Auszug aus dem Buch »Jacky erschießt alle«

Der WG-Krieg

Ein phantastisches Alltagsdramolett.

Nadine
Peter
Jochen
Kunigunde

Fabelwesen (Kunigunde-Darsteller)
Goldtyp (Kunigunde-Darsteller)
Erfurt (Kunigunde-Darsteller)
Seine Frau (Jochen-Darsteller)
Tod (Jochen-Darsteller)
Sein Sklave (Kunigunde-Darsteller)

Als Stimmen: Nachrichten, Traumdurchsagen, Nebelpatron

Erster Teil

Nadine (in der Küche mit Zigarette) Diese WG bringt mich noch ins Grab. Schon wieder wurde die Küche nicht geputzt. Die Kakerlaken werden sich freuen.
Kunigunde (betritt den Raum, steht)
Nadine Das ist Kunigunde. Sie singt und möchte Tänzerin werden.
Kunigunde Laaaaaaaaaaaaa!
Nadine Ihr Gesang raubt uns allen noch das letzte bisschen Gemütsfrieden.
Kunigunde Loooooooooooo! (abrupt) Nadine, hast du meine Badeschlappen gesehen?
Nadine Ich trage sie.
Kunigunde Ja wie kannst du nur? Diese sind ein Erinnerungsstück aus dem Dreißigjährigen Kriege! Stolz focht mein Urgroßvater Brust an Brust mit dem französischen Oberstlieutnant Dromodée! (rote Beleuchtung) Die Schüsse flogen herum, es schien eine hoffnungslose Lage. Da, plötzlich, ein Schuss! Es ist Dromodée! Er ritt stolz auf edlen Rossen, das Schwert in der Hand! Und von rechts trabend: mein Großvater in seinen Badeschlappen. Ein Dolchstoß ohne Legende – tot ist Dromodée! Triumphierend: mein Großvater!
Olé!
(Nadine ist irgendwann gegangen, Kunigunde geht nach ihrer Rede triumphierend ab à la: Auf zu neuen Taten!)

Szene 2

Jochen (liest) »Er war bettelarm. Das Luxusappartement in bester Lage konnte er sich nur mit Mühe leisten.« (knallt das Buch auf den Boden)

Szene 3

Jochen Gestern war ich in einem Improvisationstheater, wo das Publikum mitgespielt hat. Ich sollte pantomimisch darstellen, was ich den ganzen Tag so getrieben hab.
Peter Was hast du dargestellt?
Jochen Wie ich onanierend vor meinem Computer hock und mir Pornoseiten reinzieh.
Peter Mutig.
Jochen Ehrlich.
Peter Warst du allein da?
Jochen Ja. Ich wollte mich ablenken.
Peter Von den Pornoseiten.
Jochen Ja. Hat nich geklappt.
Peter Tja.

Szene 4

Kunigunde (steht, lange überlegend) Fällt mir nicht mehr ein.

Szene 5

Peter (macht enthusiastisch freudig wilde sinnlose Bewegungen) Nadine, reich mir mal das Salz.
Nadine Erst Badeschlappen, dann Salz.
Peter Bitte was?
Nadine Du Pflaume!
Peter (stoppt) Was ist dir denn wieder über die Leber gelaufen?
Nadine Ich habe es satt. Diese WG bringt mich noch ins Grab. Die Küche ist wieder nicht geputzt. Die Kakerlaken werden sich freuen.
Peter (bewegt sich wieder) Du immer mit deinen Kakerlaken.
Nadine (wie im Wahn) Aber es ist wahr. Ich spüre sie. Ist eine da, kommen zwanzigtausend, ohne Unterlass, ohne Erbarmen. Sie kriechen und krabbeln und schleichen. Sie verstopfen die Leitungen, sie fressen den braunen Zucker.
Peter Brauner Zucker! Der fehlt mir! (blickt umher) Keiner da.
Nadine Die Kakerlaken sind der Tod der modernen Zivilisation. Wenn die Trümmer der zerstörten Städte die Wege unpassierbar machen, so ist es die Kakerlake, die triumphiert.
Peter Kannst du jetzt vielleicht mal kurz die Klappe halten? Nadine, hast du wieder den ganzen braunen Zucker gefressen?
Nadine (aus ihrer Trance erwachend) Ja. Es ist keiner mehr da.
Peter Ja das sehe ich. Und was tue ich jetzt?
Nadine Schalt den CD-Spieler an.
Peter (tut dies, es erklingt »Brown Sugar«, er stoppt)
Nadine Ersatz.
Peter Sehr witzig … Verarschen kann ich mich selber.
Nadine Mach mal.
Peter (ergreift eine andre CD daneben) Was ist das hier?
Nadine Dasselbe. Nur nochmal.
Peter Damit lockst du kein totes Huhn mehr hinterm Ofen hervor.

Szene 6

Kunigunde Oh! Mir ist der Salzstreuer runtergefallen! Ich werf ihn weg!
Peter Nein! Wenn man alles wegwerfen würde was einem runterfällt …
Kunigunde … würd man sich am Ende selbst noch wegwerfen, stimmts?
Peter So ähnlich.

