Niedliche Pünktchen

Es gibt einen Beruf, der mich vor zahlreiche Fragen stellt, ja, bei dem ich nicht mal sicher bin, ob es dafür eine Bezeichnung gibt oder ob er auch offiziell so beschrieben wird wie von mir: »Niedliches-Zeug-Verkäufer«. Die Läden findet man in jeder Stadt, sogar in jeder Kleinststadt. Sie tragen träumerische Namen wie »Lillilotta« oder »Polli Übersee« oder »Rote Kirsche«.
Die Inhaberinnen – es sind immer Frauen – bieten Sachen feil, die sie auf Deko-Messen einkaufen. Oder im Urlaub gefunden haben. Oder ihre Freundinnen manufaktieren sie bei sich zu Hause. In den Läden liegen handgezogene Kerzen neben Seidentüchern, ganz, wirklich ganz süße handgenähte Topflappen, zauberschönes Briefpapier, mit englischen Teerosen gefüllte Glas-Vasen, Obstteller aus … Terrakotta!, Seife aus französischen Rosenblättern. Was auf keinen Fall fehlen darf, ist etwas mit Punkten. Blaue oder rote Punkte auf Spitzenhemdchen, Socken, Gummistiefeln, Tischdecken oder Stoffservietten, Pünktchen sind so reizend. Hach. Es sind keine Deko-Läden, dazu findet man zu oft eine Etagere mit Cupcakes oder Veilchenpastillen aus England, es sind keine Delikatessengeschäfte, keine Boutiquen (ein schönes, altmodisches Wort), keine Kosmetiktempel, die Läden sind irgendwie – nichts.
Die Vielfalt, die geboten wird, ist beeindruckend, das gebe ich gerne zu, aber wie kommt frau überhaupt zu solch einem Laden? Stehen dahinter vielleicht Männer, die, um zu Hause Ruhe zu haben, ihren Frauen diese Art von Geschäft finanzieren? Oder sind es alles reiche Erbinnen? Erbinnen, die bislang in einer furchtbar bösen Welt gelebt haben, in der alles voller Maschinenöl, Gestank und Hässlichkeit war und die nun ihrer übergroßen Sehnsucht nach Schönem in ihren Geschäften Raum geben? Und wer will überhaupt all das niedliche Zeug? Käufer sehe ich in diesen Bi-Ba-Butzel-Shops nämlich selten. Von daher habe ich auch keinerlei Vorstellung, wie viel Gewinn durchschnittlich erwirtschaftet wird. Fünf Euro? Hundert? Ist es egal, weil: Erbinnen? Dann stellt sich aber die Frage: Könnte man mit dem Geld und der vielen freien Zeit, die ein Niedlichgeschäft kostet, nicht etwas Sinnvolleres machen? Logische nächste Frage: Muss denn alles immer sinnvoll sein? Sind die Puppenstuben vielleicht sogar die Avantgarde, die sich jeder Sinnhaftigkeit verwehrt? Eine Speerspitze gegen den Kapitalismus, weil kein Umsatz, kein Gewinn?
Möglich, natürlich, aber dann verstehe ich nicht, warum ich, wenn ich so eine Speerspitze auch nur von Außen sehe, immer das Bedürfnis habe, alles zu zerstören, mit schwarzer Ölfarbe zu übergießen, laut zu schreien und die Besitzerinnen zu schütteln. Fehlt mir etwa das Niedlich-Gen? Wie gesagt, Fragen, Fragen, Fragen – und nirgendwo liegen Antworten auf entzückenden Pünktchen-Kissen.

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