Meine schnönste Niederlage

Scheitern erarbeitet

Mit 17 wollte ich unbedingt Arbeiterin werden. Ich sah mich, wie auf kommunistischen Bildern, mit einem Kopftuch, roten Wangen und einer wehenden Fahne die Massen agitieren und trotzdem viel Geld verdienen. Also bewarb ich mich bei den üblichen Stellen – und wurde abgelehnt. Sogar von der Berliner Pizzafabrik, die alle nahm, die zwei Arme besaßen. Vielleicht war schon in meiner Bewerbung etwas zu sehen, das auf grundsätzliche Bockigkeit schließen ließ. Letztlich landete ich in der Brillengestellproduktion.
 

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Meine Aufgabe: Brillengestelle in eine Halterung legen, diese schließen, mit einer Sprühpistole das Gestell farbig sprühen, Halterung lösen, Brille zum Trocknen beiseite legen. Der Vorarbeiter, ein freundlicher Kittelmann, führte mir den Ablauf mehrfach vor. »So, dann sind Sie jetzt dran.« Ich schloss meinen Kittel, verankerte, sprühte, öffnete – und da war es passiert: Die nasse Farbe berührte die Halterung. Das Ergebnis war ein Farbklumpen am Brillenrand. »Nicht schlimm, das ist am Anfang normal, versuchen Sie es noch mal.« Auch beim zweiten, dritten, vierten und fünften Versuch produzierte ich Ausschuss. Doch plötzlich hatte ich den Dreh raus, ich sprühte vier oder fünf astreine Gestelle und legte sie stolz an ihren Trocknungsplatz. Und dann hatte ich den Trick wieder vergessen. Kein einziges der nächsten zehn Gestelle war brauchbar.
 

Langsam begann mein Vorarbeiter ungeduldig zu werden. »So schwer ist das wirklich nicht.« Doch! Er holte eine Arbeiterin zu meinem Tisch, auch sie zeigte erst Verständnis, dann Verzweiflung. Im Laufe der kommenden Stunde standen drei Arbeiter in meinem Rücken, gaben Tipps und konnten nicht glauben, dass ich es nicht hinbekam. »Machen Sie das jetzt extra?« Nein! Wirklich nicht. Der Ausschusshaufen wuchs, meine Hände wurden feucht, ich war so nervös, es war überhaupt nicht mehr lustig. Trotzdem gelang mir nicht ein einziges Brillengestell mehr. Nach weiteren zwei Stunden wurde ich mit der Diagnose »hoffnungslos« entlassen. Draußen wusste ich es: Die Arbeit und ich, wir werden niemals Freunde werden. Ich kann das einfach nicht.