Szene 7

Nadine (in der Ecke kniend) Gnn, gnn!
Kunigunde (macht Kniebeugen)
Nadine Gnn, gnn!
Kunigunde (macht Kniebeugen)
Peter Nadine, was tust du da?
Nadine Psst! Kakerlakenanlockgeräusche.
Kunigunde (macht Kniebeugen)
Nadine Gnn, gnn!

Szene 8

Nadine Es würde mich amüsieren, wenn es ein jährlich stattfindendes riesiges Fest, wie das Oktoberfest, gäbe. Die besondere Attraktion des Festes ist, dass jedes Jahr ein unschuldiger Besucher von eigens dafür angestellten Wächtern ergriffen wird und in die Mitte des Festes auf einen großen Platz mit Galgen geschleift wird, wo er gehängt wird. Und weil niemand weiß, ob es nicht vielleicht ihn trifft, ist das Fest eine Riesenattraktion, wegen des Kribbelns im Magen.
Peter Aha.
Nadine Es amüsierte mich auch, wenn man bei so einem Stand, wo man seinen Namen in ein Reiskorn eingravieren lassen kann, so ein Reiskorn mit eingraviertem Namen bestellt, und wenn es fertig ist, nimmt mans und schluckts runter. (gluckst)
Peter Du erinnerst mich an Jochen.

Szene 9

Jochen (betritt die Küche) Was machtn der Salz-streuer da unten? (schaut ihn einige Zeit an) Ach so!

Szene 10

Jochen (schaltet Radio an)
Radio Und nun die Nachrichten. Schwan baut Hochhaus. Toter Vater lebt. Himbeereis pflegt Rentner. Pferd kauft Thailand. Der Kinderwunsch der Frau ist eine direkte Folge des Abschmelzens der Polkappen. Neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge bewirkt das Anpassen an eine generelle deutliche …
Jochen (schaltet Radio aus) So ein Quatsch. (entdeckt kreuz und quer geheftete Blattsammlung) Kunigundes Theatertext. (blättert) Wie man einen Text so zusammenheften kann, ist mir unbegreiflich. (blättert, liest) »Vergnügen. Vergnügen ist was Vergnügen ist. Es verdichtet sich. Wenn ich heute jemanden frage was Vergnügen ist wird er mir die Antwort nennen die zu verstehen ich imstande bin. Vergnügen schließt Vergnügen in sich ein. Wie eine Krake krallt es die Bedeutung und berührt dich mit ihren eiskalten Fingern. Winternächte zerbersten unter deinem heißen Atem wenn dein erhitzter Körper das Eis zerfetzt. Vergnügen hat sich schon immer freie Bahn durch das Dickicht erkämpfen müssen. Und wenn du schreist, wird es dich nicht hören.« … Das ist gut. (blättert, liest) »Lust. Lust kennt keine Balken. Schreiend springt sie aus allen Kanälen gegen Nichts. Sie verliert sich im Untergrund und stirbt. Schade eigentlich.«
Kunigunde (ist zu hören bei Gesangsübungen)
Jochen (tut den Theatertext schnell unter seinen Stuhl)

Szene 11

Kunigunde Wenn ich groß bin, werde ich eine berühmte Sängerin.
Jochen Aber bis dahin könntest du doch ein bisschen leiser singen oder ganz aufhören. Schau, als berühmte Sängerin hast du noch genug Gelegenheit zu singen.
Kunigunde Papperlapapp! Dummes Geschwätz mein Junge! Übung macht den Mann! Loooooooooooo!
Jochen Ich halt das nich mehr aus. … Kunigunde, wollen wir mal ins Kino gehen?
Kunigunde Lo! Lo!
Jochen Oder in die Oper, von mir aus auch in die Oper.
Kunigunde (atmet tief ein)
Jochen Nun?
Kunigunde (stolz) Das war aus »Wallenstein«.
Nadine (kommt rein) Ich will Kleidung kaufen. Doch nie kann ich mich entscheiden.
Kunigunde Geh doch am Sonntag! Da sind die Geschäfte zu.
(Ab.)
Nadine Ende der Schulzeit ließ sich mein gesamter Jahrgang zwecks Abistreichsvorbereitung heimlich über Nacht im Schulgebäude einschließen. Wären wir von einem Brand überrascht worden, hätte man am nächsten Tag unsere verkohlten Leichen gefunden.
Jochen Wäre ein eigenwilliger Streich gewesen.

Szene 12

Nadine entzündet ihre Zigarette an einer auf dem Tisch stehenden brennenden Kerze, raucht, tut dann die Zigarette in die Kerzenflamme.

Szene 13

Jochen Und dann hab ich die Versicherung gekündigt.
Peter (entgeistert) WAS? Das kannst du doch nicht machen, das!

Szene 14

Jochen/Peter sitzen sich anstarrend stumm gegenüber.

