Was essen deutsche Politiker gerne?

Unter Grünkohlkönigen

Die Bedeutung des Grünkohlkönigtums sollte man nicht unterschätzen. Die wichtigsten politisch Verantwortlichen der Republik hatten dieses Amt schon inne.

Eine entscheidende Wendung erfuhren die Geschicke der jungen Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1956. Bundespräsident Theodor Heuss war ins niedersächsische Oldenburg zum Grünkohlessen eingeladen. Doch Heuss sagte ab – bis heute ranken sich Spekulationen um die wahren Gründe des Präsidenten. Wurde er bedroht? Erpresst? Oder handelte es sich um ein abgekartetes Spiel, um den Oldenburger Eliten den Vorwand für das Folgende zu liefern? Akten, die Aufklärung verschaffen könnten, wurden sicherlich längst geschreddert. Bekannt ist nur, dass Heuss noch Jahrzehnte später (er starb 1963) zu scherzen pflegte: »Damals musste ich leider ›Nein‹ sagen – hätte ich das mal beim Ermächtigungsgesetz gemacht!«
Die Patrizier Oldenburgs ließen sich mit einer teuflischen Übereinkunft abfinden: Den Stadtvätern wurde erlaubt, ihrerseits in die Hauptstadt zu fahren und dort ihren Grünkohl mit Pinkel servieren zu lassen. Das war das erste »Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten«. Bei dem jährlich zunächst in Bonn und ab 1998 in Berlin stattfindenden Schmaus wird seither der Grünkohlkönig oder die Grünkohlkönigin der Stadt Oldenburg gewählt. Weil eine reguläre Erbmonarchie für die niedersächsische kreisfreie Stadt nicht gut genug wäre, wird der Oldenburger Grünkohlthron – ähnlich der Königswürde des Planeten Naboo im Star-Wars-Universum – regelmäßig per Wahl neu besetzt.
Die Bedeutung des Grünkohlkönigtums kann gar nicht überschätzt werden. Die Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl bekleideten das Amt ebenso wie die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Ernst Benda. Kaum ein Bundesministerium gibt es, das nicht irgendwann von einem Grünkohlkönig oder einer Grünkohlkönigin geleitet worden wäre. Gerhard Schröder und Joschka Fischer mussten sich als Kohlmonarchen bewähren, bevor ihnen erlaubt wurde, die Macht in der Republik zu übernehmen. Und Angela Merkel, die sich mit ihrer Wahl von 2001 für die Kanzlerschaft empfahl, ist den dunklen Herren von Oldenburg derart dankbar, dass Grünkohleintopf mit Mettwurst bis heute ihr offizielles Lieblingsgericht ist. Dass Peer Steinbrück nicht Kanzler werden wird, kann man schon daran erkennen, dass er niemals Grünkohlkönig war; im Gegensatz übrigens zu Sigmar Gabriel, Merkels unmittelbarem Thronerben.

