Ein gescheiterter Staat zwischen der EU und Russland: die Republik Moldau

Gescheitert, aber bunt

Vor 21 Jahren erklärte die kleine Republik Moldau ihre Unabhängigkeit von der zerfallenden Sowjetunion. Heute ist sie das ärmste Land Europas. Vorige Woche besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel als erste Regierungschefin Chişinau, auch um zu versuchen, alte Konflikte zu lösen.

Valeria Svart wartet seit Stunden vor der deutschen Botschaft. Es ist Hochsommer in der moldauischen Hauptstadt Chişinau, der Asphalt klebt fast an den Schuhsohlen. Die 23jährige Frau strahlt trotzdem. Sie ist in Chişinau geboren, hat zunächst an der Staatsuniversität Ökologie studiert, dann ist sie vor drei Jahren nach Berlin gewechselt. Das Warten auf ein neues Visum gehört für sie zur Routine der Sommerferien. »Natürlich ist das ärgerlich. Es kostet immer eine Menge Geld, und die Zeit könnte ich wirklich viel vernünftiger nutzen«, regt sie sich auf. Sie redet schnell und erzählt gerne – in gepflegtem Rumänisch oder, wahlweise, in exzellentem Deutsch. Doch keines von beiden ist ihre Muttersprache.

Das Land, in dem Valeria geboren wurde, gibt es nicht mehr. Als die Sowjetunion sich auflöste, blieb sie, damals erst zwei Jahre alt, auch ohne eine klare Identität. Oder sie bekam mehrere Identitäten, zu viele, die plötzlich kaum mehr zusammenpassten. In Chişinau erklärten die Politiker am 27. August 1991 die Unabhängigkeit der neuen Republik. Viele strebten eine schnelle Vereinigung mit dem benachbarten und historisch eng verbundenen Rumänien an, denn sie fühlten sich als Rumänen und wollten sich der russischen Einflusssphäre entziehen. Der Versuch scheiterte allerdings an den geostrategischen und wirtschaftlichen Bedingungen, vor allem aber an dem fehlenden Konsens in der moldauischen Gesellschaft selbst. Denn andere fühlten sich Russland näher.
Auch bei Valeria wurde zu Hause Russisch gesprochen, obwohl ihre Eltern, ein Lehrerehepaar, nicht aus Russland stammen: Die Mutter kommt ursprünglich aus Georgien, ihr Vater ist in der Ukraine geboren und jüdischer Herkunft. Als die Sowjetunion – zumindest in der Theorie eine transnationale Föderation mit einer internationalistischen Ideologie – zusammenbrach, wurden die Bürgerinnen und Bürger der neuen Nationalstaaten mit Identitätsfragen konfrontiert, die viele, wie auch die Familie Svart, als einen Zwang empfanden. Und die junge Republik Moldau, die 2011 ihren 20. Jahrestag feierte, verstrickte sich von Anfang an in die Widersprüche einer politisch instrumentalisierten Geschichtserzählung.
Indes stellt sich Valeria Svart heute gerne als Moldauerin vor. Mittlerweile hat sie auch die neue Landessprache gelernt, den rumänischen Dialekt, den die Rumänen »Rumänisch« nennen, die Russischsprachigen »Moldauisch« und die Verfassung wohl oder übel nur »Amtssprache«. »Moldauische Politiker unterschätzen die kulturelle und natürliche Vielfalt unserer neuen Heimat«, glaubt die Studentin. »Ich möchte mich nach dem Studium unbedingt weiter hier für Umweltprojekte engagieren«, sagt sie enthusiastisch. Ideen hat sie auch: »Plastiktüten verbieten oder zumindest teurer machen! Wir brauchen endlich ein Recycling-System und vor allem Energieeffizienz, denn fast 40 Prozent der Energie geht durch die alten Netze verloren. Für solche konkreten Sachen muss man hier noch viel kämpfen.«

