Eine Winterreise durch Lappland

Totenschädel im Familienrestaurant

Morgens gibt es Moosbeeren, abends Ren, und zwischendurch trifft man Menschen, die Schirmmützen aus Bierdosen bauen. Oder Bären in den Schlaf singen. Eine Winterreise durch Lappland.

Von Knud Kohr
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Die Rücklichter des letzten Linienbusses verschwinden für heute im Schneetreiben. Hinter uns schließt sich rasselnd die Jalousie der Autovermietung. Über uns zeigt das Thermometer an der Außenfassade des Flughafens von Ivalo minus 16 Grad an. Bis zu unserem Nachtlager sind es 50 Kilometer. Fotograf Frank Heuer schaut ein wenig zweifelnd auf den Wagenschlüssel in seiner Hand. »Hoffentlich passt der.«
Immerhin, er passt. Unserer Reise steht also nichts mehr im Weg: Eine Woche lang wollen wir uns durchs winterliche nördliche Finnland treiben lassen, die meiste Zeit oberhalb des Polarkreises.

Finnisch-Lappland erstreckt sich vom 66. bis 70. Breitengrad. Es ist damit größer als Österreich, hat aber nicht einmal zwei Einwohner pro Quadratkilometer. Schnee liegt hier von Oktober bis Anfang Mai, und im Norden dauert die Polarnacht 51 Tage. Im kurzen Sommer kann die Temperatur auf über 30 Grad steigen, im Januar auf unter minus 50 Grad sinken. Ein paar warme Socken sollte man also schon dabeihaben. Das gesamte Lappland erstreckt sich von der norwegischen Küste entlang des Polarkreises bis nach Russland. Staatliche Souveränität hatte Lappland nie. Seine Ureinwohner waren die zumeist nomadisch lebenden Samen, die heute in Finnland nur noch vier Prozent der lappischen Bevölkerung ausmachen. Mit einem Besuch bei einigen von ihnen soll diese Reise beginnen.
Das Hotel Kultahovi steht direkt am Ufer des gefrorenen Inarisees, fast genau auf halbem Weg zwischen Polarkreis und Nordkap. Unsere Zimmer befinden sich in einem Nebengebäude, und jeder von uns hat eine eigene Sauna im Badezimmer. Im Haupthaus treffen wir Kaisu und Heikki Nikula, ein Geschwisterpaar, dem das Haus gehört. Heikki, der Koch, serviert Rentier-Carpaccio auf Moosbeeren. Letztere finden sich auch auf jedem besseren Frühstücksbuffet in Lappland. Es schmeckt so großartig, dass ein durchgehendes Gespräch erst danach zustande kommt. Die kleine, energisch wirkende Kaisu hat einen wollenen Überwurf um die Schultern. Ähnliche Kleidungsstücke haben wir schon auf den historischen Fotos gesehen, die das Foyer schmücken. Nach einiger Zeit bemerkt sie unsere fragenden Blicke. »Ihr habt gedacht, dass wir hier in Jurten wohnen, und seid enttäuscht, dass ihr fließendes Wasser habt?«, lacht sie. Naja, ganz so schlimm vielleicht nicht. Kaisu wird ernster. »Wir versuchen, hier Geld einzunehmen, das wir an die samische Gemeinde weitergeben. Früher haben mehr als 3 000 Leute Inari-Samisch gesprochen. Vor ein paar Jahren waren es keine 300 mehr. Immerhin: jetzt haben wir wieder einen Kindergarten, in dem unsere Sprache gesprochen wird, und für die Grundschüler lassen wir gerade Lehrbücher schreiben. Unsere Kultur war fast tot, und jetzt hat sie eine kleine Möglichkeit, weiterzuleben.« Dann zwinkert sie sich die Ernsthaftigkeit aus dem Gesicht. Ihr Bruder schließt die Küche. Er war Jazzpianist, bevor er vor zehn Jahren in den Norden zurückkehrte, und setzt sich zum Feierabend für ein paar Stücke ans Klavier.
