Über den Umgang der Medien mit Behinderungen

Sprengt die Fesseln

In den Medien wird Behinderung oft noch mit Leid gleichgesetzt. Die Seite »Leidmedien.de« möchte Journalisten für den Umgang mit Behinderungen sensibilisieren.

»An den Rollstuhl gefesselt«, »leidet am Down-Syndrom« oder »lebt in völliger Dunkelheit«. Bestimmt ist jeder in Artikeln, Beiträgen oder Reportagen schon einmal solchen Formulierungen begegnet, die im Journalismus vor allem eines umschreiben sollen – die Behinderung. Beinahe genauso selbstverständlich, wie ein raffinierter Mensch »Reineke Fuchs« oder ein Investmentbanker eine »Heuschrecke« genannt wird, so leidet der Behinderte an seiner Behinderung. Sprachliche Bilder erleichtern dem Zeitungsjournalisten oder der Hörfunkredakteurin die Berichterstattung. Der Hörer oder die Leserin weiß sofort, was gemeint ist. Nun gibt es eine Menge unverfänglicher Bilder, die weder diskriminieren noch verletzen. Im Bereich der Bilder, die Behinderung umschreiben, ist dies oft anders.

»In den Medien geht die Berichterstattung über Behinderung ganz oft mit einem medizinischen Blick einher. Es wird das Bild transportiert, dass Behinderung immer Leid bedeutet. Jemand ist an den Rollstuhl gefesselt – da kann das Leben überhaupt nicht glücklich sein«, sagt Raul Krauthausen von der Initiative Leidmedien.de. Er hat zusammen mit vielen anderen Medienschaffenden und -studierenden die Internetseite »Leidmedien« ins Leben gerufen, um Journalisten einen anderen Blick auf Behinderung zu ermöglichen. Darauf gekommen ist die Gruppe durch eine ganz andere Geschichte. Der Verein Sozialhelden arbeitet seit zwei Jahren an einer »Wheelmap«. Dabei handelt es sich um eine Deutschlandkarte, die mobilitätseingeschränkten Menschen zeigt, auf welchem Weg und wie gut sie bestimmte Orte in Deutschland erreichen können. »Die Resonanz in den Medien war groß, jedoch tauchten in den Berichten immer wieder Sätze auf wie ›an den Rollstuhl gefesselt‹, so dass wir überlegt haben, wie wir das ändern können«, sagt Krauthausen. Das Ergebnis ist die Seite »Leidmedien«. »Wir wollen explizit nicht so rüberkommen, dass wir die Guten sind und alle anderen scheiße. Es geht uns nicht ums Belehren mit erhobenem Zeigefinger, sondern um ein Angebot, um einen konstruktiven Vorschlag für Journalisten«, sagt der 32jährige. Die Seite wird diesem Anspruch gerecht. Sie nähert sich dem Thema sehr unverkrampft und nicht mit oberlehrerhaftem Gestus. Es werden genau die liebgewonnenen Floskeln – leidet am Down-Syndrom, ist geistig behindert, schweres Schicksal – analysiert und sprachliche Alternativen angeboten. Anstatt »an den Rollstuhl gefesselt« schreibt man einfach »sitzt im Rollstuhl« – schon ist die mitleidsvolle Formulierung vermieden. Generell wird die Frage aufgeworfen, wann die Behinderung im Artikel relevant ist und wann es um ganz andere Eigenschaften des porträtierten Menschen geht. »Es ist doch völlig irrelevant, dass ein Wahlmann für die Wahl des Bundesprä­sidenten das Down-Syndrom hat, man könnte genauso gut herausheben, dass er blonde Haare hat«, sagt Krauthausen.
Die Idee für die Seite »Leidmedien« ist den Machern schon vor längerer Zeit gekommen, zeitlich passt die Veröffentlichung im Netz jedoch geradezu ideal zum Beginn der Paralympics. Denn auch bei den Spielen in London wird es mit Sicherheit den einen oder anderen Beitrag geben, der ein fragwürdiges Bild von Behinderung zeichnet. Oft wird im Zusammenhang mit sportlichen Wettkämpfen erwähnt, dass ein Sportler trotz seiner Behinderung so weit gekommen sei. Raul Krauthausen würde stattdessen sagen: »Er ist mit seiner Behinderung so weit gekommen.«

