Über queeres Leben in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá

Nicht nur Glitzer

Queeres Leben in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá ist nur für wenige glamourös. Trotz einer relativ progressiven Gesetzgebung ist Homophobie in der Gesellschaft weit verbreitet. Besonders Transpersonen haben es schwer.

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Auf dem Dach des »Theatrón« sieht es aus wie in einem Freizeitpark. Das oberste Stockwerk der Großraumdiskothek am Rande des Viertels Chapinero, im Zentrum Bogotás, ist ein architektonisches Durcheinander aus Gebäudefassaden, die sich um einen mit Steinen gepflasterten Dorfplatz gruppieren.
Ein Puppenhaus steht neben einem orientalisch anmutenden Prachtbau. Durch dessen hellrosa erleuchteten Eingang geht es in den Stripclub. Direkt gegenüber befindet sich etwas, das einem deutschen Fachwerkhaus ähnelt. Von dessen Balkon beschallt ein DJ den Dancefloor mit Minimal Techno, im Erdgeschoss wird im »Beerlin« Billard gespielt. 4 000  Besucher fasst die angeblich größte Gay-Disco Lateinamerikas mit ihren neun verschiedenen ambientes.
»Freunde, die aus anderen Ländern Lateinamerikas zu Besuch kommen, können es kaum fassen«, sagt Daniel, der auf dem noch etwas verlassenen Dorfplatz neben der Wurstbude steht. Model sei er. Sein Abendessen heute: Wodka und Mentholzigarette.
Das Theatrón ist legendär, auch wenn es vor gerade einmal elf Jahren eröffnet worden ist. Chapinero, auch »Chapi-Gay« genannt, ist der Mittelpunkt schwul-lesbischen Lebens in Kolumbien. »Hier findest du einfach alles, was du brauchst«, schwärmt Fouad am Morgen danach im Restaurant Gayina. Dort wird Mittagessen für weniger als drei Euro serviert. »Kleidung, Saunas, Restaurants, Reiseagenturen. Es fehlt an nichts. Ich kenne einen Deutschen, der mindestens zweimal im Jahr für ein paar Tage hierher kommt, mit halb Bogotá vögelt und wieder abhaut«, erzählt er grinsend. »Die Einwanderungsbehörden sind schon misstrauisch geworden, aber der Kerl findet es einfach geil hier.« Das Gayina ist einer der kostengünstigeren Gay-Läden, die sich zwischen der Carrera Séptima, der Hauptverkehrsstraße Bogotás, und dem Parque Lourdes, auf Höhe der 63. Straße, aneinanderreihen.
Wer es sich leisten kann, nimmt seine Drinks im »Brokeback Mountain« zu sich, trifft Freunde bei »Die Erholung Admas« und wohnt im oberen Teil von Chapinero in einem der schicken Apartments in den Hochhauskomplexe, die sich den Bogotaner Hausberg hinaufschlängeln.
»Es ist ein großer, internationaler Vergnügungspark«, schimpft Fito Serrano, wenn er über Chapinero spricht. Fito steht vor dem Teatro Jorge Eliécer Gaitan, einem der ältesten und prestigeträchtigsten Theater Bogotás. Heute Abend findet die Auftaktveranstaltung zum Festival de Teatro Rosa statt, einem dreiwöchigen Theaterfestival rund um das Thema sexuelle Diversität. Vor dem Eingang hat sich eine lange Schlange gebildet, der Eintritt ist frei. Fito ist vor einigen Jahren aus Chile hierher gekommen und hat das kleine unabhängige LGBT-Radio Diversia gegründet. Er hält nicht viel vom nur wenige Blocks entfernten Chapinero. »Innerhalb dieses Käfigs wird man toleriert, aber drumherum ist alles so homophob wie immer«, sagt er, der Homophobie aus eigener Erfahrung kennt. 2007 hatte er mit einigen Freunden die erste schwule Radiostation Kolumbiens ins Leben gerufen. Es war eine Sensation, die Presse berichtete ausführlich über sie.
Wenige Wochen später kamen die ersten ­Drohanrufe, irgendwann waren es Morddrohungen. Fito wurde mit Unterstützung der Vereinten Nationen für mehrere Wochen außer Landes gebracht. »Man hört immer wieder Leute sagen, die Toleranz gegenüber LGBT-Personen in Kolumbien sei größer geworden. Ich glaube das nicht. Ich lebe mit meinem Partner in einer eingetragenen Partnerschaft, mein Visum ist das eines Ehepartners, aber meine Nachbarn lehnen mich ab«, sagt er.
Nicht nur in den ländlichen, konservativ geprägten Regionen ist Homosexualität ein schwieriges Thema. Auch in den großen Städten wie Cali, Medellín und Bogotá, in denen es große schwul-lesbische Szenen gibt, ist es schwer, sexuelle Diversität zu leben. An Küsschen und Händehalten in der Öffentlichkeit ist in den meisten Vierteln kaum zu denken. Morde an Mitgliedern der LGBT-Community gibt es häufig. 280 Tote hat die NGO Colombia Diversa für den Zeitraum 2010/2011 gezählt.
Vor einige Wochen standen sich auf der Plaza Bolívar in der Altstadt Bogotás Befürworter und Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe gegenüber, getrennt nur durch einen Gitterzaun. Im Plenarsaal des Senats debattierten die Abgeordneten gerade über ein entsprechendes Gesetz. Rund 4 000 Demonstranten waren gekommen. Wie in anderen Ländern Lateinamerikas besteht auch in Kolumbien eine Diskrepanz zwischen der homophoben Haltung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber LGBT einerseits und der rechtlichen Situation andererseits. 66 Prozent der Kolumbianerinnen und Kolumbianer lehnen die gleichgeschlechtliche Ehe ab, selbst junge Leute im Alter zwischen 18 und 24 Jahren sind zu 58 Prozent dagegen. Auf der anderen Seite hat das Oberste Verfassungsgericht Kolumbiens in den vergangenen Jahren mit entsprechenden Urteilen die Rechte von LGBT-Personen immer wieder gestärkt. Die Legislative hat sich hingegen bei diesen Themen bislang wenig progressiv gezeigt. 2011 hatte das Verfassungsgericht festgestellt, dass gleichgeschlechtliche Paare dieselben Rechte haben wie eine heterosexuelle Familie und dass die derzeitige Gesetzeslage gegen den in der Verfassung verankerten Gleichbehandlungsgrundsatz verstößt. Das oberste Gericht beauftragte daraufhin den Kongress, bis zum Ende der Legislaturperiode 2013 dieses Defizit im kolumbianischen Recht zu beheben. Doch einen entsprechenden Gesetzesvorschlag lehnten die Abgeordneten ab, bei der Abstimmung votierte eine deutliche Mehrheit der Senatoren gegen die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe.
Seit Donnerstag vergangener Woche nun können homosexuelle Paare deshalb bei den Notaren und Richtern des Landes eine sogenannte »vertragliche Bindung« abschließen, mit dem sie offiziell als Paar anerkannt und ihnen gewisse Rechte, etwa im Sozial- und Erbrecht, eingeräumt werden. Der LGBT-Community geht das jedoch nicht weit genug. Sie fordert die vollständig gleichberechtigte Ehe und damit ein Ende dessen, was sie »juristische Apartheid« nennt. Bereits kurz nach der Einführung der neuen Regleung kündigten einige NGOs und Politiker an, erneut vor das Verfassungsgericht zu ziehen.

