Abdruck aus: »Die enthemmte Moderne meistern und den Rest seines Lebens retten«

Rette sich, wer kann

In einem handlichen Ratgeberroman erklärt Nicolas Langelier, wie man die enthemmte Moderne meistert und den Rest seines Lebens rettet. Drei der 25 Schritte zum Erfolg werden hier dokumentiert.

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Endlich etwas tun, bevor es zu spät ist

Eines Tages werden Sie es unweigerlich satt haben.
Sie werden beschließen, dass um Sie herum genug gestorben wurde und Sie endlich etwas tun müssen, bevor es zu spät ist. Der Trubel der letzten Tage, Wochen, Monate – vielleicht Jahre – hat Sie verwirrt und planlos gemacht, und Sie verspüren ein ständiges Unbehagen, das Gefühl, dass alles – Ihr Alltag, Ihr jung-dynamisches und ach so modernes Leben, der ständige Lärm um sie herum, die permanente Interaktion mit Allem und Jedem aber doch niemandem Speziellen, all das Geld, das in Ihr Leben fließt und sofort versickert, all die Wellen, die Ihre Wände und Organe durchdringen, all die hellen Lichter, die schillernden Köder, die elektrischen Impulse in Ihren neusten Gadgets, Ihren Neuronen, Ihren geschlossenen Lidern – das Gefühl also, dass dies alles Sie nirgendwo hinführt, höchstens an Orte, wo Sie nicht hinwollen, wo Sie noch nie hinwollten. Und Sie werden müde sein, so richtig müde.
Sie suchen sich dafür einen Morgen in Ihren Mittdreißigern aus, idealerweise, sofern Sie in einer Zone kühl-gemäßigten feuchten Kontinentalklimas im amerikanischen Nordosten leben, die trübe Jahreszeit zwischen dem letzten Schnee und den ersten Tulpen.
Vorzugsweise wird es langsam schon wieder hell. Sie haben noch nicht geschlafen, und diese Morgenstunde gleicht den vielen, vielen anderen, die Sie in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren erlebt haben.
Wie viele dieser bittersüßen Tagesanbrüche haben Sie schon hinter sich, wenn der Körper sich fröstelnd schüttelt nach einer zu langen Nacht »Party machen«, in der Sie »richtig einen draufgemacht haben« und mal wieder the time of your life hatten? Sicher Hunderte, vielleicht auch über tausend. Aber diesmal werden Sie im tiefsten Innern wissen, dass etwas anders ist. Sie sollten zumindest stark darauf hoffen.
Alles ist ruhig, abgesehen vom leichten Tinnitus in Ihrem rechten Ohr. In der blau-grauen Stille Ihrer Wohnung sitzen Sie eine Zeitlang einfach da, auf dem Sofa im Wohnzimmer, und sehen um sich herum den Tag erwachen. Wie lange genau?
Das liegt ganz bei Ihnen: eine Stunde, vielleicht zwei – drei, wenn Sie können. Ihre Jeans verströmt einen leichten Geruch nach getrocknetem Bier.
Sie bemerken ein leises elektrisches Summen – vielleicht der Fernseher oder Ihre Lautsprecher. Die Müdigkeit überwältigt Sie langsam, und Sie würden am liebsten auf Ihrem Sofa liegen bleiben und bis zum Frühling durchschlafen. Aber dann sollte Ihnen der Gedanke kommen, dass Sie schon viel zu lange schlafen.
Sie stehen auf.
Sie suchen ein paar Sachen zusammen und stopfen sie in eine Messenger Bag, die Sie für 3,50 Pfund auf dem Camden Market erstanden haben, ganz am Ende des 20. Jahrhunderts. »End of a century/It’s nothing special«, sang Damon Albarn damals. Zehn Jahre später dürfte es nicht viel anders sein.
Man weiß nie, was man in dieser Zeit des Jahres anziehen soll, also packen Sie von allem etwas ein, warme Sachen und T-Shirts, eine Mütze und eine leichte Jacke. Sie nehmen auch alle Lebensmittel aus Ihrem Vorratsschrank mit, die sich gut transportieren lassen: Nüsse, Trockenobst, Müsliriegel, etc.
Vergessen sollten Sie dagegen: Ihre Zahnbürste, das Ladegerät Ihres Mobiltelefons und eine Straßenkarte.
Auf dem Regal in Ihrem Bad: ein Fläschchen mit selektivem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. (1) Eine Weile betrachten Sie die Flasche mit den kleinen bunten Pillen, das Etikett mit Ihrem Namen darauf. Und lassen sie stehen.
Sie gehen hinaus in den kalten feuchten Morgen. Die Temperatur sollte über dem Gefrierpunkt liegen, aber nur knapp. Der Himmel wäre wohl grau, weiß, schwarz durchsetzt, mit einigen Stellen von verwaschenem Blau – Wolken wie bei Turner, riesig, dramatisch. Sie hätten nicht übel Lust, mit doppelter Schallgeschwindigkeit durch diese Wolken zu donnern.
Jetzt würden Sie sich etwas wünschen, mit dem Sie hoch und schnell fliegen könnten – eine Rakete beispielsweise, oder eines der kleinen fliegenden Motorräder aus »Die Rückkehr der Jedi-Ritter«.

