Karls und Rosas Spaziergang

Die jährliche Liebknecht-Luxemburg-Gedenkdemonstration durch Berlin ist wie ein großer, furchtbarer Verkehrsunfall. Man kann den Blick nicht abwenden, auch wenn das, was zu sehen ist, entsetzlich und verstörend ist. Aber wie beim schlimmsten Unfall muss man ja die eigene Schockstarre überwinden, hingehen und alles dafür tun, dass es besser wird. Aus diesem Pflichtgefühl heraus habe ich mich dort jahrelang mit Lenin-, Mao- und Stalinkultisten, Nationalbolschewisten und orthodoxen Antiimperialisten herumgeärgert. Irgendwann musste ich einsehen, dass diese Demonstration wie die dort versammelte Linke ein hoffnungsloser Fall ist. Alle lebenserhaltenden Maßnahmen verbieten sich. Sterbehilfe ist angesagt! An einem besseren Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, ohne Stalin- und Honecker-Fans, versuchte sich am vergangenen Sonntag das linke Jugendbündnis »Rosa und Karl«. Doch die gemeinsame Grundlage ist leider nicht der revolutionäre Klassenkampf oder die Feindschaft zu Staat und Kapital, sondern nur die moralische Kritik am Stalinismus. Die alternative Gedenklatschdemo führte dann zwar ohne Lenin, Stalin und Mao, aber mit Fahnen der Falken und Jusos durch die menschenleere Öde des Tiergartens. Entgegen allen linksradikalen Befürchtungen war diese Demonstration jedoch keine Veranstaltung von Nachwuchssozialdemokraten, auch wenn diese zahlreich vertreten waren. Gleich bei der Auftaktkundgebung kritisierte die »Basisgruppe Antifaschismus« aus Bremen in einem Redebeitrag alle reformistischen Hoffnungen auf einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Auf einem Transparent stand: »Keine Nation. Kein Staat. Kein Kapitalismus. Keine Kompromisse!« Während jedoch in Friedrichshain Zehntausende zu den Gräbern auf dem »Friedhof der Sozialisten« pilgerten, waren es im Tiergarten nicht einmal 500 Menschen für Rosa und Karl. Auch in der Linken ist radikale Kritik eben ein Minderheitsphänomen.

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