Die Zuschreibung von Leid ist etwas, das die Macher von »Leidmedien« wirklich ärgert. Und sie hält sich mit am Hartnäckigsten. Behinderte Menschen können, glaubt man den Berichten in den Medien, unmöglich ein glückliches Leben führen. »Ich selbst bin Rollstuhlfahrer und ich habe mein Leben noch nie als unglücklich an­gesehen. Wenn mich einer fragt, ob ich mir wünschen würde, laufen zu können, antworte ich immer, ich wünsche mir weniger Treppen«, erzählt Krauthausen. Er möchte nicht lesen, dass er an der Glasknochenkrankheit leidet, sondern dass er ein glückliches Leben mit ihr führt. Auch wenn es nicht immer einfach ist und im Alltag viele Barrieren das Leben erschweren. Aber das kann man schließlich ändern. Die Bilder und die Begriffe von Behinderung resultieren für den 32jährigen vor allem aus dem immer noch mangelnden Kontakt zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen. Auch wenn derzeit viel über die schulische Inklusion gesprochen wird, im Alltag begegnen sich Behinderte und Nichtbehinderte immer noch selten. Denn es gibt nach wie vor eine sehr umfangreiche Sonderunterbringung und Sonderbetreuung. Und die ist im Sprachgebrauch oftmals immer noch medizinisch konnotiert. Es geht ums Heilen und Therapieren. Behinderte treiben keinen Sport, sondern machen Krankengymnastik. Durch die Trennung der Lebensbereiche lernt man nicht automatisch und selbstverständlich, wie man einem Menschen ohne Arme die Hand gibt oder ob man einem blinden Menschen beim Gespräch direkt in die Augen schaut. Journalisten betrifft das genauso wie alle Menschen. Die Seite »Leidmedien« gibt ihnen deshalb praktische Ratschläge, wie man sich beispielsweise auf Interviews in oben genannten Situationen vorbereitet. Dabei wird der Fehler vermieden, »No-gos« auszusprechen oder aber Unsicherheiten zu verurteilen.

»Man muss mit den Unsicherheiten umzugehen lernen und sie so überwinden. Ich reagiere zum Beispiel auch oft auf die Unsicherheit meines Gesprächspartners, indem ich den Clown mache. Das problematisiere ich auch«, sagt Krauthausen. Viele Unsicherheiten resultieren aus Angst, und diese Angst zu nehmen, ist ein Ziel von »Leidmedien«. Die Seite hat dabei einen hohen Gebrauchswert. In einem umfangreichen Lexikon werden Begriffe umfassend erläutert und Alternativen angeboten, beispielsweise wird auf die Problematik des Begriffs »geistige Behinderung« eingegangen. Der Begriff ist mittlerweile umstritten. Vielen gilt er nach wie vor als neutrale Bezeichnung für Menschen, die große Probleme mit dem Lernen und Schwierigkeiten haben, abstrakte Sachverhalte schnell zu verstehen. Viele der so bezeichneten Menschen aber lehnen den Begriff »geistige Behinderung« ab und nennen sich lieber Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie finden, dass nicht ihr »Geist« behindert ist und dass der Begriff »geistige Behinderung« sie als ganzen Menschen schlecht macht.
Die Macher von »Leidmedien.de« geben sich nicht der Illusion hin, dass sich die Berichterstattung innerhalb kurzer Zeit grundsätzlich verändern wird. Dazu müssten zugleich wohl auch die getrennten Lebensbereiche überwunden werden. Und schließlich hat es in Deutschland Jahrzehnte gebraucht, bis Menschen mit Behinderungen nicht mehr in Heimen kaserniert wurden. Auch heute noch gibt es viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die für mobilitätseingeschränkte Menschen nicht zu erreichen sind, mitunter aufgrund abstruser Sicherheitsbestimmungen. So dürfen Rollstuhlfahrer beispielsweise den Berliner Fernsehturm nicht besuchen – wegen der Brandschutzbestimmungen. Immerhin wird hier nicht die Behinderten-Mitleids-Karte ausgespielt.

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