Über die deutsch-jüdische Autorin Ilse Losa

An allen Fenstern Lumpenfetzen

Eine Erinnerung an die deutsch-jüdische Autorin Ilse Losa, die 1933 nach Portugal ins Exil ging und in Deutschland heute vergessen ist.
Anzeige

Für die Arbeit von Schriftstellern ist nichts wichtiger als die Sprache. Die Vertreibung aus der Sprache, wie die Deutschen sie an ihren jüdischen Mitbürgern während der Zeit des Nationalsozialismus verübten, ließ viele verstummen oder gar nicht erst zur Sprache kommen. Für die Überlebenden unter ihnen gab es oftmals nur die Wahl, eine Sprache vollständig neu zu lernen oder sich der Sprache zu bedienen, die auch die Verfolger und Mörder sprachen. Im Hinblick auf die Literatur wurde dieses Problem noch drängender. So gelang es nur wenigen Autoren, sich auf die Sprache ihres Exillandes einzulassen und damit auch Erfolg zu haben.
Die im Jahr 2006 verstorbene deutsch-portugiesisch-jüdische Schriftstellerin Ilse Losa, die in diesem März 100 Jahre alt geworden wäre, ist eine der Wenigen, denen es trotzdem gelungen ist, dazu noch in einer nicht englischen Sprache. In Portugal erscheint in diesem Jahr zu Ehren von Losa eine Sonderbriefmarke, zahlreiche Bibliotheken zeigen Ausstellungen zu ihrem Werk und ihre Bücher sind zur Pflichtlektüre in den portugiesischen Schulen geworden. Wer hingegen hierzulande ihre Bücher lesen möchte, kann die wenigen deutschen Übersetzungen nur noch antiquarisch erstehen. Im Land ihrer Herkunft stieß ihr Werk auf kein großes Interesse, und sieben Jahre nach ihrem Tod ist sie in Deutschland nahezu vergessen. Das ist bedauerlich, weil ihre Erzählungen und Romane durch eine melancholische Schönheit und durch ihre Reflexionen über die Bedeutung von Erinnerung und Vergangenheit bestechen. Außerdem sind sie ein einmaliges Dokument des Lebens deutsch-jüdischer Flüchtlinge in Portugal.
Ilse Losa wurde am 20. März 1913 als Ilse Lieblich in dem kleinen Dorf Buer bei Osnabrück als Tochter jüdischer Eltern geboren. Sie wuchs zunächst bei ihren Großeltern auf, die in den ersten Lebensjahren ihre wichtigsten Bezugspersonen waren. Nachdem Losas Vater jung verstorben war, zog sie mit ihrer Familie nach Hildesheim, wo die Mutter alleine für ihre drei Kinder – neben Ilse ihre beiden Brüder Ernst und Fritz – sorgen musste. Sie verbrachte einige Monate als Aupair in England und arbeitete anschließend in einem Krankenhaus in Hannover, das sie aber nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlassen musste. Daraufhin ging sie 1933 nach Berlin, wo sie sich mit Sekretärsarbeiten über Wasser hielt und den täglichen Terror der Nazis unmittelbar erlebte.
Dieser traf schließlich auch sie selbst. In einem Brief an eine Freundin hatte sie Hitler einen Verbrecher genannt. Eine Vorladung zur Gestapo war die Folge. Wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen glaubte der Gestapo-Offizier zunächst nicht, dass sie eine Jüdin sei: »Wo haben Sie Ihre blonden Haare gestohlen?« soll er die 21jährige Losa gefragt haben. Nur durch Glück konnte sie den Häschern entrinnen. Der Offizier hatte ihr eine Frist von fünf Tagen gegeben, nach der sie sich wieder bei der Gestapo zu melden habe – falls sie dann noch in Deutschland sei, fügte er hinzu. Ilse Losa verstand den Hinweis und floh mit dem nächsten Schiff von Hamburg in die nordportugiesische Hafenstadt Porto, wo sich bereits ein Onkel und ihr Bruder Ernst niedergelassen hatten. Wenige Monate später folgte auch ihr Bruder Fritz.
