Hat das größte Flüchtlingscamp der Welt in Jordanien besucht

Zelte, Nudeln, Mädchen

Das weltweit größte Flüchtlingscamp, Zaatari, liegt mitten in der jordanischen Wüste. Hier kommen die Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs an, von hier wollen alle weg, doch die meisten sitzen fest. Um das Camp herum haben sich mittlerweile diverse Geschäfte entwickelt.
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Das Tor ist streng bewacht. Der Geländewagen muss anhalten, die Pässe werden nach draußen gereicht. Ein blutjunger jordanischer Polizist begutachtet sie ausführlich. »Maschi – in Ordnung«, sagt er dann. Weiter geht es auf sandigen Straßen, auf denen die Hitze flirrt, obwohl es noch früh am Morgen ist. Neben dem Auto gehen mit Taschen bepackte Männer und Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm. Sie wollen nach Zaatari, dem derzeit weltweit größten Flüchtlingscamp, nahe der syrisch-jordanischen Grenze. Mit seinem Namen sind viele Hoffnungen verbunden: Die Sehnsucht, endlich wieder eine warme Mahlzeit zu bekommen, sich waschen zu können oder nachts nicht unter freiem Himmel schlafen zu müssen. Aber es gibt auch die Angst, dass es in Zaatari nicht besser sein wird als dort, wo man herkommt.
Tagelange Fußmärsche liegen hinter denen, die das Auto ins Camp hinein begleiten. Ihre Füße sind dreckig und geschunden vom Laufen, die meisten sind syrische Kriegsflüchtlinge. Nach Schätzungen der UN leben derzeit mehr als 160 000 Männer, Frauen und Kinder in Zaatari, viele von ihnen nun schon seit weit mehr als einem Jahr. Jeden Tag werden es mehr.
»Wir sind gekommen, weil wir dachten, hier geht es uns besser«, erzählt ein aufgebrachter Mann, der seit einer Woche in Zaatari ist. Sein Sohn hat Verbrennungen am Oberarm. Medizinische Versorgung habe er aber keine erhalten, schreit der Mann wütend, während sich um ihn eine Traube anderer besorgter Eltern schart. Fünf Tage habe die Grenzpolizei seine Familie warten lassen, bevor sie nach Jordanien einreisen durfte. Die Situation an der Grenze ist sehr angespannt. 14 Tage lang konnte niemand ein- oder ausreisen, denn die jordanische Regierung fürchtet, dass der Flüchtlingsstrom außer Kontrolle gerät. Nicht nur Zaataris Kapazitäten sind beinahe erschöpft. Die Wachen am Tor berichten, am Tag zuvor sei ein jordanischer Polizist niedergestochen worden. Das Camp nimmt mittlerweise Dimensionen an, die bald nicht mehr kontrollierbar sein könnten.

An den Rändern des Camps sammeln sich die Neuankömmlinge. Eine Mutter von fünf Kindern lädt in ihr Zelt ein. Auf dem Boden liegen nur fünf Matratzen, die niedrige Decke macht aufrechtes Stehen unmöglich. Seit 20 Tagen wohnen sie hier. »Im Kopf meiner Kinder herrscht immer noch Krieg«, erzählt die Frau, »jedes Mal, wenn sie ein Flugzeug hören, bekommen sie Angst.« Seit ihrer Ankunft habe sie sich nicht einmal duschen können. Nur notdürftig habe sie ihre Kinder gewaschen. Wasser ist in Jordanien ohnehin knapp, und das Zaatari-Camp liegt in der Wüste, wo in den kommenden Monaten die Temperaturen weit über 30 Grad steigen werden. »Ich werde nicht den Sommer über bleiben«, ist sich die Frau sicher. »Wir wollen versuchen, irgendwo auf dem Land unterzukommen.« Ein Plan, den viele anderen auch haben. »Mittlerweile kommen weniger Flüchtlinge in Zaatari an als noch vor wenigen Monaten«, sagt Sara Buzzoni, eine Beraterin der italienischen NGO Intersos. »Viel höher ist die Zahl derer, die das Camp verlassen, um in den umliegenden Städten und Dörfern eine Bleibe zu finden. Die Wetterbedingungen, die Sicherheit für Frauen und Kinder und die gesundheitliche Versorgung sind einfach zu schlecht. Außerdem beklagen sich die Flüchtlinge darüber, dass die Ausgabe von Hilfsgütern reduziert wurde«, schildert Buzzoni die Lage.
Wer Zaatari verlässt, weiß: Man darf nicht wiederkommen. Die jordanische Flüchtlingspolitik verbietet es, das Camp zu verlassen. Tun die Menschen es doch, wird ihnen nicht nur der Rückweg versagt. Sie dürfen auch in keinem anderen Flüchtlingscamp in Jordanien mehr Zuflucht suchen. Ziel dieser Verbote ist es, die Flüchtlinge davon abzuhalten, sich in den nahegelegenen Dörfern und Städten niederzulassen. Bereits jetzt ist jeder sechste Einwohner Jordaniens ein syrischer Flüchtling und nach Schätzungen des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) wird ihre Zahl bis Ende 2013 auf mehr als eine Million ansteigen. Es wird vermutet, dass rund zwei Drittel der Flüchtlinge bereits jetzt außerhalb der Camps leben. Genaue Zahlen kennt niemand. Angesichts der Rekordarbeitslosigkeit im Land empfinden viele Jordanier solche Prognosen als bedrohlich. Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Zaatari ist mittlerweile selbst zum Wirtschaftsstandort geworden.

