Über die Sportart High Diving

Der große Sprung

High Diving erlebte bei den Schwimmweltmeisterschaften in Barcelona seine Premiere als offizielle Sportart. Zu verdanken ist das dem Limonadenkonzern Red Bull.

Vor 21 Jahren hatte der kolumbianische Turmspringer Orlando Duque bereits versucht, an einem großen Wettbewerb teilzunehmen. Der damals 17jährige qualifizierte sich für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona, doch sein Verband konnte die Reise nicht bezahlen – die Springen vom Dreimeterbrett und vom Zehnmeterturm fanden ohne ihn statt. Bei den Schwimmweltmeisterschaften in Barcelona ist Orlando Duque endlich angekommen, und zwar ganz oben. Bei dem Wettbewerb, der in der letzten Juliwoche in der spanischen Millionenstadt stattfand, gewann Duque den ersten jemals vergebenen Titel im Klippenspringen. Aus 27 Metern Höhe sprang er ins Hafenbecken von Barcelona.
Zwei Rettungstaucher guckten sofort nach, ob mit dem Profispringer alles in Ordnung war. Der gab mit dem verabredeten Zeichen – zum Ring geformter Zeigefinger und Daumen – das Signal, dass alles okay war. Diese Vorsorge ist berechtigt, schließlich rasen Duque und seine Kollegen mit fast 90 Stundenkilometer auf die glatte Wasseroberfläche zu, die, je höher die Aufprallgeschwindigkeit ist, umso härter wird. Zum Vergleich: Beim Sprung vom Zehnmeterturm werden nur 50 Stundenkilometer erreicht. Weil die Belastung beim High Diving für Kopf- und Nackenmuskulatur bei einem Kopfsprung zu groß wäre, wird mit den Füßen voran gelandet. Die Flugzeit von drei Sekunden erlaubt es aber, einige spektakuläre Drehfiguren zu zeigen; beim Sprung vom Zehnmeterturm beträgt sie nur etwa eine Sekunde.
»Wir haben uns so lange gewünscht, vom Weltverband anerkannt zu werden«, sagte Du­que am Rande der WM. Eigentlich war er schon als dreifacher Weltmeister angereist, aber diese Titel waren inoffizielle, denn in Barcelona fanden erstmals vom Schwimmweltverband Fina veranstaltete und lizenzierte Wettbe­­werbe statt.
High Diving wurde erst durch den österreichischen Getränkekonzern Red Bull zur Sportart. Seit 2009 veranstaltet Red Bull die World Series der Cliff Diver. Die schon länger existierenden, inoffziellen Weltmeisterschaften trägt er seither ebenfalls aus. Auch das Regelwerk wird ganz wesentlich von Vermarktungsinteressen des Konzerns geprägt: Vier Sprünge aus einer Höhe von 26 bis 28 Metern absolvieren die Männer, die Frauen springen aus etwa 20 Metern, und Punktrichter bewerten die gezeigten Figuren nach vorgegebenen Schwierigkeitsgraden. Es ist nicht nur der – für sich genommen schon spektakuläre – Sprung, der Zuschauer fasziniert und in die Red-Bull-Ästhetik passt. Es sind auch die Bilder vor beeindruckender Kulisse, die den Sport vom bislang bekannten Springen in Hallenbädern deutlich unterscheiden. Als die »Red Bull Cliff Diving World Series« 2009 in Deutschland Station machte, wählte man im Hamburger Hafen das dort liegende Segelschiff »Rickmer Rickmers«, von dessen 25 Meter hohem Mast die Profis ins Wasser sprangen. Die so in Szene gesetzten Stars wie etwa der Ukrainer Artem Silchenko, die Deutsche Anna Bader (in Barcelona Dritte), der Brite Gary Hunt oder eben der Kolumbianer Orlando Duque, der in Verballhornung seines Nachnamens »The Duke« gerufen wird, werden so allesamt zu Werbeträgern des Getränkekonzerns.
Wie auch Sebastian Vettel. Der deutsche Formel-1-Weltmeister ist das prominenteste Aushängeschild im Sportmarketing des österreichischen Konzerns. Schon längst dient der Sport nicht mehr nur der Werbung für die Energy-Brause, sondern ist zu einer eigenen Einnahmequelle geworden. Red Bull hat es geschafft, Lücken im Sportmarkt zu entdecken und sie mit geballter ökonomischer Macht zu lukrativen Marken zu entwickeln: Sportarten wie BMX, Skateboard, Freestyle-Skifahren, Basejump oder die sehr spezielle Ruderregatta »X-Row« sind ohne Red Bull kaum denkbar. Hinzu kommt der Vorstoß des Konzerns in bereits etablierte Sportarten. Im Fußball etwa sponsert er die Vereine FC Red Bull Salzburg, New York Red Bulls und Rasenballsport Leipzig. Das spektakulärste Extremsport-Event von Red Bull war bislang der Sprung des Österreichers Felix Baumgartner aus dem All: Aus 39 Kilometern Höhe raste er im Oktober 2012 auf die Erde zu. Bei Baumgartners Sprung ging alles gut, der Schweizer Ueli Gegenschatz hatte dagegen kein Glück. Der Basejumper sollte bei einem Red-Bull-Event vom nur 88 Meter hohen Sunrise Tower in Zürich springen, prallte jedoch an die Kante des Gebäudes und schlug auf dem Boden auf. Zwei Tage später war Gegenschatz tot. Aus dem Hause Red Bull hieß es: »Wir helfen Menschen bei der Verwirklichung ihrer Träume und Ideen. Daran werden wir auch in Zukunft festhalten.«
