Nationaler Taumel vor dem »deutschen Finale« der Champions League

Lauter Deutsche auf dem Platz

Das bevorstehende Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund sorgt hierzulande für nationalen Taumel.

Auch wenn die nationale Begeisterung über das von zwei deutschen Vereinen zu bestreitende Endspiel der Champions League kein Halten mehr kennt: Soooo neu ist es nicht, dass zwei Clubs aus demselben Land im Finale stehen. 2000 spielten zwei spanische Mannschaften um den Pokal, 2003 waren es zwei italienische und 2008 zwei englische. Natürlich freute man sich in den jeweiligen Ländern auf die Duelle, aber in dem anlässlich fußballerischer Großereignisse zur Schau gestellten Großkotzertum sind Deutschland-Fans und -Journalisten unerreicht. Sogar der Kicker, gewiss nicht das dämlichste und in jedem Fall das traditionsreichste Fußball-Fachblatt in diesem Land, traute sich tatsächlich, von »unserem Pokal« zu schreiben und das Ganze in Schwarz-Rot-Gold zu tauchen; während das ZDF einen eigenen Wettbewerb für ein Twitter-Hashtag zum Finale ausschrieb. Bezeichnungen wie »Bundeskracher«, »Germanico«, »Gerby«, »Germinale« oder »Alpenpottkracher« stehen zur Auswahl (dass andere von Fans vorgeschlagene Kreationen wie »Schwarz-Gelb gegen Schwarz-Geld« oder »echte Liebe versus käufliche Liebe« nicht in die engere Auswahl kamen, dürfte Fußballschland sehr schmerzen). Nicht, dass es in Spanien, Italien und England keinen Nationalismus gäbe, aber solche Anwandlungen wie in Kicker und ZDF fanden sich etwa im britischen Magazin Four-Four-Two und bei der BBC vor dem CL-Finale 2008 nicht. Das könnte zum einen daran liegen, dass andernorts Nationalismus vielleicht nicht ganz so dumm und selbstbesoffen ist und man außerdem immer noch weiß, dass es andere Länder, ja sogar andere Kontinente gibt: Man ist halt eher stolz darauf, den besten Club in Europa zu haben, ja vielleicht auch die stärkste Liga. Aber völlig zu vergessen, dass sich das Spiel im europäischen Rahmen abspielt, das hat vor »uns« noch niemand gebracht. Schauen wir uns das merkwürdige Phänomen genauer an. Mit dem FC Bayern und Borussia Dortmund spielen am kommenden Samstag tatsächlich die großen Konkurrenten der vergangenen Spielzeiten gegeneinander, die schon durch diese Konkurrenz beinah ganz Fußballdeutschland auf sich vereinen. Es ist, wie man beim marxistischen Philosophen Antonio Gramsci lernen kann, genau diese Konkurrenz, die für die gemeinsame Bayern-BVB-Hegemonie sorgt: Spätestens das Champions-League-Finale sorgt dafür, dass man für den einen oder den anderen sein muss. Eine Fundamentalopposition, die beide Vereine nicht mag, lässt der Diskurs nicht zu – oder nur zu dem Preis, dass man sich vom Fußball verabschiedet. Für die einen ist Bayern der reiche Marktführer, der die besten Spieler und den besten Trainer kauft; für die anderen ist es der solide geführte Verein aus liberaler jüdischer Tradition, der zu Recht Erfolg hat. Dortmund-Fans sehen ihr Team in der Rolle des Youngsters, der aus jungen Spielern ein Spitzenteam aufgebaut hat; andere erkennen im BVB ein künstlich auf jugendlich gehyptes Ensemble und erinnern an den Börsengang und die gerade mal abgewendete Insolvenz. Beim diesjährigen Finale haben die meisten Fans der Bayern und der Dortmunder zwar einen klaren Wunschsieger – gleichzeitig aber betonen selbst Hardcore-Supporter beider Teams, dass es ja eigentlich um etwas anderes, weit Wichtigeres gehe: Am Ende wird Deutschland gewinnen. Und so ist das diesjährige Champions-League-Finale eines, in dem eine 22köpfige deutsche Nationalmannschaft gegen sich selbst spielt. Und eine ganze Nation drückt sich dabei selbst die Daumen. Warum sollte das in anderen Ländern anders gewesen sein? Weil einmal beispielsweise Real Madrid gegen Valencia gespielt hat, weil also der FC Barcelona, der doch gleichsam der natürliche Widerpart Reals ist, gefehlt hat und somit die Konkurrenz der Vereine nicht das ganze