Über die Ultras vom Taksim-Platz

Das Eigentor der Pinguine

Auch die türkische Fußballjugend hat der Ministerpräsident
gegen sich: Istanbuler Fans und Hools halfen bei der Verteidigung des Taksim-Platzes – gemeinsam.

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Die Fans in den blauen, gelb-schwarzen, gelb-roten und rot-blau-weißen Trikots geraten gerne mal aneinander. Rüpeleien, Prügeleien und Gewalttätigkeiten sind vor, während und nach den Fußballspielen der Istanbuler Clubs Galatasaray, Beşiktaş und Fenerbahçe und des Clubs Trabzonspor von der Schwarzmeerküste an der Tagesordnung. Nicht selten muss die Polizei nach einem Spiel eingreifen, wenn die Fans des Verliererteams sich mit Faustschlägen für den Spott der Anhänger der Siegermannschaft revanchieren wollen. Und nun das: Volkan T. steht mit Freunden am Samstagnachmittag in einer Traube von Fenerbahçe-Anhängern und um sie herum stehen Fans in Trikots anderer Clubs. Alle wirken fröhlich und entspannt.
Die jungen Männer federn ausgelassen auf der Stelle und singen: »Hüpfen, hüpfen, wer nicht hüpft ist Tayyip (Erdoğan)«. Dieses Spottlied spielt auf eine mittlerweile in der Türkei berühmte TV-Dokumentation über Pinguine an, die der türkische Nachrichtenkanal CNN-Türk zu dem Zeitpunkt ausstrahlte, als der Ministerpräsident eine Hetzrede gegen die Demons­tranten hielt. Er beschimpfte sie als dahergelaufene Lumpen und drohte damit, die Bewegung aus dem Stadtzentrum hinwegzufegen. Der oppositionelle Sender Halk TV sendete die Rede später und unterlegte sie mit Bildern der tolpatschigen Pinguine, die von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen und dabei immer wieder auf die Nase fallen. In ganz Istanbul sind Pinguin-Graffiti in Mode gekommen. Auf dem Taksim-Platz wurden zwei Stoffpinguine in den aus­gebrannten Ü-Wagen eines türkischen Fernsehsenders gesetzt, vor dem sich Demonstranten und Passanten nun fotografieren lassen.
Auch Fenerbahçe-Fan Volkan T. hat sich dort fotografieren lassen. Der 22 jährige lebt auf der asiatischen Seite Istanbuls. Nachdem die Stadtverwaltung den Fährverkehr auf dem Bosporus eingeschränkt hatte, um die Verbindung zum Taksim-Platz zu erschweren, ist Volkan zu einem Freund nach Gümüşsuyu gezogen. Es ist ein Viertel im Innenstadtbezirk Beyoğlu, das direkt zwischen dem Taksim-Platz und dem Stadtviertel Beşiktaş liegt – und am 4. und 5. Juni nachts in einen dichten Nebel aus Reizgas gehüllt ist. Die Polizei machte Jagd auf Jugend­liche, viele davon Fußballfans, die gemeinsam von Beşiktaş zum Taksim-Platz laufen wollten. Der Beschluss, alle Rivalitäten zwischen den Anhängern der Clubs während der Proteste ein­zustellen, war über soziale Medienplattformen verbreitet worden. Und so marschierten viele von Beşiktaş aus los. Das dem Club Beşiktaş gehörende İnönü-Stadion liegt am Bosporus in unmittelbarer Nähe des osmanischen Dolmabahçe-Palasts. Dort hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ein Arbeitszimmer. Die Polizei fürchtete Übergriffe auf den Amtssitz. Eine unbegründete Sorge, denn der Palast liegt hinter dicken Mauern. Volkan war mit seinem besten Freund Murat am Abend des 5. Juni losgezogen. Sie gerieten unter den Beschuss von Wasserwerfern und Reizgas. »Wir sind beide jung und fit, wir machen selber Sport«, sagt Volkan.