Mangels Alternative steigen Sie jedoch in das väterliche Auto koreanischen Fabrikats. Ihnen fällt der hartnäckige Geruch nach neuem Kunststoff auf, der Sie unwillkürlich an das für die Kunststoffproduktion benötigte Erdöl denken lässt – diese organische Masse, die einst lebte, sich über Jahrmillionen zersetzte und dann jäh aus dem Boden gepumpt wurde, um zu Armaturenbrettern, Sonnenblenden oder bunten Knöpfchen verarbeitet zu werden. Vergessen Sie nicht: Ihr Vater sollte drei Monate zuvor gestorben sein. Vergessen Sie nicht: Auf dem Rücksitz sollte seine Asche in einer kleinen Ahornkiste liegen, die Sie recht wahllos ausgesucht haben, weil Ihre Gedanken in dem Moment vor allem bei der Leiche im Kühlraum des Krankenhauses waren. Ihr Vater. Tot. In einem Plastiksack möglicherweise. Vergessen Sie vor allem nicht: den Angestellten des Bestattungsinstituts, seinen laminierten Katalog, seinen subtilen Druck, Sie mögen doch etwas »Edles« nehmen, etwas »mit Stil« – mit Marmor, Gold, Glitzer –, das aber so künstlich und billig wirkte, so furchtbar billig, dass Sie sich für die Ahornkiste entschieden, auch wenn der Angestellte deutlich durchblicken ließ, wie billig er Sie deswegen fand.
An diesem Morgen, dem letzten, bevor sich alles für immer verändert, bleiben Sie erst einmal still im Auto sitzen; inmitten der schlafenden Metropole. Und durch ein besonderes Licht oder vielleicht ein Wolkenbild am Himmel oder etwas Uraltes, Rätselhaftes in Ihren Genen spüren Sie, dass bald der Frühling kommt. Sie spüren es so wie man ein Gewitter aufziehen spürt, oder dass man beobachtet wird: instinktiv. Sie erinnern sich daran, wie der Frühlingsanfang Sie vor ein paar Jahren noch mit Hoffnung erfüllte und die Vorstellung der zu erwartenden, gewiss wunderbaren Geschehnisse der nächsten Wochen Sie in Aufregung versetzte.
Sie versuchen herauszufinden, welche Hoffnungen Sie in genau diesem Augenblick Ihres Lebens mit dem bevorstehenden Frühling verknüpfen, kommen aber zu keinem rechten Ergebnis.
Sie schauen noch eine Weile hinauf in diesen grandiosen Himmel. Wolken wie schäumende Wogen, voller Geheimnis und Versprechen. Wenn Sie sich entscheiden müssten, denken Sie, wären Sie genau diese Art Himmel. Aber natürlich hat Sie noch nie jemand danach gefragt, welche Art Himmel Sie am liebsten wären. Man fragt die Leute eher, wie es denn gerade so läuft.
Zu dieser Zeit, im no man’s land zwischen dem Ende der Nacht für die Feierwütigen und dem Tagesbeginn der braven Büromenschen, sollte der Boulevard Saint-Laurent wie ausgestorben sein. Nur ein paar vereinzelte Lieferwagen und Taxis fahren an Ihrem parkenden Auto vorbei. An der Bahnunterführung Van Horne hören Sie den Güterzug der Canadian Pacific Railway mit seinen in Tennessee montierten deutschen Kleinwagen, den rumänischen Büromöbeln und dem vietnamesischen Plastikspielzeug vorbeirattern.
Sie denken also noch einmal an Ihre Freunde und sich und daran, wie Sie ein paar Stunden zuvor betrunken und grölend aus einer Bar in die Stille des portugiesischen Viertels traten, wie Ihr Gelächter und Geschrei von den Mauern der schlafenden Ziegelhäuser im britischen Stil widerhallte, und an diese süßlich riechende, sehr junge Frau mit glänzenden Lippen, die sich an Ihrem Arm festhielt und Sie in ihrem Bett haben wollte, und all das war so irre komisch, so irre komisch.
Sie nehmen sich ein paar Minuten Zeit, um diesen Straßenabschnitt genauer zu betrachten, der vor einigen Jahren noch in deprimierendem Niedergang begriffen war und sich nun im Stadium fortgeschrittener Verbürgerlichung befindet. Sie sehen: ein Geschäft, das zu horrenden Preisen Vintage-Möbel aus den Dreißigern bis Siebzigern verkauft, ein Friseur, der sich auf die Schnitte der Achtziger spezialisiert hat, ein absurdes »Hundecafé«, ein Klamottenladen mit hier im Viertel designten Kleidern, die allerdings in China hergestellt werden, um nach einer halben Erdumrundung per Lastwagen, Zug, Schiff und nochmal Lastwagen wieder an ihren Ursprungsort zurückzukehren und hier sehr teuer verkauft zu werden, ein Café, in dem die jungen Hipster Schwarzbier trinken, Burritos verzehren und Projekte planen, die niemals umgesetzt werden. Am Laternenpfahl vor Ihnen: schichtenweise Plakate aus den letzten sechs Monaten mit Hinweisen auf Konzerte, Vernissagen, Strickkurse für coole junge Frauen und halbherzige Aufrufe zur politischen Mobilisierung. (2) Vor ehemaligen Fabrikgebäuden, die für die kreative Elite der Stadt in kostspielig-minimalistische Lofts verwandelt wurden, parken dies- und jenseits des Boulevards: einige Saabs, Mini Cooper, Subarus und aufgrund ihres ikononostalgischen Werts gefahrene Straßenkreuzer aus den Siebzigern und Achtzigern.