»Lass uns was essen gehen«, regt Kollege Heuer an. Wir sitzen im Auto, mittlerweile weit von Ivalo entfernt. Er zeigt auf einen Flachbau an der Autobahn. »Vielleicht hinter diesem, äh, Ding da?«
Das Ding ist ungefähr zehn Meter hoch. Der übergroße Nachbau eines Potkuri. So heißt ein samischer Schlitten, auf dessen Fläche man seine Einkäufe oder seine Kinder platzieren kann und den man hinten an zwei hohen Bügeln schiebt, wenn man nicht auf der Querstange selbst mitgleitet.
Die Besitzerin des Potkuriparkki ist eine dunkelhaarige Endvierzigerin namens Arja. Sie spricht fließend Englisch, wie quasi jeder in Finnland. »Früher habe ich als Sekretärin in einer Mine in der Gegend gearbeitet, aber dann kauften mein Mann und ich diesen Laden.« Zu essen hat sie nur Kuchen und Pfannkuchen. Macht nichts: Das Umschauen im Laden lässt den Hunger vergessen. Die Regale sind vollgestopft mit Wollmützen und Weihnachtsmannfiguren. Dazwischen hängen Schirmmützen, die offenbar aus dem Blech leerer Bierdosen zusammengelötet wurden. »Das macht eine Freundin von mir. Mit ihr flechte ich auch Körbe aus alten Kaffeepaketen.« Tatsächlich, von diesen Meisterwerken finnischer Handwerkskunst liegen einige neben den Mützen. »Wenn nichts los ist, gehe ich nach hinten. Da habe ich einen Webstuhl. Früher hat mein Mann da Teppiche gemacht. Er war Kunstlehrer. Jetzt kann ich es allein.« Plötzlich scheinen Arjas Augen feucht zu werden, und sie verschwindet in einen Lagerraum. Wir vermuten eine private Tragödie. Nehmen mit klammem Gefühl einige Süßigkeiten und lassen das Geld auf dem Tresen liegen.
Zu essen bekommen wir am Ziel unserer heutigen Etappe. Rovaniemi ist eine schmucklose Stadt von 50 000 Einwohnern, deren Ruhm darin besteht, dass sie das Zentrum eines extrem dünn besiedelten Landkreises von der dreifachen Größe Luxemburgs bildet. Damit ist Rovaniemi die der Fläche nach größte Stadt Europas. Außerdem ist Rovaniemi die Heimat von Lordi, jener immer in Monsterkostümen auftretenden Band, die 2006 aus diesem nordischen Niemandsland über den »European Song Contest« herfiel und ihn mit ihrem wuchtigen »Hard Rock Hallelujah« kurzerhand gewann. Seitdem heißt ein kleiner Platz im Stadtzentrum »Lordi Square«. Zwei Minuten Fußmarsch von dort eröffnete die Band im Erdgeschoss einer Shoppingmall »Lordi’s Rocktaurant«.
»Wo möchtest du denn sitzen«, fragt der Kollege, während er sein Tablett balanciert, »neben der Plastikguillotine oder lieber unter den Kiss-Autogrammkarten?« Die Inneneinrichtung des Rocktaurants ist für zartere Gemüter eventuell ein wenig abschreckend. Letztlich entscheiden wir uns für einen Tisch neben einer Kaminattrappe, der von beleuchteten Plastikschädeln gekrönt ist. Während wir essen, setzt sich eine Großmutter mit ihren drei Enkeln neben uns. Direkt unter eine Reihe von Kunstwerken, die wie abgetrennte Gesichtshaut entsetzter Opfer aussehen. Die Burger sind übrigens wirklich gut.