Er verkörpert eigentlich genau den Typus des Jugendlichen, den Erdoğan in einer Rede zur Verteidigung eines Gesetzentwurfs zur Beschränkung des Alkoholkonsums gepriesen hat. »Wir wollen keine benebelte, torkelnde Jugend – wir wollen aufgeweckte, starke und aufrechte junge Leute, die nach Bildung streben«, verkündete er vor zwei Wochen. Diese paternalistische Pose hält Volkan für verlogen: »Murat wurde direkt von einem Wasserwerfer getroffen und verletzte sich beim Sturz ganz übel sein Knie. Mir hat das Gas stark zugesetzt. Ich habe mich nach dem Abend sehr viel schlechter gefühlt als je nach einer durchzechten Nacht.« Die beiden jungen Männer waren in jener Nacht in die Dolmabahçe-Moschee geflüchtet, die in der Nähe des Palastes liegt. Der Imam hatte Ärzten gestattet, die Verletzten dort medizinisch zu versorgen. Murats aufgeschlagenes Knie wurde desinfiziert und verbunden. Volkan bekam Wasser und ein Mittel gegen Gastritis: »Damit konnte man Haut und Augen waschen und spülen und es auch trinken. Es wirkt etwas neu­tralisierend auf die vom Gas gereizten Schleimhäute.«
Im Internet kursiert ein Video mit Bildern aus der Dolmabahçe-Moschee in jener Nacht. Es zeigt überlastete Ärzte, die Platzwunden nähen, Verletzte stabilisieren und die schockierten Demonstranten beruhigen. Eine junge Frau weint lautlos, ihr Freund hält ihre Hand. Sie wirken fassungslos. »Wir haben diesen plötzlichen Gewaltausbruch nicht verstanden«, erzählt Volkan, »manche der Betroffenen auf der Straße waren nicht einmal Demonstranten, sondern Passanten, die ruhig ihrer Wege gingen. Wir Fußballfans waren in Hochstimmung und riefen Slogans, aber keiner hatte zunächst auch nur einen Stein geworfen.«
Das änderte sich nach dem gewaltsamen Polizeieinsatz. Diejenigen, die nicht verletzt waren, errichteten Barrikaden auf der Zufahrtsstraße zum Taksim-Platz. Autos wurden an­gezündet, Baumaterialien geplündert, um Barrikaden gegen die Polizeifahrzeuge zu errichten. Trotz massiven Einsatzes von Tränengas waren die Sicherheitskräfte nicht in der Lage, die Demonstranten von den Barrikaden zu vertreiben. »Ich hätte nicht gedacht, dass die Fußballjugend so entschlossen in das Geschehen eingreift«, meint Volkan. Auch er ist am näch­sten Tag mitgelaufen und hat die Barrikaden verteidigt. »Ich fühlte mich auf einmal als Teil einer Schlacht, in der es um mehr geht, als um einen Park. Es geht um die Verteidigung un­serer Freiheit.«
Die Hilfe der Fußballjugend beim Barrikadenbau trug mit dazu bei, dass die Polizei sich schließlich zurückziehen musste. Jungs, die sich mehr für Fußball als für Politik begeistern, sind nicht das klassische Feindbild der türkischen Polizei. Die meisten Polizisten sind selber Fußballfans und haben im Inönü-Sportstadion ihre Spieler bejubelt. Es wird von Fußballfans allgemein geschätzt, dass Erdogan ein ehemaliger Amateurfußballer ist und den Bau einer Sportanlage im Stadtviertel Kasımpaşa, wo er seine Kindheit verbrachte, vorangetrieben hat. Doch die jüngsten Entscheidungen der Regierung, etwa die Einschränkungen beim Alkoholverkauf, empfinden auch die Fußballfans als Gängelung. Unternehmen, wie der lokale Bierproduzent Efes, waren bislang Sponsoren der Sportprofis. Basketball und Fußball profitierten davon. Nach dem neuen Gesetzentwurf der Regierung soll es Alkoholproduzenten in Zukunft verboten sein, Sportsponsoring zu betreiben. »Was für ein Quatsch«, meint Volkan entschieden. »In der Türkei wird bei Spielen ohnehin nicht getrunken. Wer mag, trinkt danach, und das ist doch eine Privatangelegenheit.«
Auf dem Taksim-Platz beginnt die Menge wieder auf- und abzuhüpfen. Es sind diese kleinen Respektlosigkeiten, von denen sich der »Sultan von Ankara«, wie Erdoğan von seinen Gegnern genannt wird, zu immer neuen Drohgebärden hinreißen lässt. Hüpfen, hüpfen!