An diesem Morgen wird Ihnen ohne ersichtlichen Grund der Gedanke kommen, dass hier vor 150 Jahren überall noch Kühe grasten, dass Bäche frisches Grün durchzogen, dass hier Wälder mit hundertjährigen Bäumen standen, und Vögel, Säugetiere und alle Arten von Lebewesen seit zehn-, zwanzig-, dreißigtausend Jahren schon das gleiche naturbestimmte Leben lebten. Doch an diesem Morgen werden Sie vor sich nur toten Beton, toten Stahl, totes Glas, tote Träume und innerlich tote Menschen sehen. Und Sie werden angesichts dieser Szenerie begreifen, dass die Moderne ihre Versprechen nicht eingelöst hat.
Die Schlüssel am Zündschloss klimpern leise vor sich hin. In Ihrem Magen fühlen Sie so etwas wie das Flattern von Schmetterlingen. Ihr Skrotum zieht sich zusammen. (3) Sie starten den Wagen. Während Sie das Gaspedal durchtreten, sollten die Reifen kurz im Straßenstaub und im Schmutz, der sich während des Winters angesammelt hat, durchdrehen, direkt gefolgt von dem höchst angenehmen Geräusch der greifenden Räder, dem Geräusch eines Helden, der sein Schicksal selber lenkt.
Sie lassen das Mile End hinter sich, seine Hipness, seine schlafenden Bewohner, sein angeblich pulsierendes kulturelles Leben. Im Radio wird mit großer Wahrscheinlichkeit der Hit einer englisch-kanadischen Sängerin laufen, die jetzt in Paris lebt; im Remix eines deutschen DJs und Regisseurs. Sie drehen die Musik lauter, bis die Bässe das Auto zum Vibrieren bringen.
Ihr Kurs geht nach Norden, Sie gelangen auf eine Stadtautobahn, wechseln auf die nächste. Dank der Stadtplaner der sechziger Jahre und ihrer Gewissheit, das Glück liege in einem ausgedehnten und hindernisfreien Straßennetz, sehen Sie Montréal schon nach wenigen Minuten in Ihrem Rückspiegel. Auf der Gegenspur bildet sich bereits der allmorgendliche Stau – die Stadtplaner haben sich offensichtlich irgendwo getäuscht. In Ihrer Richtung sollten die vier Spuren jedoch vollkommen frei sein.
Sie überqueren eine Brücke und gelangen in die Vorstadt mit ihren Einkaufszentren, Großmärkten und riesigen Kinokomplexen, deren fensterlose Fassaden Motive aus Weltraum und dörflicher Idylle zieren. Rechts und links der Autobahn erblicken Sie unsägliche von der Postmoderne inspirierte Wohntürme, neue Wohnanlagen ohne Bäume und Bürgersteige, ehemalige Gewerbezentren, deren Betriebe im Zuge der Globalisierung überflüssig geworden sind und nun darauf warten, weiteren Einkaufszentren zu weichen, ihren immer gleichen Läden voller Kunden mit den immer gleichen leeren Blicken, beladen mit Plastiktüten voller Dinge, die kein Mensch braucht. Über all dem dürfte grauer, trockener Winterstaub liegen.
Für den Bruchteil einer Sekunde sollten Sie ein sonderbares Gefühl von Irrealität haben: Sie können absolut nicht verstehen, wozu das alles gut sein soll. Wozu braucht man dieses Verkaufslager für Swimmingpools am Rand der Autobahn, oder diese riesige Zoohandlung, oder diesen x-ten Baumarkt, diesen weiteren Gebrauchtwagenhändler und seinen angerosteten Fuhrpark, die zig Franchise Restaurants mit ihrem billigen Abklatsch von Essen aus Mexiko, Italien, Texas, Thailand, dem Libanon und Griechenland? ­Warum das alles? Was ist die Daseinsberechtigung dafür? Etwa Das Glück der Menschen?
Auch hier begegnet Ihnen der Tod, wohin Sie sehen: der Tod einer jahrtausendealten Gemeinschaftsidee, der Tod eines Ideals, einer Kultur. Sie haben das untrügliche Gefühl, eine Art Welt­ende stünde bevor – zumindest das Ende einer bestimmten Welt. Es kommt Ihnen so vor, als ob alles um Sie herum den Bach runter ginge: das Wirtschaftsmodell, das soziale Gefüge, das Ökosystem. Sie versuchen, Ihrem Gefühl in 140 Zeichen Ausdruck zu verleihen, aber sie scheitern.