Beinahe ein Drittel aller Moldauerinnen und Moldauer leben, wie Valeria Svart, im Ausland, aber nur die wenigsten teilen ihren Wunsch, zurückzukehren. Denn die Hoffnungen, die sich viele Bürgerinnen und Bürger der neuen Republik Anfang der neunziger Jahre machten, sind mittlerweile enttäuscht worden. Der kleine Staat bleibt politisch isoliert in einer grauen Zone zwischen der EU und Russland, ohne über die strategische Bedeutung, die Ressourcen und die Industrie der Ukraine zu verfügen. Abhängig von der russischen Energie und angewiesen auf Subsistenzlandwirtschaft, ist die Republik Moldau nach wie vor das ärmste Land Europas, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen,
In den Straßen Chişinaus gibt es viele Wechselstuben, Plakate werben für Dienstleistungen rund um die Beschaffung von Visa, Übersetzungen und den internationalen Bargeldtransfer. Die Überweisungen aus dem Ausland machen rund die Hälfte des moldauischen Bruttoinlandsprodukts aus. Unweit des Regierungsviertels bieten Mobilfunkfirmen ihren Kunden Gesprächszeit auf Pump für den Fall, dass Guthaben und Geld alle sind – gegen Zins, versteht sich. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner kaufen auf den Märkten ein, die seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Handels das Erscheinungsbild vieler postsowjetischer Städte prägen.
Ein Kilo Kirschen vom benachbarten Dorf oder eine Packung Zigaretten aus der Ukraine kosten dort umgerechnet 30 Cent. Beim nächsten Händler gibt es chinesische Staubsauger und Dessous aus Bangladesh.
Der Durchschnittslohn in der Republik Moldau liegt knapp über 150 Euro im Monat, fast so viel wie die Heizungsrechnung im Winter. In Chişinau warten die wenigen Supermärkte mit einer beeindruckenden Auswahl an westlichen und russischen Qualitätswaren auf ihre exklusive Kundschaft, die sich den Kaviar von der sibirischen Pazifikküste und den französischen Weichkäse, die zumeist teurer als in Deutschland sind, leisten kann. Auf der Flaniermeile der Hauptstadt mischen sich in der Sommerhitze Studenten mit ihren gefälschten Markenschuhen, Bettler die gegen eine Spende orthodoxe Ikonen verteilen, zwielichtige Geschäftsleute und Straßenhändler, die das beliebte Malzgetränk Kwas verkaufen. Hoch und runter rasen die Sammeltaxis, marschrutkas genannt, in und zwischen den moldauischen Städten. Es sind die schnellsten und zuverlässigsten Verkehrsmittel hier. Und mitunter auch die intimsten: Die Kleinbusse nehmen so viele Passagiere an Bord, bis die Türen kaum mehr zu schließen sind.
Der zentrale, trendige Boulevard Stefan cel Mare heißt nach einem Fürsten aus dem 15. Jahrhundert, dessen Statue vor dem Eingang zum Stadtpark thront. Stefan der Große kämpfte mit seiner kleinen Armee heldenhaft gegen die Osmanen – das weiß nicht nur jeder moldauische, sondern auch jeder rumänische Viertklässler.
Am besten aber weiß das Nicolae Bulat, obwohl er 150 Kilometer weit entfernt von Chişinau wohnt. Der Mann mit grauen Haaren und grauem Brillenrahmen leitet das Geschichtsmuseum in Soroca, zu dem auch eine alte Festung gehört, ganz im Norden der Republik, an der ukrainischen Grenze. Die Zitadelle steht seit 500 Jahren am Dnjestr und wurde von Stefans Sohn und Nachfolger, Petru, erbaut.
»Da drüben leben die Slawen«, sagt Bulat. »Hier fängt die Latinität an: die Moldau, Rumänien, dann Italien, Frankreich und Spanien. Diese Burg war immer die letzte Bastion des Westens. Stefan und Petru haben hier Europa gegen die Türken, Tataren und Russen verteidigt«, führt er in seiner patriotischen Geschichtsstunde aus. Anders als das Pathos ist Originalität nicht seine Stärke. Denn so steht es tatsächlich noch immer in den meisten rumänischen Schulbüchern – die mittelalterlichen Herrscher hätten an ihre römischen Vorfahren und an das christliche Europa gedacht, als sie die Angriffe aus Ost und Süd abwehrten.
Damals machte das Gebiet der heutigen Republik Moldau die östliche Hälfte des gleichnamigen Fürstentums aus. Das Land von Stefan dem Großen genoss eine Zeitlang eine gewisse Autonomie gegenüber dem Osmanischen Reich, doch die war nur von kurzer Dauer. Nach einem der russisch-türkischen Kriege wurde das Gebiet 1812 geteilt. Der westliche Teil zwischen den Karpaten und dem Pruth blieb unter der Herrschaft des Sultans, vereinigte sich später mit dem Fürstentum Walachei und bildete das Königreich Rumänien. Der östliche Teil zwischen Pruth und Dnjestr, auch Bessarabien genannt, ging an den Zaren.
