Die Banalisierung häuslicher Gewalt des Profi-Fußballers Rafael van der Vaart

Häusliche Gewalt als »Foul-Spiel«

Der Fußballprofi Rafael van der Vaart (Hamburger SV) soll in der Silvesternacht seine Ehefrau, die Fernsehmoderatorin Sylvie van der Vaart, mit der Faust so geschlagen haben, dass sie zu Boden fiel.

Das Geschehen während einer Party in einer Villa im Hamburger Stadtteil Eppendorf läuft medial hierzulande in der Rubrik »Promischeidung«, gepaart mit Sorgen, ob es Rafaels Leistung für den HSV beeinträchtige. Bislang haben nur die Hamburger Linkspartei-Politikerin Kersten Artus und das Onlineportal publikative.org darauf hingewiesen, dass hier ein offensichtlicher Fall von häus­licher Gewalt trivialisiert wird.
Es könnte kaum augenfälliger sein, wie im Bereich des Sports versucht wird, einen sehr eigenen und sehr reaktionären Wertekatalog hochzuhalten. In Zeiten, in denen sogar schon die Bundeswehr mit Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsstellen zu tun hat, präsentiert sich der Sport mit seiner vielbeschworenen »Autonomie des Sportrechts« als letztes und sehr unangenehmes Bollwerk.
Es ist ja nicht so, dass der Sport an sich Gewalt tolerierte. Schließlich gibt es bemerkenswert viele überflüssige Kampagnen, die Jugendliche gerade via Fußball oder Boxen von der Gewalt wegführen sollen. Und im Profifußballer-Milieu werden selbst leichtere Schubsereien auf dem Trainingsplatz mit Tausenden von Euro Strafe geahndet – wie auch ein paar Minuten Zuspätkommen recht teuer werden. Die Bereitschaft, gegen Gewalt oder das, was man für sie hält, vorzugehen, ist sogar so verbreitet, dass Fußballfans, die Bengalische Feuer abbrennen, als üble Verbrecher dargestellt werden. Und als im Sommer bei einem wichtigen Relegationsspiel Fans zu früh den Rasen betreten haben, galt das gar als Auswuchs schlimmsten Hooliganismus.
Nur privat gelten andere Regeln, sofern es nicht den Ablauf des Spiels gefährdet – und wenn das Opfer eine Frau ist. Als Kersten Artus wegen des Vorfalls im Hause van der Vaart den HSV aufforderte, »ein Zeichen gegen häusliche Gewalt zu setzen«, wurde das vom Fachportal sport1.de noch in der angeblichen Meldungssprache als »kuriose Forderung« abgetan. Die Bild-Zeitung formulierte es in einer Überschrift so: »Wegen Ehezoff – Linken-Politiker fordern Sperre für van der Vaart«. Aber immerhin berichtete sie darüber. Anderen Medien erschien die Gewalttätigkeit, die der Grund der anstehenden Promi­scheidung war, nicht einmal erwähnenswert. Und Ex-Tennisprofi Boris Becker meldete sich via Twitter als Eheberater ohne Auftrag zu Wort: »Liebe Van der Vaarts, ich habe euch beide sehr gerne! Bitte keine schnelle Scheidung, vielleicht geht’s in sechs Monaten wieder.« In Klatschmedien ist zu erfahren, Rafael habe erklärt: »Ich bin ein Idiot. Es tut mir sehr leid.« Und Sylvie habe ihm verziehen, ja, sie liebe ihn weiterhin. Die naheliegende Frage, warum bei so viel Liebe, Verzeihen und ein bisschen Geschubse gleich die Trennung vollzogen und die Scheidung eingereicht wurde, wurde nirgends gestellt.
Die Frankfurter Allgemeine kommentierte, die Scheidung sei »vor allem schlecht für die Marke Van der Vaart«. Und in der Welt heißt es, Rafael gelte im Fußball als freundlicher, aber auch aufbrausender Mensch: »Solche Typen können auf dem Fußballplatz Spiele drehen. Abseits davon können sie offenbar Ehen beenden.« Tja.

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