Ernst Lieblich verkehrte in den überschaubaren Künstlerkreisen Portos. Er brachte seine Schwester dorthin mit, sie lernte neben Intellektuellen wie dem Literaturkritiker Óscar Lopes auch ihren später Mann, den Architekten Arménio Losa, kennen. Ihn heiratete sie 1935 und erhielt dadurch die portugiesische Staatsangehörigkeit, was ihr den Aufenthalt in Portugal endgültig sicherte. Das künstlerische Umfeld führte dazu, dass sie sich entschloss, die erste Phase ihres Lebens literarisch zu verarbeiten. Als Ergebnis erschien 1943 das Buch »O Mundo Em Que Vivi« (auf Deutsch 1990 unter dem Titel »Die Welt in der ich lebte« veröffentlicht). Es erzählt von der Kindheit und Jugend der Jüdin Rose Frankfurter und präsentiert – im Stil von Stefan Zweigs »Die Welt von Gestern« – auf den ersten Blick ein Provinzidyll, das sich auf den zweiten Blick als brüchig erweist – zunächst auf persönlicher Ebene und schließlich politisch-gesellschaftlich, durch einen immer aggressiveren Antisemitismus.
Ilse Losa hatte Deutschland zwar noch rechtzeitig verlassen können, doch ihre neue Heimat war nach zahlreichen politischen Umstürzen seit 1932 ebenfalls ein faschistischer Staat. In jenem Jahr hatte der Ökonomieprofessor António de Oliveira Salazar die Macht übernommen und seine korporatistische, am italienischen Faschismus orientierte Diktatur unter dem Namen »Estado Novo« ausgerufen. Salazar, ein Bewunderer Mussolinis und des Klerikalismus, schloss die Grenzen für die Flüchtlinge allerdings nie vollständig und vermied einen staatlichen Antisemitismus. So blieb Portugal lange Zeit ein Hafen der Hoffnung für Zehntausende Flüchtlinge. Dennoch war das Land zu jener Zeit in den Augen der Exilanten sehr rückständig. Frauen durften nicht alleine in Cafés verkehren und nicht rauchen, Analphabetismus und Armut waren weit verbreitet. Ilse Losa hat dies in ihrem 1962 erschienenem Buch »Sob Céus Estranhos« (»Unter fremden Himmeln«, 1991) beschrieben. Zu ihren ersten Eindrücken in Portugal gehörten »die bunten Lumpenfetzen an allen Fenstern und halbnackte Kinder mit dunkel geränderten Hungeraugen, die mir ihre schmutzigen kleinen Hände nach einem Almosen hinstreckten«.
In diesem, einem ihrer bekanntesten Werke, das viele autobiographische Züge aufweist, beeindruckt vor allem ihre Beschreibung des Flüchtlingsalltags. So wie ihr Protagonist Josef Berger schlug sich auch Ilse Losa zunächst mit Deutschunterricht durch, den damals viele Portugiesen nicht aus Interesse an der Sprache, sondern aus Mitleid mit den Flüchtlingen nahmen. Auch war Portugal für Losa – wie für ihr Alter Ego Berger – nicht nur eine Durchgangsstation auf dem Weg in die USA, sondern der Ort, an dem sie sesshaft wurde. Aber ihr Roman bietet weit mehr als eine Darstellung des Flüchtlingslebens. Losa setzt sich darin mit der Frage auseinander, wie es weitergehen kann, wenn einem alles Vertraute geraubt wurde. So lässt sie Berger am Ende ihres Buchs ratlos zurück: »Aber was ist das, ankommen? Die Liebe zu anderen Menschen, die Fortdauer in anderen Menschen, die Illusion der Stabilität? Oder nur eine Zwischenstation auf der ewigen Flucht der Menschen? Ich weiß es nicht.«
Doch das Leben Ilse Losas auf ihre Flucht und ihr Exildasein zu reduzieren, würde ihr Unrecht tun. In Portugal ist sie bis heute vor allem für ihre Kinderbücher bekannt. Ihr Interesse daran entstand durch ihre Arbeit als Kindergartenleiterin, der sie bis in die fünfziger Jahre nachging. So umfasste ihr literarisches Schaffen außer ihren Romanen und Erzählbänden, den zahlreichen Übersetzungsarbeiten wichtiger deutschsprachiger Autoren wie Bertolt Brecht, Max Frisch, Anna Seghers und des Tagebuchs der Anne Frank ins Portugiesische auch Kinderliteratur. Insgesamt veröffentlichte Losa 21 Kinderbücher, die bis heute in Portugal aufgelegt werden. In Büchern wie »A Flor Azul« (1955) »A Adivinha« (1967) oder »Silka« (1984) behandelt sie im Rahmen phantastischer Erzählungen sowie anhand von Figuren aus der Tier- und Pflanzenwelt das Thema der Differenz und Toleranz; außerdem, wie in ihren Werken für Erwachsene auch, die Problematik des Verlusts der Heimat. Damit trug sie viel zur Liberalisierung der Pädagogik in Portugal bei, die bis weit in die siebziger Jahre von der katholischen Kirche bestimmt war und stark autoritäre Züge trug. Die Bedeutung ihrer Kinderbücher wurde in Portugal 1982 mit der Verleihung des Gulbenkian-Preises für das beste Kinderbuch für »Na Quinta das Cerejas« sowie 1984 mit dem Großen Gulbenkian-Preis für ihr gesamtes Werk im Bereich der Kinderliteratur anerkannt.