Unseren Espresso nehmen wir doch lieber woanders. Das »Kauppahytio Café« wurde uns als der wichtigste Szenetreff Rovaniemis empfohlen. Tatsächlich sehen sich die wenigen Touristen im Café mit einer Übermacht von jungen Menschen konfrontiert, die sicherlich nur im äußersten Notfall ohne Laptop, Snow- oder Skateboard respektive Coffee-to-go die Wohnung verlassen. »Setzt euch, wo ihr wollt«, brummt der Kellner mit den blondierten Dreadlocks, »das Kauppahytio ist nicht nur Café, sondern auch Antiquitätenladen. Wenn euch jemand den Stuhl unter dem Hintern wegkauft, müsst ihr euch einen neuen suchen.« Aber das bleibt uns glücklicherweise erspart. Der Tag war lang genug.

Der neue Morgen begrüßt uns mit erfrischenden minus 18 Grad. Grund genug für zwei verweichlichte Südländer, Rovaniemi vom beheizten Wagen aus zu erkunden. Allerdings muss man sagen, dass hier am Vormittag wirklich noch nicht viel los ist. Erst am Rand der Stadt, wo die Flüsse Ounasjoki und Kemijoki zusammenfließen, werden wir fündig. Ein dunkelblonder Mann steht dort und rammt Fahnen neben kleine Eislöcher. Als wir ihm zuwinken, macht er eine Pause. Der Mann heißt Timo Junnunkuappi und ist sozusagen der Hausmeister des Neun-Loch-Golfplatzes, den er jedes Jahr auf der Eisfläche anlegt. »Greenkeeper« heißt dieser Beruf auf normalen Golfplätzen. »Aber hier heißt das natürlich Whitekeeper«, grinst Junnunkuappi und führt uns in das Clubhaus, eine bescheidene und total überheizte Holzhütte am Ufer. »Wenn man in Lappland draußen arbeitet, muss man sich immer einen Platz einrichten, wo es eigentlich zu warm ist. Sonst hält man das nicht aus.« Timo arbeitet schon seit 17 Jahren im Winter auf dem Eis, und mittlerweile hat der Club 750 Mitglieder, darunter auch viele Kinder. Ursprünglich studierte er Mineningenieur, doch als er sich auf Arbeitssuche machte, bot man ihm den Bau eines Sommergolfplatzes hier in seiner Heimatstadt an. Aus dem Sommerjob wurden mittlerweile gut 20 Jahre. »Aber heute ist mein letzter Tag. Eine Goldmine in der Nähe hat mir eine leitende Stelle angeboten.« Da wird doch heute bestimmt gefeiert, wollen wir wissen? »Natürlich. Erst geht es in die Sauna, dann spiele ich mit Freunden Billard, und dann betrinken wir uns furchtbar. Wie man das eben macht.« Klar.
Einen Steinwurf vom Golfkurs entfernt wartet eine weitere Sehenswürdigkeit der Stadt auf uns. Auf den ersten Blick ist nur ein kreisrundes Loch in die Eisfläche gehackt, und am Ufer steht eine schlichte Holzhütte. Bei dieser Hütte handelt es sich um das Vereinshaus der Eisschwimmer. Gerade als wir uns kurz an die Schläfe tippen und diesen ungastlichen Ort verlassen wollen, geht die Tür der Hütte auf und eine junge Frau im Bademantel kommt zum Vorschein. Gut, mittlerweile ist die Temperatur auf minus 15 Grad hochgeschnellt, aber uns klappern immer noch die Zähne, während wir aussteigen. Sie hingegen lässt den Bademantel fallen, holt tief Luft und steigt im Badeanzug ins Wasser. Schwimmt prustend einen Kreis und steigt wieder aufs Eis. Als sie vollständig bekleidet aus der Hütte kommt, halten wir sie auf. Sie heißt Mira. »Ich mach das schon, seitdem ich ein Kind bin,« sagt sie. »Ist übrigens gar nicht so kalt. Die Luft hat minus 15, das Wasser plus 1 Grad. Fast so, als ob man in eine warme Wanne steigt.« Wir warten, bis diese offensichtliche arme Irre verschwunden ist. Dann gehen wir in die Hütte. Dort liegt eine Liste, in die sich die Eisschwimmer eintragen. Mira war heute die 22. Schwimmerin. Vielleicht sind die nicht irre, sondern wir verweichlicht?