»Spätestens seit dieser Teilung vor fast 200 Jahren entwickelte sich das Schicksal der zwei Hälften der Moldau unterschiedlich«, sagt der Historiker Lucian Boia von der Bukarester Universität. »Die nationale Bewegung in Rumänien machte aus den mittelalterlichen Fürsten ›Verteidiger der Latinität‹, also jenes Schlüsselelements, das als Essenz des Rumänentums und gleichzeitig als Garantie für die gewünschte Westorientierung und Modernisierung des Landes interpretiert wurde. Man erklärte Stefan zum rumänischen Helden. Und nach dem Ersten Weltkrieg, als Bessarabien an Großrumänien angegliedert wurde, galt das für die rumänische Historiographie als Wiedervereinigung.«
Am Ufer des Dnjestrs haben Schülerinnen und Schüler wichtige Szenen aus der moldauischen Geschichte an eine kleine Betonmauer gemalt. Auf einem der Bilder ist die alte Landkarte mit der Moldau als Teil Großrumäniens zu sehen. Für viele Moldauerinnen und Modauer, wie für Museumsleiter Nicolae Bulat, ist die Burg in Soroca bis heute ein Wachposten an der ostrumänischen Außengrenze. Es geht nicht nur um die Nostalgie von Geschichtslehrern aus der Provinz: Geschichtserzählung und Identitätsdiskurs sind durchweg mit der Politik verflochten. Denn wer in der Moldau »Rumänien« sagt, meint gleichzeitig die Europäische Union. Verliefe die rumänische Grenze tatsächlich wieder entlang des Dnjestrs, so entfiele zum Beispiel die Schlange vor der deutschen Botschaft in Chişinau.
Doch eine Wiedervereinigung mit Rumänien scheint derzeit ferner denn je. Und die heutige Republik Moldau, mit ihren wirtschaftlichen, aber auch politischen Problemen, gilt nicht nur der EU, sondern auch Rumänien als kostspieliger und potentiell gefährlicher Beitrittskandidat. Fast drei Jahre lang war das moldauische Parlament nicht in der Lage, einen neuen Präsidenten zu wählen. Etliche Versuche, durch vorgezogene Wahlen und Volksabstimmungen die Dauerkrise zu lösen, scheiterten an der Sturheit der verfeindeten politischen Lager – oder am fehlenden Interesse der Bürgerinnen und Bürger.
Die proeuropäische und prorumänische Koalition von Regierungschef Vlad Filat war in den vergangenen Jahren so zerstritten, dass sie ihre traditionelle Hochburg Chişinau zuletzt, bei den Kommunalwahlen 2011, fast an die prorussischen Partei der Kommunisten verloren hätte.
Das größte Hindernis auf dem Weg zum EU-Beitritt aber ist weder die katastrophale Wirtschaftslage noch der politische Dauerstreit, sondern jener schmale Landstreifen jenseits des Dnjestrs, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Stalin an die neue moldauische Sowjetrepublik angegliedert wurde: Transnistrien. Während die Politiker in Chişinau immer mehr Autonomie gegenüber Russland und eine Annäherung an Rumänien suchten, erklärte Transnistrien am 2. September 1990 einseitig seine Unabhängigkeit – noch bevor die Republik Moldau ein Jahr später selbst so weit war. Es folgte ein politischer Konflikt, der 1992 zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Hunderten von Toten auf beiden Seiten führte.
Tiraspol, die Hauptstadt der abtrünnigen Republik Transnistrien, liegt nur 60 Kilometer von Chi­şinau entfernt. Die marschrutka aber braucht fast zwei Stunden: Rund 30 Minuten dauern die Kontrollen an einer Grenze, die kein Staat anerkennt, die aber mit uniformierten Grenzpolizisten und Abfertigungshaus ausgestattet ist. Die 14. russische Armee, die im militärischen Konflikt eine entscheidende Rolle zugunsten der transnistrischen Seite gespielt hat, ist noch immer am Dnjestr stationiert. Seit der Gründung wird das Land von einer Clique alter staatssozialistischer Funktionäre regiert, die heute Geschäftsleute sind und mit Unterstützung Russlands eine autoritäre Farce mit sowjetischer Symbolik inszenieren. Die Straßen von Tiraspol tragen die Namen von Lenin und Karl Liebknecht und die alten Helden des Kommunismus sind überall zu sehen.
Vor zwei Jahren feierte das Regime 20 Jahre Unabhängigkeit – mit einer Militärparade in guter, alter Tradition. Panzer und Kanonen fuhren an der Lenin-Statue vor dem Präsidentenpalast vorbei, Schulkinder mit Luftballons klatschten, als alte Generäle mit allen möglichen Orden an der Brust ihren glorreichen Auftritt hatten. Plakate wünschen der Republik heute noch alles Gute zum Geburtstag. Doch der transnistrische Kommunismus ist kaum mehr als eine Fassade, zumal die gesamte Planwirtschaft von nur einigen wenigen Oligarchen geplant und zugleich umgesetzt wird. Unübersehbar ist in den Straßen der Hauptstadt der Schriftzug »Sheriff« – am Stadion, an den Supermärkten, den Tankstellen den Wodka-Flaschen und anderen Produkten des großen Privatkonzerns, dem in Transnistrien praktisch alles gehört.