Ilse Losa hat sich auch für politische Veränderungen in ihrem autoritären Exilland eingesetzt. Zusammen mit ihrem Mann Arménio engagierte sie sich zeitlebens für ein offenes und fortschrittliches Portugal. Bereits in den dreißiger Jahren diskutierten sie in den Intellektuellenzirkeln Portos über die Rückständigkeit des Landes, über Meinungsfreiheit und Demokratie. Kritik an der Diktatur Salazars zu üben, war für sie selbstverständlich. Nicht zuletzt aus diesem Grund standen die Losas von den vierziger Jahren bis zum Ende der Diktatur unter strenger Bewachung der portugiesischen Geheimpolizei Pide. Dies hinderte Ilse Losa jedoch nicht daran, sich sowohl in ihren Büchern als auch öffentlich kritisch zu äußern. Sie unterstützte 1958 den demokratischen Oppositionspolitiker Humberto Delgado und arbeitete im Komitee zur Unterstützung politischer Gefangener sowie in der Portugiesischen Frauenvereinigung für den Frieden mit.
In der Bundesrepublik interessierte man sich für Ilse Losa nicht. Porto war nicht Paris oder New York und Portugal ein vergessenes Land am Ende Europas. Bezeichnenderweise erschien ihr erstes Buch auf Deutsch, der Erzählband »Das versunkene Schiff«, 1967 in der DDR. Erst Anfang der neunziger Jahre wurden drei weitere Bücher von ihr ins Deutsche übertragen: ihr erstes Buch »Die Welt in der ich lebte«, ihr Exilroman »Unter fremden Himmeln« sowie der Erzählband »Tagträume und Erzählungen der Nacht«, alle drei erschienen im Freiberger Verlag Beck und Glückler. Mit 78 Jahren wurde ihr 1991 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Einen größeren Erfolg in Deutschland bescherte ihr das nicht. Diese Distanz beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit. Losa sah zwar die deutsche Sprache als ihre Heimat an, das Nachkriegsdeutschland blieb ihr jedoch fern. In »Unter fremden Himmeln« spricht Josef Berger aus, was sie selbst bei ihren kurzen Besuchen in Deutschland empfunden hatte: »Ich hatte mich zahllose Male zurückkehren und durch die Straßen meiner Stadt gehen sehen, hatte vertraute Geräusche vernommen, vertraute Gerüche eingesogen, vertraute Gesichter gegrüßt. Aber wo der Tod umgegangen und das Verbrechen legitim gewesen war, sind die Geräusche dumpf, die Gerüche brandig und die Gesichter unerreichbar geworden.« Für Ilse Losa gab es keine Rückkehr in das Land der Täter. Diese Erkenntnis bezahlte sie mit dem Verlust der deutschen Sprache als literarischem Ausdrucksmittel. In allen ihren Texten spürt man eine Trauer über diesen Verlust. Zwar sah sie sich selbst nicht als Portugiesin, auch wenn sie in Portugal lebte, doch eine Deutsche konnte sie auch nicht mehr sein.
Als eine portugiesische Journalistin sie einmal fragte, welches Land denn nun ihre Heimat sei, erklärte sie, keines der beiden Länder könne diesen Begriff erfüllen, und antwortete bescheiden: »Meine Heimat ist ein Häuschen auf dem Dorf. Dieses Häuschen gibt es nicht mehr, aber es ist immer noch meine Heimat.«