Sulo Karjalainen ist grauhaarig, Mitte 50 und sieht mehr oder weniger aus wie ein Bär. Eine gewaltige Narbe zieht sich über seine rechte Gesichtshälfte. Wir sind weitere 200 Kilometer weit durch die Wildnis gefahren. Sulos Haus steht in einer Region, die benannt ist nach der Stadt Kuusamo, auch deren Umgebung ist doppelt so groß wie Luxemburg. Über ein Jahrzehnt lang arbeitete Karjalainen für Erik Nyholm, einen bedeutenden Bärenforscher, der gleich nebenan sein Tiergehege hatte. Als dem 1994 die Forschungsgelder vom finnischen Staat gestrichen wurden, musste Nyholm gehen, und seine Bären sollten auf verschiedene Zoos verteilt werden. Das aber wollte Karjalainen nicht. »Die Bären sind die klügsten Tiere von allen«, sagt er, und er liebt sie seit seiner Kindheit. Auch die Narbe in seinem Gesicht hat er von einem Bären. »Der Bär wollte nur spielen und hat seine Kraft falsch eingeschätzt. Danach musste er eingeschläfert werden. Das macht mich bis heute traurig.« Statt die Tiere wegzugeben, eröffnete er das »Kuusamo Predator Center«, einen privaten Zoo, in dem es nicht nur Bären, sondern auch Luchse und Füchse zu sehen gibt. Was er mit Eintrittsgeldern erwirtschaften kann, reicht nicht, um die Kosten zu decken. Also steht er immer wieder für besondere Aktionen zur Verfügung. Als die BBC vor einiger Zeit eine Dokumentation über sein Center drehte, behauptete Karjalainen, dass einer der Bären nur dann in den Winterschlaf fallen kann, wenn jemand bei ihm ist. Also legte er sich zwei Tage lang dazu und wurde völlig unerwartet zum Star auf Youtube.
Bei Samen haben wir unsere Reise begonnen, und da wollen wir sie auch beenden. Dass 1 200 Kilometer auf unserem Tacho zusammengekommen sind, können wir selbst kaum glauben. Satu und Mika Palosaari züchten Rentiere in den Wäldern um Kuusamo. Mit ihren farbenfrohen Strickmützen sehen sie so aus, wie wir uns Samen vor unserer Reise immer vorgestellt haben. Kollege Heuer geht mit Mika zu den Rentiergehegen. Mich setzt Satu auf einen Rentierschlitten, stellt sich hinten auf den Querstreben und fährt zu einer Rauchhütte mitten im Wald. Während sie ein Feuer entzündet und einen Tee aufsetzt, kommen auch die beiden anderen dazu. Bei Tee und am Stock gegrillter Rentierwurst erzählen unsere Gastgeber von den Schwierigkeiten des Züchteralltags. In ihrem eigenen Land sind die Samen, die alle Touristen putzig und einzigartig finden, alles andere als beliebt. Und die von ihnen gezüchteten Rentiere gelten als Schädlinge, die mühsam angelegte Vorgärten verwüsten. »Wir machen trotzdem weiter«, seufzt Satu. Die älteste, neunjährige Tochter kann man schon kaum mehr von den Gehegen wegbekommen, sie wird die Familientradition fortsetzen. Das Feuer lodert, zum ersten Mal wird uns außerhalb der Hotels warm. Und als wir auf die Uhr schauen und bemerken, dass wir in vier Stunden im Flugzeug sitzen müssen, haben wir fast das Gefühl, wir sollten uns bei Lappland für den überstürzten Aufbruch entschuldigen.