Die Ausstellung »Das Koloniale Auge«

Die Erfindung des Fremden

Wie die europäischen Kolonisatoren den Wilden inszenierten, zeigt die Ausstellung »Das Koloniale Auge – Frühe Porträtfotografie in Indien« im Museum für Fotografie in Berlin.

Das Museum für Fotografie in Berlin macht in seiner Ausstellung »Das Koloniale Auge« erstmals Bilder aus der Sammlung historischer Porträtfotografie Indiens aus dem Ethnologischen Museum zugänglich. Der koloniale Kontext, in dem die rund 300 Bilder aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, wird in der Schau direkt benannt: Es ist der Blick der europäischen Kolonisatoren, der diese Bilder geprägt hat. So ist die Kultur Indiens auf diesen Bildern immer nur in der Interpretation der Kolonisatoren zu sehen.
Der Fotografie kam zu der Zeit eine fast magische Autorität zu. Expemplarisch dafür ist die fotografische Dokumentation des französischen Arztes Jean-Martin Charcot, des Mitbegründers der Neurologie, der den »fotografischen Beweis« mit der »Objektivität« der Medizin zu verbinden versuchte. Charcots Aufnahmen von »hysterischen« Frauen, die auf den Fotos teilweise wie expressionistische Monster aus »Das Cabinet des Dr. Caligari« wirken, waren eher das Ergebnis einer aufwendigen Inszenierung, bei der auch Elektroschocks und Hypnose zum Einsatz kamen, als die Abbildung eines »objektiven« Krankheitsbilds. So geben seine Bilder übersteigerte weibliche Stereotype wider, die zwischen dem Irrationalen, Übersensiblen und Dämonischen changieren. In gewisser Weise hat Charcot mit diesen hochdramatisierten Bildern die Hysterie nicht nur fragwürdig abgebildet, sondern sie zugleich »erfunden«.
Im 19. Jahrhundert entsteht ein umfassendes Dispositiv, das »das Fremde« überwachen und katalogisieren sollte. Fotografen wie Samuel Bourne, A. T. W. Penn, Charles Shepherd und John Burke, deren Arbeiten in der Ausstelllung gezeigt werden, waren an der Entstehung dieses Dispositivs maßgeblich beteiligt, waren sie es doch, die in Indien erste Fotostudios gründeten.
Die panoptische Überwachung von kolonisiertem Land und die Kontrolle seiner Bevölkerung waren dabei nicht voneinander zu trennen. Nicht nur Territorien wurden zwecks ihrer Ausbeutung kartographiert, sondern auch körperliche Merkmale »der entdeckten Anderen«. Zugleich wurden diese Merkmale bestimmten Eigenschaften zugeordnet. Dies war eine Grundlage für den modernen Rassismus.
Von solchem Vorwissen sowie von der Lektüre einiger Beiträge in dem interessanten Katalog kann man bei einem Besuch der Ausstellung profitieren. Als ich durch die Museumsräume schlendere, bemerke ich meine eigene paradoxe Neugier: Einerseits weiß ich um die koloniale Prägung des fotografischen Blickes und muss andererseits über die »griechischen« Säulen im Hintergrund der Bilder genauso lächeln wie über Abbildungen »ruraler« und zugleich europäisch wirkender Tänze. Wie Edward Said bemerkte, und diese Perspektive ist in der Ausstellung konstitutiv, sagen die im Kolonialsystem entstandenen Bilder, Bücher und Wissenschaften mehr über die Reisenden als über die dort lebende Bevölkerung aus.
Natürlich machen auch die teils bizarren, ästhetisch und atmosphärisch durchaus gelungenen Schwarzweiß-Fotografien neugierig auf die Menschen, die von den Bildern auf den Betrachter zurückblicken. Manche wirken abwesend-glücklich, andere etwas steif, so als wäre bei der Inszenierung zu viel nachgeholfen worden. Manchmal scheinen die Blicke auch Scham und Angst zu verraten – oder ist das meine eigene Projektion? Zuweilen ist auf den Fotos auch eine Identifikation mit den »Zivilisatoren« zu erkennen: Nachdem die Briten das Jagen von Schakalen in der Tradition der Fuchsjagd in Indien etabliert hatten, eigneten sich auch indische Jäger diese Sitte an.
Die Fotografien werfen ethische Fragen auf, etwa die einmal von Susan Sontag gestellte, ob und wie und zu welchem Zweck man das Leiden der »Anderen« abbildet. Die Briten nutzten die Bilder von Armut und Leid zu Propagandazwecken, um ihren kolonialen Auftrag zu legitimieren, und erzählten die Geschichte vom Modernisierer, der den Armen und Unzivilisierten helfen will. Der Raub und Export von Nahrungsmitteln oder die Folter von Bauern, die lokale Aufstände organisierten, sind auf den Fotos nicht zu finden. Ein paar weiße Lehrer, die der Bevölkerung die europäische Kultur in Missionarsschulen beibringen wollen, werden gezeigt.
Viele dieser Bilder wurden als Postkarten verkauft. Hier zeigt sich die Verbindung von Wissenschaft und Tourismus. Das »Exotische« wird durch Klischees wie den Schlangenbeschwörer, den Fakir und die sexuell wilde Frau verbreitetet. Wäre auf diesen Fotos eine weiße Frau abgebildet, hätte man von illegaler und sittenverletzender Pornographie gesprochen. Da es Frauen einer anderen Kultur sind, wird ihre Nackheit als »natürlich« inszeniert.
Die Ausstellung ist nach verschiedenen Themen geordnet: der indische Adel, die Asketen und Heiligen, das Kastensystem. Das Beispiel der Kurtisane zeigt, was die britische Intervention für die Gesellschaft Indiens bedeutete: Waren indische Kurtisanen eher gebildete Frauen, die sich von den Reichen dafür bezahlen ließen, Unterricht in der Kunst und der Liebe zu erteilen, wurden sie unter den Briten zu standeslosen Prostituierten, die die Kolonialherren befriedigen mussten. Leider gibt es in der Ausstellung kaum begleitendes Textmaterial, das die gesellschaftlichen Veränderungen umfassender dokumentiert. Lediglich der ausliegende Katalog bietet die notwendigen Hintergrundinformationen. Insgesamt ist die Sammlung »Das Koloniale Auge« jedoch sehenswert. Die Fotografien dokumentieren auf verstörende Weise eine Ästhetik der Macht.

Bis 21. Oktober im Museum für Fotografie in Berlin.

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