Szene 15

Jochen Ich hab geträumt, dass ein Mann davon erzählt, wie er das Gehirn seines Vaters, der den Bruder des Mannes, also den anderen Sohn des Vaters, mit der Axt zerhackt hat, und einen Teil des Gehirns des zerhackten Bruders, »aber nur son bisschen« (zeigt mit Daumen und Zeigefinger) in der Pfeife geraucht hat. Und ich lese das Ganze in einem ausführlichen Bericht mit vielen kunstvollen Fotos in Geo.
Nadine Ich hatte die Wehrmachtsausstellung im Kleiderschrank.

Szene 16

Nadine (schreibt ihrer Mutter einen Brief, liest dabei vor) Liebe Mutter! Sowohl mein Telefon als auch mein Computergerät sind leider zerstört. Wenn du mich kontaktieren willst, bitte verfasse einen Brief oder nutze Telepathie.

Szene 17

Peter OK, das ist das Subject Complement. Das kommt hier nach dem Copular Verb. Und dann muss ich hier …
Kunigunde … ein Komma machen.
Peter Genau.
Kunigunde (strahlt)

Szene 18

Peter (begeistert) Weißt du, wer das Mineralwasser erfunden hat?
Jochen Nein.
Peter Also ich hab da mal recherchiert, es gibt überhaupt keinen Erfinder davon.

Szene 19

Kunigunde (begeistert) Ich habe ein neues englisches Wort gelernt, das ich noch gar nicht kannte!
Nadine Und das wäre?
Kunigunde (mit falscher Aussprache) »The«!
Nadine Aha. (Ab.)
Kunigunde Du bist immer so griesgrämig. Da hilft Grießbrei!

Szene 20

Jochen (liest von Nadines Zigarettenschachtel) »Rauchen verarscht Ihre Lunge.«
Nadine (mit Grießbrei vor sich, begeistert) Und die Babykakerlake frisst ausschließlich Leimdrüsen.
Jochen Ich finde, du übertreibst das mit deinen Kakerlaken.
Nadine Das sagt meine Mutter auch immer zu mir am Telefon. Ich kontere mit dem Satz eines berühmten Kakerlakenerforschers.
Jochen Ich geh aufn Gang. Peter kommt gleich vom Oktoberfest.
Nadine (neckisch) Auch die Kakerlake grüßt ihre Artgenossen.
Jochen Ich war die letzten Jahre gar nich mehr, aus Angst. Angst vor Terroranschlägen … ich hab mich nich mal unter der Woche getraut, wo weniger Leute sin … ich will einfach eine möglicherweise vorhandene … soziale Ader potentieller Attentäter nich ausschließen, die sich sagen: »Gut, wir sin human, wir machen den Anschlag an nem Tag, wo weniger Leute da sind.« Du hörst mir überhaupt nich zu! (Ab.)
Nadine Das schmeckt ja wie am Schnürchen.
Szene 21

Peter (würzt mit Salzstreuer seinen Schuh, hüpft dabei auf einem Bein) Stau! Ich bin zehn Stunden nur gestanden. Ich hab mich wie diese Dings gefühlt, diese …
Jochen Ja?
Peter … diese Nadine-Viecher …
Jochen (überlegt) Kakerlaken!
Peter Kakerlaken! (singend) Kakerlaken …
Jochen Habs im Radio gehört …
Peter … ja …
Jochen Warst nicht der Einzige …
Peter Ich weiß, fast alle Autobahnen waren zu. (zum Publikum) Da freut man sich gar nicht mehr, im Stau zu stehen, weils nichts Besonderes mehr ist.
Jochen Wo warst du zuerst?
Peter (hört auf zu würzen, gleicht Schuh mit seiner Armbanduhr ab) Spiegelzelt!
Jochen Wird einem da nich schlecht, wenn man sich überall sieht?
Peter (lacht) Nein. Und ich musste nur fünf Minuten anstehen, obwohls aufm Schild hieß: Viertelstunde.
Jochen Das war bestimmt für Alte, die nich mehr so schnell warten können wie wir.
Peter Ist Nadine in der Küche?
Jochen O ja.
Nadine (Ab.)
Peter Gehen wir nachher noch zum Squash?
Jochen Ich geh mit Kunigunde ins Kino.
Peter So läuft der Hase.

(Abrupter Stopp. Beide gehen in die Küche wie zwei Boxer in den Ring, stehen sich gegenüber, jeder hinter einer Seite des Tisches, jeder einen Becher Wasser vor sich. Während des folgenden Lieds von Kunigunde schlagen Peter/Jochen abwechselnd immer nach einer Zeile auf den Tisch, nach dem Ende einer Strophe beide gleichzeitig.)

Kunigunde (singt zur Melodie von »I will follow him«)
I will follow me
Follow me into the darkest night
My depression it is oh so deep
I am on the ground and I creep
Creep into dirt
I will follow me
Since I’s born I’m doomed I know for sure
My head filled with anger and pain
Can’t stop sliding away down the drain
Into the dark.
Into the dark.