Sobald Sie können, sollten Sie die Autobahn verlassen und fort von den neu hochgezogenen Wohnvierteln, weiter hinaus aufs Land fahren. In Ihrem erschöpften Geist sehen Sie, wie sich hinter Ihnen der Boden öffnet, wie riesige Erdspalten aufreißen, in die Hochspannungsmasten, Teile der Autobahn und ganze Städte hineinstürzen, mitsamt der panischen Bewohner, die sich beim Ausbruch der Apokalypse gerade die Zähne geputzt oder einen Comedian im Radio angehört haben.
Sind Sie etwa auf der Flucht? Dazu müssten Sie wissen, wovor, was Ihnen in diesem Moment schwerfallen würde.
Es ist sehr wichtig, dass Sie an diesem Tag lange fahren und genau darauf achten, vor allem abgelegene Straßen mit Schlaglöchern zu nutzen. Mit überhöhter Geschwindigkeit durchqueren Sie einige Dörfer, was Ihnen gut tut – ohne dass Sie sich dessen wirklich bewusst werden. Hundertjährige Dörfer, von deren Existenz Sie bisher nicht die leiseste Ahnung hatten. Es wird etwas Tröstliches darin liegen, diese Hauptstraßen entlangzufahren, und diese kleinen Imbissstuben zu sehen, die um ein Vielfaches ehrlicher sind als die auf rustikal getrimmten schicken Bistros, in die Sie seit einigen Jahren gehen, diese gewöhnlichen Menschen, die ganz normalen Beschäftigungen nachgehen, diese Häuser aus dem 19. Jahrhundert, die kleinen Gehöfte, die weitgehend schneebedeckten Felder, die Kirchen aus grauem Stein, die Blechdächer, dieses noch vormoderne Französisch-Kanada – all das lässt in Ihnen Erinnerungen an einfachere Zeiten aufsteigen, die Sie selbst nie gekannt haben. Und dann dieser Himmel über Ihnen, der bis ans Ende der Straße reicht, dieses großartige Schauspiel, in dem die Sonne sich sporadisch zeigt und den endlosen Horizont in Farben taucht wie nach einem Atomunfall. Eine ganze Weile rasen Sie auf diesen Himmel zu, selbst dann noch, als der Montréaler Uni-Sender in Ihrem Radio nur noch ein schwaches Rauschen ist.
Mehrfach decken Sie sich in kleinen Läden und an Tankstellen mit Kaffee, Bonbons und industriell gefertigten Backwaren ein. Während Sie langsam kauend am Steuer sitzen, versuchen Sie sich einzureden, Sie hätten jetzt alle Zeit der Welt.
An diesem Tag erinnert das Ende des Winters sehr an November, so dass Sie, vielleicht wegen des Schlafmangels, leicht durcheinander geraten und immer wieder glauben, es sei Herbst. Dann vergegenwärtigen Sie sich schnell wieder, dass es nicht Herbst sein kann, da Ihr Vater im Herbst noch lebte, jetzt aber mausetot ist.
Vergessen Sie nicht: Zu diesem Zeitpunkt dürfen Sie keine genaue Vorstellung davon haben, wohin Sie fahren, keinen klaren Gedanken, kein anderes Verlangen, als möglichst schnell diesen einsamen Feldweg entlang zu brausen, von dem im rechten Winkel andere Feldwege abgehen; Bewegung als Substitut für jede Art von Emotionen.
Die größte Befriedigung werden Sie an diesem Tag daraus schöpfen, dass mit jedem weiteren Kilometer auf dem Tageszähler der Abstand zwischen Ihnen und Ihrem gescheiterten Leben wächst. Ihnen wird klar, wie unsinnig die Behauptung ist, im 21. Jahrhundert spielten geographische Entfernungen keine Rolle mehr. Dies ist einer der vielen Mythen, die wir uns erfolgreich eingeredet haben, ein weiterer Punkt auf der langen Liste angeblicher »Dinge, die nicht mehr sind wie zuvor«. An diesem Tag stellen Sie fest, dass räumliche Entfernung für Sie durchaus noch Bedeutung hat, eine Erkenntnis, die Ihnen sehr gut tut.
Dann irgendwann verschwindet der Himmel zwangsläufig aus Ihrem Blickfeld. Sie sehen jetzt nur noch eine dunkle Masse, vor der sich die vagen Umrisse hundertjähriger Ahornbäume abzeichnen. Sie halten also, wo auch immer Sie sich befinden, auf dem Seitenstreifen an und steigen aus. Die Luft ist kühl und klar, genau richtig. Venus steht am Himmel. Grillen zirpen, und es riecht nach Herbstlaub. Sie springen über den vor Ihnen liegenden Graben, nur um die Bewegung fortzusetzen, die Sie schon den ganzen Tag vorwärts getrieben hat und laufen weiter in das Feld hinein, auf dem noch die Stoppeln der letzten Maisernte stehen. Und in diesen ewig alten, mit Wasser durchtränkten Ackerboden voller Nährstoffe aus den Anfängen des Universums werden Sie langsam aber sicher bis weit über den Rand Ihrer 200 Dollar teuren Espandrillos einsinken.