Land abdecken konnte. Ähnliches gilt für das Finale zwischen Manchester United und Chelsea FC: Es fehlte eben Liverpool, das der große nationale Konkurrent und Herausforderer von Manchester ist. Vermutlich gäbe es auch weniger nationalistisches Geschrei hierzulande, wenn das Finale nicht zwischen Bayern und Dortmund, sondern zwischen Bayern und Leverkusen ausgetragen würde – der unbeliebte Werksclub würde schlicht nicht genügend Menschen binden können, um für eine große, die ganze Gesellschaft umfassende – und alle anderen ausschließende – Konkurrenz zu sorgen. Selbst beim Finale 2003 zwischen dem AS Milan und Juventus Turin fehlte das Element, das die ganze Nation elektrisiert: Großer Nordclub spielt gegen großen Nordclub, aber wenn der Mezzogiorno nicht vertreten ist, versagt das nationalismusstiftende Element des Fußballs. Auch wenn sich hierzulande die Vorstellung von einem gesamtdeutschen Finale durchgesetzt hat, das am 25. Mai in dem nicht ganz deutschen Ort London stattfindet – die vom Pokalfinale in Berlin bekannte Wendung vom »deutschen Wembley« bekommt ja derzeit eine neue Bedeutung, zumal sich fürs eine Woche später stattfindende wirkliche DFB-Pokalfinale (Bayern München gegen irgendeinen Außenseiter aus dem württembergischen Raum) ohnehin keiner mehr interessiert –, ist das Champions-League-Finale immer noch eine europäische Veranstaltung. Und Deutschland, fußballerisch betrachtet also BVB und Bayern, ist darin ein europapolitischer Akteur. Der Fußball unterscheidet sich von der politischen Ökonomie und ihrer Geschichte allerdings deutlich dadurch, dass seine Ergebnisse kaum anzweifelbar sind: Bayern und Dortmund stehen zu Recht im Finale, nicht zuletzt durch ihre jeweils wirklich großartigen Halbfinalbegegnungen gegen den FC Barcelona und Real Madrid. Das dürfte erklären, warum man zwar in den Ländern Süd- und Osteuropas oft Bilder von Angela Merkel sieht, auf denen die Kanzlerin mit Hitler-Bärtchen oder Wehrmachtsuniform abgebildet ist, solche Herabwürdigungen aber im Falle von Jupp Heynckes oder Jürgen Klopp ausblieben. Eine Verbindung zur politischen Ökonomie stellt sich allerdings insoweit her, als man in Deutschland häufig glaubt, die Bundesligavereine, allen voran die FC Bayern München AG mit derzeit angeschlagenem Aufsichtsratsvorsitzenden, aber auch die angeblich gesundgeschrumpfte Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, seien im Grunde solide mittelständische Unternehmen, die nicht mehr Geld ausgäben, als sie einnehmen, und die sich von allen anderen europäischen Clubs, die, so ist sich nicht nur der Stammtisch sicher, alle von Oligarchen oder anderen Superreichen fremdfinanziert seien, deutlich unterscheiden würden. Das ist der Humus, auf dem ein Nationalstolz wächst, der pseudorational daherkommt, indem er so tut, als sei das »deutsche Wesen« dem englischen, spanischen oder italienischen überlegen. Es sind ähnlich unangenehme ideologische Anwandlungen, die sich im Diskurs über den Euro und die europäische Fiskalpolitik ständig finden: Die anderen können nicht wirtschaften, einen ordentlichen Haushalt haben nur die Deutschen. Sowohl in der Politik als auch im Fußball sind die Deutschen, so sehen sie es selbst, leider gezwungen, den anderen Europäern zu zeigen, wie man es richtig macht. Die im Vorfeld gepflegten nationalistischen Exzesse – deutsche Foren und Kommentarspalten sind schon seit Wochen voll von idiotischen State­ments, in denen man sich unter anderem darauf freut, dass »die Deutschen« Wembley einnehmen werden – spielen in der Berichterstattung ausländischer Medien übrigens kaum eine Rolle. Dabei besteht, nimmt man die nationalchauvinistischen Äußerungen deutscher Fußballfans auch nur ein bisschen ernst, durchaus eine solide Chance, dass erstmals bei einem Finale Anhänger zweier Teams vor oder nach dem Abpfiff nicht aufeinander, sondern auf die Gastgeber losgehen.

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