Szene 22

Jochen Hast du dir jetzt endlich nen Laptop gekauft?
Peter Nein. Obwohl ich auch einen brauchen könnte.
Jochen Ja.
Peter Gut, beim Skifahren brauch ich keinen.
Jochen –
Peter Und in der Kirche brauch ich auch keinen.
Jochen Dann lohnt sichs eh nich, weil du bist ja entweder in der Kirche oder beim Skifahren.
Peter Vermutlich.
Jochen Apropos Kirche: Kannst du dich noch erinnern an die Kruzifixurteile?
Peter Jaa …
Jochen Wos darum ging …
Peter … wos darum ging, ob die Lehrer in ihren Klassenzimmern die Kreuze abnehmen dürfen, wenn sie sich in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt fühlen, und du hast dich gefragt, was denn dann atheistische Priester in ihrer Kirche machen sollen, wenn sie sich von den Kreuzen gestört fühlen. Den Witz hast du tausend Mal gebracht damals. Lass dir mal was Neues einfallen.
Jochen Kommt ein Patient zum Arzt. Sagt der Arzt: »Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.« Sagt der Patient: »Zuerst die schlechte bitte.« – »Sie haben Krebs.« – »Und die gute?« – »Es stimmt nicht.« … Nich gut? …  Stehen zwei Typen am Bahnsteig von der U-Bahn. Steht da auch eine ältere Frau, aber voll geschminkt, Haare blondiert, kurzer Rock. Sagt der eine zum andern: »Da will jemand nich alt werden.« Auf der anderen Seite fährt die U-Bahn ein, einer springt davor, wird voll zerfetzt. Lacht der andere und sagt: »Ja, da auch nich.« …  Ne Japanerin hat mich gefragt, ob die Deutschen stolz auf Hitler sind. Ich hab gesagt, er hat eine Million zu viel umgebracht. Bei fünf Millionen wären wir noch stolz. Aber so …
Peter Sehr geistreich. Weißt du, wenn man dich nicht kennt, könnte man dich jetzt echt für nen Nazi halten. … Ich weiß übrigens auch noch, wie du nach dem Zeitungsartikel damals glaubtest am Golfkriegssyndrom zu leiden.
Jochen Ich hatte alle Symptome.
Peter Du warst nie im Golfkrieg!

Jochen Was hast du morgen vor?
Peter Ich wollte mich mal in Kunigundes Theatergruppe umschauen.
Jochen Ah ja.
Peter Wann gehts ins Kino?
Jochen Um acht. (schaut auf sein leeres Glas) Ich hab nix mehr zu trinken.
Peter Kannst bei mir zuschauen.
Jochen Du kennst doch den Mann.
Peter Welchen Mann?
Jochen Der immer unten den Kaninchen Karotten hinlegt.
Peter Was ist damit?
Jochen Lust hätt ich manchmal, dem die Karotten ins Maul zu stopfen und zu schreien: »Jetzt siehste mal wie sich son Hase fühlt!«
Peter Das wäre bestimmt sehr sinnvoll. Der hat gestern wieder die Mädels unten im Café zugelabert.
Jochen Der is doch schon so alt.
Peter Wenn du dein Sperma nicht mehr reinschießen kannst, müssen Worte allein herhalten.
Jochen Die müssen bei mir schon immer allein herhalten. … Frauen regen sich ja immer tierisch auf, wenn jemand sie »nur vögeln« wollte. Und fühlen sich dann ausgenutzt.
Peter Und was ist der Punkt?
Jochen Der Punkt is, dass sie dasselbe mit Männern machen, wenn sie »nur reden« wollen. Bin ichn Gehirn, das in der Luft rumschwebt ohne Körper?
Peter Du Armer. Übrigens schuldest du mir noch fünf Euro. Und drei Fischstäbchen! Hast du mir gestern ausm Kühlschrank …
Jochen Jaa, vielleicht noch zwei Meerschweinchen?
Peter Haha. Könntest auch mal Wasser sparen. Hast gestern schon wieder gebadet.
Jochen Wozu?
Peter Weiß ich doch nicht, wozu du badest.
Jochen Wozu Wasser sparen?
Peter An zukünftige Generationen denken?
Jochen Die bestehen aus Kindern und Kindeskindern von Frauen, die MICH abgelehnt haben. Die können ruhig verdursten. Und meine Zeit im Wasser inspiriert mich zu Gedichten. (rezitiert)

Sperma-Schiffchen
sinken, schwimmen
in der Badewanne.