»Katholischer Widerstand« prangt in schwarzen Lettern auf der Fassade eines zweistöckigen Hauses im Stadtteil Teusaquillo. Erst vor wenigen Wochen ist hier ein Bürgerzentrum für LGBT-Angelegenheiten eröffnet worden. Offiziell sind 80 Prozent der Kolumbianer katholisch, ein beträchtlicher Teil von ihnen hängt einer der zahlreichen evangelikalen Gemeinden an. Entsprechend groß ist der gesellschaftliche und politische Einfluss der Kirchen, besonders wenn es um LGBT-Angelgenheiten geht. Bogotá ist seit vielen Jahren Vorreiter der LGBT-Emanzipation, und seit der Wahl des Linken Gustavo Petro in das Amt des Bürgermeisters 2010 umso mehr. Petro hat neben dem Bürgerzentrum in Teusaquillo nicht nur eine eigene Abteilung für LGBT-Angelegenheiten geschaffen und mit einem akzeptablen Budget ausgestattet, auch gibt es immer mehr LGBT-Personen, die in den Einrichtungen der Stadtverwaltungen arbeiten.
In einem der zahlreichen Büros des Bürgerzentrums sitzt Laura Weinstein. Die Transfrau ist eine Koryphäe im Kampf für die soziale und rechtliche Besserstellung Transsexueller in Kolumbien. Die Tochter eines emigrierten deutschen Juden führt in ein kleines Büro und schließt die Tür ab. Das ist sinnvoll, denn es ist viel los im Bürgerzentrum. Im Minutentakt stürmen Mitarbeiter und Gäste rein und raus. Das Angebot des nach Angaben der Stadtverwaltung »größten Bürgerzentrums für LGBT-Angelegenheiten in Lateinamerika« ist vielfältig. Psychologische Betreuung, Rechtsberatung und medizinische Begleitung, beispielsweise für Hormonbehandlungen, werden angeboten. Außerdem treffen sich Theatergruppen hier, ebenso die Redaktion der LGBT-Fernsehsendung »El Sofá«, die Eingang in das Programm des öffentlichen Fernsehkanals der Hauptstadt gefunden hat. »Petro hat sicher gute Vorsätze, aber es wird oft so getan, als ob es vorher keine LGBT-Politik gegeben hätte«, sagt Laura. »Viele Organisationen haben über viele Jahre für die Rechte der LGBT gekämpft, das darf man nicht vergessen.«
Die LGBT-Bewegung in Kolumbien entstand in den siebziger Jahren an den Universitäten in Bogotá und Medellín. Die ersten Gruppen hatten einen schweren Stand in der damaligen Linken. »Der marxistischen Doktrin folgend hielten die Kommunisten und Revolutionäre uns Homosexuelle für den Abfall des Westens«, erzählt der Historiker Manuel Velandia, der selbst ein Aktivist der ersten Stunde war und mehrere Arbeiten zur Geschichte der kolumbianischen Bewegung veröffentlicht hat. »Wir gründeten 1970 eine Homosexuellen-Gruppe zur sexuellen Befreiung, führten allerdings zunächst nicht das Wort ›Gays‹, sondern ›Güeis‹ im Namen, weil wir glaubten, dem weitverbreiteten Antiimperialismus Rechnung tragen zu müssen«, erzählt Velandia. Beeinflusst von den Schriften des französischen Philosophen Guy Hocquenghem begann Ende der siebziger Jahre ein Umdenken. »Vorher hatten diejenigen, die sich in linken Kreisen bewegten, ihre sexuelle Orientierung immer eher versteckt. Als wir dann das erste Mal auf eine 1. Mai-Demo gingen, meldeten wir uns zunächst nicht an. Sobald wir uns dann mitten in der Demo mit unseren Plakaten und Spruchbändern zu erkennen gaben, ließen die Gruppen vor und hinter uns ganz schnell eine Lücke entstehen«, schildert Velandia die Situation damals.
Unter den Mitbegründern dieser Gruppe war auch der Trotzkist León Zuleta, der wegen seiner Positionen schnell aus der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde, in der zu dieser Zeit auch viele spätere Guerilla-Kommandanten aktiv waren. Auch wenn die Linke ihr ablehnendes Verhältnis zur Homosexualität heute als »Fehler der Vergangenheit« betrachtet, wird das Thema noch immer eher als »Nebenwiderspruch« behandelt. Die Unterstützung großer LGBT-Kampagnen wirkt seitens der Linken oft halbherzig, Kritiker reden von Opportunismus. Debatten um soziale Gerechtigkeit, die Armut der Landbevölkerung und den Zugang zu Bildung spielen eine größere Rolle als die Aufhebung des Patriarchats.

