Das Museum Macba in Barcelona

Barcelona, Blicke

Das Museum Macba in Barcelona vereint derzeit viele kleine, aber feine Ausstellungen zur Architekturgeschichte und Institutionskritik.

Barcelona im Sommer, die Stadt ist dicht: Zu große Hitze und zu viele Menschen erschweren den Blick auf die urbane Architekur. Die zahlreichen Plazas, Kirchen und end­losen ornamenthaften Fresken an den Häusern verschwinden im Gewusel der Menge. Von der Rambla, der Straße im Herzen Barcelonas, an dem Urlaubstrash-Händler, pakistanische Bierdosenverkäufer, südamerikanische Sexarbeiterinnen und steife Polizisten alle gleichzeitig probieren, mit dem endlosen, berauschten Touristenstrom umzugehen, ist es zum Museum Macba nur ein Fußweg.
Betritt man das Macba, ist das wie eine modernistische Wellness-Welle: so viel Raum, so viel Leere, alles so weiß, reizende Reizlosigkeit, und hell auch, dazu eine Klimaanlage und eine nette, aber überambitionierte Mitarbeiterin, die mich gleich mit den Hinweisen auf verschiedene Veranstaltungen volllabert.
Was sie nicht sagt, ist, das alle kleinen Ausstellungen im Haus sich auf spezifische Politiken des Raumes beziehen, Fragen von Ästhetik und Form verbinden sich mit Fragen der Utopie und der Kunst. So entfaltet sich ein subtiler Dialog, der Institutionskritik mit einer historischen Architektur- und Modernisierungsdiskussion verbindet.
Insbesondere José Luis Gueríns Dokumentarfilm »En Construcción/Under Construction« (2000) leitet reflexiv gelungen in dieses Spannungsfeld ein. Ein Film über den Umbau des Umfelds, in dem das Macba jetzt steht, dessen Bau einst in Barcelona heftig diskutiert wurde.
Der Regisseur selbst enthält sich jeglicher Kommentare, die Passanten werden zu Figuren, schauen die abgerissenen Häuser und Kräne an, irgendwann werden gar alte Leichen unter dem Boden gefunden, die Worte der Passanten werden zur Reflexion über Raum und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft.
Daneben finden sich Notizen zu Jean Genets Zeit in Barcelona, seine homoerotischen Oden an eine Zeit vor der Modernisierung des Stadtteils Raval, der in Genets »Tagebuch eines Diebes« zu einer alternativen, amoralischen Welt voller dunkler Wege und abgefuckter Gassen wird, die er sich mit Pennern, Dieben und Homos teilt. Konterkariert wird Genet mit Le Corbusier, der in den dreißiger Jahren mit einer Vision der Reformierung des Stadtraums nach Barcelona kam. Sein »Marcià-Plan« war ein Plan der Eleganz und der Sauberkeit, der wegen des ausbrechenden Bürgerkriegs jedoch nie umgesetzt wurde. Nicht zufällig zeigen Le Corbusiers Notizhefte aus dem Barcelona der dreißiger Jahre Prostituierte und Sinti-Frauen, voyeuristischer Exotismus mischt sich mit modernistischer Männlichkeit, die den »südländisch weiblichen«, aus der Form geratenen Stadtraum domestizieren möchte. Die wenigen gezeigten Arbeiten von Salvador Dalí, Lucio Fontana, Joa­quín Torres García oder Antoni Tàpies fungieren dazu als ästhetische Kommentare, es sind kleine Arbeiten, keine Bombastwerke.