Peter Etwas Selbstkritik würde dir auch nicht schaden.
Jochen »Selbstkritik ist aller Laster Anfang.«
Peter Warum red ich eigentlich mit dir?
Jochen Damit das Stück weitergeht.
Peter Warst du mal im Erwinsee? Soll der sauberste See von Bayern sein. Ich war noch nie drin.
Jochen Wahrscheinlich isses grade deshalb der sauberste.
Peter (betont Nachnamen falsch) Michael Moore hat nen neuen Film. Gegen Krieg.
Jochen Gott! Ich kann zerfetzte Kinder sehn, aber nich diese Fettkugel! Außerdem spricht man den anders aus.
Peter Das seh ich anders.
Jochen Drum korrigier ich dich ja. Frauen …
Peter (gelangweilt) Frauen.
Jochen Ja, Frauen!
Peter (fordert Jochen gestisch auf, fortzufahren)
Jochen Weißt du was? Ich hab keine Lust mehr. (geht Richtung Abgang)
Peter Mach deinen Text.
Jochen (kommt zurück, steht vorne am Bühnenrand, fuchtelt) »Frauen schwärmen für Filme wie ›Amélie‹ und übersehen, dass so ein verträumter Trottel in der Realität nie auch nur ansatzweise eine Chance bei einer Frau hätte, weil er kein Geld hat.« Zufrieden?
Peter Wo hab ich eigentlich mein Zugticket? Ach ja, hab ich Nadine gegeben … Die wollte mal drin »lesen«. (macht Trinkandeutung)
Jochen Hoffentlich hat sies nich mit ihrer Schokolade verwechselt.
Peter Wärn teurer Spaß, oder? Und würde nicht mal schmecken. Naja, eines Tages vielleicht, wenn ich viel Geld hab … Hast du das gelesen?
Jochen Was?
Peter Das.
Jochen »Das« wäre? … Meinst du das mit diesem Typ, der vom Dach gesprungen is? … Ich verstehs nich. Es gäbe so viele phantasievolle Möglichkeiten, sich umzubringen. Man könnte vor dem Suizid per Internet kostenlos Satanistenbücher oder Bücher diverser Sekten bestellen und sie so in dem Zimmer, in dem man sich umbringen will, platzieren, dass sie die Form eines umgekehrten Kreuzes ergeben. Dann schreibt man auf nen Zettel, der später neben der eigenen Leiche liegt: »Satan wollte meinen Tod«. Und auf die Rückseite: »Haha! Als ob ich Satanist gewesen wäre.« DAS wäre ein Selbstmord!
Peter Also eigentlich meinte ich das von dem Mann, der eine alte Frau in der Stadt erstochen hat. Und dann nach Hause fuhr und auch noch seine Freundin erschoss.
Jochen … Wenn schon, denn schon.
Peter (genervt) Genau. (steht auf)
Jochen Wo gehst du hin?
Peter Weg!
(Ab.)
Jochen Der Tod ist ein mitreißender Geselle.

Szene 23

Kunigunde (bei Gymnastikübungen) Und hepp-hepp-hey! Und hepp-hepp-hey! Und heyy!!
Nadine Mann, kannst du nicht leiser proben?
Kunigunde Angeberin! Als ob du schon geschlafen hättest! Und hepp-hepp …
Nadine Ich hol den Hausmeister.
Kunigunde Tus doch! Der ist ganz wild nach mir!
Nadine Pierre? Nach dir? Mir macht er schöne Augen!
Kunigunde Ha! Glaubst du, der steht auf Kakerlaken? Erst gestern war ich im Bett mit ihm! (Ab.)
Nadine (kämpft gegen Tränen) Das … das ist nicht wahr! Sag, dass das nicht stimmt! Ich bin keine Kakerlake!

Szene 24

Nadine (reißt in ihrem Zimmer das Poster des Hausmeisters, eines alten fetten widerlichen grinsenden Kerls im Unterhemd mit Bierdose in der linken und Pizzaeck in der rechten Hand, von der Wand, weint, zerreißt das Bild in tausend Fetzen) O Pierre! Wie konntest du nur! Mit dieser Schlampe! Ich wandere aus!

Szene 25

Jochen Was sagt man seiner Begleitung, wenn man bei Rot über die Ampel will?
Peter (müde) Weiß ich nicht.
Jochen »Lass uns Gesetz und Straße übertreten.«
Peter Aha.
Jochen Oder was macht man, wenn man im Restaurant versehentlich die Jacke eines anderen Gastes angezogen hat? Man sagt, man sei Künstler und wolle die Verwirrung des Menschen im 21. Jahrhundert darstellen.
Peter Danke, werd ich mir merken.
Jochen Weißte, was blöd wär?
Peter Nein.
Jochen Wenn man in der Fahrschule fragt: »Darf ich Passanten überfahren, wenn es für mich zeitlichen Vorteil bringt?«
Peter Aha.
Jochen Und weißte, was noch blöd wär?
Peter Was?
Jochen Wenn man sagt: »Bo, ich war grad im Fitnessstudio, ich bin total fertig, ich hab nur geraucht.«
Peters Kopf sinkt auf Tischplatte, er schläft ein, unbemerkt von Jochen
Jochen Oder wenn man mit ner Frau Abendessen is und man wirft ihr aus Versehen, weil man so nervös is, das ganze Essen ins Gesicht. Oder wenns bei nem Theaterstück heißt: »Posse in einem Aufzug«, und das Stück spielt dann auch in nem Aufzug. Oder …
Zwischenspiel:

Peters Traum oder Im Zauberland

1.

Peter wie eben am Tisch, Jochen weg, Nadine tritt auf.