Vladimir S. sitzt in einem der wenigen Restaurants von Tiraspol, es gibt Fisch im Teigmantel nach russischer Art, dazu Bier aus der Ukraine. Der 24jährige Mann wurde in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt geboren und hat hier Übersetzungswissenschaft mit Schwerpunkt Deutsch und Englisch studiert. »Meine Eltern haben mir erzählt, dass wir während des Kriegs in die Ukraine zu unseren Verwandten fliehen mussten. Sie hatten Angst, dass die moldauischen Truppen in Transnistrien einmarschieren«, berichtet der junge Akademiker. Seine Familie ist ukrainischer Herkunft, doch zu Hause wurde, wie in vielen anderen Fällen in der Sowjetunion auch, nur Russisch gesprochen. Wie Valeria setzt Vladimir sein Studium in Deutschland fort. Anders als sie hat er aber kein Rumänisch gelernt.
Vorige Woche versuchte Bundeskanzlerin Merkel eine Lösung des alten Konfliktes zu finden und präsentierte einen Plan zur Reintegration Transnistriens in die Republik Moldau. Ein föderalistisches Modell soll die Schwierigkeiten überwinden. Vladimir ist skeptisch. »Jetzt ist es fast zu spät für eine Wiedervereinigung mit der Republik Moldau, 22 Jahre sind eine lange Zeit«, glaubt er. »Die Moldau hat die Westorientierung gewählt und will in die EU oder sogar eine Vereinigung mit Rumänien. Das wird aber nicht passieren, weil die Politiker in Chişinau ihre Privilegien nicht aufs Spiel setzen wollen.« Gleichwohl muss auch Vladimir regelmäßig vor der deutschen Botschaft in Chişi­nau Schlange stehen, denn der Außenwelt gilt er als moldauischer Staatsbürger. »Vielleicht wird Transnistrien irgendwann anerkannt werden, das würde vieles erleichtern«, hofft er.
Die heutige Republik Moldau umfasst die unterschiedlichsten Landschaften und Biographien. In vielerlei Hinsichten kann der neue Staat als gescheitert betrachtet werden. »Gescheitert, aber bunt«, wie die Komikertruppe Planeta Moldova in einem ihrer Stücke sagt.

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