Den vorherigen Abend noch mal überdenken

Übung!

1.
Denken Sie zurück an den Vorabend, zunächst an das Konzert der beiden Franzosen und ihre elektronische Musik, etwas dreckig aber gut tanzbar, irgendwo zwischen Punk und House. Sehen Sie sich wieder in dem kleinen Saal stehen, umgeben von Leuten, die alle zehn Jahre jünger sind als Sie. Erinnern Sie sich an Ihr Gähnen, an Ihren Wunsch, woanders zu sein, an Ihre ungute Vermutung, vielleicht schon alles gesehen zu haben, wozu die Kulturproduktion Ihrer Epoche imstande ist!

2.
Denken Sie jetzt an die Afterhour im portugiesischen Viertel, in dieser Bar mit der niedrigen Decke und den Natursteinbögen, wo es nach Moder roch und abgestandenem Bier. Sehen Sie wieder all die very important people vor sich, die Vertreter aller Verzweigungen der kleinen Montréaler Szene, frankophon wie anglophon, die Hipster aller Couleur, die gut aussehenden sexy Frauen, die nach der neuesten Mode vom Prenzlauer Berg, aus Williamsburg oder aus Shoreditch gekleidet sind, die Musik-Leute, die Literatur-Leute, die Fernseh-Leute, die Print-Leute, die visuellen Künstler und die Internet-Typen, all diese verlorenen Seelen, die anscheinend richtig viel Spaß im Leben haben. Lauwarmes Bier, schale Küsse, leere Gespräche, trauriges Koksen auf dem Klo. Dann stellen Sie sich ein Berliner Kabarett um 1921 vor. Was glauben Sie – war den Leuten damals auch langweilig?

3.
Sie waren in dieser Bar von vielen Freunden und Bekannten umgeben. Fast schien es so, als hätten sich durch eine sonderbare Sternenkonstellation alle dort versammelt, als wäre dieser Abend der Abend, den keiner verpassen durfte. Und dann waren da noch all die Leute, die zwar nicht körperlich anwesend waren, aber doch ganz nah, in Ihrer Tasche, nur einen Anruf, eine SMS oder einen Klick auf Facebook entfernt, um Ihnen mitzuteilen: »Yo, [Ihr Name]!« Wie kam es dann, dass Sie sich so einsam fühlten?

4.
Erinnern Sie sich jetzt noch einmal daran, wie Ihnen gegen 2.30 Uhr etwas ganz deutlich bewusst wurde: In zwei Tagen werden Sie 35. Fünfunddreißig! Unglaublich, oder?

5.
Daraufhin haben Sie noch einmal über Ihre Trennung nachgedacht, über D. F. I. L. und über sich selbst. Und Ihnen kam wieder die Frage eines deprimierten und deprimierenden amerikanischen Autors in den Sinn: »Ist das Leben nur dazu da, möglichst wenig zu leiden und möglichst viel Spaß zu haben?« Was ist Ihre Antwort auf diese Frage?

6.
Und doch haben Sie über 20 Jahre lang genau diesem Prinzip gemäß gelebt, oder?

7.
Ist das nicht eine ziemlich egoistische Art zu leben?

8.
Denken Sie an diesen deprimierten und deprimierenden amerikanischen Autor, an seine Verzweiflung, seinen Selbstmord. Ist es wirklich nur eine Frage gestörter neuronaler Prozesse, eine Frage von Biologie und Chemie, dass er keinen Sinn mehr sah und daher keine Lust hatte, am Leben zu bleiben? Wie kommen Sie zu der Annahme, etwas ertragen zu können, das er, der intelligenter war als Sie und mehr Talent hatte und so weiter, nicht ertragen konnte?

9.
Gut gemacht! Um diese Übung abzuschließen, denken Sie jetzt an die wichtigen Dinge, die Sie in ihrem Leben getan haben – an alles Gute, sozial Nützliche, das Ihre Existenz auf dieser Welt rechtfertigen könnte. Stellen Sie mit Erstaunen fest, wie wenig das ist. Was werden Sie dagegen tun?

