Gab es Widerstand gegen die Nazis im Alpenverein?

»Nur 0,0104 Prozent sogenannte Nichtarier«

Der Alpenverein war keine lupenreine Naziorganisation. Aber Protest in seinen Reihen konnte es nur geben, weil er bereits in den zwanziger Jahren ein völkischer Verband war.

In jeder Zeile, die Georg Riesz formulierte, spürt man seine Wut, seine Enttäuschung und zugleich den Versuch, doch beherrscht zu bleiben: »Das ist, gelinde gesagt, jeder deutschen Bergsteigermoral spottend.« Am 14. Oktober 1933 schrieb Riesz, der Jude war, an die Sektion Freiberg des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins (DÖAV), in der er lange Mitglied gewesen war, er hätte ohnehin seinen Austritt »ebenfalls unverzüglich angemeldet«.
Nicht nur sein Brief an die Sektion Freiberg in Sachsen findet sich im Archiv des Deutschen Alpenvereins in München. Eine ganze Reihe jüdischer Mitglieder hatte dem Sektionsvorstand im Herbst 1933 auf die Frage geantwortet, ob sie jüdisch seien. Empfänger war Prof. Dr. Walter Schaller, von 1912 bis 1937 Sektionsvorsitzender und hauptberuflich Konrektor am Gymnasium Albertinum zu Freiberg.
Ein Richard Fischer schrieb, ihm stehe, auch wenn er Jude sei, als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg das Recht zu, weiter im DÖAV zu bleiben, »doch ich will von meinem Recht während der Dauer des Dritten Reichs keinen Gebrauch machen«. Da er aber seinen Jahresbeitrag schon vorab bezahlt habe, wolle er weiter das Verbandsblatt beziehen.
Ein in Budapest lebender Bergsteiger namens Dr. Tarnoky László notierte knapp: »Teile Ihnen mit, dass ich Jude bin.« Er sei zwar mit seinen Beitragszahlungen im Rückstand, aber »sollten Sie die Möglichkeit haben, meine Rückstände hier und in ungarischer Währung entgegenzunehmen, so werde ich sie gerne sofort begleichen«.
Post kam auch von Michael Balint, einem Psychoanalytiker aus Budapest, der bei Sigmund Freuds engem Vertrauten Sándor Ferenczi gelernt hatte. In seinem Briefkopf notierte er stolz, dass er »Dr. med.«, »Dr. phil.« sowie »Reserveleutnant« und »Träger zweier Tapferkeitsmedaillen« sei. Die Frage, ob er Jude sei, verneinte Balint ausführlich: »Von Vaters Seite bin ich deutscher Herkunft, wir sind eigentlich Zipser Sachsen. Obwohl ich vier Sprachen beherrsche, ist mehr als die Hälfte meiner Bibliothek deutsch.« Außerdem sei er als Protestant getauft und trete »für die absolute Gleichberechtigung aller Rassen, aller Nationalitäten, aller Religionen« ein. Balint beendete seinen Brief mit der Wendung, er »überlasse es Ihrem Ermessen, ob Sie mich als Mitglied der Sektion behalten wollen oder nicht. Bergheil«.
Auch Georg Riesz, der sich als Absolvent der Deutschen Gerberschule in Freiberg vorstellte, konnte nicht einmal annähernd ahnen, welche Katastrophe mit der Frage nach dem Jüdischsein eingeleitet wurde. »Trotz alledem sind wir hier dessen bewusst, dass solch ein Beschluss nur unter dem Drucke der geänderten Verhältnisse im Deutschen Reiche erfolgen konnte«, schreibt er. »Infolgedessen werde ich, falls sich das Leben im Deutschen Reiche wieder in normalen Bahnen bewegen wird, Ihre Einladung als Mitglied der Sektion Freiberg Sa. des DÖAV wiederum beizutreten, mit der größten Freude Genüge leisten.«
In Freiberg hatten sich nämlich Riesz, Balint, László und Fischer wohlgefühlt. 1926, als der Budapester Bergsteiger Paul Magaziner mit seiner Ehefrau in Wien aus ihrer Sektion wegen ihres Judentums hinausgeworfen wurden, nahm Freiberg die beiden gerne auf. Freiberg galt als liberal – ganz anders die Mehrheit der anderen Sektionen. Spätestens seit Mitte der zwanziger Jahre waren Juden im DÖAV nicht mehr gelitten. Schon ab 1899 führten einzelne Sektionen, wie etwa »Mark Brandenburg« aus Berlin, sogenannte Arierparagraphen ein. In österreichischen Sektionen durften schon ab 1921 kaum noch Juden Mitglied sein, und eine überwiegend von Juden gegründete Sektion, »Donauland« aus Wien, war 1924 aus dem DÖAV hinausgeworfen worden.
Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, war der DÖAV – wie sonst nur die Turner und die Burschenschaften – weitgehend »judenrein«. Den wenigen Sektionen, die noch keinen Arierparagraphen hatten, wurde dringend die Einführung empfohlen. Und im Herbst 1933, als die jährliche Hauptversammlung im liechtensteinischen Vaduz stattfand, bekannte sich die Versammlung »einmütig und freudig« zum Nationalsozialismus in Deutschland.