Wie der Bombast der Kunstinstitution als Eingriff in den Stadtraum in seinen vielfachen Bedingungen reflektiert werden kann, zeigt auch Roberto Rossellinis selten gezeigter letzter Film »Le Centre Georges Pompidou« (1977). Fast Harun-Farocki-mäßig werden darin die Bedingungen von Film und Fernsehen thematisiert. Einen verbindenden Kommentar unterlässt Rossellini, er zeigt die Neuartigkeit des Gebäudes in Pariser Außenaufnahmen, wo auch Pompidou irgendwann in der Stadtmenge verschwindet, als ein Gebäude unter anderen. Sein Zugang ist unterkühlt, analytisch, viel wird beobachtet, nichts wird gefeiert. Verschiedenste Menschen rennen erregt, aber auch verwirrt durch die bombastischen Räume des Riesenkulturzentrums in Paris. Sicher ist Rossellini hier ein heftiger Kulturkritiker, vielleicht auch Kulturpessimist. Doch gleichzeitig bildet besonders die Tonebene seines Filmes eine neue Vielheit des Sprechens an, alle Rezipienten, die zu Wort kommen, bilden einen Chor des Kommentierens. Ein exklusives Archiv vertieft diesen Chor, mehr als zehn Stunden Material an Ton-Außenaufnahmen von Zuschauerkommentaren hat Rossellini gesammelt, daneben Bildschirme mit seinem Presseauftritt in Cannes, wo er sich, sicher zu Recht, über die Produktionsbedingungen im staatlichen Fernsehen beschwert.
Nur wenige Jahre vorher, 1971, waren die Bedingungen in Spanien nicht zuletzt die der franquistischen Diktatur. Franco hätte den siebten Kongress des Council of Societies of Industrial Design (ICSID) nie in Barcelona oder Madrid geduldet. Deswegen zog man damals nach Ibiza, wo ein vollkommen anderer Wind wehte, nicht zuletzt der Wind von 1968. Als wolle man von allem, wofür das franquistische Spanien stand, also auch ästhetische Zensur und soziale Repression, eine Fluchtlinie erstellen, entwickelte der damalige Kongress sich zum experimentellen Event. Die Leute lebten in einer »Instant City«, in wurmhaften, aufblasbaren Architekturwelten, Flower-Power-Sci-Fi-Gebäuden aus billig her­gestelltem Plastik. »Utopia is Possible« steht über dem Raum geschrieben, der ein weiteres Archiv eröffnet.
Die Fotos und Filme, die hier zu sehen sind, flashen ziemlich, alles so schön bunt hier, auch wenn die chilligen Sitzsäcke und die etwas zu stereotype Jukebox, die was von den Beatles spielt, leider etwas zu kitschig, wenn auch niedlich sind. Die organische Leichtigkeit und doch Intensität, in der sich damals Arbeit und Freizeit, Wunsch und Politik verbanden, an diesen drei Tagen 1971 in Eivissa, scheint ein besonderer Moment gewesen zu sein. Manches, was sich in diesen Bildern äußert, wirkt heute naiv, die Museumsinformationsfrau benutzt auch dauernd die Worte »very hippie«, wo mir nach dem zweiten Mal einfach »very post-68« oder so lieber gewesen wäre. Denn die Archivsammlung »Utopia is Possible«, in der das Zusammenkommen von Architekten, Designern und kreativen Freaks wie André Ricard, Enric Tous, Ferran Freixa, Daniel Giralt-Miracle, Francesc Pernas und der Urquinaona Open Design Group zu bewundern ist, erinnert auch daran, was das moderne Museum nicht kann. Also raus, zurück in die Sonne, sagt der Museumsbesucher sich, und verspürt ein Glücksgefühl, als er wieder draußen auf dem Plaza steht. Denn das Museum kann doch noch mehr als nur distanzierte Reflexionen zum Bestehenden liefern – auch die Welt da draußen, die Stadt, Barcelona, sieht jetzt etwas anders aus.

»Utopia is Possible«. Bis 20. Januar 2013
Roberto Rossellini: Filming Beabourg. Bis 21. Oktober
Le Corbusier and Jean Genet in Raval. Bis 21. Oktober 2012. Alle: Macba, Barcelona

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