Tief in den Wald der eigenen Kindheit ­vordringen

Sie werden lange durch diesen Wald laufen, in dessen Nähe Sie zwar Teile Ihrer Kindheit verbracht, in den Sie sich aber noch nie so weit hineingewagt haben. Sie überqueren Bäche, die die Schneeschmelze in reißende Ströme verwandelt hat, gehen unter halb entwurzelten Bäumen hindurch, versinken in Schlamm, Humusboden und Buchenlaub, auf dem trotz des Nordwinds und der Nächte mit minus 30 Grad ein wenig Gelb den Winter überlebt haben müsste.
Die Stille tut Ihnen gut, wirkt beruhigend wie eine kühlende Salbe auf einer Brandwunde. Von Zeit zu Zeit wird sie unterbrochen von Vogel­gesang und Rufen von Tieren, die Sie nicht kennen. Plötzlich stehen Sie vor einem Rehbock, der Sie neugierig anschaut und dann langsam davonzieht.
Auch Sie lassen sich Zeit. Zum ersten Mal seit Jahren besteht kein Grund zur Eile. Wenn Sie Hunger bekommen, essen Sie den Müsliriegel, den Sie noch in der Tasche haben sollten. Wenn Sie Durst bekommen, knien Sie sich an einen Bach und trinken in großen Zügen das Wasser, das am Vortag noch gefroren war. Es sollte ein sonderbares Gefühl sein, dieses Wasser direkt aus der Natur zu trinken, am kommerziellen Getränkehandel vorbei.
Ihnen werden an den Zweigen erste Knospen auffallen, Tauwasser, das von Eiszapfen tropft, Vögel, die eifrig ihr Nest bauen. Um Sie herum sollte alles glitzern, sich rühren und sich verändern. In der Luft liegt eine Milde, die keinen Zweifel zulässt: Der Frühling kommt.
Während Sie noch tiefer in den Wald vordringen, denken Sie über das Phänomen der Winterruhe nach, über Zeiten des Innehaltens und der Erneuerung – all diese Lebewesen, die im Eis schlummern und darauf warten, im richtigen Moment vom Licht geweckt zu werden.
In der Natur herrscht ein unendlicher Kreislauf: Alles Leben wird geboren, entwickelt sich, vergeht, stirbt und wird wieder geboren. Erst die Moderne hat einen linearen Zeitbegriff geschaffen, nach dem die Dinge einen Anfang und ein Ende haben. Vergessen Sie nie: Die Zeit ist eine Erfindung des Menschen.
Leise knacken verstreute Zweige unter Ihren Sohlen. Zwei schwarze Raben durchziehen den blauen Himmel, ihr Krächzen hallt als Echo wider. Immer deutlicher kommt Ihnen ein Gedanke, nein, eigentlich kein Gedanke, vielmehr eine Ahnung, eine Art Überzeugung tief in Ihnen, ein gewisses Drängen in Ihrer Brust, dass nämlich Ihre eigene Winterruhe schon viel zu lange andauert.
Das wird Ihnen jetzt ganz offensichtlich scheinen. Aber was denn tun, ohne die wirkliche Hoffnung, dass es eine Rettung gibt, dass überhaupt Hoffnung besteht? Man muss versuchen, denken Sie bei sich, so zu tun als ob, denn das wäre die einzige Möglichkeit, Ihr 35jähriges Leben noch zu retten.
Sie wissen bereits, dass Sie nicht mehr in Ihre alte Welt zurückkehren werden, wo auf dem Badezimmerregal die kleinen bunten Pillen warten, wo Sie Ihre Energie hauptsächlich darauf verwenden, Ihr Unbehagen zu nähren, wo Ihnen ständig jemand etwas mitteilen möchte, was Sie nicht zu wissen brauchen, wo in den Augen der Frauen, mit denen Sie schlafen, etwas Trauriges liegt, und wo der Tod zu schwer geworden ist, um ihn zu ertragen.
Sie setzen sich auf einen großen Felsblock. Unter Ihren Händen spüren Sie seine Härte und Beständigkeit. Sie bleiben lange sitzen, auf diesem kalten Stein, umgeben von großen Ahornbäumen mit auffallend geraden Stämmen. Dann wird Ihnen klar, wahrscheinlich zum ersten Mal in Ihrem Leben, dass die Krise, die Sie durchmachen, nicht nur Sie betrifft. Sie verstehen, dass Sie nur eines der zahllosen Opfer einer pandemischen Traurigkeit sind, von Einsamkeit, von verlorenem Vertrauen und verlorener Hoffnung.
Es wird Ihnen auch bewusst, dass Ihre Epoche ganz zu Unrecht glaubt, auf dieses Unbehagen gäbe es eine individuelle Antwort, daher auch die zahlreichen Allheilmittel – von Yogakursen über bunte Pillen und Selbsthilferatgeber bis zur Psychotherapie –, die alle von der gleichen Prämisse ausgehen, die Lösung liege in der Heilung und Anpassung des Ichs und in der Missachtung seiner Verwundbarkeit. Dabei war die Annahme, der Mensch könne sich und seine Maschinen ständig verbessern, selbst der Grund für das gegenwärtige Desaster.
Sie stehen auf und setzen Ihren Weg fort. Tief in sich wissen Sie: jetzt oder nie. Das ist der Moment, um zu versuchen, dieses Namenlose wiederzufinden, das Sie unterwegs verloren haben. Das ist auch der Moment, um zu wachsen: die Kindereien hinter sich zu lassen, die eigenen Werte zu achten, wirklich Verantwortung für andere zu empfinden, für etwas, das größer ist als Sie, für etwas Wahres und Wichtiges, für etwas, das – vor allem – nicht Sie sind.
Auch wenn all die Werbung und alle Politiker Ihrer Zeit Sie unablässig vom Gegenteil überzeugen wollen: Sie sind nicht der Mittelpunkt der Welt. Das Universum ist keine riesige Bühne für die Show Ihres Lebens. Die Erde dient nicht allein Ihrem Vergnügen, der Befriedigung Ihrer Bedürfnisse, Lüste und mannigfaltigen Wünsche.