Ein Besuch auf dem Markt zeigt das deutlich. Während der Geländewagen noch holpernd um die Ecke biegt, lässt sich das bunte Treiben schon vernehmen. Im ersten Augenblick erscheint die Szene vollkommen bizarr. Ein Laden reiht sich an den nächsten in einer Straße, die kein Ende zu nehmen scheint. Kinderbanden tollen zwischen den Zelten und sammeln sich vor einem Eisverkäufer, Frauen tragen große Tüten voller Gemüse und Brot. Eine Gruppe junger Männer sitzt in einer zum Restaurant umfunktionierten Wellblechhütte und trinkt Minztee. Gleich nebenan werden Hühnchen gebraten. Ihr Duft weht zum Auto herüber. Diese Welt scheint nicht die gleiche zu sein, in der die junge Mutter und ihre Kinder keine Dusche finden konnten, und doch trennen sie nur wenige Autominuten.
»Champs Élysées« nennen die Bewohner ihren Markt, sein Name ist weit über die Grenzen des Camps hinaus bekannt. Auch das ist Zaatari. Der unbedingte Wille seiner Bewohner, sich nicht einfach abzufinden, sondern ihr Leben im Camp selbst in die Hand zu nehmen. Wo Infrastruktur und internationale Hilfe versagen, beginnen die Menschen, sich selbst zu helfen.
»Wir haben hier alles, was man braucht«, verkündet ein Kurzwarenhändler. »Es gibt einen Handyshop, einige Kleiderläden und sogar eine Art Bank.« Stolz zeigt er, dass er Steine hat kommen lassen, um seinen Laden auszubauen. Offenbar stellt er sich darauf ein, noch lange hier zu bleiben.
An den Ständen liegen glänzende Auberginen und kiloweise Tomaten, die in der Wärme der Mittagssonne langsam verschrumpeln. Fast alle diese Lebensmittel sind Hilfsgüter und werden in der Regel gratis verteilt. Aber der Inhalt der Pakete ist immer gleich, und niemand möchte ein Jahr lang von Auberginen und Reis leben. Vorbei an der strengen Bewachung von Zaatari hat sich deshalb ein florierender Schwarzmarkt entwickelt. Die Flüchtlinge verkaufen vor allem Nudeln, Reis und Schalenfrüchte an kleine Supermärkte in der Umgebung. Mit dem Geld können sie dann entweder andere Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände kaufen, die es im Camp nicht gibt.
So erklärt sich auch, wie der Eiswagen nach Zaatari kommt. Der Eisverkäufer mit seinem grünen Schirm ist weithin zu sehen. Er hat seinen Wagen von Ersparnissen gekauft. Teile seiner Nahrungsmittelrationen tauscht er gegen die Zutaten für das Eis ein.
Umgekehrt kann, wer sich die Mühe macht, einen kleinen Umweg ins fünf Kilometer entfernte Mafraq zu nehmen, sehen, dass das Sortiment einiger Supermärkte dort ausschließlich aus Hilfsgütern des World Food Programm besteht.
Sufian*, der einen solchen Laden betreibt und weder seinen Namen nennen noch fotografiert werden möchte, weiß aber etwas über die üblichen Zahlungsmodalitäten zu berichten: »Natürlich kaufe ich Lebensmittel aus Zaatari. Alles, was du hier siehst, kommt aus dem Camp. Natürlich kaufe ich es nicht für den normalen Preis. Schließlich war es umsonst, deshalb gebe ich weniger aus«, sagt er lächelnd. Die Kunden im Laden sind froh darüber. Hier kostet die gleiche Packung Nudeln weniger als in anderen Geschäften.
Die Menschen in Mafraq sind arm, da kommt das billige Essen aus dem Flüchtlingscamp gerade recht. Wie genau die Waren getauscht werden, ist Sufian nicht zu entlocken. Auch im Camp schweigen die Händler sich darüber aus. Immerhin sind diese Geschäfte illegal und den Flüchtlingen droht bei Verletzung der Lagergrenzen der Verweis. Manchmal geht es auch um weit mehr als nur um Lebensmittel. So sollen Zelte des UNHCR nach Mafraq verkauft worden sein. Darüber entsteht zwischen den Kunden im Laden eine lebhafte Diskussion. Schließlich sagt ein junger Mann: »Die Zelte konnte man für 70 Jordanische Dinar (etwa 90 Euro, P. M.) hier auf dem Markt kaufen. Aber jetzt sind alle weg.« Auf die Frage, was die Jordanier denn damit anstellen, antwortet er schlicht: »Sie stellen sie als Dachterrasse auf ihre Häuser.«
Zelte und Nudeln sind nicht das Einzige, was an den Toren des Lagers vorbei gehandelt wird. Auch minderjährige syrische Mädchen werden an jordanische oder saudische Männer außerhalb des Camps verheiratet. Walaa al-Khatbi* ist eine junge Syrerin, die kurz nach ihrer Hochzeit fliehen musste. »Ich habe meine Flitterwochen in Zaatari verbracht«, scherzt sie, doch ihre braunen Augen lachen nicht mit. Zusammen mit ihrem Ehemann sitzt sie auf einem großen roten Kissen in ihrem Zelt, raucht Shisha und isst frische Aprikosen, während sie von der Verheiratungspraxis im Camp erzählt: »Ich kenne ein Mädchen, das erst kürzlich von ihrem Vater verheiratet wurde. Sie ist 15 Jahre alt. Ihr Ehemann ist ein 45jähriger Jordanier aus einem Nachbardorf.« Der Vater des Mädchens habe dafür umgerechnet etwa 1 700 Euro bekommen. Die Zahlung sei in Raten erfolgt, eine vor der Heirat, die zweite mit Verzögerung, damit der Mann das Mädchen nicht einfach sitzen ließ. »Es ist schrecklich, die Mädchen so früh zu verheiraten«, sagt Walaa und spuckt einen Aprikosenkern aus. »Sie sind doch selbst noch Kinder. Aber die Eltern sagen, sie tun es aus Sicherheitsgründen.«
Was absurd anmutet, hat für die Eltern verständliche Gründe. Familie und Ehe bedeuten in Syrien wie in Jordanien Schutz. Einen Schutz, den die Familien ihren Töchtern auf der Flucht und auch hier in Zaatari nicht bieten können. Insbesondere Frauen, die auf der Flucht von ihren Männern und Söhnen getrennt wurden, glauben, dass ihre Töchter mit einem Ehemann besser dran seien. Ist das Camp für unverheiratete Frauen denn wirklich so unsicher? »Ich denke, es ist gleich sicher oder unsicher, für alle Frauen. Egal ob verheiratet oder nicht«, sagt Walaa.
Einige Eltern sehen das anders. Die Heirat ihrer Tochter mit einem Jordanier hat aber auch noch einen anderen Effekt: Sie erleichtert es der Familie unter Umständen, Zaatari zu verlassen. Wer nämlich einen jordanischen Bürgen findet, der darf sich in Jordanien frei bewegen. Die Verheiratung der Tochter wird somit zum Ticket in die Freiheit für die ganze Familie.