Naive Menschen, die glauben, die Politik werde von der Erdöllobby oder dem Ostküstenkapital kontrolliert, übersehen eine viel wichtigere Abhängigkeit: die von der Nahrung. Essen muss jeder, auch der Politiker. Der Philosoph Ludwig Feuerbach formulierte die materialistische Erkenntnis: »Man ist, was man isst«, und hat aus diesem Grund zeitlebens niemals die Grünen gewählt. Man könnte sogar sagen: Wer weiß, was Politiker essen, weiß eigentlich schon mehr, als er wissen muss.
»Liebe geht durch den Magen«, heißt es im Volksmund, und das gilt auch für die Liebe zur Politik. Wer sein Leben in den Dienst politischen Machtstrebens stellt, wird auch seine Ernährung rücksichtslos diesem Ziel unterordnen. Nur wenige Politiker bringen den Mut auf, etwas zu essen, das in ihrem Heimatwahlkreis nicht als lokale Spezialität gilt. Und so empfiehlt Rainer Brüderle Pfälzer Heubraten, die Thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht bevorzugt Thüringer Klöße mit Rouladen und Rotkohl und Annette Schavan isst am liebsten Schwäbische Kartoffelsuppe, weil sie das für einen »Ausdruck einer angenehmen Bodenständigkeit« hält. Dass der Boden, auf dem die Bildungsministerin charakterlich zu stehen meint, aus Suppe besteht, darf wohl als augenzwinkernder Kommentar zu den Plagiatsvorwürfen bezüglich ihrer Promotionsschrift »Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung« aufgefasst werden.
Als Kosmopolit oder jedenfalls Kosmobayer erweist sich der CSU-Vorsitzende und Bonvivant Horst Seehofer. Obwohl er aus dem oberbayerischen Ingolstadt stammt, ist sein Lieblingsessen eine fränkische Spezialität: Altmühltaler Weidelammkeule mit Pflaumenfüllung und Röstkartoffeln. Von Ingolstadt ins Altmühltal sind es gut und gerne 25 Kilometer – ein Tagesmarsch, jedenfalls wenn man erst nach einem solch deftigen Mittagessen aufbricht. Mit dieser strategisch geschickten Wahl seines Lieblingsessens ist es kein Wunder, dass Seehofer sich als ideeller Gesamtbajuware durchsetzen konnte. Sein glückloser Vorgänger im CSU-Vorsitz, Erwin Huber, soll angeblich zeitlebens nur ein einziges Mal gekocht haben – und zwar Fischstäbchen. »Die waren nicht so geglückt. Aber man konnte sie essen, und wir leben noch«, verriet seine Tochter Verena einst dem Focus. So scheitern politische Karrieren.

Doch volksnahe Rustikalität ist nicht der einzige Weg zur Macht. Eine andere, etwas riskantere Strategie versucht es mit Weltgewandtheit. Bekanntlich beginnt die weite Welt für deutsche Politiker in der Toskana, und so findet die italienische Küche einige Freunde. Eine Vorliebe für Risotto in verschiedenen Varianten verbindet Daniel Bahr, Katrin Göring-Eckardt und Laurenz Meyer. Kann das Zufall sein, oder wird per Risotto-Connection die nächste Regierungskoalition angebahnt? Kein Zweifel jedenfalls, dass kulinarische und politische Ununterscheidbarkeit hier Hand in Hand gehen. Pizza und Spaghetti dagegen gelten als die Semmelknödel der bildungsfernen Schichten – klassisches Nichtwähleressen. Wer es zu etwas bringen will, lässt die Finger davon.

Hoffnungslos überfordert von den kulinarischen Mechanismen der Macht zeigt sich wenig überraschend die Linkspartei. Gregor Gysi etwa isst am liebsten gefüllte Paprikaschoten – allem Anschein nach einzig deshalb, weil dies ihm die Gelegenheit verschafft, mal wieder einen seiner gefürchteten lustigen Sprüche zu klopfen. Er möge Paprika nämlich »nicht nur wegen der Farbe«, haha. Mit solchen Witzchen qualifiziert man sich vielleicht als fester Freier bei der neuaufgelegten Pardon, aber nicht für ein Ministeramt. Halina Wawzyniak offeriert Buletten mit Kartoffelbrei und grünen Möhren – eine Karriere über Friedrichshain-Kreuzberg hinaus dürfte ihr somit für immer verstellt sein. Dietmar Bartsch mag am allerliebsten Ostseedorsch mit Bratkartoffeln und Spiegelei, wozu sich jeder weitere Kommentar erübrigt. Für Verwirrung sorgt die ehemalige Parteivorsitzende Gesine Lötzsch, ihr Lieblingsgericht sind Kochbananen mit Hähnchen. Ausgerechnet Bananen! Immerhin, die Professionalisierung macht langsame Fortschritte. Lötzschs Nachfolgerin Katja Kipping schwört auf Mohn-Zitronen-Penne – das könnte noch was werden.
Doch wer die verborgenen Machtstrukturen Deutschlands kennt, weiß: Im Bund wird es keine Regierungsbeteiligung der Linkspartei geben, solange kein Parteimitglied in die Reihe Oldenburger Grünkohlköniginnen und -könige aufsteigen konnte. Der amtierende Grünkohlkönig ist übrigens Günther Oettinger, der frühere baden-württembergische Ministerpräsident und derzeitige EU-Kommissar für Energie. Dessen Rückkehr in die Bundespolitik dürfte also unabwendbar sein.