Eines Tages sterben auch Sie, und die Welt wird nicht zu Ende sein. Die Zellen Ihres Körpers zerfallen wieder zu Molekülen, dann in die verschiedenen Elemente, die Sie aus dem Chemie- und Physikunterricht in der Schule aus dem Periodensystem kennen: Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Phosphor, Natrium, Kalium, Kalzium, Kupfer, Eisen etc. Diese Elemente kehren in einem ewig andauernden Kreislauf einfach zurück ins Universum. Aber abgesehen davon haben Sie nichts, dessen Sie sich sicher sein können. Was werden Sie jetzt tun? Wie verhalten Sie sich von nun an? Was sagen Sie den Menschen, die Sie lieben, und denen, die Sie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten lieben werden? Sie haben keine Ahnung.
Und wenn Sie es zurückkaufen würden, dieses Haus, das Ihr Vater gebaut hat? Sie hätten immerhin eine gute Kapitaleinlage, sobald Sie Ihr Erbe bekommen, sobald der Pensionsfonds Ihres Vaters ausgeschüttet wird, und sich damit seine Träume vom Rentnerleben auf den Antillen, vom Golfen in der Sonne in Unabhängigkeit und Freiheit für Sie verwandeln. Vielleicht könnten Sie sogar die Verschandlung des Gebäudes rückgängig machen, die verfehlten Renovierungen, die postmodernen Irrungen, und das Ganze so herrichten, wie Ihr Vater es sich vorgestellt hatte, wie Sie es sich vorgestellt hatten.
Und das Grundstück ist riesig. Sie könnten hier – eigenhändig! – kleine Hütten bauen, in denen Sie Freunde beherbergen könnten, Leute mit irgendwelchen Projektideen, Unbekannte, die nach Antworten suchen oder die vom unerbindlichen Vormarsch der Moderne einfach eine Pause brauchen.
Für ein paar lange Minuten haben Sie vage Visionen von der Gemeinschaft, die sich hier bilden könnte: ein Haus voller Leute, die von überallher kommen, um zu diskutieren, sich aus­zutauschen und die Zukunft zu entwerfen, ein Ort, wo man sich eingesteht, dass Sie und Ihre Zeitgenossen sich wie Idioten benommen haben, dass es an der Zeit für einen Versuch ist, diese Fehler zu beheben und endlich zu erkennen, dass Ihnen Weisheit und Schönheit wichtiger sind als Leere, das Neue und ein permanenter, aber steril gewordener Kontakt.
Letztlich beginnen so alle Revolutionen: Eine Handvoll Leute setzt sich an einen Tisch und sagt, sie hätten es satt.
In langen Winternächten oder an grün-blauen Juninachmittagen könnten Sie zusammen darüber nachdenken, wie Sie diese Welt zerschlagen und versuchen werden, den Lauf der Dinge zu ändern; sich gegen einen Trend zu stellen, der schon zu lange in eine falsche Richtung ging; Sie könnten versuchen, ein für alle Mal den Kult des Jetzt und der »Lebensqualität« aufzugeben und die ewige Jugend hinter sich zu lassen, in der Ihre Kultur mit ihrer Besessenheit für das Neue, ihrem dauernden Verlangen nach Unterhaltung, ihrer ständigen Erwartung sofortiger Erfüllung sowie ihrem Perfektions- und Anspruchsdenken stecken geblieben ist, und Sie könnten konsequent und verantwortungsvoll wirklich ins Erwachsenenalter eintreten. Sie könnten versuchen, einen echten Sinn für Ihr Leben zu finden, der über das Anhäufen von Besitz, Erlebnissen und flüchtigen Vergnügungen hinausgeht; wieder mit anderen Kräften als den Kräften des Marktes, des Hypes und der Werbung in Beziehung zu treten: etwa mit der Kraft echter menschlicher Bindungen und den unsichtbaren, unerklärlichen Kräften, die im Altertum den Göttern und Geistern zugeschrieben wurden, und die der moderne Mensch mir nichts dir nichts vom Tisch gewischt und als überkommenen Aberglauben abgestempelt hat, ohne zu wissen, dass er seine Nachkommenschaft damit zur Ausweglosigkeit des Materialismus verdammt hat. Auch angesichts der Natur kam der moderne Mensch, mit katastrophalen Folgen, zu der Überzeugung, er könne seine Umwelt einfach außer Acht lassen und in einer Parallelwelt existieren, in der die Ressourcen der Erde unerschöpflich wären, in der die Jahreszeiten lediglich noch als Hintergrund für die kommerziellen Feiertage dienen, in der der Wechsel zwischen Tag und Nacht ohne Bedeutung ist und diese ohne Unterlass von hellen Lichtern, unzähligen Geräuschen und dem nie abbrechenden Austausch von Worten, Daten, Bildern, Tönen und Körperflüssigkeiten gestört wird.
Sie haben den Eindruck, dass die Natur an einem Ort wie diesem ein gutes Gegengewicht zu all den Kräften darstellen könnte, die Sie nach und nach in den Wahnsinn treiben. Ja, wenn die westliche Welt durch ihren übermäßigen Raubbau ins Schlingern gerät, die Moderne in Tausend Stücke zerspringt und der ganze Erdball durchdreht, dann werden Sie hier sein.
Und Sie sind überzeugt, dass die Wendung, die sich für Ihr Leben gerade abzeichnet, wie auch immer sie konkret aussehen mag, eine Veränderung zum Guten ist. Zumindest tun Sie Ihr Mögliches – und bereits dieser einfache Gedanke erscheint Ihnen mit einem Mal gewaltig: Ihr Mögliches. Es kommt Ihnen vor, als wäre dieser Begriff schon sehr lange aus Ihrem Leben verschwunden. Mögliches. Möglichkeiten. Damit lässt sich etwas anfangen, denken Sie.