Mit Servus-TV besitzt Red Bull einen eigenen Fernsehsender, der immer größere Marktanteile erlangt und vor allem die von Red Bull gesponserten Sportarten überträgt. Er hält auch die Rechte an der Deutschen Eishockey-Liga, es gibt Gerüchte, er wolle exklusiv den Super Bowl oder auch die österreichische Fußballbundesliga übertragen. In diesem Umfeld hat sich Red Bull nun mit dem Klippenspringen im von der Fina organisierten Wassersport etabliert. Verbandsoffiziell heißt das Klippenspringen hier High Diving, und bei der WM in Barcelona wurde auch gar nicht von einer Klippe, sondern von einem Gerüst gesprungen, aber dennoch ist der erstmals bei einer offiziellen Fina-WM ausgetragene Wettbewerb ein weiterer Schritt hin zur Durchkapitalisierung des Sports. Zwar waren schon die als Trendsportarten geltenden Disziplinen Snowboard, Freestyle Ski und Beachvolleyball von den Sportverbänden aufgenommen worden und sogar olympisch gemacht worden – aber das Unternehmen Red Bull, das dem Milliardär Dietrich Mateschitz gehört, hat es nun geschafft, eine Disziplin, die fast originär als Red-Bull-Sport gilt, offiziell zu etablieren. Dabei hat Red Bull das Klippenspringen natürlich nicht erfunden. Auch der Seifenkonzern Colgate-Palmolive, der jahrelang weltweit einen TV-Spot für das Duschgel »Cliff« mit einem Klippenspringer zeigte, kann das Copyright für diesen Sport nicht für sich reklamieren. Die beiden Konzerne haben nur das Potenzial der Sportart erkannt. Klippenspringen findet und fand weltweit stets dort statt, wo sich Felsen und tiefes, ruhiges Wasser finden, und war meist eine Freizeitbeschäftigung männlicher Jugendlicher. Berühmt sind die Klippenspringer aus dem mexikanischen Acapulco. Es waren ursprünglich Perlentaucher, die sprangen, aber mittlerweile ist die Eleganz, mit der die Springer ins Meer gleiten, eine Touristen­attraktion. Auch in Deutschland hat das Wasserspringen Tradition. Die Halloren, also die Salz­wirker aus Halle und Umgebung, die schon vor dem Dreißigjährigen Krieg das Schwimmen popularisierten, weil sie in die Saale stiegen, um sowohl ihre Salzkörbe zu spülen als auch ihre Körper von Schmutz und Ruß zu reinigen, trugen schon früh Wettbewerbe im Wasserspringen aus. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sank der Salzbedarf, und das Gros der Halloren begann in Manufakturen und Fabriken zu arbeiten, aber einige von ihnen wurden Schwimmlehrer. »Bereits sechsjährige Knaben sprangen von hohen Brücken und schwammen geschmeidig ans Ufer«, notiert der Sporthistoriker Wolfgang Pahncke in seinem Buch »Schwimmen in Vergangenheit und Gegenwart«. Jedoch setzte bald eine Versportung des Wasserspringens ein: Es galt als eine Art Turnen in der Luft, zumindest in Deutschland. Im Jahr 1833 kannte man schon 50 verschiedene Sprünge, die in Wettbewerben vorgeführt wurden, 1870 waren es schon 121. Aus der Zeit weit vor Red Bull stammt auch der Weltrekord im Wasserspringen. Der deutsche Stuntman Harry Froboess sprang, dokumentiert im Guinness-Buch der Rekorde, am 22. Juni 1936 aus dem Zeppelin »Graf Hindenburg« in den Lake Constance – aus 110 Meter Höhe. Froboess, der in über 400 Filmen mitspielte, unter anderem im Klassiker »Das Cabinet des Dr. Caligari« und stolz den großartigen Beinamen »Bademeister der Herzen« trug, legte 1981 seine Autobiographie »Um Kopf und Kragen« vor. 1985 starb er in der Schweiz.
Die Karriere des Orlando Duque ist der von Froboess nicht unähnlich. Trotz großen Talents konnte Duque im klassischen Sport keine Erfolge feiern. Er entdeckte Mitte der neunziger Jahre seine Liebe zum Klippenspringen und verdiente seinen Lebensunterhalt als Showspringer in Vergnügungsparks in Kolumbien und Österreich. 1999 stieg er als Profi in den sich langsam entwickelnden Cliff-Diving-World-Cup ein, und als Red Bull mit seiner enormen Marktmacht die Regie übernahm, war Duque schon der Star der Szene. 2006 wurde sogar ein Spielfilm über sein Leben produziert: »9 Dives« – mit ihm selbst in der Hauptrolle. Für Orlando Duque hat sich die Sportwerdung des Klippenspringens gelohnt. Aus dem früheren Showspringer in Vergnügungsparks ist mit Hilfe von Fina und Red Bull ein Star des Weltsports geworden.

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