Peter Schau an! Die Nadine.
Nadine Schau an! Der Peter.
Peter Ham wir uns soooo (macht Arme auseinander wie prahlender Fischer) lang nicht gesehen!
Nadine Das ist ja gar nichts! Ich hab mal einen gekannt, den hab ich soooo (macht Arme noch weiter auseinander) lang nicht gesehen!
Peter Und ich hab mal eine Freundin von hier bis da drüben (macht Linie von Bühnenrand zu Bühnenrand) so lang nicht gesehen!
Nadine Wie gehts denn dem Jochen?
Peter Schlecht! Und wie gehts der Kunigunde?
Nadine Schlecht!
Peter So so, schlecht! Jaja, es ist schon eine schlechte Welt auch!
Nadine Ja, das ist leider wahr! So schlecht schon!
Peter Wie der Fassbinder!
Nadine Was?
Peter Der Fassbinder!
Nadine Was ist damit?
Peter Ich hab gmeint, du hättest was anderes gesagt.
Nadine Ach so!
Peter Jaja.
(Wasserfallrauschen)
Peter Mei wie der Wasserfall rauscht!
(Wasserfallrauschen)
Nadine Tatsächlich! (Wasserfallrauschen) Lass uns da hingehen!

2. Wasserfall

Fabelwesen Mei da sitz ich jetzt und spiel Playstation Portable. Immer dasselbe Spiel. Playstation Portable von Sony Entertainment. Your real entertainment production. Mei da sitz ich jetzt und spiel. Öha!
Peter Wer bist denn du?
Nadine Genau!
Fabelwesen Ich bin das Fabelwesen hier.
Peter Und warum hast du so große Ohren?
Fabelwesen Damit ich besser dem Wasser lauschen kann, das über die Geräusche meines Videospiels hinwegrauscht.
Nadine Dann solltest du die Ohren eher für das Videospiel verwenden.
Peter Ha! Das hätt der Fassbinder auch gsagt!
Nadine Hörst jetz auf mit deinem Fassbinder!
Peter Du hast angfangen mit einem Satz, den der Fassbinder auch gsagt hätt!
Nadine Ach Unsinn! Du spinnst ja!
Fabelwesen Ruhe! Keinen Streit in meiner Höhle! Sonst hol ich den Hausmeister! (zu Nadine) Du hast Recht.
Nadine (zu Peter) Siehst!
Fabelwesen Als Dank …
Peter Wo sind wir denn hier eigentlich?
Fabelwesen Im Zauberland! In meiner Höhle!
Peter Ach geh!

3.

Stimme Zwei Jahre früher.

Peter/Nadine (vorm Fernseher, Störbild)

4. Wieder Zauberland

Stimme Unsere beiden Helden sind durch den magischen Wasserfall geschritten und befinden sich nun endgültig im Zauberland. Es ist ein Wald von atemberaubender Schönheit. Kleine Ritter tanzen in den Blüten.
Frau (tanzt Ballett, Gong, ab)
Peter Das war gut!
Nadine Ja, so tanzen können würd ich auch gerne!
Peter Das braucht Übung! Eine Ausbildung wär da recht!
Nadine Ja, schon, aber wer zahlt das?
Peter Ich nicht!
Goldtyp (erscheint)
Peter Der da vielleicht!
Nadine Ein Midas im Mieder!
Goldtyp (steht)
Nadine Zahlen Sie mir Tanzstunden?

5.

Stimme Unterdessen breitet sich eine dunkle böse Macht aus im Zauberland. Ein Nebel tötet. Er kann die Gestalt eines Rehs annehmen.

Reh (steht)

6.

Nebelpatron Achtung, eine Durchsage an alle Bewohner des Zauberlands. Wir schweben in höchster Gefahr, welche auch schwebt. Allerdings kann sie auch ein Reh sein. Vielen Dank. Es geht weiter mit Musik.
(Fahrstuhlmusik)
Peter Was soll das heißen – Gefahr?
Nadine Das würd ich auch gerne wissen.
Frau (wie ein Amateur, der seinen Satz gut machen will) Ein Reh.
Nadine O Gott. Hol dein Gewehr! Und Munition!
Peter Ja, ich war draußen!

7.

Peter (in Tarnkleidung, robbt am Boden, mieser Sound zeigt: Nebel ist da; er duckt sich tiefer) Wo kommt dieser Nebel her? (hustet) Nebel war mir immer schon suspekt.

8.

Stimme Doch die Gefahr konnte abgewendet werden. Die Bewohner des Zauberwalds lebten weiter glücklich und zufrieden, und auch unsere beiden Helden haben eine neue Bekanntschaft gemacht: den lustigen Schmied Erfurt.
Erfurt (macht Handstand)
Peter Erfurt, du bist eine Wucht! Was du alles kannst!
Erfurt Kleinigkeit! So ein bisschen Handstand kann jeder!
Peter Ich könnt das nicht!
Erfurt »Täglich einmal den Leib ertüchtigt,
schon hat sich Unvermögen verflüchtigt!«
Peter Das ist ein guter Spruch!
Nadine Ja, der passt auf die Situation wie angegossen!
Peter Ja! (haut Erfurt unentwegt auf den Rücken)
Nadine Manche Leute reden und reden …
Peter Ja!
Nadine  … und es kommt nix dabei raus!
Peter Ja!
Erfurt Gar nix?
Nadine Gar nix!
Erfurt Das ist ja schrecklich. Wie verhält man sich denn solchen Leuten gegenüber?
Nadine Man geht einfach weg!
Peter Ja.
Erfurt Und dann?
Nadine Ist man weg!
Peter Ja.
Erfurt Das muss ich mir notieren! (holt Block/Stift) Also, wie war das: »Bei Lautäußerungen von Menschen, welche sinnlos anmuten, entferne man sich.«
Nadine Besser hätt ichs auch nicht sagen können!
Erfurt (strahlt) Wirklich?
Peter Das war in der Tat sehr schön ausgedrückt.
Erfurt (gerührt) Oh … danke. Danke! Bleiben Sie doch noch ein wenig! Meine Frau bringt gleich das Essen! Das ist immer etwas ganz Besonderes! Meine Frau zaubert auf den Grießbrei immer einen Duft, das ist phantastisch!
9.

