender), die Konzernfunktionärin Meredith Vickers (Charlize Theron) und die restliche Crew des Raumschiffs Prometheus entdecken müssen, dass die Schöpfer der Menschheit recht mörderische Gesellen mit einem Faible für tentakelbewehrte Biowaffen sind.
Dass am Ende nur eine Frau überlebt, kennt man schon aus Scotts Film »Alien« von 1979, der mittlerweile in der Rubrik »Schleimiges Monster im Weltall« als Klassiker gilt und von seiner Fangemeinde kultisch verehrt wird. Ganz zu recht, denn »Alien« besticht auch heutzutage noch durch seine Atmosphäre, für die nicht nur die von dem Schweizer Künstler H. R. Giger entworfene, schrecklich-schöne biomechanische Kreatur sorgt. Das Raumschiff, in dem die Handlung spielt, ist kein auf Hochglanz poliertes technisches Wunderwerk, sondern ein heruntergekommener, beklemmend dunkler und enger Erztransporter. Es ist im Auftrag eines skrupellosen Konzerns unterwegs, der für die Aussicht auf Profit ohne weiteres dazu bereit ist, die schwer schuftende Besatzung von dem außerirdischen Monster dahinschlachten zu lassen. Der Bordcomputer Mu/th/ur, sprich »mother«, ist noch fieser als Hal 9000 in »2001«. Und am allerfiesesten sind selbstverständlich die Tode und die vorausgehenden Martyrien, welche die Besatzungsmitglieder erleiden müssen: Die orale Vergewaltigung und Befruchtung des Offiziers Kane durch einen außerirdischen Organismus und die anschließende bluttriefende Geburt des Aliens aus Kanes Brustkorb schockieren auch heutzutage noch, zumal im gesamten Film sexuelle Ängste und Geburtstraumata psychologisch geschickt bebildert werden. All das macht »Alien« zu einem schmutzigen, kleinen Meisterwerk.
Die Nachricht, dass Scott mit »Prometheus« die Vorgeschichte zu seinem klassischen Science-Fiction-Horrorfilm ins Kino bringen würde, in dem die Herkunft des Aliens aufgeklärt werden sollte, versetzte die Fans deshalb in helle Aufregung. Etliche eigens gegründete Internet­foren beschäftigten sich bereits über ein Jahr vor dem Kinostart mit »Prometheus«, alle allmählich öffentlich werdenden Details wurden rege diskutiert. Einen schmutzigen, kleinen Film wie »Alien« hat Scott jedoch nicht gedreht. Schließlich ging es ihm dieses Mal um die »großen Fragen«, wie er in einigen Interviews sagte: »Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Was geschieht mit uns, wenn wir tot sind?«
Solche Fragen sind allerdings nicht groß, sondern entstammen dem Ramschkatalog der Trivialphilosophie. Noch dazu hat Scott über die vermeintlich großen Fragen offensichtlich die kleinen, aber bedeutsamen Fragen des Filmemachens vergessen: Wie sollte eine kohärente Geschichte aufgebaut sein? Wie entwickelt man Charaktere? Welcher Schnitt gibt einem Film das angemessene Tempo? Wie schreibt man glaubwürdige Dialoge? Welche Musik unterstützt die Dramaturgie?
Und so wird der Film nach der imposanten Eröffnung recht schnell haarsträubend, denn Scott gibt mit seiner Geschichte Rätsel über Rätsel auf. Warum etwa werden Wissenschaftler, die an der wichtigsten Mission der Menschheit teilnehmen, erst eine halbe Stunde vor der Landung über den Grund und das Ziel der Expedition informiert? Und warum nehmen an der Forschungsreise derart dumme Wissenschaftler teil? Ihnen lassen die Drehbuchschreiber Scott, Jon Spaihts und Damon Lindeloff nämlich nichts Besseres in den Sinn kommen, als die erstbeste außerirdische Kreatur streicheln zu wollen, was selbstverständlich tödliche Folgen hat.
Der Zuschauer hat jedoch keine Zeit, über die vielen weiteren kruden Details der Geschichte nachzudenken. Schließlich gilt es nicht nur den hektisch-holprigen Schnitt zu verdauen, sondern auch die wohl peinlichste Liebesszene in der Geschichte des Science-Fiction-Films und einen Guy Pearce, der in der Rolle des greisen Peter Weyland aussieht, als habe ihm jemand eine Gummimaske aus dem Karnevalsgeschäft über das Gesicht gezogen. Und die ganze Zeit trompetet ein aufdringlicher Soundtrack aus den Lautsprechern, der bestens zu einem Actionfilm für die ganze Familie gepasst hätte, aber eben nicht zu einem Film, der das Publikum dazu bringen soll, »sich vor Angst in die Hose zu machen«, wie Scott »Prometheus« angekündigt hat. Über all dies können selbst die amüsant-schau­rige Darbietung Michael Fassbenders in der Rolle des Androiden David und die souverän eingesetzte 3D-Technik nicht hinwegtäuschen.
Scott hätte also zugunsten der kleinen Fragen lieber auf die »großen Fragen« verzichten sollen – zumal er auch noch zweifelhafte Antworten gibt. Erich von Däniken, der seit Jahrzehnten von außerirdischen Spuren in antiken irdischen Kulturen fabuliert, und die katholische Kirche hätten ihn zu der Geschichte inspiriert, hat der Regisseur gesagt, denn der Schweizer Schriftsteller und sogar der Vatikan hielten es für wahrscheinlich, dass Außerirdische bei der Entstehung der Menschheit ihre Finger im Spiel gehabt hätten. So macht sich die Hauptfigur in »Prometheus«, Elizabeth Shaw, nicht einfach nur aus archäologischem Interesse auf ins All, sondern um ihren vom Darwinismus und der Evolutionsbiologie überzeugten Kollegen zu beweisen, dass raumfahrende Götter der Menschheit das Leben geschenkt haben. Mit dem Kruzifix um den Hals beginnt sie die Mission, und am Ende hängt sie es sich trotzig und unbeirrt wieder um – wohlgemerkt nachdem die gesamte Mannschaft der Prometheus recht unansehnliche Tode gefunden hat, ihr eigener Lebensgefährte mit dem Flammenwerfer eingeäschert worden ist und sie selbst sich per DIY-Kaiserschnitt ein glitschiges Tentakelwesen aus dem Unterleib entfernt hat. Der christliche Glaube an die außerirdischen Schöpfer ist unerschütterlich, scheint es. Ist das einfach eine krude Geschichte oder Kreationismus aus dem Weltall? Das beantwortet vielleicht die zu erwartende Fortsetzung des Films.

Prometheus (USA 2012). Regie: Ridley Scott, Darsteller: Noomi Rapace, Logan Marshall-Green, Guy Pearce,
Michael Fassbender, Charlize Theron, Start: 9. August