Gerade auf diesen Beschluss berufen sich heute Stimmen, die dem DÖAV eine Form von Widerstand oder zumindest Unangepasstheit attestieren. Der Alpinhistoriker Nicholas Mailänder etwa, der durch seine Recherchen viel zur Aufklärung des Antisemitismus und der NS-Verstrickung des Alpenvereins beigetragen hat, kommt zu dem erstaunlichen Befund, dass es »damals keinen anderen Sportverband in Deutschland (gegeben hat), der sich so verbissen und effektiv gegen die Demontage seiner demokratischen Strukturen zur Wehr setzte«. Auch »dass Juden in jener Zeit noch Mitglieder sein konnten, passt nicht ins Bild einer lupenreinen Naziorganisation«, so Mailänder. Schließlich war durch die flächendeckende Einführung des Arierparagraphen nur die Nichtaufnahme, nicht jedoch der Rauswurf von Juden beschlossen worden.
Es gibt in der Tat Beispiele, die zeigen, dass sich der große DÖAV nicht gänzlich angepasst an den Nationalsozialismus präsentierte. Allein, er konnte das nur, weil an seiner Grundhaltung – ein antisemitischer, völkischer, nach dem Führerprinzip strukturierter Verband, der die Kriegstüchtigkeit seiner Mitglieder förderte – kein Zweifel bestand.
Die Beispiele für Protest aus den Reihen des DÖAV sollen gleichwohl nicht verschwiegen werden. Es gab sie, jedoch in nur geringem Maße, quantitativ wie qualitativ. Und sie belegen letztlich nur, dass mehr Widerstand möglich gewesen wäre. Als Beispiel wird stets Ignatz Stiefel aus München genannt, langjähriges jüdisches Mitglied der Sektion Hochland. Er wurde von Sektionsmitgliedern versteckt und konnte so die Shoa überleben. Oder Max Maier, ein zum Katholizismus konvertierter jüdischer Anwalt aus München, der seine Bergtouren in hübschen Oktavheften dokumentierte. Auch um ihn kümmerten sich Sektionsmitglieder, und als er ins Vernichtungslager kam, wurden seine Hefte aufbewahrt.
Die DÖAV-Sektion Hildesheim beschloss am 29. Juli 1933, ihre nur noch wenigen jüdischen Mitglieder nicht auszuschließen. Fünf waren, wie es in der Vereinschronik heißt, »bereits verstorben, emigriert oder ausgeschieden«. Zu den nur noch verbliebenen zwei Mitgliedern gehörte Siegfried Davidson, ein sehr aktiver Alpinist der niedersächsischen Sektion. Er konnte mit seiner Familie nach Luxemburg fliehen, wo er 1941 verstarb. Seine Frau, Anna Davidson, wurde nach Theresienstadt deportiert, wo sie im August 1942 ermordet wurde.
In kleinem Rahmen wehrte sich auch die ­DÖAV-Sektion Düren in der Eifel. Deren Vorsitzender, der Fabrikant Max Hoesch, schrieb im Dezember 1933 an den Verwaltungsausschuss des DÖAV, dass er jede »Unterordnung unter die Führung des Reichssportführers« ablehne, er wolle nicht »Führer« sein, sondern, wie schon seit 25 Jahren, Vorsitzender der Sektion. Die Antwort kam postwendend: »Wenn Sie glauben, sich den neuen Verhältnissen nicht anpassen zu müssen, so wird sich eine Reihe von Schwierigkeiten ergeben können.« Das Wort »können« war mit der Hand durchgestrichen.
Kaum mehr mit dem Begriff Widerstand lässt sich bezeichnen, was die Sektion Stettin 1935 unternahm. Sie wandte sich nach der Verkündung der Nürnberger Gesetze an den Verwaltungsausschuss des DÖAV mit der Frage, ob man nicht den vom Ausschluss betroffenen, teilweise langjährigen Mitgliedern die Gelegenheit geben solle, »sich einer geeigneteren Vereinigung, so z. B. dem Alpenverein Berlin anzuschließen«. Dieser »Alpenverein Berlin« war 1925 außerhalb des DÖAV gegründet worden – weil der Antisemitismus in der alten Sektion unerträglich geworden war. 1934 hatte die Gestapo den fälschlich als jüdisch geltenden Verein verboten.
Die Stettiner ließen nicht locker: »In unserer Sektion sind seit Jahren keine Volljuden mehr. Ebenso nehmen wir seit Jahren keine nichtarischen Mitglieder mehr auf.« Aber man habe derzeit elf Christen in der Mitgliedskartei, deren Väter »getaufte Juden« seien, einer sei sogar Ehrenmitglied. Und insgesamt, rechneten die Stettiner vor, seien das »nur 0,0104 % sogenannte Nichtarier«. Die Antwort der Zentrale war deutlich: »Es kommt in Auswirkung der Nürnberger Gesetze nicht auf den Prozentsatz der Juden an, sondern darauf, dass wie auch in allen österreichischen Sektionen überhaupt keine Juden mehr in den Sektionen verbleiben.« Als die Sektion Stettin dann am 20. Dezember meldete, dass man »einstimmig beschlossen hat, dass ab 1. Januar 1936« alle Juden, es seien noch acht Personen, ausgeschlossen würden, wurde das im DÖAV mit dem handschriftlichen Vermerk kommentiert: »Abwarten«. Von der Sektion Stettin war seither nichts mehr zu hören.
Widerstand fand woanders statt, sehr wohl in den Bergen, aber nicht im DÖAV. Es waren überwiegend sozialdemokratische und kommunistische Bergsteiger, meist in den Naturfreunden organisiert, die beispielsweise bedrohte Menschen über die Alpen, die Pyrenäen oder das Elbsandsteingebirge in Sicherheit brachten.
Von dem jüdischen Bergsteiger Michael Balint ist bekannt, dass er 1939 nach London emigrieren konnte, die übrigen Freiberger Alpinisten, die 1933 ausgeschlossen wurden, sind vermutlich um 1944 nach Auschwitz deportiert worden.

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