Wenn Sie alle in diesem Buch aufgeführten Schritte korrekt befolgt haben, führt Ihr Pfad auf eine Art sonnendurchflutete Lichtung. Sie gehen bis in die Mitte der kleinen freien Fläche. Von einem inneren Impuls getrieben legen Sie sich rücklings auf den Boden. Der Himmel strahlt in kräftigem Blau. Sie schließen die Augen und spüren die wärmende Sonne auf Ihrem Gesicht. Hinter Ihren Lidern tanzen helle Punkte vor einem orangefarbenen Grund wie Elektronen um einen Kern, wie die Aminosäuremoleküle im Saft der Bäume, wie die weißen Blutkörperchen in Ihren Adern. Sie glauben, im Bauch, in den Fingerspitzen und Füßen eine starke aber ruhige Energie zu spüren. Am Rücken fühlen Sie die Feuchtigkeit des Bodens, den Regen und Schnee, und dann spüren Sie die Tränen der letzten Monate, die hinauf wollen zur Sonne.
Ein leichter Wind weht, es duftet nach Erde und Fruchtbarkeit – ein unverkennbares Zeichen für den nahenden Frühling. Kein Flugzeug fliegt vorbei, kein Klingeln ertönt, kein Alarm schrillt los. Es gibt nur Sie, die Bäume, die Sonne und die Erde, die Sie sicher auf ihrem Rücken trägt, während sie mit hundert Millionen Stundenkilometern durch den Kosmos rast, und es zum milliardsten Mal an diesem Ende des Kontinents Frühling wird und bald Mai und Juni und Juli, und, als hätte es den Winter nie gegeben, der Sommer in tausendfacher Pracht explodiert.
Sie denken kurz an Ihren Vater, an seine Leiden und gescheiterten Träume, und an diese Frau, die Sie eigentlich bis ans Ende Ihres Lebens lieben wollten, bevor Sie alles zu Bruch gehen ließen.
Sie denken auch an Ihre Freunde, diese Männer und Frauen, die Sie im Laufe der Jahre altern sahen, an die wachsenden Ringe unter ihren immer matter werdenden Augen von all den durchwachten Nächten, den begrabenen Hoffnungen und den im Laufe der Monate, Jahre und Jahrzehnte angesammelten Enttäuschungen. Eine tiefe Trauer ergreift Ihr Herz, und Sie verspüren den Drang, etwas für sie alle zu tun, für sich zu tun, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen, Ihren wunderbaren hypermodernen Ruf begraben zu müssen und ans untere Ende der sozialen Leiter zu fallen, die Sie in den letzten zwanzig Jahren geduldig und stumpfsinnig erklommen haben.
Sie werden die Augen öffnen und geblendet sein. Alles ist Helligkeit und Licht. Sie werden Ihre Finger in den feuchten Boden krallen und zugreifen so fest Sie können.

Anmerkungen

(1) Etwa mit dem Markennamen Cipram oder Cipralex, Paroxalon, Zoloft, Fluoxetin etc.
(2) Um gegen die Schließung einer im Viertel bekannten Bar zu kämpfen, oder die Untätigkeit der Stadtverwaltung hinsichtlich des vermehrten Fahrraddiebstahls.
(3) Oder die weibliche Entsprechung dieses Phänomens. Die durchgängige Verwendung der männlichen Form dient allein der besseren Lesbarkeit des Textes.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Nicolas Langelier: Die enthemmte Moderne meistern und den Rest seines Lebens retten – in 25 einfachen Schritten. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Bloomsbury-Verlag, Berlin 2012, 176 Seiten, 14,99 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.