Frau deckt Tisch: Sie kommt ganz langsam, stellt einen Teller ab, kommt dann ganz schnell, stellt Teller ab, dann wieder langsam.

10.

Nadine Ich weiß gar nicht, was wir noch alles erleben sollen im Zauberland.
Peter Das weiß Gott allein.

Acheron

Nadine Windig hier!
Peter Und kalt!
Nadine Wir hätten beim Schmied bleiben sollen!
Peter Der ist inzwischen sicher auch gestorben!
Nadine Da kommt was näher!
Sklave (zu Tod) Gedenke, dass du der Tod bist!
Gedenke, dass du der Tod bist!
Tod Salvete!
Peter Wer sind Sie?
Tod Ich bin die Kraft
die stets verneint
und jeder weint.
Nadine Äh …
Tod Falsch! Der Tod bin ich!
Peter Ui! (zu Nadine) Wir hätten wirklich beim Schmied bleiben sollen.
Tod Zu spät! Hier! (zeigt Erfurts Kopf)
Nadine/Peter Schmied Erfurt!
Tod Genau!
Peter Warum hast du ihn getötet? Du Schurke!
Tod Ich bin der Tod! Es ist mein Recht!
Nadine Schlecht.
Tod So, genug. Der Tod ist für alle da!
Peter Nicht für uns!
Nadine Wir sind nur zu Besuch im Zauberland!

11.

Peter Mit Müh und Not
Nadine Dem Tod entronnen!
(Keuchen, Schnaufen)
Peter Das war arg knapp!
Nadine Ich will leben!
Peter Du lebst ja noch. Wir leben ja noch.
Nadine Aber wie lange!
Peter Lang genug.
Nadine Das sagst du so! Was, wenn wir zu früh sterben?
Peter Zu früh für was? Wir waren beim Tod, das genügt.
Nadine Heißt das, es ist dir egal, ob du stirbst oder nicht?
Peter Nein. … Nein! Es ist nur …
Nadine Ja?
Peter Es ist nur so, dass …
Nadine Ja?
Peter Ach vergiss es!
Nadine Ich soll es also vergessen. Ich soll ja immer alles vergessen. Aber letztendlich bist du es, der immer alles vergisst!
Peter Na und!
Nadine Wieso na und!
Peter Weil ich ein Recht habe dazu!
Nadine Du redest schon wie der Tod!
Peter Ich bin der Tod!
Nadine Du bist ein Mann.
Peter Halt dein Maul!
Nadine Du hast mich immer ignoriert. Mich und meine Träume. Du wolltest immer der Künstler sein. Mit deiner Scheiß-Erfolgsgier!
Peter Darauf reimt sich Stier. Oder Bier.
Nadine Arschloch.

12.

Fabelwesen Herrje. Das ist so schwierig hier. Immer diese Schlucht! Hinein mit Wucht. Scheiße! Verdammt! »Ultimate War« ist der Hammer. So schwer.
Peter Entschuldigung, wo ist denn hier die Toilette bitte?
Fabelwesen Weg!
Peter Oh … . Dann wandere ich aus.
(Ab.)
Fabelwesen (spielt)
Nadine Entschuldigung … war hier gerade Peter da?
Fabelwesen Keine Ahnung. Wie sieht er denn aus?
Nadine (imitiert Peter)
Fabelwesen Scheiße?
Nadine Unbeholfen.
Fabelwesen Scheiße!
Nadine Was ist denn los?
Fabelwesen Ich hab schon wieder verloren. Dieses Mistspiel!
Nadine Hm. … Na dann geh ich mich mal umziehen. Tschüss!
(Ab.)
Fabelwesen Ja, ja … Bo, ich hab keine Lust mehr. (legt PSP weg) Was soll ich tun.

Stimme Hier enden die Aufzeichnungen.

