Meine schnönste Niederlage

Nix Integrationsbambi

»Bist du eine echte Italienerin?« Mehr als zehn Jahren wohne ich jetzt in Berlin und diese Frage muss ich immer wieder beantworten. Interessanterweise hat mich noch nie der Späti-Verkäufer gegenüber – der, obwohl er Hassan heißt, im Gegensatz zu mir ein echter Deutscher mit dazugehörigem Pass ist – danach gefragt. Wer es wissen will, sind in der Regel »echte Deutsche«, die Thomas oder Ulrike heißen und deren politische Sozialisierung mit Sprüchen wie »Nie, nie, nie wieder Deutschland« begonnen hat.

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Am liebsten würde ich so etwas antworten wie: »Jo, bin ich, hast du ein Problem damit?« Aber meistens fragen die so höflich, dass ich es mir verkneifen muss. Und dann kommt er, der selbstverständlich als Kompliment gemeinte, immer gleiche Kommentar seit zehn Jahren: »Hätte ich nie gedacht. Dein Deutsch ist total akzentfrei!« Lange war dieser Satz für mich der Beweis meines größten Erfolgs: meiner gelungenen Integration. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass mein akzentfreies Deutsch nicht nur viele Deutsche – auch die Deutschland-Hasser unter ihnen – verunsicherte, sondern auch mich in eine schwierige Position gebracht hatte. Man fing an, merkwürdige deutsche Sachen von mir zu erwarten, etwa, dass ich Öl ins Nudelwasser reinkippe, damit die Spaghetti nicht klebrig werden; dass ich mein Kind im Sommer nackt auf dem Spielplatz rumlaufen lasse; oder dass ich mich beim Autofahren an die Vorfahrtsregeln halte und dabei nicht noch herumgestikulieren muss.

Ich fing sogar an, bei einer »antideutschen Wochenzeitung« zu arbeiten. Dann wurde mir klar, dass mein Erfolg eigentlich meine größte Niederlage war. Denn ich hatte mittlerweile gelernt, dass, egal ob »qualifiziert«, »nützlich« oder »integrationswillig«, der Nichtdeutsche vor allem eins bleiben soll: erkennbar. (Übrigens, falls sich jemand wundern sollte: Diesen Text habe ich ganz ohne die Hilfe von Google Translator geschrieben.)