Nixon Padilla vom kommunistischen LGBT-Kollektiv, das nach Zuleta benannt und heute Teil der linken Sammlungsbewegung Marcha Patriótica ist, gibt zu, dass es schwierig sei, sich mit LGBT-Themen durchzusetzen, selbst innerhalb der eigenen Kreise. »Auch in den stark auf die eigene Identität aufbauenden Bewegungen der Afro-Kolumbianer oder der Indígenas spielt das Thema Sexualität im Rahmen sozialer Kämpfe kaum eine Rolle«, sagt Nixon und betont, dass die rechtlichen Fortschritte zwar begrüßenswert seien, dies andererseits aber zu einer »Instituionalisierung« der LGBT-Bewegung geführt habe. »Am Ende definiert der Staat die Kriterien, was sexuell akzeptabel ist und was nicht. Die sexuelle Befreiung geht aber nicht nur über Gays, sondern über die gesamte heterosexuelle Gesellschaft, die Lebensmodelle vorschreibt und dein Sexualverhalten normieren will.«
Laura Weinstein hat mit den politisch-ideologischen Debatten rund um das Thema LGBT nicht viel zu tun. Sie hat sich immer mehr für die konkrete soziale Verbesserung der Lebenssituation von Transpersonen eingesetzt. Auch deshalb ist sie weniger im mondänen Chapinero als in den Vierteln mit den Nachtclubs und Bordellen Bogotás unterwegs. Über die ersten sozialen Netzwerke im Internet begann sie vor 20 Jahren, transgeneristas unter­einander zu vernetzen. »Viele wissen bis heute nicht, dass sie als Transsexuelle in Kolumbien auch bestimmte Rechte haben, die sie einfordern können«, sagt sie.
Die soziale Situation der Transpersonen sei sehr schlecht. Zahlen gebe es nicht. »Viele verlassen sehr früh die Schule und das Elternhaus, weil sie den gesellschaftlichen Druck nicht aushalten. Wenn ich die Einträge in Foren und Chats lese, weiß ich oft sofort, dass es eine Transperson ist, weil die Rechtschreibung so schlecht ist«, erzählt Laura. Ohne Ausbildung und gesellschaftlich kaum akzeptiert, finden viele ihre Überlebenschancen nur auf den Straßenstrichs der Großstädte. In den Statistiken über Morde an Mitgliedern der LGBT-Community haben Transpersonen den größten Anteil. Die umgerechnet zehn Euro Eintritt ins Theatrón können sie sich selten leisten. Erst wenn die Disco zur Sperrstunde um drei Uhr morgens die Gäste ausspuckt, sieht man auch sie in Chapinero. Mit viel Koks und Alkohol im Blut versuchen sie jemanden zu finden, der sie für Sex bezahlt.