Zweiter Teil

Peter (schläft immer noch)
Jochen Oder wenn man zum Friseur geht, mit nem Hut aufm Kopf, und man sagt: Ich hätte gerne einen Kopf ohne Hut. … Oder wenn man an der Tee-Theke liest: »Tee nach Wahl 1 Euro«, und man fragt: »Nach wessen Wahl ist der Tee bitte?« Oder wenn jemand sagt: »Er ist Anfang des Jahres gestorben«, und man fragt: »Was isn das für ne komische Krankheit, Fang des Jahres?« Oder stell dir vor, das wär ganz blöd, du bist auf ner Party, Musik läuft, irgendein Lied, und du sagst: »Ah ja, das isn Lied, hab ich gleich erkannt, isn Lied.« Und dann is das Lied aus, ein neues fängt an, und du fängst auch wieder an: »Ah ja, das is wiedern Lied, hab ich gleich wieder gewusst, isn Lied, ich kenn mich aus … «
Peter (wacht auf) Ja, ist ja gut!!! (schaut auf die Uhr) Mist! In einer halben Stunde muss ich unterrichten!
Jochen Ach! Vor ner halben Stunde wars noch ne Stunde.

Szene 27

Kunigunde (dreimal in unterschiedlicher Betonung) Du sollst mich nicht unterjohann! (ihr Blick fällt in ihren in der Hand gehaltenen Theatertext) Ach, »unterJochen«!

Szene 28

Peter Nein! Da brauchst du doch den Infinitiv!
Kunigunde Ich benutzte den Intuitiv.

Szene 29

Jochen … aber er war Spiellegastheniker. Er hat immer statt ner Karte was anderes ausgespielt, etwa ne Bratpfanne oder was grad aufm Tisch stand.
Kunigunde (lacht)
Jochen Kunigunde …
Peter (aus einer Ecke) Jochen und Kunigunde! Ich wandere aus!
Jochen Ich war während der Schulzeit mal bei einer Gastfamilie in Frankreich, die waren in einer winzigen Wohnung und hatten als Haustier ne Schildkröte, aber die war in so nem kleinen Plastikbehälter, dass sie sich kaum bewegen konnte. Ich dachte, bo was ne Tierquälerei, aber es war wohl Eigentherapie, so nach dem Motto: »Uns gehts scheiße, wir ham ne kleine Wohnung, aber die Schildkröte hats noch schlechter.« Was is deine Lieblingsmusik?
Kunigunde Aber lach nich.
Jochen … Ich verachte dich höchstens.
Kunigunde Manchmal glaub ich, ich schaffs nie. Es gibt soviel Konkurrenz.
Jochen Das hast du dir als Spermium aufm Weg zur Eizelle auch nich gedacht. Stell dir mal die Konkurrenz vor. Eine gegen Millionen. Keine Chance. Und du hast es geschafft!
Kunigunde Vielleicht bin ich ja doch nich gut genug.
Jochen Lächerlichkeit ist aller Schönheit Beginn.
Kunigunde Nochn Spruch?
Jochen Nach vorn geblickt ist halb gewonnen.

Szene 30

Jochen/Kunigunde (am Boden, jeder für sich)
Jochen (mit letzter Kraft) Ich … habe … den Wein … vergiftet … (stirbt)
Kunigunde (singt und stirbt)

Szene 31

Nadine und Peter auf dem Gipfel des Kilimandscharo, weiße Beleuchtung.

Stimme 10–20 Jahre später.
Peter Gute Frau, wo ist denn hier die Toilette bitte?
Nadine Diese Toilette ist dort.
Peter Diese Stimme … Nadine!!! Was machst du denn auf dem Kilimandscharo?
Nadine Es handelte sich um eine Expedition. Eine Forschungsreise.
Peter Nadine, wo hast du all die ganzen Jahre gesteckt? Ich habe so oft versucht, dich aufzuspüren, und nichts war von Erfolg gekrönt. Heute bin ich ein Manager in den besten Jahren.
Nadine Ich war mal hier, mal da. Ich habe Theater gespielt … Stahlplatten gereinigt … Mein Studium beendet.
Peter Nadine, weißt du noch, damals, in der Küche? Als ich Nudeln kochte im Topf und dich fragte, ob du eine abhaben möchtest? Und du nähertest dich, standest da vor dem Topf, starrtest wie angewurzelt hinein, und es war so, als könntest du dich nicht entscheiden, und ich sagte: »Irgendeine, Nadine, irgendeine«?
Nadine Ich weiß nicht, was du von mir willst. Das ist lange vorbei. Schnee von gestern inmitten von Schnee von heute. Nur letzterer zählt.
Peter Ist denn nichts von damals mehr als bedeutsam in Dir gespeichert?
Nadine Nichts.
Peter Jochen?
Nadine Nichts.
Peter Kunigunde?
Nadine Nichts.
Peter Pierre?
Nadine (schweigt)
Peter Also Pierre.
Nadine Nichts.

Markus Riexinger, geboren 1981, ist Schauspieler, Autor, Sprecher und Regisseur. Teile seines Dramoletts »Der WG-Krieg« wurden seit 2006 deutschlandweit auf kleinen Bühnen aufgeführt. Einige seiner Texte erschienen in der »Titanic«, für die er unter anderem auch Nikolaus-Lesungen veranstaltet hat.

Markus Riexinger liest am 15. September in der Bar »Ma Thilda« in Berlin-Neukölln.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Markus Riexinger: Jacky erschießt alle. Theaterstücke. XS-Verlag, Berlin 2013, 154 Seiten, 15 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.

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