Meine schnönste Niederlage

Hausverwaltung – Bokowski 1 : 0

Ich bin kein sonderlich kämpferisches Naturell, was entweder meiner pazifistischen Grundeinstellung oder einer klinisch noch nicht diagnostizierten Schilddrüsenunterfunktion geschuldet sein mag. Die nicht zu leugnende Neigung zu einem doch eher stoischen Gemüt hat sich bereits in frühester Kindheit manifestiert und dabei besonders meinem fußballbegeisterten Vater großen Kummer bereitet. Alle Versuche, einen irgendwie gearteten sportlichen Ehrgeiz in mir zu wecken, endeten damit, dass der Jugendtrainer des SV 1919 Gonsenheim mich bis heute für einen Autisten hält.
 

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Die einzigen Schlachten, denen ich mich knapp 20 Jahre später, mit so etwas Ähnlichem wie Leidenschaft hingebe, werden zwischen mir und meiner Hausverwaltung ausgetragen. Bei einem meiner letzten Kämpfe ging es um den neuen Sisalteppich in unserem Hausflur. Ich war gestürzt, weil er sich, wenige Wochen nach Abschluss der Sanierungsarbeiten, an verschiedenen Stellen gelöst hatte. Ergo beschloss ich meiner bürokratischen Leidenschaft zu frönen und einen Brief an meine Hausverwaltung zu schreiben:
 

Sehr geehrter Herr Künerich, hiermit informiere ich Sie darüber, dass sich der rote Sisalteppich in unserem Hausflur an verschiedenen Stellen gelöst hat. Ferner möchte ich sie darüber in Kenntnis setzen, dass wir eine gehbehinderte Person hohen Alters in unserem Hause haben. Der gelöste Teppich stellt somit eine besondere Gefahrensituation dar. Ich bitte Sie daher darum, diese Mängel alsbald zu beseitigen. Mit freundlichen Grüßen, Paul Bokowski
Wenige Tage später wurde mir postwendend verdeutlicht, weshalb ich diesen Kampf verloren geben musste:
Sehr geehrter Herr Bokowski, wir haben die von Ihnen beschriebenen Mängel zur Kenntnis genommen. Sollte es sich bei der von Ihnen erwähnten »gehbehinderten Person hohen Alters« allerdings um Margot Sackmann aus dem vierten Stock handeln, so sind wir gerne bereit einen etwaigen Personenschaden wissentlich in Kauf zu nehmen. Mit freundlichen Grüßen, Harry Künerich«