In Hassans* »Wedding Shop« ist das allseits bekannt. Hier werden etwa zehn Hochzeiten die Woche ausgerichtet. In der kleinen Wellblechhütte blinken rote Girlanden, ausladende Brautkleider und Negligés für die Hochzeitsnacht hängen von der Decke. Nicht nur das Hochzeitsgeschäft mit Minderjährigen boomt, auch sonst wird im Flüchtlingslager viel geheiratet. Der Laden stellt nicht nur Kleider und Accessoire bereit. Hassan betreibt zusätzlich auch noch einen Salon, in dem die Braut geschminkt und frisiert wird. Gerade wird dort eine Braut mit Henna bemalt. Hassans Angestellte erzählt, dass auch ihre Familie versucht habe, über einen Bürgen das Camp zu verlassen, allerdings ohne Heiratsversprechen. Zweimal hätten sie jordanischen Männern 50 Jordanische Dinar bezahlt und beide Male hätten sich diese Männer mit dem Geld aus dem Staub gemacht. Sie schweigt kurz und schaut auf die voluminösen weißen Kleider, die vor ihr hin und her baumeln. »Wir werden es weiter versuchen«, sagt sie entschlossen.
Beim Verlassen des Brautshops senkt sich schon die Sonne am Himmel. Um fünf Uhr müssen die Pressevertreter das Camp verlassen haben. Zurück bleiben die Bewohner einer syrischen Stadt mitten in Jordanien. Auf dem Rückweg nach Amman passiert der Geländewagen Mafraq. Hier sind manchmal die Bombeneinschläge von jenseits der syrischen Grenze zu hören, doch an diesem Tag ist alles still. Am Straßenrand steht eine Gruppe Zelte der UNHCR, daneben weiden Schafe. Zaatari, so scheint es, ist überall.

*Alle Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert.